Heulen kommt von heucheln

Angela Merkel könnte es so einfach haben. Statt Nächte mit Diskussionen über Gesetze, Steuern und ähnlichem Gekrams zu verbringen und sich mit der SPD herumzuärgern, könnte sie einfach (freilich mit viel Übung) ihren Wasserhaushalt ihre Probleme lösen lassen.

Statt mit Bono über Afrika zu reden und sich Geld aus den Rippen leiern zu lassen, das sie nicht hat, könnte sie anfangen zu heulen. Erst ganz sachte, verstohlen und still und dann mit Worten untermalt, wie: „Bei uns haben manche Millionäre noch nicht einmal einen Ferrari. Stellen sie sich das mal vor! Und die Zeiten für Aktien und Vorstandsbosse sind auch nicht mehr so rosig. Das können sie auf ihrem irischen Schloss natürlich nicht wissen. Da mach ich ihnen, lieber Herr Bono, gar keine Vorwürfe. Was sollen sie schon von den Sorgen der kleinen Leute wissen! Ach verzeihen sie, es ist gar zu arg und nimmt mich sehr mit.“ An diesem Punkt wäre eine verschämte Abwendung und das Zücken eines Taschentuches von Vorteil. Und der tröstende Arm des Gutmensch-Musik- Robin Hoods ist ihr sicher.

Ich hatte mal eine Schulfreundin, die bei dem leisesten Hauch von Kritik oder Meinungsverschiedenheit anfing zu heulen. Zuerst sah sie so aus, als ob sie angestrengt zuhörte. Nachher stellte ich fest, dass sie in dieser Zeit sämtliche Wasservorräte in sich beschwor auf Kommando aus ihren Tränenkanälen zu schießen. Zuerst zuckte das Kinn, dann der Mund. Schließlich kräuselte sich ihre Stirn und dann kullerte es auch schon. Irgendwann ging mir diese Art von emotionaler Erpressung so gegen den Strich, dass ich sagte: „Mir ist egal, ob du jetzt wieder heulst, ich rede weiter!“ Seltsamerweise war nach diesem Zwischenfall mit Heulen und nassem Hundeblick Schluss.

Es ist wahr, dass eine heulende Person, ganz gleich wie wenig man sie mag, einem immer das Gefühl gibt: Du bist schuld, hör auf damit, auf mich einzureden! In Wahrheit zeigt es aber nur das Unvermögen eines Menschen sich zu streiten, nach Argumenten zu suchen oder zuzugeben, dass der andere recht hat. Heulen ist Totschläger und imaginäres STOP-Schild. Früher als Kind hätte man sich auf und ab springend an die Türklinke gehangen und geschrien, heute heult man. -Das ist zum weinen.

July 29, 2008

Die 80er

Neulich habe ich bei Ebay nach meinen geheimsten Kindertagewünschen gesucht und sie gefunden: Die Rockstar Barbie aus den Achtzigern. Rote auftoupierte Haare, blauer Lidschatten, neongelbe Bluse mit Rüschen, Glitzermantel, Leggins. Halb blöd vor Glück und mit einer Nostalgie-Träne im Augenwinkel streichelte ich gedankenverloren über den Bildschirm und flüsterte in Klausi-Mausi- Kinski-Manier: „Warte nur! Bald gehörst du mir!“ Den Ärger über meine Mutter, die damals bei Karstadt (ebenfalls mit toupierten Haaren und blauem Lidschatten) vor mir stand und meinte ich hätte genug Barbies, ließ ich bei dieser Erinnerung nicht wieder hoch kommen. Punktuelle Amnesie hat in solchen Momenten klare Vorteile.

Manchmal wünsche ich mir auch punktuell blind zu sein. Die 80er sind ja schon seit längerem wieder rein äußerlich salonfähig. Allerdings verstehen manche Menschen diese Reminiszenz nicht ganz und überhören auch Mahnungen der musikalischen Art wie: „It was acceptable in the 80´s.“ (=also jetzt nicht mehr).

