September 25th, 2008 § § permalink
Wenn man aktives Familienmitglied ist, hat man es oft nicht leicht. Als Gabi dies feststellte war sie vierzehn, in der Blüte der Pubertät und hatte eine feste Zahnspange. Sie trug T-Shirts mit der Aufschrift: „Bitte versteht mein Verhalten als Zeichen der Ablehnung“ oder „Ich bin die geistige Nachgeburt der RAF.“ Im Großen und Ganzen war demnach absolute Vorsicht im Umgang mit diesem Kind geboten.
Ihre Tante –mütterlicherseits- störte dies nicht. Denn sie war ihres Zeichens staatlich geprüfter Kinderschreck. Sie arbeitete im Sekretariat der Schule, in der sich Gabi ein Mal im Monat eine fünf im Fach Mathematik abholte. Gabi schaffte es nie schneller zu sein, als der Finger ihrer Tante auf der Wählscheibe des Schultelefons. Kam sie zu Hause an, stand ihre Mutter schon mit enttäuschter Miene vor ihr und sagte: „Hat es schon jemals ein dümmeres Kind, als dich gegeben?“ –Ihr großer Bruder rief dann, bevor Gabi anfangen konnte zu heulen, voller Inbrunst: „Ja! Mich!“
Wenn Gabi sich dann bei Gelegenheit bei ihrer Mutter bitterlich über dieses Tier von Tante beschwerte, sagte diese nur milde lächelnd: „Ach Gabi! Sei doch nicht so hart. Tanten sind auch nur Menschen!“ Davon war Gabi jedoch nicht ganz überzeugt, denn ihre Tante geriet jedes mal, wenn es um das Thema Kirche ging, derart aus der Fassung, dass man hätte meinen können, zwei kleine Hörner juckten auf ihrem Kopf.
Gabis Tante war davon überzeugt, dass niemand ein besserer Christ sei, als sie und ihr Mann, nebst Tochter. Sie waren quasi die Hardcore – Christen unter all den anderen Kuschelrock – Christen. Dies zeigte sich besonders, als Gabi zum Konfirmanden – Unterricht gehen sollte. Warum diese Ungläubige, Geld fixierte, kleine Göre überhaupt zum Unterricht in die heilige Kirche ginge, fragte sie einmal ganz ketzerisch. Bevor Gabi auf sie stürmen und sie mit einem Ziegenfuß bewusstlos schlagen konnte, besann sie sich und sagte: „ Von meinem Konfirmationsgeld finanziere ich mir einen lang gehegten Traum. Ich werde zum Judentum konvertieren und in einen Kibbuz ziehen.“
Ab diesem Tag war es amtlich. Gabi war, nach der Meinung ihrer Tante: „Dem Teufel näher als Gott.“ Somit ist über die nun folgenden dreizehn Jahre nicht viel Schönes über dieses verwandtschaftliche Verhältnis zu berichten. Es blieb fortan beim verbindlichen Ignorieren. Und wenn sich Gabi doch nicht dagegen wehren konnte, über die Mischpoke in Rage zu geraten, beruhigte sie sich mit dem Satz: „Die Hämorriden fangen an zu jucken!“ Wahlweise kam auch der Schlager: „Ich glaub´ es geht schon wieder los…“ zum Zuge.
Doch um die obligatorischen Familienfeiern kam Gabi auch mit fortschreitendem Alter nicht drum herum. Runde Geburtstage waren da ganz besonders schlimm. Als der 60. Geburtstag der Tante im großen Rahmen gefeiert wurde, half keine vorgeschobene Krankheit. Ihre Mutter (dem Vater war´s gleich) bestand darauf: „Du kommst mit!“ Schon beim Eintreten in den festlich geschmückten Raum hatte Gabi ein ungutes Gefühl, den restlichen Abend betreffend. Die Stimmung in dem Raum kam ihr vor, wie bei der Einweihung einer Kläranlage.
