Das soll jetzt keine Kritik sein, aber…

Schlimm genug, wenn man ungefragt Dinge erzählt bekommt, die einen nicht interessieren. Kein bisschen. Ungefähr nicht bis gar nicht. Aber man will ja nicht unhöflich sein…

Schlimmer als das sind allerdings die Menschen, die ihren Wortschatz durch Phrasen oder Floskeln in weiten Teilen ersetzt haben. Im Frühling kann man sie vermehrt hören, wie sie auf Wehrlose auf dem Bürgersteig einreden: „Wir haben uns ja schon ewig nicht mehr gesehen!“ = Und wenn ich ehrlich bin, war das auch gut so. „Wie geht es dir denn?“=Nicht, dass es mich aufrichtig interessieren würde. „Schön dich mal wieder getroffen zu haben“ =Hätte ich aber auch getrost drauf verzichten können. „Vielleicht sieht man sich ja mal wieder!“=Bloß nicht! Krätze wäre angenehmer.

Mit Floskeln ist es etwas anderes. Im Grunde leitet eine Floskel zielsicher eine handfeste Beleidigung oder zumindest eine ignorante und überhebliche Besserwisserei ein. In beiden Fällen kann man entweder die Ohren zu halten und laut „LALALALALA“ singen oder -weniger infantil- alles wortlos über sich ergehen lassen und dabei möglichst desinteressiert gucken. Nützt zwar nichts, aber wenigstens hat man nicht ganz ohne Gegenwehr reagiert und kann im Gesprächskreis für Unterdückte damit prahlen.

Der Floskel-Erprobte bekommt von all diesen Gedankengängen nichts mit und legt los: „Es geht mich im Grunde ja nichts an, aber…“ Normalerweise sollte man hier schon einhaken und sagen: „Stimmt! Geht dich wirklich nichts an.“ Aber höflich, wie man im Mädchenkloster erzogen wurde, harrt  man weiter gleichmütig aus. „Nicht, dass du das jetzt falsch verstehst, aber du siehst heute aus wie ausgekotzt.“- Was könnte man daran falsch verstehen? „Ich will dir nicht zu nahe treten damit“ Schon geschehen. Und dann kommt der Klassiker mit dem obligatorischen Schulterklopfer und Augenzwinkler: „Das nimmst du mir ja jetzt nicht krumm, oder? Das sollte keine Kritik sein. Ich bin halt ein ehrlicher Mensch“ Ein Retter der enterbten Ehrlichen also. Auch das noch. Beleidigung im Namen der guten Sache.

Da helfen nur klare Worte: Erzähl ´s der Hand. Irgendeiner. Nur bitte nicht meiner.

  

April 28, 2008

Safety first oder für Terror war keine Zeit mehr …

Die Zeiten werden immer unsicherer. Keinem ist mehr zu trauen. Überall lauern Gefahren. Vor allem am Flughafen Dortmund. Dem New York des Ruhrgebiets. Hier hat man sich seit September 2001 auf allerlei Eventualitäten vorbereitet und die Sicherheitskontrollen extremst verschärft.

Konnte man früher in der guten alten Zeit noch an Skat spielendem Fachpersonal winkend mit zwei Pumpguns vorbeilaufen und behaupten dies seien Gitti und Erika, ist es heute vorbei mit den nachlässigen Nettigkeiten. Sperenzchen kann man woanders machen.

Schon beim Einchecken macht die charmante Dame von Air Berlin unmissverständlich klar: Mit uns nicht! Und ruft sofort zwei freundliche 1,90m Männer vom Bundesgrenzschutz, als ich mich weigere meine winzige Reisetasche als Gepäckstück aufzugeben. Daß vor mir jemand sein Golfbag als Handgepäck mit in die Flugkabine nehmen durfte, interessiert nicht. Schließlich nehmen mich die zwei  Herren in die Mitte und halten erst wieder Abstand, als ich laut sage: „Hat mich da etwa gerade jemand von ihnen unsittlich berührt?“ – Unruhe in der Schlange der Wartenden kommt auf…

Die Dame von Air Berlin mit der lustigen Clownsschminke bleibt trotzdem dabei: Tasche aufs Band oder in Dortmund bleiben. Ich beuge mich und sinne auf Rache.

