Jetzt auf Anjejackert: Die neue Blognovela

August 29th, 2008 § 3 comments § permalink

Telenovela war gestern…- Jede Woche hat meine anjejackerte Leserschaft ab sofort die Möglichkeit, mir drei beliebige Sätze * vorzugeben, aus denen ich eine kleine Geschichte zurecht schnitze. Falls dann – trotz aller Mühe, Schweiß und Tränen – noch etwas fehlen sollte, sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Es darf und soll sogar weiter geschrieben werden … und weiter … und weiter … und weiter …

 * bitte mit Niveau

Hoch soll er leben! Goethes 259. Geburtstag – (wenn er es geschafft hätte…)

August 27th, 2008 § 1 comment § permalink

Wer persönlich ein Ständchen vortragen oder die Kaffeetafel herrichten möchte, muss sich wohl oder übel in die Weimarer Fürstengruft begeben. Überhaupt ist zu vermuten, dass sich dieser Tage wieder einmal mehr Menschenmengen in Birkenstocks durch die beschaulichen und pittoresken Gassen von Weimar schieben werden, als sonst. Wo sie ihre Wege hinführen werden ist leicht zu erraten: Goethehaus, Goethes Gartenhäuschen, Fürstengruft, Wittumspalais, Schloss Tiefurt, Schloss Belvedere, die Seifengasse, das Haus der Frau von Stein, die wieder hergestellte Herzogin Anna Amalia Bibliothek und überall da hin, wo Goethe mal kurz „Hallo“ rein gerufen hat.

Manch einer mag dieses Treiben als Reliquien-Kult oder Pseudo-kulturell-interessierte-Touristen-Abfress-Mentalität betiteln. Sicher geht es hier, wie bei jedem anständigen Touristen um Konsum und die Frage: „Wie schaffe ich es, alle Sehenswürdigkeiten (schon das Wort ist anmaßend!) in möglichst kurzer Zeit – mit Foto – zu besichtigen?“ Dass Goethe wohl nie persönlich um’s Eck kommen wird, haben einige zumindest theoretisch verinnerlicht. Das ist beruhigend. In der Praxis jedoch wird zu manchen Anlässen ein Schauspieler als Goethe verkleidet. Dieser tritt aus dem Haupteingang am Frauenplan und grüßt freundlich in Beatrix-Manier in die Menge – Ohnmachtsopfer waren bislang noch nicht zu beklagen. Das ist die eine Seite: Disneyland für Goethe-Fans. Irgendwie zum Kotzen. Aber zumindest bleibt durch dieses nicht abflachende Interesse am Dichter die Bausubstanz in einem pfleglichen Zustand (was zu DDR Zeiten ja eher nicht der Fall war).

Was sonst, ist vom Dichter übrig geblieben? Da Goethe für die damaligen Verhältnisse ein recht hohes Alter erreicht hat und schon zu Lebzeiten genaue Anweisungen im Bezug auf seinen Nachlass, samt Werken, Papieren, Tagebüchern, Korrespondenzen und Sammlungen getroffen hat, ist der Nachwelt ein nahezu lückenloses Lebenswerk erhalten geblieben.

Die einen werden eine gewisse Zeit mit diesem Werk in der Schule gequält, die anderen beschäftigen sich freiwillig damit. Wer die Literatur der Gegenwart bewerten und verstehen möchte, muss ihre Ursprünge und Weiterentwicklungen in groben Zügen kennen und in Zusammenhang setzen können. Klingt seltsam und hoch gestapelt, ist aber so. Kann ja auch keiner mit den Binomischen Formeln anfangen, ohne vorher wenigstens addieren, subtrahieren, multiplizieren und dividieren gelernt zu haben. Literatur ist bei allen schönen Worten und verlustieren nämlich auch eine Wissenschaft. Und wer keinerlei Ahnung davon hat, sollte sich bedeckt halten.

Nach diesem kleinen Echauffierer nun aber wieder zu der vorherigen Frage: Was bleibt, wenn jemand, der „Epoche gemacht hat“ stirbt? Die Nihilisten werden müde über diese Frage lächeln und andere werden sagen: „War alles schon mal da und jede Lücke wird irgendwann geschlossen. Und überhaupt: Was sollen wir heute noch mit dem Goethe?“

Die wissenschaftliche Antwort hierauf erspare ich mir und Teilen meiner geneigten Leserschaft. Dass Themen, wie Eifersucht, Machtgier, Konspiration, Liebe, Charakterbildung (u.s.w.) rein gar nichts mit Zeit zu tun haben, muss wohl auch nicht sonderlich erwähnt werden. Die Menschen beschäftigen schließlich im Kern immer die gleichen Dinge. Lediglich die Geschichten drum herum, die Worte und der daraus gezogene Schluss variieren von Jahrhundert zu Jahrhundert.

