Petrarca und Laura: Eine literarische Konstellation

January 18th, 2008 § 19 comments § permalink

I. Der Canzoniere und seine Stellung in der Tradition

Francesco Petrarcas Lyriksammlung mit dem ursprünglichen Titel: Francisi Petrarche laureati poete Rerum vulgarium fragmenta, entstand zwischen den Jahren 1304 und 1374. Über sieben Jahrzehnte hinweg war dieses Werk in einem stetigen Schaffungsprozess. Sogar ein Jahr vor Petrarcas Tod hatte der Zyklus immer noch nicht seine endgültige Form erhalten. Bis in seine letzten Tage hat der Dichter an der Vollendung des Werks nahezu mit pathologischem Eifer gearbeitet. Immer wieder änderte er die Reihenfolge der Gedichte, fügte neue hinzu, änderte die bereits existierenden, bis sein Tod dieser Arbeit schließlich ein Ende bereitete. Am 18. Juli 1374 starb der schon kranke Petrarca an einem Schlaganfall. Bis zu diesem Zeitpunkt hat er am Trifoni und der Gedichtsammlung, die er gegenüber Freunden stets betont affektiert als Kleinigkeit ausgegeben hatte, gearbeitet. Man darf sich also fragen, ob die letzte von Petrarca vorgenommene Anordnung auch tatsächlich die letzte geblieben wäre. 1470 wurde das Werk schließlich zum ersten Mal zusammen mit dem Trifoni veröffentlicht. 1501 wurde ein zweiter, verbesserter Druck von Pietro Bembo vorgenommen. 1883 erhielt diese Sammlung durch G.A. Scartazzini schließlich jenen Namen, unter dem es uns heute bekannt ist: Canzoniere (Das Buch der Lieder).366 Gedichte schrieb Petrarca für diese Sammlung, davon 317 Sonette, vier Madrigale, sieben Balladen, 29 Kanzonen und neun Sestinen. Bis auf etwa zwanzig Texte, in denen sich Petrarca mit politischen Inhalten beschäftigt, besteht der Canzoniere hauptsächlich aus Liebeslyrik. Es lassen sich bei den etwa 300 Sonetten drei Haupttypen feststellen. Die erste Gruppe orientiert sich an den ersten Versen des Sonetts und entfaltet sich aus ihnen heraus. Der Schluss verleiht dem Gesagten durch ein signifikantes Bild Nachdruck. Die zweite Gruppe zeichnet sich durch eine kreisförmige Struktur aus. Das anfangs Gesagte wird in den letzten Versen wieder aufgegriffen und bestätigt. Die dritte und letzte Gruppe weist einen Kontrast im Sonett auf. Hier ist ein Wendepunkt zu erkennen, der das Sonett in zwei Aussagen teilt.

Der Canzoniere ist ein durch und durch komponiertes, in sich abgestimmtes Werk. Dass Petrarca hier nichts dem Zufall überlassen hat, zeigt sich unter anderem auch an der zahlenkompositorischen Anlage des Werks. Die 366 Gedichte stehen für die Tage eines Jahres. Da als Todesjahr Lauras 1348 angegeben wird, welches ein Schaltjahr war, ist davon auszugehen, dass sich die Zahl der Gedichte tatsächlich auf die Jahrestage bezieht.

Der Umstand, dass einzig der Canzoniere unter den vielen Werken Petrarcas die Zeit überdauert hat, liegt nicht zuletzt an der Erschaffung der Figur der Laura. Sie bleibt zwar stumm, ist aber fortwährender Anlass für den in zwei Teile gegliederten Zyklus. Der erste Teil (1-266) steht unter der Überschrift In vita di Madonna Laura, während der letzte Abschnitt im Zeichen von In morte di Madonna Laura steht. In der ersten Hälfte der Sammlung idolisiert Petrarca seinen Schmerz über die Unerreichbarkeit der Liebe und den damit verbundenen Leiden am Leben in der Person der Laura. Im zweiten Teil spiegelt sich sein Seelenzustand im Tode Lauras und erfährt auf diese Weise zutiefst menschliches Leiden. Daraus folgernd ist der zweite Teil stark von den Gefühlen der Melancholie, Lebensmüdigkeit, Zerrissenheit und christlichen Demut durchzogen. Das lyrische Ich durchlebt ein weiteres Mal alle Phasen des ersten Teils der Dichtung, jedoch auf einer höheren Seins-Stufe. Nach dem körperlichen Tod der Laura wird eine noch höhere Vergeistigung deutlich, die schließlich in dem Bild im Sonett 347 gipfelt: Laura sitzt im Tod neben Gott, so wie sie im Leben neben Armor saß. Am Ende erkennt der Liebende resigniert sein eigenes Alter und mit dieser Einsicht weicht Laura den Gedanken an den Himmel. So endet die Laura-Liebe schließlich in einer Himmels-Liebe.

Mit Petrarca wandelt sich zweifelsfrei die italienische Lyrik. Denn seine Lyrik kreist um eine künstlerische, sich ihrer selbst bewussten Persönlichkeit. Als Zeugnis für dieses neue Selbstverständnis mag unter anderem auch Petrarcas Auffassung beziehungsweise die literarische Umsetzung von Liebe gelten. Im Dolce stil nuovo wurde Liebe stets als eine Darstellung von zwei Menschen, die in einem Dialog zueinander stehen, gezeichnet. Petrarca ist dies fremd. Er legt den Canzoniere als eine Art Tagebuch an, welches ausschließlich das eigene subjektive Empfinden und Erleben aufzeichnet. Körperlichkeit wird bei dem italienischen Dichter eher zum Emblem statt zu einer Allegorie.

Auch der damals weitverbreitete Sonettentausch, den Petrarca für seine Liebeslyrik bereits nicht mehr gebraucht, zeigt das neue Selbstverständnis des Dichters an. Ein weiteres Indiz für eine Weiterentwicklung des Selbstverständnisses lyrischen Dichtens ist auch die Publikationsweise, die der italienische Dichter des Canzoniere für seine Gedichte wählte. Während die Ergebnisse anderer dichterischer Gruppen, wie etwa die der Troubadours, in Sammelhandschriften ohne Vermerk des Autors publiziert wurden, wählte Petrarca einen anderen Weg. Teilweise schrieb er seine lyrischen Dichtungen eigenhändig oder ließ sie von einem Schreiber unter Beobachtung niederschreiben. Das Ergebnis hiervon, den Codex Latinus 3195, findet man in der Vatikanbibliothek noch heute aufbewahrt.

Petrarca gilt als Bezugspunkt vieler europäischer Autoren, die nach ihm künstlerisch tätig waren. Seine Poesie und der damit verbundene Stil gelten als exemplarisch. Leopardi meinte hierzu noch 1821: „Er [Petrarca] ist wunderbar stetig, vollständig, geordnet, reif und seine nahezu vollkommene Sprache war es durchaus Wert, den Jahrhunderten zum Modell zu dienen.”

Es stellt sich jedoch unweigerlich die Frage, welcher Lyriker aus der Vergangenheit oder Gegenwart Petrarcas Vorbild war. Diese Frage ist freilich nicht leicht zu klären. In der Forschung werden oft Parallelen zwischen Petrarca und den Troubadours gezogen. Dies wohl nicht zuletzt wegen eines Verweises Petrarcas auf diese Gruppe, den man im Triumphus Cupidinis finden kann.

Sprachliche und metrische Techniken sind zwar signifikant für bestimmte lyrische Gruppen jener Zeit. Ob Petrarca jedoch tatsächlich von den Troubadours, Sizilianern oder Florentinern ein Schüler war, lässt sich kaum noch mit Sicherheit sagen. Künstlerisch scheint der italienische Dichter auf einem vollkommen eigenen Weg zu gehen, der in seiner Organisation hier und da auch an andere erinnert, durch diesen Umstand allerdings nichts an Individualität einbüßt. Petrarca distanziert sich von der sogenannten Gruppenlyrik des Dolce stil nuovo. Er ist nicht ein Dichter in einer Gruppe von gleichgesinnten Dichtern. Seine Absichten und der Sinn in seiner Dichtung sind somit nicht auf den ersten Blick einsehbar oder begreifbar. Den Raum, den der Dolce stil nuovo sich durch die Vertiefung in seelische Vorgänge unter dem Deckmantel der Liebe erschlossen hat, nutzt Petrarca für sich selbst. Die Laura–Liebe dient dem Dichter vor allem dazu, von sich selber zu sprechen. Diese Liebe darf nicht als real oder biographisch fundiert aufgefasst werden. Sie ist von einem Dichter erschaffen und sein Mittel, um von sich als Dichter zu sprechen. Als Quintessenz bleibt jedoch die vorsichtige Feststellung, dass es Petrarca ohne Troubadours, Florentiner oder Sizilianer in der Form nicht gegeben hätte. Mehr nicht.

II. Das Laura–System

Im Gegensatz zur italienischen Liebeslyrik-Richtung des Dolce stil nuovo, in der die Frau stets als idealisierte, engelhafte und abstrakte Figur typisiert wurde, erschuf Petrarca einen neuen, eigenen Stil der Liebeslyrik. Seine besungene Frau ist real, sie ist nicht in kosmische Fernen entrückt und sie ist ein Individuum durch und durch. Petrarca gibt ihr ein unverwechselbares Äußeres und Persönlichkeit, wie zum Beispiel im 200sten Gedicht:

„[...] li occhi sereni et le stellanti ciglia/ la bella bocca angelica, di perle/ piena et di rose et di dolci parole/ che fanno altrui tremar di meraviglia/ et la fronte, et le chiome, ch´ a vederle/ di state, amezzo di, vincono il sole.”