In der Sicherheitskontrollzone geht es zu wie bei ALDI: Fünf Kassen, aber nur eine offen. Als ich an der Reihe bin piept es. Wie immer. Trotz fehlender Intimpiercings. Selbstredend werde ich sofort von der Sicherheitsbeamtin als extrem gefährlich eingestuft: „Schuhe, Blazer, Schal – ausziehen!“ – Für Freundlichkeiten, Respekt oder Etikette ist hier kein Platz. Dieses Mal bleibt es auch nicht bei kleinen „Abklopfern“. Beherzt greift man mir nun an den Busen und in den Schritt. Ist sie besonders gewissenhaft oder lesbisch und ich ihr Typ? Ich will es lieber nicht wissen.

Am Gate angekommen warte ich auf den letzten Akt: Das Boarding. Die Dame vom Schalter übernimmt diesen überaus wichtigen Vorgang des „Guten Tag“-Sagens und Kartenabreißens. Ich habe keine Zeit für göttliche Rechtssprechung und trete, nachdem ich meine Bordkarte zurück erhalten habe, mit einem süffisanten Lächeln und in voller Absicht auf den Fuß des Air Berlin Luders und flöte: „Schönen Tag noch.”

An Terror im Flugzeug war an diesem Tag nicht mehr zu denken …

April 21, 2008

Kinder, Kinder!

Jeder sechste Deutsche kann Kinder nicht ausstehen. Ich muss zugeben, dass ich gelegentlich auch zu dieser Gruppe gehöre. Das ist keine Schande, denn schließlich sind es ja besondere Exemplare von  Kindern, die einen dazu bringen. Hass gegenüber Kindern ist schließlich nicht angeboren.

In der eigenen Familie haben wir auch ein sogenanntes AK (Arschlochkind). Allerdings muss man bei diesen Kindern unterscheiden. Da sind die, die von Natur aus einen fiesen und nervenden Charakter haben und mit Gabeln Tiere und die eigene Mutter malträtieren. Und dann sind da die, die einem eigentlich leid tun können, weil die eigenen Eltern praktisch alles dafür tun, damit ihr Sprössling zum unbeliebtesten kleinen Menschen auf Erden wird.

Diese Eltern gründen ihre Erziehung auf drei Hauptsäulen: Antiautorität, extremes Selbstbewusstsein und ungesunder Egoismus. Heraus kommt dabei ein vorlautes, altkluges, latent aggressives Kind, das keinen Respekt vor Erwachsenen oder anderen Kindern hat und später im Erwachsenenalter aufgrund verheerender Probleme in diversen Bereichen nachts bei Domian anrufen muss.

Dabei kann man aus jedem Kind, egal wie schlecht es erzogen wurde, ein Goldstück machen. Als ehrenamtliche Bildungspatin für lernschwache Kinder, meist mit Migrationshintergrund, habe ich die Erfahrung gemacht, dass häufig durch verblüffend einfache Kniffe schon optimale Ergebnisse erzielt werden können.

In meiner ersten Stunde an einer Hauptschule wurde wild durcheinander geredet und geschlagen. Ein Schüler hing halb aus dem Fenster und beschimpfte andere Jugendliche draußen auf türkisch, ein anderer malte mit einem Edding einen Mittelfinger auf die Wand und wieder ein anderer hatte einen kleinen Russen im Schwitzkasten und sprach dabei scheinbar alle Schimpfwörter, die er bislang kennen gelernt hatte. - Schwierige Ausgangsposition. Ich merkte leicht panisch, dass ich mit meinem vorbereiteten Memory und der Geschichte von Rotkäppchen bei diesen Fünftklässlern offensichtlich keine Chance hatte.

Also zog ich meinen ersten Joker in Form von Süßigkeiten. Die wiedergewonnene Aufmerksamkeit nutzte ich für folgende Durchsage: “Für die Zeit, die wir jeden Montag hier zusammen sind, gilt nun folgende Regel” (höhnisches Grinsen allseits) “es werden grundsätzlich nur die Schimpfwörter benutzt, die ihr auch schreiben und richtig aussprechen könnt.” Ich blickte in fassungslose Gesichter.

„Tatjana is Schlampe: S-H-L-A-M-M-P-E.”

“Nein, falsch Deniz. Schlampe ist gestrichen für dich. Weiß jemand, wie das Wort geschrieben wird?” Und plötzlich hatte ich viele fleißige Kinder, die ruhig und aufmerksam an ihren Tischen saßen und sich am Ende sogar noch das Märchen von Rotkäppchen lammfromm anhörten.