Doch es half alles nichts. Sie tanzte mit Onkel Uli, Onkel Klaus, Onkel Rudi, hörte brav jede noch so dämliche Rede, erhob das Glas nach jeder unehrlichen Lobpreisung und hielt manchen Schwatz mit älteren Damen. Relativ schnell hatte sie einen gewissen Pegel erreicht und fühlte sich plötzlich in der Form für eine Rede. Sie erhob das Glas und sprach: „Meine Liebe Tante, es ist soweit. Ich schüttle ein Gedicht aus meinem poetischen Kleid. Dass du so alt geworden bist ist klasse, auch wenn mancher hier denkt, du hättest es besser gelassen. Sind die Ansichten auch noch so dumm und der Arsch immer breiter. Das Leben geht ja trotzdem weiter. Die Tochter verheiratet mit einem Münsterländer Bauern. Da hilft auch kein Bedauern. Der Ehegatte besucht lieber den Puff. Aber auch das ist dir kein Verdruss! Mangelt es dir auch oft an Manieren und dem nötigen Respekt, so gratuliere ich dir heute und freue mich, wenn´s dir jetzt noch schmeckt!“
September 24th, 2008 § § permalink
Seit die Generation Depression Einzug hält, wissen wir: Schwermut geht immer und ist irgendwie auch ein bisschen schick geworden. Anmut, so sagte meine Sportlehrerin damals, ist das höchste Gut der Frau. Bedenklich, aber nun gut. Jede zweitklassige Modezeitschrift pflichtet ihr da wohl bei.
Was dagegen immer weiter auf ein Abstellgleis gelangt ist Mut –ohne A – und Suffix- . Wer mutig und loyal ist, hat es nur hinter vorgehaltener Hand leicht und erntet vielleicht auch ein wenig Bewunderung. Mutige Menschen vermutet man meist nicht in dem Berufsbild der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Denn da muss man immer brav das sagen, was der Sache dienlich ist –ganz gleich, ob wahr oder nicht. Man muss hübsche, unverfängliche Worte finden, um manchmal riesen Sauereien in kleine Ferkeleien zu verwandeln. Und immer schön Lächeln dabei und die Pressemappen nicht vergessen!
Meine morgendliche Zeitungslektüre schaffte es heute, mich zu amüsieren und gleichermaßen zu erfreuen. Da ging es um die Essener Philharmonie und den gefeuerten Intendanten Michael Kaufmann, dem man Misswirtschaft vorwirft. Ich muss gestehen, dass ich mich weder mit der Philharmonie Essen, noch mit Herrn Kaufmann je beschäftigt habe. Diese Philharmonie-Wut in Nordrheinwestfalen geht mir ohnehin gegen den Strich. Bald wird wohl jeder Vorort, oder jeder Straßenzug mit mehr als zehn Häusern seine eigene Philharmonie bekommen. Aber das ist ein anderes Thema, von dem ich vermutlich auch keine Ahnung habe.
Was viel mehr meine ganze Aufmerksamkeit in Beschlag nahm, war das Verhalten der Sprecherin der Philharmonie. Bevor irgendjemand irgendwen fristlos und vor aller Öffentlichkeit feuern konnte, griff sie in einem Schreiben an die Zeitungsredaktionen dem Rausschmiss des Intendanten vor und ergriff Partei für ihn. Sie erklärte die Zukunft der Philharmonie für „gefährdet und völlig offen.“ Ebenso verwies sie auf eine „öffentliche Kampagne“, die man gegen den Intendanten inszeniert und die scheinbaren Beweise, die man sich zu Recht gelegt hatte. – Überflüssig zu erwähnen, dass Anke Meis daraufhin von der Theater und Philharmonie GmbH beurlaubt wurde.
Wie gesagt, ich habe keinerlei Ahnung, was in der Philharmonie für Grabenkämpfe ausgefochten werden und was nun stimmt oder eben nicht. Im Grunde interessiert mich das auch nicht. Dennoch zeigt dieses Beispiel eines. Anscheinend gibt es sie noch: Menschen, die aus Idealismus, Loyalität oder einem gesunden Unrechtsempfinden heraus mutig sind. Frau Meis wird wohl gewusst haben, welch hohe Wellen dieses Schreiben schlagen wird und sie wird auch gewusst haben, dass der Aufsichtsrat darüber „not amused“ sein wird. Trotzdem hat sie sich dazu entschlossen und den imaginären Stinkefinger ausgepackt (die dummen Gesichter der Silber-Pudel-Aufsichtsrat-Fraktion hätte ich gern dazu gesehen). Chapeau!
