Ein Euphemismus ist der kleinere und freundliche Bruder der Lüge. Großen Anklang findet er überall dort, wo man Beschönigungen benötigt. Zum Beispiel in der Werbung. Mein derzeit liebstes Beispiel hierfür sind die Werbekampagnen mit linksrührenden Joghurtkulturen und den dazu passenden Joghurtdrinks.
In jedem Werbebeitrag zu dieser Sparte kann man Frauen sehen, die mit einem schmerzverzerrten Gesicht und sichtlichem Unbehagen an ihren Bauch fassen und sagen: “Du, ich fühl´ mich heute so aufgebläht.” Das bedeutet in den Bildern der Werbewelt meist soziale Isolation. Die eine Frau kann beim Ballspielen ihrer glücklichen und nicht aufgeblähten Freunde nur unter dem Baum sitzen und zugucken. Die andere wird durch ihre klügere Freundin belehrt, die ihr einen Joghurt in die Hand drückt, der ihr neue Lebensfreude ermöglichen soll.
Aus gutem Grund fragt sich der Zuschauer welche heimtückische Krankheit all diese Frauen jeden Alters so hinterrücks beschleicht und warum sie darüber bisher noch nicht bei stern tv Auskunft erteilt haben. Aber auch hier ist nur wieder der fleißige Euphemismus am Werk und hilft den Werbestrategen über solch unschöne Worte wie Verstopfung, Blähung, träge Verdauung, hinweg. Dass das kein reines Frauenproblem ist, beweist mir immer mein Nachbar sehr eindrucksvoll im Hausflur, während ich aufgrund der Gerüche halb in Ohnmacht falle.
Warum kann man denn nicht einfach sagen: “Du, ich muss heute unheimlich viel furzen und möchte deswegen nicht unangenehm auffallen. Ich bleibe lieber zu Hause.” Oder (wie der Ruhrgebietler ganz ungenant sagen würde): “Ich kann in letzter Zeit unheimlich schlecht kacken.”
Warum immer diese Umstände und irreführenden Erklärungen zu einem Thema, mit dem nun wirklich jeder ausreichend Erfahrung hat. Warum wird ständig ein großer Bogen um alles, was auch nur entfernt etwas mit Darm und Konsorten zu tun haben könnte, gemacht? Selbst im eigenen Bekanntenkreis hört dieses Genieren nicht auf. Da sagt eine Freundin auf einer Party zu mir: “Ach nee, das Chili con Carne esse ich nicht. Da bekomme ich immer so Magenprobleme von.” Ich antworte: “Stimmt ich bekomme von Bohnen auch immer Blähungen.” - Betretendes Schweigen und in die Luft gucken (Oh mein Gott, Laura furzt!).
Heutzutage kann man sagen, dass man Herpes, Schuppenflechte oder Fußpilz hat, man kann sagen, dass man hoch verschuldet ist und nun auf Herrn Zwegat wartet es zu richten, man kann sagen, dass man Deutschland sucht den Superstar guckt- niemand findet daran etwas anstößig oder ekelig. Aber wenn es dann um etwas so wichtiges wie Verdauung geht, dann tun alle so, als hätten sie sich Darm und Magen vor Jahren entfernen und an die Stelle ein duftendes Rosenbeet setzen lassen. Und zum Proktologen geht natürlich auch niemand – selbst wenn es notwendig wäre.
Selbstverständlich muss ich nicht wissen, ob mein Opa fluffigen Stuhlgang hat oder wie oft meine Mutter am Tag auf die Toilette geht, aber mal darüber zu sprechen, was man gegen Blähungen oder Verstopfungen tun kann, finde ich sehr hilfreich. Und da brauche ich keinen Joghurt, der von Doktor Kawashima mit irgendwelchen Kulturen angereichert wurde, damit es im Darm wieder fluppt.