Zufrieden klopfte ich mir im Geiste am Ende dieser Doppelstunde auf die Schulter und dachte: Laura, du bist Deutschland!

April 19, 2008

Philanthropische Pathologie am lebenden Familienmitglied

[Dies ist ein Gast-Beitrag von einem ehemals "unbekannten Frettchen"]  

Es heißt, der Weg zum Herz der Tochter führt über die (Schwieger-)mutter. Dies mag in meiner Heimat, der Voreifel, seit Jahrhunderten gelten und vereinfacht die Balz dort ungemein. Alle Beteiligten halten sich an diese sinnvolle Tradition, in seltenen Einzelfällen haben nur “Aahjeschmuste” (wegen Wohnungsnot oder Krupphusten hinzugezogene Stadtmenschen) Probleme mit der Umsetzung der korrekten Vor- oder Herangehensweise. In den einschlägigen Internet-Partnerbörsen findet sich dieser bedauernswerte Personenkreis auf Kurz oder Lang über die Umkreissuche, PLZ-Gebiet 521*.

Begibt man sich jedoch blauäugig in das Einflußgebiet eines Dortmunder Familien-Clans, werden derart profane Verhaltensregeln für liebestolle Jünglinge auf hinterhältigste Weise außer Kraft gesetzt. Sprich: plötzlich gibt es da noch eine “kleine Schwester” – die implizierte Verniedlichung für die Bezeichnung dieses Familienmitglieds birgt eine trügerische Sicherheit, von der man sich keinesfalls täuschen lassen sollte.

- Eigentlich hatte es meine Große und Einzige Liebe nur gut gemeint: nachdem ich ihren Auftritt in meiner Familie komplett versemmelt hatte, sollte ich zu ihrem Geburtstag erstmals auf Familie und Freunde treffen. Kein langsames Herantasten, Hallihallopipapo, bei so einem Fest – gefangen in einer 20m² Wohnküche – kommt man sich einfach am schnellsten am nächsten und jeder weiß danach, watt meng is’. Dachte ich, mir selbst Mut zusprechend und bereits vorausplanend, wie ich denn bei Vater, Mutter und evtl. der ein oder anderen Freundin einen möglichst angenehmen Eindruck hinterlassen könnte.

Welch eine Verschwendung, welch Irreführung. Die eine Freundin war durch nichts zum Sprechen zu bewegen, die andere kam später und man konnte sie leicht übersehen. Die Dritte entpuppte sich als unter Strom stehendes Energiebündel mit zunehmend roten Bäckchen und niemals stillstehendem Mundwerk oder Bewegungsapparat. Und da diese Nummer 3 von Beginn an der Mutter meiner Freundin nicht mehr von der Seite wich, war mein ausgeklügelter Voreifel-Schwiegermutter-Plan zum Scheitern verurteilt – schwiegermütterliche Mitgift-Verhandlungen führt man nicht mit Zeugen. Der Vater wiederum war Raucher: in Zeiten wie diesen sorgt das bis heute bei jedem familiären Zusammentreffen für kuschelige Viertelstunden auf Balkon oder Terrasse. Daran hat sich nichts geändert.

Lange Zeit unbemerkt blieb mir – ich gebe zu, irgendwie hat mich die gesamte Situation etwas überfordert – ein weiteres Wesen, das sich im Schlepptau der Eltern wie ein Trojanisches Pferd Zugang zur Wohnung verschafft hatte. Die, siehe oben, “kleine Schwester”.

Ihre (ihr von der Familie zugeteilte oder aber selbstauferlegte?) Aufgabe an diesem Tag war eindeutig, jede meiner Bewegungen und/oder Bemerkungen zu registrieren. Insbesondere suchte sie offenbar nach Hinweisen, die der von ihr vorsorglich alarmierten, vor dem Haus wartenden Ansammlung aus Söldnern und Ex-Legionären einen Grund liefern könnte, ihre innigst geliebte, zauberhafteste und unentbehrlichste Schwester aus meiner Gewalt zu befreien.

Ich habe den Tag mit einer ausgeklügelten Taktik aus Lächeln, Schweigsamkeit und Alkohol überstanden, wobei ich Letztgenannten wahlweise mir als auch dem Rest der anwesenden Gesellschaft einflößen musste. Sie trank nichts. Vermutlich fürchtete sie, ich würde das Problem – also sie – mit einem Schierlingsbecher aus der Welt schaffen.