Meine Tante (mütterlicherseits) zum Beispiel scheint in den 80ern sämtliche Restbestände eines Kosmetikherstellers aufgekauft zu haben, der mittlerweile wohl vom Markt genommen wurde, weil sich Schwermetalle und undefinierbare Substanzen in seinen Produkten befunden haben. Meine Tante kümmert´ s nicht. Was den Damen von Welt ihr Botox ist meiner Tante ihr Florida-Pink -Lippenstift und Kobalt-Blau-Lidschatten/- Wimperntusche /- Kajal. Wenn sich dann noch ein farbenfrohes Papageien-Gewand im Schrank findet, ist die Welt für sie in Ordnung und der Rest der Welt blind, sobald sie durch die Tür kommt.

Ich finde vor allem das Fernsehen sollte sich mehr an den 80ern (denn da war die Fernseh-Welt noch über weite Strecken in Ordnung) orientieren. Und ja, ich möchte von meinen GEZ-Gebühren bitte nur noch Simon &Simon, Fame, Trio mit vier Fäusten, Ein Colt für alle Fälle, Agentin mit Herz, Remington Steele, Hart aber herzlich, Falcon Crest und Ein Duke kommt selten allein sehen.  Und außerdem fordere ich die Fraggles mit echten Handpuppen wieder auszustrahlen, statt diesem lieblos dahin gekritzelten Comic. Also: 80er ja, aber bittscheen nur punktuell!

 

July 25, 2008

Ostfriesen sind anders

Die Sympathie von Ostfriesen gewinnt man nicht mit warmen Worten, großzügigem Wesen oder großen Taten. Der Ostfriese ist von Natur aus mit einem überproportionalen Ur-Misstrauen ausgestattet worden. Darüberhinaus zählen aber auch indiskrete Neugier, eine gewisse Spracharmut, Geiz bis zur Lächerlichkeit und zu guter letzt eine gut arbeitende Leber zu den Grundeigenschaften eines Bewohners dieses Landstriches.

Auf Charme reagiert der Ostfriese zurückhaltend bis verstört. Charme kommt anscheinend gleich hinter Geschlechtskrankheiten in der Beliebtheitsskala der unerforschten Sachgebiete der alltäglichen Lebensphänomene. Deswegen wird in diesen nördlichen Gebieten auch tendenziell weniger subtil geflirtet.

Durch die stille Dorfpost erfährt der geneigte Single schnell, wer denn momentan gerade auf dem Markt verfügbar ist und in Frage kommt. Zahlreiche Feste laden in den Sommermonaten dann zur Kontaktaufnahme ein, die normalerweise mit reichlich Alkohol, wenig Unterhaltung und noch weniger Nonchalance zu tun hat. Das mit dem Heiraten kann dann ganz schnell gehen, sofern die Bereitschaft zu anständigen hausfraulichen Tätigkeiten auf der einen Seite und ein Goldkettchen nebst gutem Verdienst auf der anderen Seite vorhanden sind. Wer das Kartenspiel Kuh-Handel kennt, ist hier klar im Vorteil, um den Vorgang schnellst möglich über die Bühne zu bekommen.  Der Ostfriese ist also mehr Pragmatist statt Bonvivant.

So ist er in allem. Bei schlechtem Wetter heißt es: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.- Bei Dauerregen, wie er zwischen Oktober und April häufiger vorkommt, gibt es den vielgerühmten Ostfriesennerz. Landestracht in dezentem gelb. Schlicht, aber praktisch. Dazu ein formschöner Gummistiefel und der Ostfriese ist ausgeh-fein.

Auch beim Thema Alkohol heißt es kurz und knapp: Nicht lang schnacken, Kopf in´ Nacken! Menschen, die bislang noch nicht die Möglichkeit hatten ausgiebig mit Alkohol zu hantieren, werden einfühlsam in die Alkoholsucht getrieben und zum unauffälligen Pegeltrinker ausgebildet.

Auch sprachlich mag es der Ostfriese eher schlicht und spartanisch. Reden ist Silber, Schweigen Gold. Irgendwo dazwischen steht der Friese mit all seinen Eigenheiten und denkt: „Do wat du wullt, de Lüd snackt doch!“

   

July 21, 2008

Bücher oder: Vom alten Proteus

Die beliebteste Frage, die Germanisten gern stellen, um sich die Wichtigkeit der eigenen Wissenschaft zu attestieren (und sich intellektuell einen runter zu holen) ist: „Warum heute noch … (Autor einsetzen) lesen?“ Selbstredend stellt der geübte Germanist diese Frage mit leicht gekräuselten Lippen und einer Grundfreude, wie sie besonders Kindern am Vor-Weihnachtstag eigen ist. Denn der Germanist hat im Geiste schon einen 60 minütigen Vortrag als kurze Antwort auf die Frage in petto. Ganz gleich, ob Interesse oder Bereitschaft zum Zuhören besteht.