Außerdem bewegt sich Laura im täglichen Leben und begegnet dem lyrischen Ich, wie etwa im 23sten Gedicht, in dem sie in einem Fluss badet und dem heimlichen Beobachter Wasser ins Gesicht spritzt:

„[...] stetti a mirarla: ond´ ella ebbe vergogna/ et per farne vendetta, o per celarse/ l´ acqua nel visco co le man´ mi sparse. […]”

Der Leser kann sich Laura als real existierende Person vorstellen, er hat Teil an dieser Liebe des lyrischen Ichs. Der Tag der ersten Begegnung, „il dì sesto d´aprile,” ist dem Leser ebenso bekannt wie der Todestag.

Die Existenz Lauras, so kann man mit Gewissheit sagen, findet bei Petrarca jedoch nur an einem Ort statt: Im Geist. All die Briefe, Bekundungen über sein Leiden gegenüber Freunden, die Einträge im Vergil–Kodex, sind gut positionierte Finten des Dichters. Und so berichtet bis ins 16. Jahrhundert jede Quelle über diese Laura nur das, was Petrarca über sie sagt. Es wird gar nicht an ihrer Existenz gezweifelt, weil der Dichter so überzeugend zu Werke gegangen ist, dass für Zweifel kein Platz, sogar keine Veranlassung besteht. Petrarca hat eine eigene Kunst- und Sprachwelt mit dem Canzoniere geschaffen, sodass eine Suche nach einer historisch belegten Person, die das Vorbild für Laura gewesen ein soll, beinah schon absurd erscheint. Die Wirklichkeit dieser Beziehung existiert einzig nur in der Dichtung und hat auch nur hier ihre Berechtigung. Nichts von dem, was im Canzoniere steht, hat sich so abgespielt. Nichts von dieser Dichtung ist wahr.

Wie Hugo Friedrich sehr richtig in seinem Aufsatz über Petrarca bemerkt, hat dieser sein Liebesobjekt „mit einer Symbolik von solcher Folgerichtigkeit und Beharrlichkeit umgeben, dass man geradezu von einem Laura–System sprechen kann.” Dieses System schließt sogar die Namensgebung und den spielerischen Umgang mit dem Namen Laura ein. Der Name Laura tritt in dieser Form nämlich nur einmal im Canzoniere auf. Anspielungen auf diesen Namen finden sich jedoch reichlich. Wenn zum Beispiel durch eine Artikelsetzung das im Wortlaut gleiche Wort l´ aura entsteht. Petrarca verwendet außerdem ebenso lautähnliche Wörter wie lauro, l´ auro oder aureo. Diese gewollten Wortähnlichkeiten lassen ein Netz von Beziehungen und Assoziationsmöglichkeiten entstehen, die wiederum auf verschiedenste Motive verweisen. Dieses rhetorische Mittel nennt man Parechese oder Paronomasie. Diese Art von Wortspiel verwendet lautähnliche Worte, die in ihrer Bedeutung jedoch nichts miteinander gemein haben, um weitere Assoziationsmöglichkeiten zu eröffnen. Petrarca erreicht durch diese rhetorische Figur etwas ganz Erstaunliches: In jedem einzelnen lautähnlichen Wort sind somit automatisch alle anderen Assoziationen mitgedacht. Mehr noch, sie erscheinen immer wie eine unverrückbare natürliche Einheit, je dichter Petrarca dieses Wortnetz webt.

Lauro ist in diesem Geflecht wohl die am häufigsten gebrauchte Anspielung auf den Namen Laura und zugleich auch eine der wichtigsten. Der Lorbeer wird als Symbol dem Musengott Apollon zugeschrieben. Er wacht über die Dichter und kann ihnen Ruhm bringen. Außerdem ist der Lorbeer eine immergrüne Pflanze, die angeblich nicht vom Blitz getroffen werden kann. Somit ist er ein Symbol für Unsterblichkeit. Wenn Petrarca also von lauro spricht (besonders in der 23. Kanzone), dann zielt er letztendlich auf seinen eigenen Dichterruhm und die Unsterblichkeit dieses Ruhms ab. Zum einen kann er mit diesem Wort auf seine eigene Hoffnung als Dichter ruhmreich und unsterblich zu sein anspielen. Zum anderen, in dem darüber hinaus weisenden Sinn, steht lauro auch für Laura, die fortwährender Anlass für diese Art von Dichtung ist. Die Wortähnlichkeit unterstreicht die Annahme, dass Petrarca diesen Namen absichtlich gewählt hat, um dieses Beziehungsnetz zwischen verwandten Worten, hier dem Lorbeer, herstellen zu können. Da der Lorbeer nun einmal auf den ruhmreichen und unsterblichen Dichter verweist und Petrarca sich gern in dieser Verbindung sah, liegt es nah, anzunehmen, dass er den Namen Laura einzig aus diesem Grund am besten geeignet für sein Vorhaben hielt.

So, wie Petrarca den Lorbeer beziehungsreich in seinen Gedichten zu erwähnen weiß, so erwähnt er auch beiläufig den damit verbundenen Gott Apollon. Wie bei Ovid in den Metamorphosen geschildert, entbrennt Apoll in leidenschaftlicher Liebe zu Daphne. Diese flieht vor Apollon und wird aus ihrer Not dadurch befreit, indem sie in einen Lorbeerbaum verwandelt wird. Das Mittelalter sah in der Figur der Daphne und dem Lorbeerbaum eine Allegorie der Keuschheit.

Bei dem italienischen Dichter wird der Mythos jedoch in gewisser Weise ins Gegenteil verkehrt. Daphne erfleht ihre Verwandlung in einen Lorbeerbaum, um der Entehrung durch Apollon zu entgehen. Doch Petrarcas Laura ist von Anfang an völlig ungefährdet. Sie ist das reine und der Liebe abgeneigte Geschöpf. Sie entkommt dem leidenschaftlichen Ich des Textes mühelos: „Si traviato è ´l folle mi´ desio/ a seguitar costei che ´nfuga è volta/ et de´ lacci d´Amor leggiera et sciolta/ vola dinanzi al lento correr mio.” Das Ich verwandelt sich in den Lorbeer, weil es von der Leidenschaft, ausgelöst durch Laura, allein durch die Vorstellung an sie, unablässig gejagt wird. Das Ich ist dem Begehren ausgeliefert, ohne Herr dessen zu sein, und empfindet deswegen die Verwandlung in einen Lorbeer als Erlösung.

Was aber bedeutet das für die Figur der Laura? Sie ist keine Akteurin mehr. Sie ist Fliehende, solange die Erregung des lyrischen Ich und dessen Verstand im Streit miteinander sind. Und sie würde zum Lorbeer, wenn der Affekt über den Verstand siegen sollte. Laura macht durch ihre Verweigerung den Dichter zum Dichter, wie Apollon erst durch die sich verweigernde Daphne zum Dichter wurde. Auf diese Weise schafft Petrarca hier einen ganz eigenen Mythos.

Allerdings bringt Petrarca im Zusammenhang mit Apollon nicht nur dessen Bedeutung in der griechischen Mythologie zum Ausdruck. Auch die nachantike Symbolik, nämlich die des Sonnengottes, weiß der Italiener in seinen Versen für sich zu nutzen. Einige Gedichte sprechen von der Sonne und ihrem Aufgang (L´aurora). Auch dieses Wort weist eine Klangähnlichkeit mit dem Namen der Angebeteten auf.

Ein weiteres Wort in dieser klangähnlichen Kette ist sicherlich auch l´aura soave. Dieser Ausdruck steht hier im übertragenen Sinne für den Frühling. Laura wird somit wiederum zu einem Symbolnamen für diese Jahreszeit, die gleichzeitig auch auf eine Zeit des Liebens verweist.

Diese Wortspielereien sind aber keineswegs nur als Selbstzeugnis für das eigene dichterische Vermögen anzusehen. Sie beweisen vielmehr, dass „ein Wort das Wesen der Seele ausdrücke und die Wortähnlichkeit eine Gewähr für die Sachverwandtschaft” (G. Friedrich) bietet. Ein Wort scheint in diesem Zusammenhang bei Petrarca höher zu stehen, wenn es mit zahlreichen Analogien aufwarten kann. In seiner Lyrik hängt alles mit allem zusammen. Gedichte haben bei ihm mehrfache Deutungsebenen in sich, aufgrund der zahlreichen Assoziations-möglichkeiten, die Petrarca aufwirft. Es scheint eine Einheit über den Worten vorhanden, die ein unsichtbares Band zwischen Laura, dem Dichter, der Liebe und der Natur knüpft. Erst in der Marienkanzone (Nr. 366), in der sich der Liebende unwiderruflich von den irdischen Reizen abkehrt, hört diese symbolbeladene Laura-Sprache gänzlich auf.