Mittlerweile hat sich unser Verhältnis entspannt. Bereits zweimal habe ich Glückwunschkarten zum Geburtstag bekommen, in denen ich auch nach mehrmaligem Lesen nichts Feindseliges entdecken konnte. Auch zu Rate gezogene Graphologen versicherten mir bei beiden Exemplaren, dass das Schriftbild keinerlei Hinweise auf unterschwellig vorhandene Aggressionen gebe. Den Gedanken, dass die Karten von ihrem Kater geschrieben werden, habe ich verworfen. Paranoide Wesenszüge muss man im Keim ersticken.

Wenn sie termitengleich in unser neues Heim einfällt, ist die Süßigkeitenschublade mit allen Kostbarkeiten gefüllt, das – generell: Auswahl – ist ihr wichtig. Ansonsten bemühe ich mich, mit mehr oder weniger subtilem (angelesenem und antrainiertem) Humor eine Atmosphäre zu schaffen, die sie in Sicherheit wiegt und mir die in dieser Familie so beliebten Betonschuhe erspart. Politische Themen umgehe ich so gut es eben geht, meist unterhalten wir uns über Populär-Literatur. Im Moment belege ich bei der VHS einen Abendkurs für späte Quereinsteiger ins Frisörhandwerk – man weiß nie, wozu man das mal brauchen kann.

Nur den Druckertreiber, den habe ich ihr noch immer nicht installiert. Es ist immer gut, wenn man noch ein letztes As im Ärmel hat.

April 15, 2008

Haariges (kein Wortspiel, es geht wirklich um Haare!)

Wenn man bei einem Friseur sitzt und die Worte: Sie möchten also was freches? vernimmt, sollte man sofort laut und deutlich NEIN sagen oder sich den Umhang vom Leib reißen und so schnell wie die Beine tragen aus dem Laden laufen. Diese Frage bedeutet selten etwas Gutes. Mich hat sie einmal die Hälfte meiner Haarpracht gekostet. Freunde erkannten mich nicht mehr, meine Mutter erklärte, dass ich nicht mehr ihr Kind sei und mein Vater enterbte mich.

Vom Gerücht, dass viel Sonne die Haare wachsen lässt, angetrieben, verbrachte ich einen Sommer damit, jedem Sonnenstrahl nachzujagen. Wenn ich später wie ein Lederlappen aussehe, ist das die Schuld des Friseurs.

Ein anderes Mal antwortete ich auf die Frage, wie mir mein neuer Haarschnitt gefällt: “Ich wollte zwar nichts asymmetrisches, aber wenn ich mir jetzt noch einen Holzpapageien-Ohrring für die kürzere Seite kaufe, kann ich bei der Ortsvereinigung der Grünen eintreten.” Anstatt die eigene Arbeit kritisch zu hinterfragen, bzw. einfach mal festzustellen, dass man statt überall gleich viel abzuschneiden, die eine Seite auffallend kürzer bearbeitet hat, werden trotzig die Arme verschränkt. Das beleidigte Gucken gehört wohl zum Handwerk des Friseurs und wird mittlerweile auch in der Meister-Prüfung auf Kommando verlangt.

Ich frage mich oft, warum ich diesem Völkchen ihr ausgedehntes Luderleben finanziere und zum Dank etwas auf meinem Kopf vorfinde, das in manchen Fällen an eine Körperverletzung erinnert. Wenn die wie ein Tricolor-Meerschweinchen auf dem Kopf aussehen, dann ist das Künstlerpech oder soll eben im Gegenteil die Kreativität widerspiegeln. Aber normale Menschen, mit einem ästhetischen Empfinden mögen keine schwarz/rot/blonden Blocksträhnen in den Haaren – auch nicht zur EM. Und NEIN, ich mag auch keine Vo-ku-hi-la-Frisur, denn dafür müsste ich in den 80ern leben und mir einen Oberlippenbart wachsen lassen. – Ich möchte bitte einfach nur waschen, schneiden und selber fönen.