Die Antwort fällt nahezu immer ähnlich aus, egal ob nun Goethe oder Hartmann von Aue: Alles unheimlich aktuell, gegenwartsbezogen, klug und natürlich wegbereitend und maßgeblich für die Entwicklung von allem, was mit Literatur und Kultur zu tun hat. Wenn man das dann so hört, fragt man sich still und ernst, ob auch nur ein Gegenwarts-Autor in 100 Jahren zu solchen Ehren kommen wird. Naja, vielleicht wenigstens die, denen man zumindest den Besitz eines Kulturbeutels nachweisen kann…Aber das ist ein anderes Feld.

Ich für meinen Teil halte nichts vom Kanon-Gewäsch und lese ohne Anleitung. Als 14-jährige fand ich Götz von Berlichingen großartig, wegen einem einzigen Satz, den Götz einem Gesandten der Majestät, der ihn dazu auffordert sich zu ergeben, entgegenschmettert: „Er aber, sag´s ihm, er kann mich im Arsch lecken!“ Ein Satz, genügte mich im jugendlichen Leichtsinn von Goethes Qualitäten zu überzeugen.

An Novalis´ Heinrich von Ofterdingen hat mich das Märchenhafte gereizt, an Macbeth der bösartige Charakter der Lady Macbeth, an Hundert Jahre Einsamkeit und Calderon de la Barcas La vida es sueno die plausible Verstörtheit mit allen Abgründen. Überhaupt waren Abgründe immer gut. Irgendwelche Roman-Helden, die eigentlich keine sein konnten und wollten.

Das Seltsame bei der Lektüre von Büchern ist und bleibt für mich jedoch, dass sie sich zu verändern scheinen. Es gibt Bücher, die lese ich jedes Jahr ein Mal und finde sie dann immer wieder anders. Das Proteus-Syndrom nenne ich dieses Phänomen, das selbstredend – wenig überraschend – mit dem Leser selbst etwas zu tun hat. Manches Buch löst jedoch geradezu einen Schreck aus, wenn man es wieder liest und man fragt sich: Wie konnte ich das nur gut finden? Beschämt stellt man diese Bücher dann ganz nach unten an den äußersten Rand des Regals, um sie nach einigen Jahren (in ganz schlimm peinlichen Fällen) auf dem Flohmarkt für einen Euro zu verrammschen.

Auf diese unrühmliche Weise gelangte Benjamin von S.-B. aus meinen Regalen. Der Buch-Gott habe ihn selig und erbarme sich seiner! Amen.

July 18, 2008

Pendeln macht glücklich…und reich…und schön…und überhaupt

Ein pendelnder Arbeitnehmer wird jeden Tag von Fortuna höchst persönlich geküsst. Er darf Kilometer weit im Stau stehen und zu seiner meist weit entfernten Arbeitsstelle viel Sprit verbrauchen, den er ein Mal im Jahr in Bruchteilen zurück erstattet bekommt. Sein Auto hat einen hohen Verschleiß und muss öfter in die Inspektion, die der Pendler selber zahlen darf. Um das Glück perfekt zu machen hat der Pendler meist auch viel weniger Freizeit, als der Nicht-Pendler. Herrlich!

Zudem ist der Pendler ohnehin meist ein Besserverdiener und lebt außerhalb der Stadt in seiner großen Villa im Grünen. Deswegen sei es sozial gesehen völlig ungerecht dem Pendler eine erhöhte Pendlerpauschale zu gewähren, findet Herr Professor Fuest von der Universität Trallala. Die Menschen in den Städten, die eine hohe Miete zahlen müssten würden schließlich auch nicht finanziell entlastet.

Herr Fuest beschäftigt sich täglich wissenschaftlich mit solchen Dingen. Das merkt man. Denn Wissenschaft hat meist sehr wenig mit Alltag zu tun. Herr Fuest wird in den anstehenden Semesterferien wahrscheinlich nur sehr selten dazu kommen in der Uni zu erscheinen. Ich schätze viel mehr als zu den Sprechstundenzeiten, die sporadisch anfallen, wird der Professor mit Durchblick nicht physisch anwesend sein. Er, als Beamter und Lehrender, kann auf seinen gesicherten und standortgebundenen Arbeitsplatz mit Sicherheit zählen, wenn er will. Das ist überaus erfreulich für Herrn Fuest.