III. Signifikante Stilmerkmale

Im Gegensatz zu dem vorherrschenden Kollektiv-Stil seiner Zeit, erzeugt Petrarca im Canzoniere weitestgehend eine Art Individual-Stil. Der Leser findet hier ein unverwechselbares Grundmuster, das für Petrarcas Kunstschaffen kennzeichnend ist. Der Canzoniere ist demnach primär als Dichtung eines Künstlers aufzufassen und nicht als die Dichtung eines Liebenden. Diese (fiktive) Liebe in der Gedichtsammlung findet also nur um des Kunstwerks Willen statt und nicht umgekehrt.

Petrarca weiß, wie kaum ein anderer Dichter zu seiner Zeit, mit wenig Versen das zu sagen, wofür andere Dichter ganze Gedichte benötigen. Er konzentriert im Canzoniere seine Sprache, setzt sie gezielt und nuancenreich ein. Das Besondere an all den Canzonen und Sonetten ist, dass man von vielen gar keinen einzelnen, gesonderten Gedanken im Kopf behält, sondern vielmehr ein Bild zurückbleibt. Nicht was, sondern wie etwas gesagt wird, ist im Canzoniere von immenser Bedeutung.

Zunächst fällt die Schlichtheit der Worte im Canzoniere auf. Das Vokabular ist einfach und zeichnet sich nicht unbedingt durch Vielfältigkeit aus. Diese absichtliche Schlichtheit lässt nicht etwa Rückschlüsse auf einen einfachen Geist oder Sprache zu, sie ist ein Stilmittel bei Petrarca. In dieser Art mit Sprache umzugehen, wird das beständige Reflektieren und das Herunterbrechen eines Gedankens auf eine einfache und pure Formel deutlich. Es geht um das Variieren innerhalb des Begrenzten. In diesem Rahmen leistet sich Petrarca noch eine weitere Eigenheit: Das Versagen der Sprache. Dieses Mittel erzeugt genau das Gegenteil von dem, was man gemeinhin unter Sprachlosigkeit versteht: „Piú volte già per dir le labbra apersi/ poi rimase la voce in mezzo ´l pecto/ Ma qual sòn poria mai salir tant ´alto?/ Piú volte incominciai di scriver versi/ ma la penna et la mano et l´intellecto/ rimaser vinti nel primier assalto.”

In dieser Sprache verbietet sich der Dichter nahezu jeden Superlativ, benutzt allerdings gern Verkleinerungsformeln, die den Anschein des Sanften und Zarten erwecken sollen: „Lagrima dunque che dagli occhi versi/ per quelle che nel mancho.”

Ein noch bedeutenderes Mittel im Canzoniere ist jedoch die Antithese, die oft und gern benutzt wird. Die Gegenüberstellung gegensätzlicher Begriffe und Gedanken spiegelt die inneren Kontraste, an denen das lyrische Ich leidet, wider. In der Ballata Nr. 55 heißt es zum Beispiel: „Amor, avegna mi sia tardi accorto/ vol che tra duo contrari mi distempre/ et tende lacci in sí diverse tempre/ che quand´ ò piú speranza che ´l cor n´esca/ allor piú nel bel viso mi rinvesca.” Aus diesem Kontrastschema hat Petrarca sogar ein ganzes Sonett (Nr. 134) heraus entwickelt. In diesem wird das ganze Ausmaß dieser gewollten Schmerzliebe sichtbar. Es geht um die Liebe und das gleichzeitige Aufgeben des eigenen Ichs, es geht um die Kenntnis des Schmerzes und der Liebe, aber doch nicht müde zu werden und es geht darum, Hoffnung zu haben und die Gewissheit, dass dieses Hoffen vergebens ist. Mit diesen Gegensätzen und der dahinter liegenden Thematik entwickelt Petrarca eine Art Dialektik des Schmerzes. Das ist insofern ungewöhnlich für seine Zeit, da die antike Dichtung die Liebe als eine Art Krankheit ansah, die es unbedingt zu heilen galt. Bei den römischen Erotikern war die intensivste Phase dieser Krankheit die Eifersucht und das Ende variierte zwischen Untreue oder Tod der Geliebten. Aber das Ich der Laura-Liebe sucht gar keine Heilung: „Onde s´alcun bel frutto/ nasce di me, da voi vien prima il seme/ io per me son quasi un terreno asciutto/ colto da voi; e ´l pregio è vostro in tutto.” Vielmehr findet der Liebende in dieser vermeintlichen Krankheit eine Erhöhung der Seele. Die Wirkung der Angebeteten ist demnach als enorm einzustufen und hat Einfluss auf das gesamte Leben des lyrischen Ichs. „Et in sospiri e´n rime/ sfogo il mio incarco,” heißt es im Sonett 252. Solche Verse erinnern auch an eine Art Katharsis, die sich bei Petrarca ewig um das gleiche Thema kreisend wiederholen muss. Der psychische Erregungszustand wird in einem dichterischen Prozess in Worte umgewandelt, um sich von den angestauten Affekten zu befreien. Und um anschließend wieder von vorn zu beginnen, wie eine Art Phönix des Dichtens: „Cosí sol si ritrova/ lo mio voler, et cosí in su la cima/ de ´suoi alti pensieri al sol si volve/ et cosí si risolve/ et Cosí torna al suo stato di prima/ arde et morte, et riprende i nervi suoi/ et vive poi con la fenice a prova.” Die damit verknüpfte Zeile aus der Kanzone 23: „perché cantando il duol si disacerba,” die sich im Grunde ganz auf das eigene Dichten bezieht, findet in der späteren Literatur Dichter, die den Dichtungsprozess genauso sahen und begriffen. (Zum Beispiel Goethe: „Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, gab mir ein Gott zu sagen wie ich leide”).

Meist folgen bei Petrarca auf Oxymora und Antithesen Wortpaare in einem verwandten Sinn. Da ist von schönen und sanften Augen die Rede oder vom Schluchzen und Klagen der Nachtigall. In diesen kontrastlosen Wortpaaren wird jegliche Ausdrucksschärfe vermieden. Sie dienen vor allem dazu, einen vorher eingeleiteten Zweierrhythmus wieder aufzugreifen und stilistisch zu glätten. Somit tragen die Wortpaare zu einer Harmonisierung der Sprache bei.

Eine weitere Eigentümlichkeit dieser Lyrik ist das genaue Beschreiben von inneren, seelischen Vorgängen auf der einen und die unpräzisen Angaben zu Zeit und Ort auf der anderen Seite. Petrarca wählt diese Eigentümlichkeit jedoch keineswegs beliebig. Durch eine Loslösung von Ort und Zeit erschafft er eine Lyrik, die in ihren seelischen Beschreibungen und in ihren damit verknüpften Wahrheiten zu jeder Zeit und an jedem Ort beliebig wiederholbar wäre. Unter diesem Gesichtspunkt sind Petrarcas lyrische Landschaften von großer Bedeutung. Oft unternimmt der Liebende Reisen, geht durch Wälder und die Natur ist dabei immer allgegenwärtig und Ausdruck seiner Seelenlage. Die Darstellung der Landschaften verläuft stets nach dem gleichen Prinzip, nämlich von außen nach innen. Es wird etwas betrachtet und schließlich wird diese Betrachtung zum Anlass genommen, um über den eigenen Zustand eine Aussage zu machen: „Rapido fiume, che d´alpestra vena/ rodendo intorno, onde ´l tuo nome prendi […] Ivi è quel nostro vivo et dolce Sole/ ch ´addorna e ´nfiora la tua riva manca/ forse, o che spero! El mio tardar el dole/ Basciale ´l piede o la man bella et bianca/ dille, e ´l basciar sie ´n vece di parole/ Lo spirto è pronto, ma la carne è stanca.” Durch das Mittel der Periphrase erreicht Petrarca auch, dass der Eindruck des spontanen Kommentars entsteht. Schließlich ist der Canzoniere, und das sollte man nicht vergessen, als eine Art Tagebuch angelegt. Und somit muss der Schreibende wohl kaum näher beschreiben oder erläutern, was er genau gesehen oder empfunden hat, denn einen Adressaten seiner Dichtung gibt es nicht.

In ähnlicher Art verhält es sich mit Petrarcas Bewegungs- und Wegmetapher. Oft spricht der Liebende von Wanderungen, auf denen er ist oder die er unternommen hat. Ganz davon abgesehen, dass diese Metapher auch eng an die christliche Geschichte geknüpft ist („Gott, dein Weg ist heilig.” Psalter 77, 14 u.a.), vermag der Dichter hiermit auch innerseelische Phasen auszudrücken. Oft wird das lyrische Ich in Momenten dargestellt, in denen das Gehen eine Bürde darstellt. Der Weg erscheint oft als lang und viel zu weit, sodass man dies mit der Ferne zu Laura und der Vergeblichkeit der Liebe zu ihr assoziieren kann. Im Sonett 306 werden zudem auch die Richtungen des Wegs als gut oder schlecht eingeordnet. Rechts und oben, stehen für einen guten Weg, links und unten dementsprechend für einen schlechten.

IV. Das Erscheinen Lauras als Figura Dei

Die Begegnung des lyrischen Ich mit Laura fällt auf einen Karfreitag. Diese Datierung ist sicherlich nicht zufällig gewählt. Denn genau dieser Tag, an dem das Ich Laura verfällt und so unendliche Leiden erfahren muss, ist auch der Tag des Mordes an Jesus Christus und wird somit zu einem Tag eines abermaligen Sündenfalls.