Aber das macht wohl in der heutigen Zeit kein Friseur mehr, der noch was auf sich hält …

April 15, 2008

Weltoffenes Einzelgängertum

Alles in allem würde ich mein neuntes Lebensjahr rückblickend als eher unschön bezeichnen. Marco aus der Parallelklasse zerdrückte eine handvoll Knallteufel auf meinem Kopf, bevor er mich unter lautem Lachen und Gegröle der MItschüler in einen Mülleimer presste. Dörte, aus der Stufe über mir, schubste mich in der darauffolgenden Woche und verhalf mir so zu meiner ersten amtlichen Gehirnerschütterung und drei Wochen schulfrei. Dominik und Jan entdeckten irgendwann im Laufe dieses Jahres, dass ihre Spucke sich hervorragend auf meinen Jacken und Mänteln machte und spuckten fortan, was ihr Flüssigkeitshaushalt hergab. – Das prägt.

Mein zehntes Lebensjahr hingegen brachte eine Wende. Jeden, der sich mir unkontrolliert näherte oder in keinerlei freundschaftlichem Kontakt zu mir stand, trat ich prophylaktisch in den Unterleib. Vorsicht ist besser als Nachsicht. Eines Tages entdeckte ich dann auch meine verbalen Fähigkeiten (nachdem der Logopäde mir das Stottern abtrainiert hatte).

Darüber hinaus erkannte ich in meiner Mutter eine wertvolle Verbündete. Sie stellte in einer beispiellosen Aktion Dominik und Jan nach der Schule und war wohl so überzeugend, dass beide nun Simone aus meiner Klasse anspuckten, statt mich. Unbehelligt konnte ich also die Grundschule absolvieren.

Über die subtilen Gemeinheiten, die mir anschließend neun lange Jahre auf dem Gymnasium immer wieder begegneten, schweige ich mich auf Anraten meines Psychologen an dieser Stelle lieber aus und bemühe ein Zitat von Christian Morgenstern: “Rückblick auf das deutsche Gymnasium. Zuerst hat mich die Schule zur Unaufrichtigkeit verleitet, sodann hat sie meine Sittlichkeit gefährdet, darauf hat sie mich durch absolute Nichtachtung und Verhöhnung meiner Individualität verbittert und verdüstert, zuletzt hat sie mich tödlich gelangweilt.”

Was ich aber ohne Bedenken sagen kann ist, dass Marco heute mit schweren Depressionen aufgrund von starkem Drogenkonsum ab und zu Gast in Entzugskliniken und Einrichtungen für psychisch Verwirrte ist. Dominik arbeitet in der Lampenabteilung von Karstadt. Und Jan ist nie über einen Grundschulabschluss hinaus gekommen. Irgendwann hat er sich dann mit gefälschten Zeugnissen versucht an einer Fachhochschule einzuschreiben (das ging aber daneben).

Ich bin nicht schadenfroh oder glaube daran, dass jeder einmal das bekommt, was er verdient. Meine Vermutung, jedoch, dass Sympathiebekundungen von Massen gegenüber einzelnen im Grunde gar nichts wert sind, finde ich in diesen gescheiterten Existenzen jedoch bestätigt. Ich war zwar damals der stotternde Quoten Depp mit fester Zahnspange und bunten Stirnbändern (die 80er verlangten diesen modischen Fauxpas!!!). Allerdings glaube ich rückblickend, dass dies nicht zu meinem Schaden war. Ich kann es ganz gut aushalten, wenn jemand über mich lacht und mich doof findet. Ich ordne meine Gedanken, meine Ansichten nicht dem Zweck unter von allen gemocht zu werden. Ich reduziere meine Sprache und ihre Inhalte nicht auf Schwammigkeiten und stürze mich so in die Belanglosigkeit, aus Angst jemandem könnte das, was ich sage nicht gefallen. Ich leiste mir Wissenslücken, Extravaganzen, besondere Merkmale zu haben und vertrete meine Meinung, ohne mich von irgendeiner Mode oder einem Gruppenzwang beeinflussen zu lassen. Ich bin nicht stark oder gräme mich den ganzen Tag in endloser Einsamkeit. So, wie ich bin kommt es mir einfacher vor, als immer nur vorzugeben, man wäre jemand anderes.

April 12, 2008

Platons Höhlengleichnis: Irgendwann auch in China?

Die olympischen Spiel haben mich noch nie sonderlich interessiert. Als man jedoch China als
Ausrichter der olympischen Spiele 2008 benannte, befand ich mich in einem Zustand
zwischen Vogelzeigen, starken Kopfschmerzen, dem Wunsch mich zu übergeben und ganz
laut wie Klaus Kinski zu seinen besten Tagen zu lachen. Meine Augen ruhten fortan (wie das
Auge Saurons) auf diesem Land, dem IOC und den Dingen, die da zwangsläufig kommen
mussten.

