[Dies ist ein Gast-Beitrag von einem ehemals "unbekannten Frettchen"]
Es heißt, der Weg zum Herz der Tochter führt über die (Schwieger-)mutter. Dies mag in meiner Heimat, der Voreifel, seit Jahrhunderten gelten und vereinfacht die Balz dort ungemein. Alle Beteiligten halten sich an diese sinnvolle Tradition, in seltenen Einzelfällen haben nur “Aahjeschmuste” (wegen Wohnungsnot oder Krupphusten hinzugezogene Stadtmenschen) Probleme mit der Umsetzung der korrekten Vor- oder Herangehensweise. In den einschlägigen Internet-Partnerbörsen findet sich dieser bedauernswerte Personenkreis auf Kurz oder Lang über die Umkreissuche, PLZ-Gebiet 521*.
Begibt man sich jedoch blauäugig in das Einflußgebiet eines Dortmunder Familien-Clans, werden derart profane Verhaltensregeln für liebestolle Jünglinge auf hinterhältigste Weise außer Kraft gesetzt. Sprich: plötzlich gibt es da noch eine “kleine Schwester” – die implizierte Verniedlichung für die Bezeichnung dieses Familienmitglieds birgt eine trügerische Sicherheit, von der man sich keinesfalls täuschen lassen sollte.
- Eigentlich hatte es meine Große und Einzige Liebe nur gut gemeint: nachdem ich ihren Auftritt in meiner Familie komplett versemmelt hatte, sollte ich zu ihrem Geburtstag erstmals auf Familie und Freunde treffen. Kein langsames Herantasten, Hallihallopipapo, bei so einem Fest – gefangen in einer 20m² Wohnküche – kommt man sich einfach am schnellsten am nächsten und jeder weiß danach, watt meng is’. Dachte ich, mir selbst Mut zusprechend und bereits vorausplanend, wie ich denn bei Vater, Mutter und evtl. der ein oder anderen Freundin einen möglichst angenehmen Eindruck hinterlassen könnte.
Welch eine Verschwendung, welch Irreführung. Die eine Freundin war durch nichts zum Sprechen zu bewegen, die andere kam später und man konnte sie leicht übersehen. Die Dritte entpuppte sich als unter Strom stehendes Energiebündel mit zunehmend roten Bäckchen und niemals stillstehendem Mundwerk oder Bewegungsapparat. Und da diese Nummer 3 von Beginn an der Mutter meiner Freundin nicht mehr von der Seite wich, war mein ausgeklügelter Voreifel-Schwiegermutter-Plan zum Scheitern verurteilt – schwiegermütterliche Mitgift-Verhandlungen führt man nicht mit Zeugen. Der Vater wiederum war Raucher: in Zeiten wie diesen sorgt das bis heute bei jedem familiären Zusammentreffen für kuschelige Viertelstunden auf Balkon oder Terrasse. Daran hat sich nichts geändert.
Lange Zeit unbemerkt blieb mir – ich gebe zu, irgendwie hat mich die gesamte Situation etwas überfordert – ein weiteres Wesen, das sich im Schlepptau der Eltern wie ein Trojanisches Pferd Zugang zur Wohnung verschafft hatte. Die, siehe oben, “kleine Schwester”.
Ihre (ihr von der Familie zugeteilte oder aber selbstauferlegte?) Aufgabe an diesem Tag war eindeutig, jede meiner Bewegungen und/oder Bemerkungen zu registrieren. Insbesondere suchte sie offenbar nach Hinweisen, die der von ihr vorsorglich alarmierten, vor dem Haus wartenden Ansammlung aus Söldnern und Ex-Legionären einen Grund liefern könnte, ihre innigst geliebte, zauberhafteste und unentbehrlichste Schwester aus meiner Gewalt zu befreien.
Ich habe den Tag mit einer ausgeklügelten Taktik aus Lächeln, Schweigsamkeit und Alkohol überstanden, wobei ich Letztgenannten wahlweise mir als auch dem Rest der anwesenden Gesellschaft einflößen musste. Sie trank nichts. Vermutlich fürchtete sie, ich würde das Problem – also sie – mit einem Schierlingsbecher aus der Welt schaffen.
Mittlerweile hat sich unser Verhältnis entspannt. Bereits zweimal habe ich Glückwunschkarten zum Geburtstag bekommen, in denen ich auch nach mehrmaligem Lesen nichts Feindseliges entdecken konnte. Auch zu Rate gezogene Graphologen versicherten mir bei beiden Exemplaren, dass das Schriftbild keinerlei Hinweise auf unterschwellig vorhandene Aggressionen gebe. Den Gedanken, dass die Karten von ihrem Kater geschrieben werden, habe ich verworfen. Paranoide Wesenszüge muss man im Keim ersticken.
Wenn sie termitengleich in unser neues Heim einfällt, ist die Süßigkeitenschublade mit allen Kostbarkeiten gefüllt, das – generell: Auswahl – ist ihr wichtig. Ansonsten bemühe ich mich, mit mehr oder weniger subtilem (angelesenem und antrainiertem) Humor eine Atmosphäre zu schaffen, die sie in Sicherheit wiegt und mir die in dieser Familie so beliebten Betonschuhe erspart. Politische Themen umgehe ich so gut es eben geht, meist unterhalten wir uns über Populär-Literatur. Im Moment belege ich bei der VHS einen Abendkurs für späte Quereinsteiger ins Frisörhandwerk – man weiß nie, wozu man das mal brauchen kann.
Nur den Druckertreiber, den habe ich ihr noch immer nicht installiert. Es ist immer gut, wenn man noch ein letztes As im Ärmel hat.