Die Parallele zwischen Laura und Jesus wird besonders im vierten Gedicht auffällig. Hier wird Laura als eine Sonne bezeichnet, die in einem kleinen Ort geboren wurde: „[...] ed or di picciol borgo un sol n´ á dato”. Jesus kam als Erlöser auf die Welt in einem unbedeutenden Stall und auch Laura ist an einem kleinen, unbedeutenden Ort zur Welt gekommen. Ebenso ist beiden die Vollkommenheit, in dem Symbol der Sonne zum Ausdruck gebracht, gemein. Laura gerät also in gewisser Weise zu einer Figura Dei, wenn sie durch das lyrische Ich in solche Zusammenhänge gerückt wird.

Genauso kann Laura aber auch als Erlöserin, die das lyrische Ich rettet, gesehen werden. Ihre Figur ist zwar durchaus als ambivalent einzustufen, denn sie ist ja die Quelle aller Leiden, aber gleichzeitig durch ihre eiserne Tugend auch Heilsbringerin.

Die doppelt angelegte Identität der Figur der Laura, die gleichzeitig verführt und rettet, entspringt der Vorstellung und Hoffnung, dass das lyrische Ich diese Prüfung zur Bewährung nutzt und so gerettet wird. Das sündhafte Begehren des Liebenden trägt die Strafe und die irdischen Qualen schon in sich, birgt aber ebenso auch die Chance auf Heil. Laura bringt den um sie Werbenden und durch sie Leidenden auf den Weg zum Heil und die damit verbundenen ewigen Freuden des Himmels. Im 362sten Gedicht erscheint Laura dem lyrischen Ich, wie die Jungfrau Maria, im Traum, um ihn zu Gott zu führen. Denn das Glück, wie es das lyrische Ich einst erhoffte, ist auf der Welt nicht mehr zu finden. Deswegen findet der Leser schließlich in der letzten Kanzone das Bild der Maria, welches das Tor zur Erlösung markiert. Die Thematik des ersten Sonetts kehrt also in dem letzten Gedicht, in einer Art Kreisstruktur, wieder: Die endgültige Hoffnung auf Erlösung und das Lösen des Konfliktes mit der Seele.

Das Eingangssonett und die Schlusskanzone markieren aber keineswegs Anfang und Ende eines Erzählverlaufs. Sie sind vielmehr Übergänge zwischen einer Welt, diesseits der Poesie und einer Welt jenseits der Poesie, die sich dem poetischen Wort entzieht. Hier wird die Grenze zwischen Sprache und Schweigen gezogen. Die Liebe zu Laura und die Erinnerung an sie werden deutlich in diesem Sonett verabschiedet, dennoch ist Laura der verklärten Mariengestalt sehr ähnlich. Die „Vergine bella [...] di sol vestita” erinnert stark an die unzähligen Stellen in vorherigen Gedichten, in denen Laura auch in die direkte Nähe zur Sonne gerückt wird.

Die Erscheinung und das Äußere Lauras gingen in zahlreiche nachfolgende Dichtungen und in die Epik mit ein. Zwar wird Laura, wie bereits schon erwähnt, als individueller Mensch beschrieben, jedoch verpasst es Petrarca nicht, die Phantasie seiner Leser durch relativ große Ungenauigkeiten anzuregen. Bewusst werden Leerstellen gesetzt, die Platz für eine eigene Vorstellungskraft lassen: „Verdi panni, sanguigni, oscuri o persi/ non vestí donna unquancho/ né d´ or capelli in bionda treccia attorse [...].”

Dadurch, dass der Liebende aus der Erinnerung von seiner Geliebten erzählt, wird noch ein Mal mehr deutlich, wie sehr Laura dem Geist entsprungen ist und wie sehr sie dadurch mit diesem Geist, der sie erschaffen hat, verbunden ist. Von einer echten Nähe zu Laura kann erst gesprochen werden, nachdem sie gestorben ist. Erst nach ihrem Tod kann das lyrische Ich mit der Verstorbenen kommunizieren. Dies allerdings lediglich im Traum. Erst im zweiten Teil des Canzoniere findet man die Wendung: „noi ambedui”. Das heißt, dass schließlich mit dem Tod von Laura eine Art Zweisamkeit hergestellt wurde und dass Laura erst dann anwesend sein kann.

V. Laura als Projektionsfläche des dichterischen Ichs und als zur Person gewordene Allegorie des dichterischen Ruhms

Natürlich könnte man annehmen, dass Laura die zentrale Figur in Francesco Perarcas Canzoniere ist. Schließlich ist sie Versucherin, Geliebte, Ruhmesziel, Erlöserin. Doch sie ist vor allem eines: Die Projektion eines Dichters, eine Selbstdarstellung. Seine Seelenzustände werden durch sie sichtbar. Petrarca hat seine Werke als Zeugnisse seines Lebens, als Einheit von Leben und Werk gesehen und sie als solche auch auszugeben versucht, wie aus zahlreichen persönlichen Erläuterungen zur Entstehungsgeschichte seiner Werke hervorgeht. Er betrachtete sein Leben also als eine Art Kunstwerk, Schreiben war für ihn Leben.Neben der Selbstanalyse, der Selbstreflexion steht aber auch das ständige Ringen um das treffende Wort. Der Schreibprozess selber ist also ein zentraler Punkt in den Gedichten. Der Wandel, der nach Lauras Tod diesbezüglich eintritt, unterstreicht diesen Umstand nur. Die Dichtung ist nun Mittel zum Ruhm: „Et certo ogni mio studio in quel tempo era/ pur di sfogare il doloroso core/ in qualche modo, non dácquistar fama.”

Petrarca hat an der Gestalt der Laura das vollführt, was vor ihm kaum jemandem gelang. Er hat die Schrift, die Sprache zu einer Bedingung des poetischen Akts erhoben. In jedem Gedicht lässt er aufs Neue das entzweite Ich einem Du begegnen, welches die Selbstzweifel, die Welt dieses Ichs wieder zurückwirft. Die Kommunikationssituation steht so gesehen eher im Zeichen einer gescheiterten Kommunikation. Wenn das lyrische Ich Laura anspricht, so ist es eine ferne, unerreichbare Gestalt, die man kaum wagen darf anzusprechen. Die Kommunikation, die das Ziel nicht erreicht, wird also immer wieder zurückgeworfen und somit reflexiv. Das auf sich zurückgeworfene Ich wird zum Adressaten der eigenen Kommunikation. Zum einen erfährt das Ich dies als scheinbar temporäre Beglückung, aber eben auch als schmerzliche Entzweiung. Schon im Eingangsgedicht ist die Klage: „Di me medesmo meco mi vergogno,” Ausdruck der Selbstentzweiung. Der, dem die Liebe versagt bleibt, führt so ein endloses Selbstgespräch.

Laura ist also eine zur Person gewordene Allegorie des dichterischen Strebens nach Ruhm. Die Liebesgedichte sind im Grunde nichts Anderes als Gedichte an die Dichtung selber. Laura ist in diesem Zusammenhang der Inbegriff der Dichtung und das gleichzeitige Werben um diese. Die Liebe des lyrischen Ichs zu seiner Laura ist ebenso eng an die Liebe des Dichters zum Ruhm geknüpft. Der Dichter umwirbt Laura, so wie er die Dichtung umwirbt. Jedes Gedicht des Canzoniere ist der Versuch einer Annäherung an Laura, wie an die Idealität der Dichtung. Denn Petrarca glaubte nicht, dass das ewige poetische Ideal jemals eingeholt werden könne.

In der Kanzone 23 schwankt Petrarca zwischen Metapher und einer fünfstufigen Metamorphose, die seinen unsterblichen Ruhm bezeugen soll. Zunächst verwandelt sich der Liebende in einen Lorbeer, dann in einen Schwan und schließlich in einen Stein: „[...] ed ella ne l´usata sua figura/ tosto tornando, fecemi, oimè lasso/ d´ un quasi vivo et sbigottito sasso.” Die Unsterblichkeit, die in diesem Fall mit dem Stein assoziiert werden kann, ist zweifelsohne auch auf den dichterischen Ruhm zu beziehen. Nur im Dichten kann er sein eigenes Ich vor einem Zerfall bewahren, denn nur als Dichter kann er sein eigenes Sein bewahren.

So sehr jedoch der Gedanke von der Liebe und der Dichtung als die zwei Hauptgründe des Dichtungsprozesses überzeugen, so muss man doch klar anmerken, dass Petrarcas Dichtungstheorie noch darüber hinausgeht. Das symbolische Netz um den Namen Laura sorgt dafür, dass auch solche Verse im Canzoniere von Dichtung sprechen, die nicht eigens auf die Einheit von Liebe und Dichtung verweisen.

Zusammenfassend ist demnach festzuhalten, dass Petrarcas Laura nicht nur Anlass und Antrieb für die Dichtung ist. Sie ist darüber hinaus als Allegorie der Keuschheit und Unschuld zu sehen. Durch diese Verweigerung erhebt sie erst den Dichter zum Dichter. Durch ihre ambivalente Charakterzeichnung, nämlich der als Erzeugerin der Liebesqualen und der als Erlöserin des lyrischen Ichs, bringt sie das lyrische Ich in einen immerwährenden Prozess der Heilung. Und so fordert das Ich, jedoch auch stellvertretend für den Dichter: „Né quella prego che però mi scioglia.” Das Ende der Liebespein würde gleichzeitig auch das Ende des Dichters Petrarca bedeuten. Denn neben der Figur der Versucherin, Geliebten und Erlöserin, ist Laura auch die Selbstdarstellung Petrarcas und somit die Dichtung das Mittel zum Ruhm.