Was der gute Mann allerdings vergisst ist, dass beispielsweise eine vierköpfige Familie im Ballungsraum (sagen wir München) wohl kaum ohne großzügige Schmiergelder und Kontakte zu einer geeigneten und den geldlichen Rahmen nicht sprengenden Wohnung kommen würde. Außerdem, lieber Herr Professor, leben wir nicht mehr vor den 80ern. Der Weg zur Schüppe ist nicht mehr durch einen fünf minütigen Fußweg zu meistern.

Menschen sind häufig aus den vielfältigsten Gründen gezwungen freiwillig und unfreiwillig ihren Job zu wechseln. Jedes Mal umzuziehen ist ein teures Vergnügen, das zudem ziemlich schnell zu sozialer Isolation führt. Außerdem sollte es jedem Menschen gestattet sein irgendwann das Leben eines Nomaden aufzugeben.

Und wenn man jetzt anfängt pendelnde Arbeitnehmer als egoistische Schmarotzer mit dickem Geldbeutel zu karikieren, könnte man genauso gut Universitätsprofessoren als besserwissende Nichtswisser (-blicker) bezeichnen (oder wie mein Opa seiner Zeit immer so schön sagte: „Schlauer als zehn Dumme“). Und das will doch keiner!

July 11, 2008

Wer suchet, der findet…

Es ist schon komisch im Sinne von seltsam, was die Menschen in die gängigen Suchmaschinen eingeben. Das ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, als ich auf diesen nonchalanten Beitrag gestoßen bin: http://u9tupfing.blogspot.com/2008/06/wie-ich-zum-ersten-mal-eine.html.

Also schaute ich mal bei mir nach, was die Leute allgemeinhin beschäftigt. Ich war erschüttert. Zig Suchanfragen lauteten in etwa so: „Onkel fickt Cousine“, „Ficken in der Mittagspause“, „Kleiner Ficker“, „Chef fickt Sekretärin“ oder auch mal ganz allgemein „ficken“. Mir wurde schlagartig klar, dass ich einen meiner ersten Beiträge wohl besser nicht „ Onkel Ficker und das Denkblasen-Problem“ genannt hätte. Dass sich Menschen in so vielfältiger und auch grenzwertiger Form mit diesem Thema beschäftigen (scheinbar sogar in der Mittagspause), dass der „Druck“ immer und überall so groß ist, das hat mich schwer überrascht.

Ebenso irritiert mich, dass viele Internet-Gänger ein großes Faible für  grottige Sendungen und einfältige Moderatoren mit schlechten Manieren und Jacketkronen haben. In etwa genauso verhält es sich mit dem Literaturgeschmack. Unerklärlicherweise tummelt sich Frau Roche mit ihrem Fummeln-Ficken-Firlefanz-Roman immer noch in den Bestsellerlisten, was immerhin beweist, dass die Unterschicht doch noch lesen kann. Desweiteren zeigen die Suchanfragen aber auch, was beim Leser hängenbleibt und worüber der Wissensdurst doch noch nicht befriedigt ist: „Muschi“, „Muschijucken“, „Muschilamellen“, „Schamhaarrasur“, „Muschi lecken“ und ähnliche wichtige Dinge.

Häufig findet auch der geneigte Sucher, der etwas über den „Canzoniere“ wissen möchte zu mir. Das ist schön. Umso ärgerlicher ist es, dass niemand von diesem verdammten Studenten-Pack mal „Dankeschön“ am Ende des Beitrags schreibt. Undank ist…ach lassen wir das.

July 9, 2008

B-gekloppt

Mein Ziehkind Benjamin hatte, wie bei kleinen Kindern üblich, seinerzeit einen etwas eigenartigen Wortschatz. Gurken waren Wurken, Bienen Bienas und statt bekloppt, zeigte der kleine Wonneproppen einen Vogel und sagte innbrünstig: „Du bist doch b-gekloppt!“.