Die schlussendliche  Antwort auf die Frage verweist schließlich auf Leibniz, Shaftesbury und nicht zuletzt auch auf Goethe: Tod ist nicht Ende, sondern Verwandlung und Übergang in einem geistigen Sinne: „Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen – unvermögend aus ihr herauszutreten, und unvermögend tiefer in sie hinein zu kommen. […] Sie schafft ewig neue Gestalten; was da ist war noch nie, was war kommt nicht wieder – alles ist neu, und doch immer das Alte. […] Sie scheint alles auf Individualität angelegt zu haben, und macht sich nichts aus den Individuen. Sie baut immer und zerstört immer, und ihre Werkstätte ist unzugänglich. […] Jedes ihrer Werke hat ein eigenes Wesen, jede ihrer Erscheinungen den isoliertesten Begriff, und doch macht alles Eins aus. […] Es ist ein ewiges Leben, Werden und Bewegen in ihr, und doch rückt sie nicht weiter. […] Leben ist ihre schönste Erfindung, und der Tod ist ihr Kunstgriff viel Leben zu haben. […] Sie hat keine Sprache noch Rede, aber sie schafft Zungen und Herzen durch die sie fühlt und spricht. […]“

Wer glaubt, Kunst sei sterblich, der geht am besten in den Zoo und füttert die Affen oder macht Sightseeing in Weimar.

Goethe Geburtstag

Grabpflege ist auch Öffentlichkeitsarbeit

August 26th, 2008 § 1 comment § permalink

Selbst wenn man schon lange tot ist, so verliert eine Sache doch nie an Relevanz: Die Außenwirkung. Den Betroffenen selbst kann das relativ gleichgültig sein. Aber den Hinterbliebenen ist es das eben nicht. Ein sonntäglicher Spaziergang über den Friedhof kann ein wahrer Augenöffner in Sachen PR für Hinterbliebene auf der einen und der Feststellung von defizitären familiären Gegebenheiten auf der anderen Seite sein.

„Da denken doch alle, da würden Asoziale liegen!“ Diesen Satz sagte meine Mutter bei einem neuerlichen Besuch der Familiengruft und versuchte mit ein paar Handgriffen und kaum zu verstehenden  Unmutsäußerungen zu retten, was noch zu retten war. Doch schon bald war die Entscheidung gefallen: Hier war nichts mehr zu retten und was würde ihre Mutter dazu sagen, die nun hier liegt und bei der es aussieht, wie bei Hempels? Dem Vater ist es ja egal. Der hat sich nie was aus Blumen und einem schönen Vorgarten gemacht. Der hätte am liebsten den ganzen Garten voller Tabakpflanzen gehabt.

„Wir reißen hier den ganzen Kram raus! Und machen der Oma alles schön neu!“ (Dem Opa natürlich nicht). -In wenigen Minuten war das Organisatorische per Mobiltelefon geklärt und die Umgestaltung eine abgemachte Sache. Mit dem Vorgefühl, bald nun nicht mehr der Gesprächsmittelpunkt des Gräberfeldes 21 zu sein, ging meine Mutter beschwingt an anderen Gräbern vorbei und deutete auf ein trostloses und überwuchertes Grab: „Tja, die Kinder von der Ella kommen wohl auch nicht mehr. Und wie hat sie sich für die undankbaren Dinger immer aufgeopfert und jetzt guck dir das an. Ein Jammer sag ich dir, ein Jammer!“

Namensschubladen

August 25th, 2008 § 8 comments § permalink

Neulich grüßte mich jemand aus der Menge souverän mit Vornamen. So etwas hasse ich und halte ich zudem auch für Klugscheißerei. Ich weiß ja schließlich, wie ich heiße. Und die Tatsache, dass derjenige das weiß, soll wohl deutlich machen, wie beeindruckend groß seine Speicherkapazität im Frontlappen ist. Das nennt man dann wohl Gehirn-Quartett… -Regelmäßig stellen mich solche Situationen jedoch vor ein und dasselbe Problem: Wie heißt derjenige, der da so ein superbes Namensgedächtnis hat? Und was stimmt mit meinen Synapsen nicht?