Gleichzeitig ist die Figur der Laura auch ein Ausdruck des Strebens nach Ruhm und auch der Versuch das Ideal der Dichtung zu erreichen. In dem ständigen Suchen nach dem richtigen Wort und in dieser einseitig geprägten Kommunikationssituation bleibt der Dichter ständig gefangen und dreht sich in dieser Struktur, ohne je zu einem Abschluss zu kommen. Das bedeutet auch, dass es die perfekte Dichtung, das perfekte Gedicht nicht geben kann. Lediglich das Streben danach gibt es und die Annäherung, jedoch nicht mehr.

VI. Das lyrische Ich im Canzoniere und Petrarcas Dichtungstheorie

Petrarca stellt Liebe als einen Zyklus dar, der sich allein im Liebenden abspielt. Das innere Geschehen ist von derart großer Wichtigkeit, sodass sich die einleitenden Gedichte auch ausschließlich mit diesem beschäftigen. Das Innere des Liebenden hat mehr Gewicht und Bedeutung als das Aussehen oder das Sein Lauras.

Ob diese Laura, angeblich eine wohlhabend verheiratete Frau, tatsächlich existiert hat, ist auf der einen Seite kaum anzuzweifeln, vor allem durch zahlreiche Briefwechsel Petrarcas mit Bekannten, in denen er die Existenz dieser Frau stets bekräftigt. Andererseits ist die Existenz oder auch die Nicht-Existenz in Bezug auf das Werk völlig irrelevant. Entscheidend ist einzig, dass Petrarca diesen Namen zu einem Akt, zu einem Anlass der Kunst erhoben hat wie vor ihm vielleicht ansatzweise Dante Alighieri mit seiner Beatrice.

Laura und die unerfüllte, unerreichbare Liebe, sind immer wieder aufs Neue Antrieb und Quelle des Dichters und fördern so die wechselnden Stimmungen des Tons in den Sonetten. Seine Dichtung ist keine, die im Moment impulsiv entsteht. Sie ist das Ergebnis eines langen Entwicklungsprozesses, wie man unschwer an der Entwicklungszeit von etwa 70 Jahren erkennen kann. Das Sonett 293 unterstreicht diesen Eindruck. Ein spontanes Dichten wird auf Dauer keinen Ruhm einbringen. Und doch bedauert das lyrische Ich, nicht in einem reicheren Stil geschrieben zu haben. Damit möchte der Dichter freilich seine Leser täuschen und den Eindruck erwecken, der Canzoniere sei aus vollster Liebespein und einem verströmenden Herzen hervorgegangen. In Wahrheit hat man es mit einem komplexen Kunstgebilde zu tun, in dem der Liebesschmerz ein Baustein von unendlich vielen ist. Aus dem Vatikankodex 3196 ist ersichtlich, wie oft Petrarca bestimmte Gedichte immer wieder verändert hat. Und zwar nicht aus inhaltlichen Gründen, sondern aus stilistischen oder rhythmischen Gründen. Manchmal genügte nur ein Wort, um das sich dann das Gedicht bildete und entwickelte. Der Ursprung der Verse scheint also immer das Wort und später dann der Gedanke bei Petrarca zu sein.

Es scheint, als liebe der Dichter des Canzoniere keine Disharmonien, keine überschwänglichen Worte, die alles überragen und so ein Ungleichgewicht in den Versen herstellen. Bei Petrarca ist alles Mäßigung und gleichmäßige Melodie. Sein Stilwille duldet keinerlei Brüche oder Inkonsequenzen.

Genau jener Ton ist seither Merkmal für den Stil, der noch bis ins 17. und 18. Jahrhundert als Petrarkismus Einzug in die europäische Liebeslyrik halten sollte.

Verlogene Urlaubsgrüße sendet Dir…

January 18th, 2008 § 4 comments § permalink

viele_gruesse_von_der_bundesgartenschauviele_gruesse_von_der_bundesgartenschauEs ist doch immer dasselbe. Wenn jemand in den Urlaub fährt oder fliegt, bekommt man stets eine Karte auf der lauter Lügen stehen:

„Wetter super, Hotel erstklassig, Essen sehr abwechslungsreich, Strand wunderschön, Wasserqualität vom feinsten und Stefan und ich verstehen uns auch sehr gut, bis bald….“

An dem „Bis bald“, könnte der geschulte Leser schon eine gewisse Sehnsucht nach Hause ausmachen und folgern, dass wohl doch nicht alles so toll im Urlaub ist. Ich hingegen denke mir bei solchen Karten: Was mache ich im Urlaub eigentlich immer falsch? Warum muss ich meist in Hotelzimmern schlafen, in denen andere kleine Besucher zu Gast sind, warum ist das Essen so mies, dass ich jedes Mal wie nach einer Hungerkur nach Hause komme, warum regnet es immer, und warum läuft das Abflussrohr des Hotels immer in die Badebucht in der ich mich aufhalte und macht das Schwimmen somit zu einem Hindernis-Parcours? Und warum liegen am Strand nur Engländer mit ihren rotzigen Blagen? In diesen Fällen schreibe ich nie eine Karte, um mein Martyrium vor Ort nicht auf Papier zu bringen und mir danach noch mehr Leid zu tun.

Andere Menschen sind da leidensfähiger und schreiben sich die Welt, wie sie ihnen gefällt. Wenn jemand ausdrücklich auf die Karte schreibt: „und… und  ich verstehen uns auch sehr gut,“ dann ist das ein Indiz dafür, dass es eben nicht rund läuft, denn sonst müsste man es ja nicht extra erwähnen. Im Normalfall sollte man sich als Paar doch wohl immer gut verstehen. Wenn dann aber auch noch die Unterschrift des Partners auf der Karte fehlt kann das nur eins bedeuten: Ich sitze hier gerade und versuche mich mit Phantastereien bei einer Flasche Rotwein abzulenken, während er mit der Animateurin noch in die Disko gegangen ist, nachdem wir uns gestritten haben.

Die Generation meiner Eltern ist da schon einen gewaltigen Schritt weiter. Da gibt man sich nicht mehr mit solch profanen verschlüsselten Nachrichten ab. Meist ist die Reise Nebensache und nachdem der Ort genannt wurde, an dem man sich gerade aufhält, findet man anschließend: „Unser Jüngster hat übrigens sein Studium mit Auszeichnung bestanden und geht jetzt nach Amerika zu einer großen Firma. Seit letztem Monat sind wir Großeltern. Jan Pierre macht uns große Freude und er ist auch schon sehr schlau für sein Alter…“

Die besten Kartenschreiber sind jedoch in der Großeltern-Generation zu finden. Sie beschränken sich auf das Wichtigste und haben eben auch nicht mehr so viel Zeit, um Romane auf eine Karte zu schreiben. Die Geburtstagskarten von meinem Opa sahen immer folgendermaßen aus: Vorne war ein kurzes „Herzlichen Glückwunsch“ zu lesen und innen konnte man, wenn man den Geldschein beiseite schob, ein „von Opa“ erspähen. Das sind mir die liebsten Karten!

StudiVZ – sind wir nicht alle ein bisschen DDR?

January 17th, 2008 § 10 comments § permalink

Zugegeben, man hört ja in letzter Zeit so Einiges von StudiVZ, eigentlich nur unschmeichelhaftes. StudiVZ ist ein bisschen so wie Britney: Mal ganz oben, dann Schmuddelgeschichten, dann Entzug und die Schwierigkeit an alte Erfolge anzuknüpfen und plötzlich sind die Kinder weg.

Ich als mehrmonatiges Kind des Poesiealbums für Studenten habe jetzt einen Schnitt gemacht (ich hab´den Laden quasi hingeworfen, wie Heinrich Lohse). Warum? Wegen den neuen Allgemeinen Geschäftsbedingungen? Wegen der schlechten Presse? Das wären allesamt gute Gründe. Und ehrlichgesagt reichen mir die Spam-Mails schon, die sich derzeit in meinem Postfach tummeln und mich über Penisverlängerungen, teure Uhren, sexuelle Abenteuer und die dazu nötigen Medikamente informieren. Auch sonst bin ich sehr gut mit Werbung versorgt, danke.

