Angela Merkel könnte es so einfach haben. Statt Nächte mit Diskussionen über Gesetze, Steuern und ähnlichem Gekrams zu verbringen und sich mit der SPD herumzuärgern, könnte sie einfach (freilich mit viel Übung) ihren Wasserhaushalt ihre Probleme lösen lassen.
Statt mit Bono über Afrika zu reden und sich Geld aus den Rippen leiern zu lassen, das sie nicht hat, könnte sie anfangen zu heulen. Erst ganz sachte, verstohlen und still und dann mit Worten untermalt, wie: „Bei uns haben manche Millionäre noch nicht einmal einen Ferrari. Stellen sie sich das mal vor! Und die Zeiten für Aktien und Vorstandsbosse sind auch nicht mehr so rosig. Das können sie auf ihrem irischen Schloss natürlich nicht wissen. Da mach ich ihnen, lieber Herr Bono, gar keine Vorwürfe. Was sollen sie schon von den Sorgen der kleinen Leute wissen! Ach verzeihen sie, es ist gar zu arg und nimmt mich sehr mit.“ An diesem Punkt wäre eine verschämte Abwendung und das Zücken eines Taschentuches von Vorteil. Und der tröstende Arm des Gutmensch-Musik- Robin Hoods ist ihr sicher.
Ich hatte mal eine Schulfreundin, die bei dem leisesten Hauch von Kritik oder Meinungsverschiedenheit anfing zu heulen. Zuerst sah sie so aus, als ob sie angestrengt zuhörte. Nachher stellte ich fest, dass sie in dieser Zeit sämtliche Wasservorräte in sich beschwor auf Kommando aus ihren Tränenkanälen zu schießen. Zuerst zuckte das Kinn, dann der Mund. Schließlich kräuselte sich ihre Stirn und dann kullerte es auch schon. Irgendwann ging mir diese Art von emotionaler Erpressung so gegen den Strich, dass ich sagte: „Mir ist egal, ob du jetzt wieder heulst, ich rede weiter!“ Seltsamerweise war nach diesem Zwischenfall mit Heulen und nassem Hundeblick Schluss.
Es ist wahr, dass eine heulende Person, ganz gleich wie wenig man sie mag, einem immer das Gefühl gibt: Du bist schuld, hör auf damit, auf mich einzureden! In Wahrheit zeigt es aber nur das Unvermögen eines Menschen sich zu streiten, nach Argumenten zu suchen oder zuzugeben, dass der andere recht hat. Heulen ist Totschläger und imaginäres STOP-Schild. Früher als Kind hätte man sich auf und ab springend an die Türklinke gehangen und geschrien, heute heult man. -Das ist zum weinen.