Genau dieser Satz fiel mir Montagmorgen um sechs Uhr ein, als ich in der Schlange der Vorverkaufsstelle des BVB mit meinem Cousin stand und darauf wartete ab halb neun eine Dauerkarte für die kommende Saison zu erwerben. Nicht nur, dass ich b-gekloppt war, hier um diese unchristliche Zeit mit meinem Garten-Camping-Stuhl zu stehen. Nein, auch und vor allem diejenigen, die schon seit gestern Abend ihre Zelte aufgestellt hatten waren noch viel b-gekloppter als ich. Im Grunde also a-gekloppt.

Die Stimmung war friedlich, bis die Eingangstür in greifbare Nähe kam. Doch dann unternahm ein sorgloser Jüngling den Versuch sich vorzudrängeln und rechnete nicht mit der mutigen Gegenwehr einer *räusper* jungen Dame mit Regenschirm. Angestachelt durch so viel Gerechtigkeitssinn, formierte sich eine Art Mob. Dem Vater, der seine beiden Jungs zum Vordrängeln ermutigte, flog eine wahre Welle der Sympathie entgegen. Als einer aus der Menge rief: „Sag deinen beiden dicken Meerschweinchen mal, dass der Vorverkauf für Tokio Hotel woanders ist!“ kullerten die ersten Tränen. Ein Herr mit Gips-Arm nuschelte: „Die Scheiße is ja, dat de gleich einen ran kriegst, wenn de die Blagen anpackst.“

Als ich schließlich im Foyer der Vorverkaufsstelle stand und feststellte, dass sich schon wieder kleine braungebrannte Jungs mit Brilli im Ohr, und Stinktier-Frisur breitgrinsend und glucksend vorgedrängelt hatten, wurde sogar ich (mittlerweile mit Hämatom am Oberarm)ungehalten. Zuerst beschwerte ich mich bei den verängstigten Ordnern, die kaum mehr wagten die Tür zum Mob zu öffnen. Hier leistete ich Aufbauarbeit in Sachen Selbstbewusstsein. Danach tippte ich jedem Halbstarken mit dem Schirm auf die Schulter und äußerte in der mir eigenen würdevollen Art meinen Unmut und griff zu pädagogischen Maßnahmen. Die Gerechtigkeit war am Ende also wieder hergestellt und sogar ein paar erzieherische Tipps konnte ich am Ende an arglose Väter noch los werden. Schließlich hielt ich eine Dauerkarte in den Händen und stellte mit Genugtuung fest: Der Weg ist das Ziel und wenn ich übermüdet bin, kann ich auch schon mal von b- zu a-gekloppt wechseln. Das ist beunruhigend.

 

July 9, 2008

Der Feminismus ist tot…es lebe der Feminismus!

Im aktuellen Spiegel fand ich einen Beitrag, der mich sehr amüsierte. Es geht um die angeblich wieder erwachte Frauenbewegung mit all den tollen, starken und autarken Frauen des kulturellen und öffentlichen Lebens, die uns Normalo-Hinsiech-Frauen wieder ganz nach vorne bringen sollen.

Die üblichen Verdächtigen dieser Tage, wie Charlotte Roche oder Juli Zeh, werden brav genannt und ihre Anschauungen hoch gelobt. Sie seien die „Wegbereiterinnen eines neuen, anderen Feminismus.“ Frauen, die als Regisseurinnen oder Schriftstellerinnen arbeiten, werden als Leitfiguren benannt. Ihr neues Selbstbewusstsein, das sie in Ausstellungen mit so klangvoll wie engstirnigen Titeln wie „Ladies Only!“ oder „Female Trouble“ feiern, wird als großer Gewinn für die Frauenbewegung gefeiert. Gleichberechtigung klingt irgendwie anders. Alten Fregatten aus noch älteren Zeiten, die sich (selbstbestimmt) gegen Kinder entschieden hatten, wird der Garaus gemacht. Alice Schwarzer und Simone de Beauvoir sind ausrangierte Modelle.

Heldinnen sind dagegen heute Romanfiguren wie Helen Memel. Ganz recht, die Protagonistin aus den „Feuchtgebieten“ ist mir nichts dir nichts zur Heldin avanciert. Warum kann ich mir beim besten Willen nicht erklären. Ob sie eine Heldin der Körperöffnungen, des kleinsten Wortschatzes, der mangelndsten Hygiene, der Neurosen sein soll bleibt hierbei ungeklärt. Emanzipiert kann man ihr Verhalten am Ende des Romans jedoch wohl kaum nennen. Schließlich tauscht sie die Abhängigkeit des verkorksten Elternhauses gegen die Abhängigkeit eines Krankenpflegers, auf dessen Tasche sie fortan liegen wird. Chapeau!