Der eigentliche Grund mich bei StudiVZ abzumelden liegt in der Informationsdichte, bzw. in dem lückenlosen Informations-Ausspionierungsnetzwerk, das die Menschen, die da angemeldet sind entwickelt haben. Da müssen gar keine Computer mehr beschlagnahmt oder Leute auf vielfältige Weise abgehört werden, solange wir nur StudiVZ haben…

Natürlich geht mir auch auf den Keks, das manche tatsächlich glauben, StudiVZ sei wie neu.de. Dieses unsägliche „gegruschel“ (hat das eigentlich die Diddl-Maus erfunden?) oder diese dämlich anbiedernden Einträge von völlig fremden Männern auf meiner Pinnwand : W-i-d-e-r-l-i-c-h! Zum Teil wurde man ja schon im Supermarkt um die Ecke angequatscht: „Bist du nicht bei StudiVZ?“ -  „Äh, ich muss weg!“

In diesem virtuellen Partnermarktplatz tummeln sich aber keineswegs nur Studenten. Jeder, aber auch wirklich jeder, der irgendwann mal eine Grund- oder Baumschule besucht oder schon einmal eine Universität mit eigenen Augen gesehen hat ist dort angemeldet. Professoren und spätere potentielle Arbeitgeber nutzen StudiVZ um zu sehen, wer da vor ihnen sitzt. Und nun darf auch endlich die Werbung mal bei einem vorbeischauen.  Und wenn man auf seiner Pinnwand mal einen Eintrag hatte, in dem ein guter Freund sagte: „Vielen Dank noch mal für gestern Abend.“ (Was manchmal einfach nur hieß: Danke, dass du dir zum 10.000sten Mal meine Probleme angehört hast und ich mir das Geld für einen guten Psychologen sparen kann). Dann hieß es gleich: Ohlala, da geht doch was! Und eh man sich versah, wusste es die ganze Uni und in der Cafete klopfte man dir anerkennend auf die Schulter.

Wenn man seinen eigenen Voyeurismus auch mal befriedigen wollte, ging man bei Menschen, die man von früher kannte auf die Seite. Und meist wunderte man sich eigentlich nur angeekelt, wie viel so manche Leute von sich in Form von Fotobildern  (einige haben Fotoalben mit solch klingenden Namen wie: Me, myself and I), Interessenlisten und Verlinkungen preisgeben.  Ich glaube einige würden auch gern noch zeigen, wie sie sich rektal etwas einführen. Hauptsache: Es sieht jemand.

Zu einem anderen Problem wurden für mich allerdings mehr und mehr die Freundschaften. Denn zwischenzeitlich ergab es sich in einigen Fällen, das man sich zerstritten hatte. Die Freundschaft zu kündigen, kam mir meist irgendwie dumm vor. Allerdings wollte ich auch nicht, dass solche Leute weiterhin an meinem Leben teilnehmen. Während eine Freundin sich wöchentlich bei mir ausließ, bei wem sie was gelesen hat und was für einen Reim sie sich darauf machte, wuchs in mir die Vorstellung von dem ganzen Gedöns quitt zu werden. Ich wollte nicht weiter als Objekt zum bestrolchen, ausspionieren oder analysieren dienen. Also meldete ich mich Ende letzen Jahres ab. Eine viertel Stunde später klingelte bei mir das Telefon und eine Freundin fragte aufgeregt, warum ich nicht mehr bei StudiVZ sei.  –Willkommen im Überwachungsstadl!

Wer eine Freundschaft tut … ist meistens selber Schuld

January 16th, 2008 § 1 comment § permalink

Ich würde einem guten Film oder meiner Lieblingsserie immer den Vorzug geben vor einem mittelmäßigen Gespräch oder Treffen mit Freunden, die man eigentlich nicht braucht, im Grunde auch gar nicht mag, nicht versteht und bei denen man sich fragt, warum sie sich nicht jemand anderes zum nerven suchen können. Überhaupt sind die meisten Freundschaften, oder was auch immer sich sonst so schimpft, was grässliches. Und das in mancherlei Hinsicht.

Genauer betrachtet fällt einem sogar auf, dass die meisten Freundschaften zu 80 Prozent lediglich aus der Liebe zum Klatsch und Tratsch über Menschen im direkten Umfeld bestehen. Und damit sind durchaus auch Männer-Freundschaften gemeint! Sie lästern nur anders, indirekter (heimlich) und sind von Klatsch-Frauen-Gesprächen regelmäßig fasziniert.

Weitere fünf Prozent einer Freundschaft drehen sich um Äußerlichkeiten: Steht mir das Kleid? Ist mein Hintern zu dick? Guck mal, wenn ich nachdenke, dann bekomme ich so Falten auf der Stirn. Ach ja und die Ananas-Diät von Uschi Glas müssen wir auch unbedingt machen, weil man da ja in zwei Wochen annähernd die Hälfte seines Körpergewichtes verlieren kann (wenn man sich beide Beine abschlägt übrigens auch!). Und die Tagesausflüge nach Rom zu Frau Prada, Herrn Gucci und Co. mit der Billig-Fluglinie fallen selbstverständlich auch unter diese Kategorie. Frei nach dem Motto: Wir kaufen uns Sachen, die uns im Grunde gar nicht gefallen, um Menschen zu beeindrucken, die wir gar nicht leiden können. -Das Thema beinhaltet übrigens auch Vorstellungen zu erfüllen, die das jeweils andere Geschlecht angezettelt hat. Dabei kommen dann so abstruse anatomische Mutationen wie Pamela Anderson zustande. (Und dann wundern sich Frauen, warum man sie nicht ernst nimmt…) Wiederum fünf Prozent beschäftigen sich damit darüber zu reden, dass man diese Klischees auf gar keinen Fall erfüllen will, weil man ja total und auf jeden Fall individuell ist und man doch auch das Recht hat über sich zu entscheiden. Nur kleinlaut ertappt sich mancher nachts im Bett bei der Frage: „Oder etwa nicht?”

Die anderen fünf Prozent wendet man dann dafür auf in aller Heimlichkeit, denn man steht doch zu seinem Wort (!), die Vorstellungen im Rahmen seiner Möglichkeiten zu erfüllen: „Nein ich hatte schon immer solche Schlauchbootlippen!”; „WAS? Ich und Sport? Also die Muskeln kommen bestimmt vom Putzen.”; „Nein, ich hab´ keine Bulimie. Ich hab´ schon immer nach Kotze gestunken.” -und viele andere solcher lustigen wie dämlichen Erklärungsversuche.

Die restlichen Fünf Prozent, die eine Freundschaft ausmachen gehen für die Planung und Ausführung der Wochenenden drauf. Schließlich will man sich ja zeigen und am Anfang der nächsten Woche wieder etwas zum Lästern haben.

Da halte ich es lieber mit Theodor Fontane, der schon zu seiner Zeit treffend feststellte: „Lieber Einsamkeit und ein Buch und eine Zeitung, als schlechte Gesellschaft, von der man nichts hat als Ärger und mitunter direkte Beleidigung.” Ein Hoch auf die frei gewählte Misanthropie!

Dann ist ja gut!

January 16th, 2008 § 0 comments § permalink

Die Welt ist schlecht.
Jeder Tag führt den Beweis:
Zwischen Fleiß und Schweiß,
kaltem, poliertem Granit,
gewissenhafter Pedanterie
und lächerlicher Phraserei
wird ein Stück gegeben.
Heute dies -morgen jenes.
Es ist einerlei – doch verzeiht -
Wir haben ja bloß zwei!
Drum lerne jeder seinen Text,
dann das Essen schmeckt:
Den Teller leer,
der Bauch ganz schwer,
ein Seufzer – weh
und es steht fest:
Die Welt ist nicht schlecht.
Nein, nur ungerecht.

“Erlkönig hat mir ein Leids gethan!”

January 16th, 2008 § 1 comment § permalink

Meine Mutter hat es damals gewiss nur gut gemeint, als sie mir vor dem Schlafengehen Goethes Gedicht „Erlkönig” vorlas. Mit Sicherheit hat sie nicht geahnt, dass mich dieser finstere König einen Teil meiner Kindheit unangenehm verfolgen würde. Furchtbar gegruselt habe ich mich, als das Licht gelöscht wurde und unter meiner Bettdecke versteckt. In meiner Phantasie sah ich den Erlkönig mit glühenden Augen neben seiner mindestens so unheimlich ausschauenden Mutter stehen und mit dem knochigen Zeigefinger locken. Wochenlang verbrachte ich nachts mit der Taschenlampe bewaffnet im Bett. Ich war jederzeit bereit die finsteren Wesen, die es scheinbar auf kleine Kinder abgesehen hatten, mit einem Lichtstrahl in die Flucht zu schlagen.

Dabei stellte sich mir die Frage, warum solche Kreaturen immer Kindern auflauerten. Die Liste der Betroffenen, die ich seither gewissenhaft führte war lang: Hänsel und Gretel, Rotkäppchen, der Knabe im Moor, Schneewittchen und viele mehr. Durch die eben Genannten wurde mir schnell klar, wo man sich als Kind auf gar keinen Fall aufhalten sollte, um verärgerten und psychisch stark angeschlagenen Damen und Herren nicht zu begegnen. Das Kind im „Erlkönig” allerdings gab mir Rätsel auf. Es war weder im Moor, noch im Wald umhergegangen. Meine Mutter erklärte, zu meiner allergrößten Überraschung und Bestürzung, dass das Kind wohl eine Grippe bekommen hat, weil es seine Mütze und den Schal nicht umtun wollte, obwohl die Mutter es ihm ausdrücklich gesagt hatte (aus der heutigen Sicht würde ich das fürsorgliche Diktatur mit Einschüchterungseffekt nennen, was meine Mutter da zum besten gegeben hat). – Zwei Wochen später bekam ich die Windpocken, obwohl ich mir fest vorgenommen hatte nie mehr bis zum Erwachsenenalter krank zu werden. Ich lag im Bett und harrte der Dinge und hoffte inständig der Erlkönig würde nur grippige Kinder holen. Meine Genesung ging aufgrund des Schlafmangels nur sehr schleppend voran. Mitten in der Nacht sprach ich mit verstellter dunkler Stimme in die Dunkelheit hinein, um dem Erlkönig zu signalisieren: Hier liegt kein krankes Kind, sondern nur ein kranker Erwachsener, also: Schleich dich!