In solchen Situationen verweile ich dann erst einmal bei einer neutralen Anrede, bis ich die Vornamensschublade öffne. In dieser befinden sich meist drei bis fünf Vornamen. Das heißt, wenn jemand Christian heißt, assoziiere ich –keine Ahnung warum- mit diesem Vornamen auch gleichzeitig Christoph und Markus. Und wenn ich diesen Christian dann irgendwann mal wieder treffe, dann überlege ich, welcher von den drei Namen nun seiner sein könnte.

Ganz schlimm ist die Schublade für Nico, Benjamin, Thorsten, Fabian und Stefan. Jemand, der so heißt und mit mir entfernt bekannt ist, darf nicht zürnen, wenn ich es zum wiederholten Male nicht auf Anhieb schaffe. Ähnlich ist es bei Julia, Anna und Sophia (oder Sophie). Katharina, Bianka und Maria sind auch nicht viel besser.

In der Grundschule hatte ich fünf Freundinnen, die folgendermaßen hießen: Christina, Christina, Christin, Christine, Christiane. –Ich glaube, dass diese frühe Namens-Konfusion der Verwirrung den Weg bis heute geebnet hat. Namensschildchen würden das Leben bedeutend einfacher machen… 

DINGDONG-die Scientologen sind da!

August 25th, 2008 § 1 comment § permalink

Früher war alles leichter. Man konnte sich darauf verlassen, dass wenn es zum Beispiel unerwartet an der Tür klingelt, entweder die Jungs und Mädels von Jehova und seinen Zeugen sind oder der ewig nette Mensch von Vorwerk.

Aber die Zeiten ändern sich eben. Der Wandel ist nun das Beständige. Jeder muss sich jederzeit auf eine Veränderung einstellen und bereit sein sich auch auf Zuruf in Sekundenbruchteilen selbst zu verändern. Gestern noch Raiders, heute Twix. Aus Prince wird über Nacht  The Artist formally known as prince. Und aus einem soliden B- wird mir-nichts-dir-nichts ein F-Körbchen. -Auf nichts und niemand  ist mehr Verlass.

Und da wundert es dann auch nicht, dass ganz unverhofft die sympathischen Angestellten des Scientologen-Konzerns  ihre Bücher an der Tür verkaufen wollen und Postwurfsendungen in China-Schnell-Imbiss-Manier in den Briefkasten werfen. Da muss man Verständnis für haben: Die machen doch auch nur in dieser schnelllebigen Welt ihren Job… -aber gruselig ist es schon.

Ein Gedicht

August 25th, 2008 § 0 comments § permalink

Das folgende ist natürlich nicht irgendein Gedicht und leider ist es auch nicht von mir. Es ist eines meiner Lieblings-Gedichte, weil es ziemlich genau geschätzte 70% der Menschen mit nur 87 Worten derart präzise beschreibt, dass man laut lachen kann, bei gleichzeitiger Übelkeit.

Selbstbildnis

Oft für kompakt gehalten

Für eine runde Sache

Die geläufig zu leben versteht-

Doch einsam frühstücke ich nach Träumen

In denen nichts geschieht.

Ich mein Ärgernis

Mit Haarausfall und wunden Füßen

Einssechsundachtzig und Beamtensohn

Bin mir unabkömmlich

Unveräußerlich kenne ich

Meinen Wert eine Spur zu genau

Und mach Liebe wie Gedichte nebenbei.

Mein Gesicht verkommen

Vorteilhaft im Schummerlicht

Und bei ernsten Gesprächen.

Ich Zigarettenraucher halb schon Asche

Kaffeetrinker mit den älteren Damen

Die mir halfen

Wegen meiner sympathischen Fresse und

Der Rücksichtslosigkeit mit der

Ich höflich bin.

 Von Nicolas Born

Sie Arsch

August 19th, 2008 § 8 comments § permalink

Ich bin kein Kuschel-Duzer, der einfach mal wildfremde Menschen anduzt, um für eine lockere Atmosphäre zu sorgen. Ich bleibe gerne und lange beim Sie und verdiene mir mein Du. Ich bin froh, dass die deutsche Sprache so etwas hergibt. Ich empfinde Siezen nicht als antiquiert und überflüssig. Das macht mich in meiner Generation eindeutig zum Exoten.