Viel  bemerkenswerter ist jedoch, dass hier eine komplette Sparte zum Vorbild für emanzipierte Lebenswege erklärt wird. Dabei wird allerdings ein netter kleiner Umstand völlig außer Acht gelassen. Aller hier erwähnten Damen prollen auf sehr hohem Niveau. Die eine kann sich mit ihrem Ehemann, der ebenfalls Regisseur ist, in der Kindererziehung in regelmäßigen Abständen abwechseln. Künstlerinnen, wie Judith Holofernes zum Beispiel, haben mittlerweile Vollzeit-Kindermädchen entdeckt, wenn es auf Tour geht. Künstlerinnen sind demnach der alleinerziehenden Mutter, die einen ganz normalen Job als Kassiererin hat, gegenüber klar im Vorteil. Mit vollem Portemonnaie, einem flexiblen Zeitkonto lassen  sich die besten Sprüche klopfen.

Die kulturelle Elite lebt und denkt vornehmlich in einem Modell, wenn es um Emanzipation geht: Erfolg, Anerkennung für die Künstlerin und eine intakte Familie, in der es kein emotionales Oberhaupt gibt. Es scheint, als dürften sich dieser Tage nur Frauen mit Emanzipation beschäftigen und sich als emanzipiert bezeichnen, die mindestens ein Kind haben, beruflich sehr erfolgreich sind und folglich scheinbar doppelbelastet. Außerdem darf man auf gar keinen Fall an die alten Damen der Frauenbewegung erinnern und ihre theoretischen Denkansätze auf irgendeine Art lobend erwähnen (und klar: Kunst von Männern auch nicht).

Am Ende des Berichts gelingt dieses Vorhaben, eine Art Abneigung gegenüber der alten Zeit zu symbolisieren, allerdings nicht. Am Schluss kommt man sinngemäß auf das, was Simone de Beauvoir in ihrem (heute auch noch) maßgebenden Werk „Das andere Geschlecht“ sagte: „ Erst wenn es jedem Menschen möglich sein wird, seinen Stolz jenseits des Geschlechtsunterschieds im schwierigen Glanz seiner freien Existenz anzusiedeln, erst dann wird die Frau ihre Geschichte, ihre Probleme, ihre Zweifel und ihre Hoffnungen mit denen der Menschheit gleichsetzen können.“

 

July 8, 2008

Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen

Was wäre aus mir geworden, ohne Kant, Fichte, Rousseau, die Gebrüder Grimm, die Bibel, die Schlümpfe und die fürsorgliche Diktatur meiner Eltern und Lehrer? Wahrscheinlich würde ich heute auf dem Marktplatz stehen, Holz sammeln, eine rothaarige Frau darauf stellen und anschließend in guter alter Tradition ein Streichholz entzünden und „Hexe brenne!“ schreien.

Vielleicht würde ich aber auch wie derzeit viele andere in ein spanisches Kaff pilgern und den ganzen Tag verwirrte, verängstigte Stiere durch die engen Gassen jagen und am Abend den ach so mutigen Männern zujubeln, wenn sie die völlig erschöpften Tiere schließlich mit zig Speeren in der ausverkauften Arena  töten. Selbst über das noch im Todeskampf zuckende Tier würde ich wohl sinnlos jubeln und mit einem Glas Lambrusco auf die Freuden der Tradition anstoßen. Über die vielen Verletzten und Toten wäre ich natürlich unsagbar traurig und würde nicht denken, dass das die gerechte Strafe sei. http://pamplona.peta.de/protest.php

Oder aber ich wäre irgendein Richter oder Horst Seehofer und würde das Schächten unserer muslimischen Mitbürger tolerieren, ja sogar als Ausdruck des Glaubens befürworten. Ganz gleich, ob zahllose Länder, wie Schweden, die Schweiz und sogar Island es schon längst verboten hätten. Mich nicht darum kümmernd, ob mehrere tausend Schafe Jahr für Jahr ohne Betäubung (und somit wohl auch mehr aus Kostengründen) in muslimischen Schlachtereien durch einen Schnitt in die Kehle auf denkbar barbarische Weise getötet werden und sich mehrere Minuten lang unter Schmerzen krümmen und so unvorstellbar leiden. Ich würde einfach ignorieren, dass selbst in der Türkei mittlerweile die Tiere vorher betäubt werden. Ich würde den Muslimen, die Religiosität bei offensichtlicher sinnfreier Tierquälerei vorschicken, sagen, dass das in Ordnung sei und dass ich auf gar keinen Fall ihren Glauben und ihre Tradition angreifen möchte. Nur keinen Streit.