Meine älteste Schwester, die das Zimmer neben mir hatte hörte mich eines nachts. Mit einiger Verzögerung, während welcher ich in einen kurzen leichten Schlaf gefallen war, kam sie in mein Zimmer. Was sie da sah, kann ich nur aus ihrer Sicht wiedergeben, denn erinnern kann ich mich natürlich an nichts (das ist bei Kuriositäten ja immer so). Ich saß aufrecht im Bett, hatte die Augen offen und knipste immer wieder das neben dem Bett stehende Licht an und wieder aus. Als meine Schwester mich ansprach, antwortete ich mit verstellter Stimme: „Ich bin kein Kind. Ich bin kein Kind. Ich bin kein Kind. Ich bin kein Kind. Ich bin kein Kind…..”- Von der Nacht an durfte ich bei meinen Eltern in der Besucherritze schlafen und meine Schwester nannte mich liebevoll: Das Mädchen aus dem Exorzisten.

Die Bundesagentur für Arbeit oder Willkommen im falschen Orbit

January 15th, 2008 § 6 comments § permalink

Ich habe blaue Augen. Mich deswegen in die Kategorie: Blauäugig im Sinne von dumm zu stecken, halte ich für abwegig. Dennoch muss ich mir nun selber dieses unschmeichelhafte Zeugnis ausstellen. Ich war sehr blauäugig. Als ich meine Abschlussarbeit an der Uni geschrieben habe, dachte ich noch flüchtig: Solltest du dich nicht jetzt mal nach einem Job umgucken? Aber zwischen Petrarca, Schiller und Co. vergaß ich dieses Ansinnen. Schließlich, drei Monate nach meinem heroisch errungenen Abschluss, war es dann soweit: Ein Besuch beim Arbeitsamt, pardon, bei der Agentur für Arbeit stand an.

Am Haupteingang kommt man am Wachpersonal nur noch vorbei, wenn man einen Termin mit dem nötigen Schrieb hat. Nicht, weil der Verein so exklusiv ist und Frauke Ludowig drinnen auf einen wartet, sondern weil es in der Vergangenheit zu Zwischenfällen kam, in denen die Mitarbeiter fliegenden Fäusten nicht mehr auszuweichen vermochten. „Pöbel,” dachte ich noch flüchtig und ahnte nicht, das ich bald mit ähnlichen Aggressionen gegenüber der Belegschaft zu kämpfen haben würde.

Das erste Gespräch verlief schon einigermaßen verwirrend. Hier ein kleiner Ausschnitt:

  • Ich: „Hallo! Ich habe diesen Herbst meinen Master of Arts an der Uni Bochum gemacht und suche jetzt einen Job.”

  • Sie: „Wat hamm se gemacht?”

  • Ich: „Einen Abschluss, der sich MASTER OF ARTS nennt.”

  • Sie: „Kenn ich nich.”

  • Ich: „Master, ein Grad über dem Bachelor.”

  • Sie: „Ach so, ja, den BACHE-LOR kenn ich wohl. Und wo drin?”

  • Ich: „Germanistik und Komparatistik

  • Sie: „Watt?”

  • Ich: „Germ….”

  • Sie : „ Jajajaja, und watt is dat jetzt?”

  • Ich: „Geisteswissenschaften, Philologie.”

  • Sie: „Phil….wat? Ach, lassen se ma, ich guck hier in meiner Karte ma nach.”

Völlig mitleidig füllte die Frau dann am Computer ein Schreiben aus. Einen Beratungstermin könne sie mir schon morgen anbieten, aber da ich ja erst seit heute gemeldet bin geht das nicht. Also wäre erst wieder was in vier Wochen frei. Ich fragte nicht nach Sinn oder Unsinn der von ihr gerade vor sich hingebrabbelten Worte. Ich nahm einfach, das, was sie mir gab und ging. Da rief sie mir durch das Großraumbüro hinterher: „Ach ja, Hartz 4 können sie beantragen, aber Arbeitslosengeld 1 steht ihnen nicht zu, weil sie ja noch nie gearbeitet haben.” Ich bedankte mich artig (und schämte mich in mich hinein) und ahnte noch nicht, was diese Info für Folgen haben würde. Da ich ohnehin nicht irgendeine Beantragung von irgendetwas mir vorgenommen hatte und stattdessen von der Gunst meiner Eltern und meines Sparkontos lebte, konnte mir dieser Herr Hartz echt egal sein.

Mein Beratungsgespräch vier Wochen später brachte erstaunliches hervor. Ohne Beziehungen liefe heute gar nichts mehr, so mein Berater (nach einer Stunde kam er mir wie eine schwarze Unglücks-Krähe vor). Die meisten Jobs in Inseraten existieren gar nicht und sind nicht viel mehr als Werbemaßnahmen von Firmen oder eine formale Angelegenheit für den Betriebsrat. Der Rest geht unter der Hand weg. Ich dachte dann gleich, dass wenn nicht die qualifiziertesten sondern diejenigen mit den besten Beziehungen in der Wirtschaft arbeiten, wir nicht auf einen allzu großen Aufschwung hoffen dürfen. Viel neues außer diesen motivierenden Neuigkeiten und dem Rat Kontakte zu knüpfen hatte der Berater nicht parat. Als ich ging, war ich so schlau, wie zuvor und fragte mich, wofür die ganzen akademischen Berater, die hier um die 20 Büros hatten, überhaupt da waren. Nur, um mich zu verwalten?

Zwei Wochen später bekam ich einen Anruf auf eine Bewerbung von mir. Man wollte mich zu einem Vorstellungsgespräch einladen. Allerdings würde ich einen Vermittlungsschein für die Personalvermittlung benötigen. Ich rief beim Arbeitsamt an. Die Dame am Telefon muss einen sehr schlechten Tag gehabt haben und machte auch keinen Hehl daraus. Ohne „Guten Tag!” und „Was kann ich für sie tun?” maulte sie ihren Namen ins Telefon. Da ich ja immer freundlich bleibe, selbst, wenn ich mich bei den Deppen von der Telekom zum zehnten Mal wegen falscher Buchungen beschwere, blieb ich auch hier freundlich und brachte mein Anliegen demütig vor.

  • Sie: „Den Schein kriegen se nur, wenn sie AlG 1 beziehen und seit zwei Monaten hier gemeldet sind. Noch was?”

  • Ich: „Das ist aber jetzt doof, weil ich schon gern zu dem Vorstellungsgespräch wollte. Und außerdem heißt das mit anderen Worten ja, dass sie mich dann nie vermitteln können, weil ich ja nicht berechtigt bin AlG1 zu beantragen.”

  • Sie: „Jetzt passen se mal auf, JA? Das ist alles Gesetz und auch nicht diskussionswürdig. Und wenn ihnen das nich passt, können sie ja 2500 Euro aus eigener Tasche an die Personalvermittlung zahlen und zum Gespräch fahren.”

  • Ich: „Ich hab das doch gar nicht persönlich gemeint. Ich mein nur, dass das ne seltsame Regelung fernab von der Realität ist.”

  • Sie: „Ich diskutiere hier nich mit ihnen rum…”

  • Ich: „Ich hab´ ja auch noch gar nicht angefangen zu diskutieren.”

  • Sie: „Sie können sich ja beschweren.”

  • Ich: „Ja klar, das wird dann wie ein Brief ans Christkind behandelt und somit nicht beantwortet. Ist schon klar, vielen Dank!”

-Ohne Worte-

PS: Weiter gehts im Amt für Irrsinn

Onkel Ficker läßt Dich nett grüßen oder das Denkblasen-Problem

January 15th, 2008 § 2 comments § permalink

Ich habe einen kleinen Tick, für den ich nichts kann. Er ist mir quasi zugelaufen oder wie mein Wellensittich Manfred zugeflogen. Gut, Manfred ist schon seit ein paar Jahren tot, aber der Tick ist immer noch da. Wenn ich mit Menschen reden muss, die ich nicht leiden kann oder die mir doof kommen, schalte ich äußerlich auf Standby und führe innerlich Monologe. Großartige Monologe. Vielleicht ist die Bezeichnung Monolog aber auch ein bisschen zu hoch gegriffen, wenn man zum Beispiel an Monologe aus der griechischen Tragödie denkt. Denn eigentlich sind es nicht viel mehr als wüste Beschimpfungen, Verunglimpfungen und despektierliche Gedanken, die ich für mich, in meinem Sinn mir von meinem Gegenüber mache.