In die Spanplatten-Schmiede eines schwedischen Möbelherstellers setze ich deswegen auch nur ungern mein zartes Füßchen. Überall nur penetrantes DUDUDU. Und wenn man einen emsigen Verkäufer im Gespräch einfach mal fragt: „Kennen wir uns?“ kommt gleich ein Rattenschwanz von Erklärungen, warum es sozial, firmenphilosophisch und so weiter unheimlich wichtig und richtig ist, sich zu duzen. Ach ja, und im Übrigen haben die Schweden das Duzen im Grunde erfunden und salonfähig gemacht. Jaja…

Dass Siezen etwas mit Respekt zu tun hat und einen dementsprechenden Abstand, eine natürliche Hemmschwelle (die verhindert etwas unhöfliches zu sagen) zwischen zwei sprechenden Menschen herstellt, empfinden manche als unsozial. Denn wir sind ja alle gleich und niemand darf sich über den anderen stellen. Die Menschen, die so etwas sagen, sind meistens auch diejenigen, die sich in der Schlange der IKEA-Kantine mit Sören und Tomke an der Hand an allen anderen Wartenden vorbeidrängeln. -Weil sie gleicher als gleich sind.

Im Arbeitsleben kann die Duz-Pflicht für Mitarbeiter allerdings unangenehm sein. Manchmal möchte man zu Jürgen einfach nicht mehr Du sagen. Mein früherer Abteilungs-Chef hatte sich anlässlich der Weihnachtslichterketten-Affäre (in der es um eine weihnachtliche Schmückung meines tristen Arbeitsplatzes ging) direkt, ohne Vorgespräch bei der Personalchefin über mich bitterlich beschwert. Sie verwies ihn an mich. Seine unglaublich schlecht vorgetragene Bitte, doch das Schmückzeug freundlicherweise abzunehmen, fiel auf vorbereiteten Boden (merke: Sei immer gut mit den Personalern und sei dir ihrer Loyalität gewiss!). Meine kurze Antwort, mit einem Lächeln vorgetragen, enthielt viele verschiedene, teils verschlüsselte und auch nonverbale Nachrichten für ihn: „Kein Problem. Ich nehme sie sofort ab, Sie Arsch.“

Zähne sind wichtig

August 15th, 2008 § 0 comments § permalink

Ein Zahnarzt hat zu einer mir nahe stehenden Person –die hier nicht näher benannt werden soll- gesagt, dass er für jeden Tag, an dem er seine Zähne noch hat, eine Kerze anzünden soll. Naja, der Zahnarzt war Holländer und die Tulpenknicker sind ja nicht gerade für ihre Freundlichkeit gegenüber der deutschen Bevölkerung bekannt. Und dennoch steckt ein wahrer Kern in dieser Aussage. Die ungepflegten Stumpen im Mund des Betroffenen hätten eines in der Vergangenheit offensichtlich sehr nötig gehabt: Pflege.

Keine Ahnung, warum manche Menschen glauben zur Zahnpflege sei nicht mehr als Meridol oder eine andere Mundspülung nötig. Rätselhaft bleibt auch die Einstellung: Ein Mal am Tag putzen ist besser als kein Mal. Und wer Zahnseide für eine feine Textilart hält, dem ist ohnehin nicht mehr zu helfen.

Schon Frau Treude im Kindergarten hat mich eines Tages ernst zur Seite genommen und mich auf den miserablen Zustand meiner Milchzähne angesprochen. Dafür bin ich ihr heute auch noch sehr dankbar und zeige jedem, der es nötig hat, gern auch unaufgefordert meine Milchzahnsammlung, samt Löchern.

Wenn so ein Abschreckungserlebnis nichts bringt, kann man den Klappermann vorsorglich schon mal beim Zahnlabor seines Vertrauens bestellen und ein paar Taler beiseite legen oder sich aus einem alten Stück Treibholz Zähne wie Stefan Raab schnitzen. Wer Elfenbein (pfui!) auftreiben kann, kann sich beim Schnitzen am Modell Sabine Christiansen orientieren. Vielleicht wäre auch noch eine Karriere auf der Galopp-Rennbahn drin, frei nach dem Motto: „Leute, putzt euch die Zähne, morgen ist Pferderennen!“

… to go macht unglücklich

August 8th, 2008 § 7 comments § permalink

Neulich erklärte mir mein kleiner Cousin, dass „Beer to go“ jetzt unheimlich angesagt sei. Auf meine Frage, warum er sein Bier nicht einfach im Sitzen trinkt, antwortete er mit einem abschätzigen und verständnislosen Blick: „Keine Zeit, bei drei Parties am Abend.“ Das ist das schlimme Dilemma, in dem sich Jugendliche dieser Tage befinden. Ein „Abi to go“ wäre unter diesen zeitknappen Umständen wünschenswert.