Es ist schon seltsam, was im Namen von Tradition und angeblichem Glauben in dieser Gesellschaft als in Ordnung durchgeht. Es ist unglaublich, wie ungerührt und desinteressiert wir daneben stehen und mit den Achseln zucken. Das ist eben Tradition. Kann man nichts machen.

Und ich bin froh, dass ich gelernt habe, was vor mir schon seit über 200 Jahren Menschen durch die Bewegung der Aufklärung kennen gelernt haben: „ Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. […] Habe den Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“

 

July 7, 2008

Qualität, Journalisten und das Internet

Ich habe im Vorbeigehen eine Frage gelesen: „Gefährdet das Internet den Qualitäts-Journalismus?“ Das ist eine Frage, die eigentlich nur Journalisten stellen können, die mit zittriger Hand Woche für Woche gegen ihre Schreibblockaden kämpfen müssen und dabei heimlich ins Internet gucken, wenn die Arbeitskollegen in der Mittagspause sind. Und nachdem sie das getan haben, fallen ihnen vor lauter Schreck dann solche Fragen ein.

Was heißt denn hier eigentlich Qualitäts-Journalismus? Gibt es den überhaupt oder ist er, wie das an der Schule unterrichtete Oxford English, nur ein Mythos, eine Utopie? Und wenn es ihn gibt, woran kann man ihn zweifelsfrei erkennen? Und warum hat der Journalist mit dem Prädikat: Qualitativ besonders wertvoll, dann ausgerechnet Angst vor dem Internet? Müsste er ja eigentlich nicht.

Als Qualitäts-Journalismus kann sich wohl jeder Bericht bezeichnen, der durch solides, handwerkliches Wissen entstanden ist und sich der Absolution des Presserats sicher sein kann. Diese Art von Journalismus muss in der Lage sein Leitbilder zu formulieren, dabei aber auch gleichzeitig unabhängig von irgendwelchen Einflüssen, Gremien, etc. sein. Der Qualitäts-Journalist muss sich auch mal Kritik von innen und außen gefallen lassen und über die Fähigkeit verfügen, diese gewinnbringend in seiner Folgearbeit umzusetzen. Zwischen all diesen Dingen darf natürlich die gewissenhafte und penible Recherchearbeit nicht zu kurz kommen. So leistet jeder noch so kleine Qualitäts-Journalist einen gewichtigen Beitrag zu unserem kulturellen, demokratischen und bildungstechnischen  Miteinander. Ein Qualitäts-Journalist ist also eine Mischung aus Gott, der alles sieht, weiß und nur das Gute und Wahre will, Robin Hood und der guten Fee aus irgendeinem Märchen. Mit anderen Worten, liebe Kinder: Den Weihnachtsmann und den Qualitäts-Journalisten, so wie sich diese Sparte selber gern definiert, gibt es nicht. Tut mir leid. Nennt mich Pandora.

Sehr wohl gibt es aber Menschen, die einen ganz anderen Beruf erlernt haben, ein ganz anderes Leben führen , als der sogenannte Qualitäts-Journalist und sich trotzdem erdreisten ihre Meinungen, Gedanken, Gehörtes in einen Text zu bannen und ihn ungehörigerweise dank des infamen technischen Fortschritts ins Netz zu stellen, sodass alle ihn lesen können. Und das Schlimmste daran ist, dass solche Texte sogar gelesen und für gut befunden werden. Da grämt sich der Journalist, der doch eine so gute Ausbildung genossen hat und dachte nur ihm wäre der goldene, heilige Griffel verliehen worden. Penis-Neid und Streit im und um das geschriebenen Wort, das ist das 21. Jahrhundert. Vielleicht ist das ja die sogenannte „Preßfrechheit“, von der Goethe schon einst sprach. Wenn dem nicht so ist, muss man sich, angesichts so viel eigen Affenliebe, Misstrauen, Selbstzweifeln und unbegründeter Kritik wundern und mit den Achseln zucken. Mehr nicht.

   

July 4, 2008

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