Die gängigen Sachen lasse ich dabei meist außer acht. Stattdessen singe ich gern mal das Onkel Ficker-Lied. Da mag jetzt mancher die Nase rümpfen und sagen (von mir aus auch denken): Gott, wie ordinär! Aber Onkel Ficker und sein Lied haben mir schon oft über ärgerliche Situationen, in denen ich sonst eine Gastritis oder Wut-Blähungen bekommen hätte, hinweggeholfen. Eine kleine Stimme, die ein bisschen wie Martin Semmelrogge klingt, schreit mir, bzw. meinem Gegenüber dann folgendes zu: „Fick dich und halt´s Maul Onkel Ficker … alter Schwanzlutscher, Arschloch, Onkel Ficker …”. Zugegeben, ordinär ist es schon, aber wenn man sich mal folgende Situation dazu vorstellt, ist es wahnsinnig krampflösend und entspannend und Zuschlagen will man dann auch nicht mehr.

Vor ein paar Jahren war ich mal Praktikantin bei einem TV-Sender. Da dieser Sender zu jenem Zeitpunkt kurz vor der Pleite stand, wurde nichts produziert und auch sonst hing jeder den ganzen Tag vor dem Rechner und beobachtete das Warenangebot bei Ebay. Da sie mich aber nun mal für zwei Monate als Praktikantin eingestellt hatten, musste ich alles machen. Post wegbringen, Post abholen, Essen bestellen, Büro aufräumen, Fragen am Zuschauertelefon beantworten

Können sie ihrem Koch in der einen Sendung mal sagen, dass er nicht immer so viel von dem Gemüse abschneiden und dann wegwerfen soll. Ich war im Krieg und da kann ich das nicht sehen …”; „Wann läuft denn ihre Horoskop-Sendung wieder? Ich bin grad in einem psychischen Loch. Ich bin erst letzte Woche wieder aus der Klinik entlassen worden und meine Therapeutin hilft, wo sie kann, aber irgendwie muss ich jetzt wissen wie es weitergeht …

Eines Tages, als ich Mittagspause machen und aus dem ganzen Elend mal raus wollte, fing mich mein Chef an der Tür ab: „Mitkommen!” Während ich noch dachte, dass ich jetzt die Bestellung für zwei Poseidon-Platten mit extra Tsatsiki aufnehmen und dann besorgen musste, schloss sich die Tür geräuschvoll hinter mir. „Also, wir sind echt nicht zufrieden mit dir,” fing mein Chef an. Ich drehte mich reflexartig um, um zu schauen, ob hinter mir noch jemand ins Büro gehuscht war. Aber nein, ich war allein. „Weißt du, die Kerstin (die andere Praktikantin) kommt immer schon um kurz nach acht, beantwortet schriftlich alle Zuschauerfragen, macht den Pressespiegel und kocht immer den Kaffee. Und du kommst erst um neun und sitzt hier den ganzen Tag rum und machst dann Mittagspause.” Ich war mir sicher, dass in diesem Moment ein riesiges Fragezeichen über meinem Kopf schweben musste. Ich versuchte meinem Chef vorsichtig zu erklären, dass Kerstin jeden Morgen so früh kommt, damit sie um 16 Uhr schon wieder gehen kann, während ich bis halb sechs blieb (was er nicht wissen konnte, weil er nach der Mittagspause nie wieder auftauchte), außerdem erklärte ich ihm, dass Kerstin eine PR-Praktikantin ist, während ich eine Programm-Management-Praktikantin bin. Dass momentan nichts produziert wird sei nicht meine schuld, aber ich würde mich bereit erklären mit Handpuppen oder Zahnstochern Sabine Christansen nachzuspielen, wenn ihnen das weiterhelfen sollte.

Was dann folgte weiß ich nicht mehr so genau, weil ich dann das Onkel Ficker- Lied in mich hinein gesungen habe, während mein Chef unheimlich gestenreich und mit hochrotem Kopf auf mich einredete (oder schrie?). In solchen Situationen ist Onkel Ficker der einzige Trost, den man aus dieser kalten und ungerechten Welt ziehen kann. Onkel Ficker macht dieses Erdenrund zu einem erträglicheren Ort. Onkel Ficker trägt zum Weltfrieden bei. Und ich bin froh, dass es ihn gibt. Ihn und all seine kleinen Freunde, die mir bereitwillig zur Seite stehen, zum Beispiel dann, wenn ich morgens auf meine Lieblings-Politesse treffe …

Über Solidarität und was meine Mutter dazu sagt

January 15th, 2008 § 2 comments § permalink

Ich kann mit meiner Mutter problemlos in den Urlaub fahren, mit ihr über Literatur diskutieren, sie nach seltenen Blumensorten fragen oder nach dem Rezept für Kartoffelsalat, ich kann mit ihr ins Theater gehen oder zum Friseur- alles ohne größere Vorkommnisse. Allerdings in den Osten, also in den Osten Deutschlands, kann ich mit ihr nicht mehr fahren. Nie mehr. Und zwar aus Angst, die Bewohner der östlicheren Gefilde könnten sich spontan zu einer Art Mob formieren. Dann wär´s das für uns gewesen und dass, obwohl wir nicht mal Ausländer sind. Was den Zorn der gesamten östlichen Bevölkerung (und ein paar Rechte wären bestimmt auch wieder mit von der Partie, wegen dem Training) auf uns ziehen würde? Die Worte meiner Mutter. Und zwar jene Worte, die seit etwa 1996 nicht mehr aus ihrem zentralen Sprachhirn wegzudenken sind.

Meine Mutter war demnach keineswegs von Anfang an gegen Widervereinigung, Rotkäppchen-Sekt, grüne Pfeile, Gysi und Andrea Kiewel. Sie stand dem Ganzen offen gegenüber und hoffte nur, die würden schnell Hochdeutsch lernen. Ja, sie hatte sogar Mitleid mit den vielen, die unter Erich und Margot, der SED (na sowas, die gibt´s ja heute noch) zu leiden hatten. Ihr taten die Heimkinder leid, die oft grundlos von ihren Eltern getrennt wurden. Ihr taten die Angehörigen leid, die jemanden an der Mauer verloren hatten. Eigentlich war meine Mutter zum Zeitpunkt der Maueröffnung in einer Stimmung, in der sie jeden, der von drüben kam an ihr Herz gedrückt hätte (also im rein platonischen und zwischenmenschlichen Sinn). Aber dann kam die Wende.

Es fing mit Margots Rente in Chile an. Das sei ein Schlag in das Gesicht all jener, die unter dem Regime Honeckers gelitten hatten und jetzt arbeitslos, weil mies ausgebildet, unseren Kassen zur Last fallen. Und damit sind wir beim nächsten Punkt: Dem Solidaritätszuschlag. Meine Mutter hat mich stets sozial erzogen. Die Geschichte vom barmherzigen Samariter hat dabei immer eine große Rolle gespielt. Klar, wenn du das heute Kindern erzählst lachen sie dich aus, treten dir vors Schienbein und klauen dir deine Tasche. Aber für mich hatte das damals eine Bedeutung, eine Art Vorbildfunktion, bis meine Mutter die Geschichte nach der Wiedervereinigung verfremdete. Denn plötzlich kam sie jedem, der von Solidarität und Brüderlichkeit sprach mit dem Samariter und fragte wieviel der denn noch ausziehen und zerteilen solle. Und ob er sich aus Solidarität ein Bein abtrennen soll, damit andere was zu essen haben oder ob er sich seine Haare abrasieren soll, damit sich andere eine schicke Mütze daraus machen können. –Ab diesem Zeitpunkt mochte ich die Geschichte vom barmherzigen Samariter nicht mehr.

Als wir dann 2004 mit dem Zug nach Weimar fuhren, vorbei an neuen Brücken, Autobahnen, Industriegebieten und hübsch restaurierten Städtchen und Dörfchen, platzte meiner Mutter im vollbesetzten Abteil der Kragen: „Hübsch haben sie es hier. Alles schön von unserem Geld. Und in Duisburg oder in der Dortmunder Nordstadt sieht es aus wie in der Bronx. Manche Straßen sind in einem Zustand, als hätten die Römer sie noch errichtet. Bald müsste es eigentlich Aufbau West heißen. Und dann meckern und nölen die immerzu und erzählen wie toll es beim Erich war. Ja, da sag ich: Bauen wir die Mauer doch wieder auf, aber dieses Mal richtig!” Während ich vom Sprachinhalt her dachte ich sitze an einem Stammtisch in Oer-Erkenschwick, schaute ich vorsichtig um mich herum, um die Lage zu sondieren und eventuelle Fluchtwege auszuspähen. Stattdessen stimmten die restlichen Abteilsitzer (Rentner) in den fröhlichen Reigen mit ein. Ich stellte mich schlafend.

In Weimar angekommen, kroch ich jedem Einheimischen förmlich hinten rein, um prophylaktisch etwaige verbale Entgleisungen meiner Mutter gut zu machen. Das gelang auch, bis wir bei einem Antiquitäten Händler nach dem Preis für eine Lampe fragten. Den Preis, der zugegeben jenseits von gut und böse lag, kommentierte meine Mutter mit: „Ich glaube wir finanzieren ihnen schon ein sehr angenehmes Leben und zum Dank meinen sie, sie könnten uns jetzt verarschen.” Sprach´s und ging. Aus Verlegenheit kaufte ich dem verstörten Mann zwei Bücher ab und murmelte im Rausgehen, dass meine Mutter ihre Medikamente gegen die Wechseljahre heute noch nicht genommen hätte.

Solidarität verpflichtet eben- manchmal aus zweifelhaften Gründen.

Where am I?

You are currently viewing the archives for January, 2008 at anjejackert.de.