Ich werde wohl nie verstehen, wieso Menschen morgens ihre Zeit lieber mit hektischem Gesicht in endlosen Schlangen vor amerikanischen Kaffeebräu-Häusern verbringen, statt in der heimischen Küche gemütlich was Eigenes aufzubrühen. Das ganze Leben scheint aus lächerlichen „to go“ s zu bestehen. Alles wird mund-, zeit- und idiotengerecht auf das Leben des Durchschnittsmenschen zurechtgebastelt. Und dieser Durchschnittsmensch scheint in irgendeiner Form von diesem Hasen in Alice im Wunderland mit der riesen Uhr abzustammen, der immerfort ruft: „Keine Zeit, keine Zeit!“

Theodor Fontane hat es vor mehr als 100 Jahren schon auf den Punkt gebracht, als er feststellte:„Die große Stadt hat nicht Zeit zum Denken und, was noch schlimmer ist, sie hat auch nicht Zeit zum Glück. Was sie hundertfältig schafft, ist nur die „Jagd nach dem Glück“, die gleichbedeutend ist mit Unglück.“ Also: Allen allmorgendlichen Kaffee-Jägern viel Spaß weiterhin! 

Geburtstagsdepression

August 7th, 2008 § 7 comments § permalink

Jedes Jahr das Gleiche: Ich erwarte nichts und bin dennoch enttäuscht. Jedes Jahr nehme ich mir vor zu verreisen und die buckelige Verwandtschaft samt Kaffeedurst vor verschlossenen Türen zurück zu lassen. Und jedes Jahr kommt mir der Sommerschlussverkauf in die Quere und ich haue all mein Erspartes für Dinge auf den Kopf, die ich entweder schon habe, oder die so bescheiden bei Betrachtung im heimischen Spiegel aussehen, dass ich sie garantiert zum nächsten Flohmarkt mitnehme und auf den Wühltisch schmeiße.

Dieses Jahr kam allerdings noch eine Schlechte-Laune-Komponente hinzu, mit der ich nicht gerechnet hatte: mein offenbar fortschreitendes Alter. In der Bahn machten mich zwei Jünglinge auf diesen Umstand aufmerksam. Ein Jüngling blieb vor mir stehen und lächelte mich an, als der andere Rotzlöffel durchs Abteil raunte: „Man, die Ische ist viel zu alt für dich. Die könnte deine Mutter sein!“ Das saß. Ich, von Lolita, über Lorelei zu Mrs. Robinson. Einfach so. Ohne Vorwarnung. Trotz gewissenhafter Pflege. Der Lack ist ab. Innenleben ist auch nicht mehr viel vorhanden.

An solchen Tagen, so denkt man, kann einen nichts mehr erschüttern. Und doch, da war es: Das mieseste Geschenk des 21. Jahrhunderts. Waren in den 90ern Socken der Inbegriff der Einfallslosigkeit, so sind es heute bunte einzelne Kaffeetassen. Was soll man damit als überzeugter Teetrinker? Und überhaupt? Wer sammelt einzelne geschmacklose Kaffebecher aus 10cm dickem „Porzellan“? Als Blumenvase sind diese Pötte auch nicht zu gebrauchen. Selbst das Motto: Dieses Geschenk eignet sich prima zum weiter verschenken, findet hier keine Anwendung. Denn man würde sich in Grund und Boden schämen so etwas sinnloses, hässliches, nichtsnutziges und platzverschwendendes an jemanden zu verschenken, den man mag. Und selbst Menschen, die in nicht so hoher Gunst stehen, will man so etwas ersparen. Wenn man allerdings alle Tassen sammelt und bis zum nächsten Polterabend wartet, kann man herrlich seinen angestauten Geburtstags-Frusteleien freien Lauf lassen…

Where am I?

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