Ein Land, in dem Menschen unterdrückt, gefoltert, hingerichtet werden und das
Menschenrechte mit Füßen tritt, hielt ich nicht gerade geeignet für eine solche Veranstaltung.
Da hätte man genauso gut auch im Iran für die paar Wochen sporteln gehen können.
Der Iran ist in diesem Zusammenhang übrigens ein sehr gutes Stichwort. Denn John Coates,
Mitglied des IOC, bewertete die jüngsten Störungen des Fackellaufes und die damit
verbundenen Überlegungen den Lauf abzubrechen so: „Das ist, als ob man dem Terrorismus
nachgeben würde.”
(Darf man da mal den Puls fühlen?)

Genau, solange die Chinesen nur ihre eigenen Leute quälen, sind sie besser als jeder Terrorist-
oder Demonstrant. Was soll uns ein Regime ausgerechnet jetzt interessieren, wo wir doch so
gemütlich das Fest des Völker-Sportes halten wollen. Die Demonstranten sind wie Tante
Erika, die auf allen Familienfesten schlechte Stimmung verbreitet und alte Geschichten
wieder rauskramt. Deswegen mag man Tante Erika auch nicht sehen und hören und hofft,
wenn man nur lange genug das Telefonklingeln und ihre Postkarten ignoriert, dass sie
irgendwann verbittert aufgibt. 
Die Wahrheit ist aber: Nur weil man verbietet bestimmte Dinge beim Namen zu nennen, heißt
das noch lange nicht, dass sie auch nicht mehr existieren. Die Dinge büßen nicht an Relevanz
ein, ganz im Gegenteil.

Dass ein Boykott der Spiele kategorisch ausgeschlossen wird,  mit dem Verweis: Sport hat
mit Politik nichts zu tun und dabei vorschlägt, es doch einmal mit einem Wirtschaftsboykott
zu versuchen, ist schlichtweg blanker Hohn. Das ist so, als würden wir alle eine Runde
Schwarzer Peter spielen. Aber keiner will sich die Nase schwarz anmalen lassen.
Alles hängt mit allem zusammen. Und das nicht erst seit dem die olympischen Spiele in China
stattfinden.

Das Argument: In Moskau damals hat der Boykott auch nichts gebracht,
stimmt so im übrigen auch nicht. Natürlich wird China wegen einem Boykott nicht
Fahneschwenkend auf die Tibeter zugehen, sie in die Arme schließen und sagen: Nun
huschhusch, ihr lieben Tibeter! Ihr seid frei und unabhängig!- Jedoch hätte Chinas politische
Spitze angesichts fehlender Sportler ein Problem. Ein mediales Vorgaukeln gegenüber dem
eigenen Volk, dass die Welt nichts gegen uns hat und es gut findet, wie wir mit Tibetern,
Obdachlosen und streunenden Tieren umgehen, gäbe es nicht mehr. Die Politik in China wird
sich nicht von einen auf den anderen Tag verändern, vielleicht aber das Denken und das
Bewusstsein der Menschen, die in diesem Land leben.

April 9, 2008

Sonntags, 20.15 Uhr – bitte keine Anrufe!

Wenn sich der Sonntag anschickt  zu enden, man in der Küche steht, um noch ein paar Schnittchen zu schmieren, fröhlich vor sich her flötet, mit einem Satz auf die Couch in die richtige Sitzposition gesprungen ist, den richtigen Sender eingeschaltet hat, die ersten Takte der wohl bekanntesten Serienmelodie vernommen hat, dann … klingelt das Telefon.

Es gibt Menschen, denen einfach nichts heilig ist. Da wird belangloses Zeug geredet, der Hinweis: Ich gucke gerade Tatort, penetrant ignoriert, das Abebben von Gesprächsbeiträgen gekonnt mit neuen noch unbedeutenderen Geschichtchen überspielt, nur um am Ende den Vorwurf zu machen: Naja, dann stör’ ich dich nicht weiter Dann guck mal deinen Tatort.

Wenn man dann auflegt kann im Zweifelsfall eine Freundschaft kaputt oder ein Familienkrieg beschlossen sein, nach dem Motto: Ihr ist fernsehen wichtiger, als meine Probleme! Also sage ich: Du störst doch gar nicht, und robbe mich bis zum Fernseher vor, um den Ton minimal lauter zu machen und zwar so, dass der Anrufer ihn nicht hört (und sich meiner uneingeschränkten Aufmerksamkeit gewiss ist) und ich ihn mit einem Ohr gerade eben erahnen kann.

Irgendwann, Minuten später, nachdem man wieder über irgend ein Gesocks geredet hat, kommt dann folgende Frage: Um was gehts denn heute im Tatort? Und bei dieser Frage raste ich dann nach so viel Contenance aus. Wie soll ich das bitteschön wissen, wenn es mittlerweile schon viertel vor neun ist? Andere können in den Teletext gucken, aber mein Fernseher ist so alt, dass er noch nicht einmal eine Fernbedienung hat, geschweige denn die Teletext-Funktion.

Wenn ich dann leicht ungehalten sage: Interessiert dich doch eh nicht, gibt das nur neuen Gesprächsstoff. Also denke ich mir was aus und ende mit: Oh, jetzt wirds aber spannend! Ich will dich nicht abwürgen, aber das muss ich jetzt sehen … Je nach Tatort bin ich mal schneller oder langsamer mit diesem gespielten Ausruf. Wenn Berlin, Köln, Münster, Ludwigshafen oder Frankfurt dran sind, kann ich sehr schnell sein. Bei Eva Matthes oder der völlig überbewerteten Furtwängler lasse ich mir Zeit.

Mittlerweile habe ich jedoch nahezu jedem Menschen in meinem sozialen Umfeld einen imaginären Post-It ins Langzeitgedächtnis geklebt: Sonntags, 20.15 Uhr – keine Sprechstunde!

April 7, 2008

Pathologische Misanthropie für Anfänger…

Es heißt, es gäbe keine zweite Chance für den ersten Eindruck. Das mag allgemein stimmen, gilt jedoch nicht für mich. Manchmal beschließe ich in Königinnen-Manier, bestimmten Menschen noch nicht einmal das Privileg eines ersten Eindrucks zu gewähren. – Mein Königreich, meine Regeln!

Das gilt vor allen Dingen im Bereich des nicht-biologischen Familienzuwachses. Als meine innigst geliebte mittlere Schwester zu ihrem Geburtstag einlud und kleinlaut nuschelte, dass ihr neuer Freund auch da sein würde, begann ich dieses mir unbekannte Frettchen zu hassen. Es war mir egal, wer er war, was er machte, ob er ein netter Zeitgenosse war und gut zu meiner Schwester. Ich nahm von all dem pauschal das Gegenteil an.

Es konnte niemand nett sein, der mir meine Schwester für etwaige Freizeitvergnügungen weg nahm und sie abends am Telefonieren hinderte. Also fing  ich schon vor dem Geburtstag an die beste, zauberhafteste und unentbehrlichste Schwester auf diesem Erdenrund zu sein, um meinen gewichtigen Einfluss auf meine Schwester nicht zu verlieren (man sagt schließlich nicht umsonst, dass ich die große graue Eminenz im Hintergrund der Familie sei….und ich bin stolz auf die mafiösen Strukturen, die ich all die Jahre mühsam gehegt und gepflegt habe!!!!). Schließlich kam der Geburtstag und ich schaffte es mit einem abgehackten, gelangweilten, unpersönlichen Hallo, einem laschen Händedruck und dem Vermeiden von Blickkontakt diesem Halunken zu zeigen, dass seine Show bei mir nicht ziehen würde. Sein Dauergegrinse konnte mich nicht darüber hinwegtäuschen, dass er alles von einem Heiratsschwindler bis Massenmörder sein könnte.

Den ganzen Tag verbrachte er damit hinter oder neben meiner Schwester zu sitzen oder zu stehen und verstohlen zu lächeln. Er aß so gut wie nichts, hatte komische Haare und reden war offenbar auch nicht seine Stärke. Er schmeichelte sich bei meinem Vater durch den Umstand ein, dass er der einzige Raucher neben meinem Vater war. Verschwörerisch verschwanden also beide immer wieder auf dem Balkon – wohl zu konspirativen Zwecken. Mein Vater handelte anscheinend schon aus, wie viele Kamele er für meine Schwester haben wollte.

Als wir nach Hause fuhren, überschlugen sich meine Eltern förmlich im Auto mit Komplimenten für diesen Pantoffelhelden. Ich hingegen dachte nur, dass er meine Schwester sobald wir raus waren, wohl verprügelt hat.

Langelange Zeit herrschten in meinem Königreich noch derlei Vermutungen und argwöhnische Blicke konnte ich mir auch nicht ganz verkneifen. Wann das genau in den mittlerweile drei Jahren aufhörte kann ich nicht genau sagen. Allerdings habe ich dem Bürschchen noch neulich einen guten Rat in alter Pate-Manier gegeben: Wenn du meine Schwester unglücklich machst, wird La Familia dich unglücklich machen! Zieh schon mal die Betonschuhe an. -Gott-sei-Dank hat er einen ganz passablen Humor und hat mich nicht rausgeschmissen …

April 5, 2008

Survival of the fittest, war für Manfred nichts…

Den Satz: „Ich habe eine große Affinität zu Vögeln,” hat ein Bekannter seinerzeit völlig falsch interpretiert.- Wir sind nun nicht mehr miteinander bekannt und ich habe damals großzügig von einer Anzeige abgesehen. Schlimm, wenn Menschen Substantive von Verben nicht unterscheiden können …

Der Satz stimmt jedoch damals wie heute. Ich liebe Vögel, setze mich manchmal in die Einöde mit einem Feldstecher und beobachte das gefiederte Völkchen. Klingt komisch -im Sinne von seltsam- ist aber so.

Vor einigen Wochen wurde meine Vogelliebe allerdings auf eine harte Probe gestellt. Eine Taube flog mit voller Wucht gegen mein Wohnzimmerfenster und blieb auf dem breiten Fenstersims völlig benommen in bedenklicher Schräglage liegen. Es war mir ein Rätsel, wie sich der Himmel in meinen verdreckten Fenstern spiegeln und so der dicken Taube freie Flugbahn vorgaukeln konnte. Mein erster Gedanke war: Hoffentlich verreckt das Tier hier nicht.

Nachdem ich meinen äußerst interessierten Kater unter lauten Protesten ins Schlafzimmer gesperrt hatte, öffnete ich das Fenster. Mit welcher Taubenart hatte ich es hier zu tun? Denn Taube ist nicht gleich Taube! Die Hohltaube fiel aus, ebenso die Ringeltaube, Türkentaube und Turteltaube. Ich hatte es eindeutig mit einer ordinären Haustaube zu tun, die in ihrer Färbung der Felsentaube entsprach. Die Taube war männlich.

Das Tier lag noch immer auf der Seite und hatte Mühe die verschiedenen Funktionen seines Körpers zu kontrollieren. Ich hatte Mitleid mit Manfred, den ich spontan in mein Herz schloss und deswegen auch einen Namen geben musste. Manfred führte fortan ein herrliches Leben auf meinem Fenstersims. Zuerst machte ich ihm ein kleines Nest aus Watte und Stoffservietten, damit er eine komfortablere Sitzposition bekam. Anschließend stellte ich ein Schälchen Wasser und Vogelfutter heraus. Letzteres hatte ich im Winter für kleine Nicht-Zugvögel gekauft, jedoch nicht bedacht, dass in der Stadt schwerlich ein einziger Vogel mit großem Appetit zu finden sein würde.

Manfred ging es so schon am nächsten Tag viel besser, er gurrte fröhlich, als er mich sah und stürzte sich sofort wieder auf das bereitgestellte Futter. Dass ich eine Ratte der Lüfte bei mir beherbergte konnte ich selbstredend niemandem erzählen. Ich wäre wohl gelyncht worden. Manfred saß noch ein paar Tage auf meinem Sims und flog schließlich weg. Ein paar mal kam er noch vorbei und nervte mich früh morgens mit seinem Gurren.

Jetzt kommt Manfred nicht mehr vorbei. Ich habe da eine üble Vermutung und jemanden unter Verdacht. Vorgestern lief ich auf dem Bürgersteig entlang und wäre beinah in etwas getreten, das so aussah wie eine Taube. Allerdings fehlte an dem Ex-Vogel alles außer den Flügeln und Füßen. Nach ein paar weiteren Schritten kam rechts, von der Kirche her ein kleiner sportlicher Kater gelaufen … armer Manfred.

April 4, 2008

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