September 23rd, 2008 § § permalink
Als ich noch studiert habe war das so: Wenn der Name Caspar David Friedrich fiel, nickten alle wie auf Knopfdruck und sagten laut und brav im Chor: „Maler der Romantik.“ Und weil schon Goethe zu seiner Zeit über dieses Grüppchen nicht viel Schmeichelhaftes zu sagen hatte, außer: „krank ist das Romantische,“ kam auch niemand auf die Idee seine Sympathie offen diesem Maler gegenüber zu bekunden. Romantiker sind niedlich und naiv, aber bitteschön nicht ernst zu nehmen!
Dem kunstbewussten und kunstaffinen Kulturwissenschaftler ist Friedrich ein wenig zu profan und viel zu nah am Geschmack des gemeinen Fußvolks. Als ich mich in einem Seminar als ein Fan des Bildes Die Lebensstufen outete, war allen anderen –außer mir- klar: Hier kann sie bestenfalls nur noch einen Sitzschein machen. Kunstgeschmack wird heutzutage nicht einfach hingenommen. Nein, heute heißt es in der sogenannten geistigen Elite: Sag mir, wen du liest, siehst und hörst und ich sage dir, wie dumm du und wie schlecht dein Kunstverständnis sind.
Umso erfreulicher ist, dass ab dem vergangenen Samstag in der Hermitage Amsterdam (Niuwe Herengracht 14), einige Werke dieses besonderen Künstlers, der die Tragödie der Landschaft entdeckt hat, aus der Eremitage St. Petersburg zu bestaunen sind. Wer noch nie vor einem Bild Friedrichs gestanden hat, kann sich die Wirkung ungefähr so vorstellen: Einschüchternd schön. Mehr Ruhe, mehr Vollkommenheit, mehr Wehmut, mehr Staunen geht nicht.- Auch wenn viele Kultur-Nazis etwas anderes behaupten.
September 18th, 2008 § § permalink
Als ich diese Woche bei meiner Hausärztin im Wartezimmer saß, las ich ein Plakat mit aktuellen Kursen im nahe gelegenen Haus der Begegnung. Zunächst (also bevor ich würgen musste) erspähten meine Augen lauter Kurse für Körner-Jute-Indien -Teppichtanz-Gutmenschen. Da wurden Yogakurse für Einsteiger mit Ute, Meditieren mit Thomas, Sei glücklich und rede nicht nur darüber mit Ellen und Entspannung für Kinder mit Sveja und dem Bären Balu angeboten. Wahnsinn, was so Umschulungsmaßnahmen beim Arbeitsamt für Früchte tragen können.
Doch dann richtete sich mein Augenmerk auf den letzten angekündigten Kurs am Ende des Plakats: Geld im Überfluss. Aha, dachte ich. Wird der Kurs etwa von unverbesserlichen Alchemisten oder Bibi Blocksberg gegeben? Aber nein. Herr Vogelsang, seines Zeichens Volkswirt mit einem Zertifikat für Nepper, Schlepper und Bauernfänger (und besonderer Ausbildung in der charismatischen Betrügerei, Kleinkriminalität und Volksverdummung), gibt sich hier die Ehre. Die Kursgebühren betragen schlappe 350 Euro. Ein Witz. Denn selbstredend werden die Absolventen dieses Kurses fortan im Geld nur so schwimmen. Sie werden die Weltherrschaft an sich reißen, den Hunger beseitigen und Herrn Vogelsang in Tempeln huldigen……oder mittwochs auf RTL bei Herrn Zwegat zugegen sein.
Ich für meinen Teil werde jetzt erst einmal 350 Euro verbrennen, um den Geld – Gott gnädig zu stimmen.- Ist genauso ehrenwert, wie der Besuch des Vogelsangschen Kurses…
September 16th, 2008 § § permalink
Gabis Oma sagte einmal, dass vergessen zu wollen das sicherste Mittel sei, sich zu erinnern. Und in dem Moment, als Gabi dieser Grundsatz einfiel, erinnerte sie sich an das, was sie ihr Leben lang vermisste: Ein fester Ort, vielleicht ein Haus mit ein paar alten Dingen, von denen dann die Mutter sagt: „Ach schau mal, das hat einmal deinen Ururgroßeltern gehört. “ Doch das gab es nicht. Eine Familiengeschichte war unauffindbar oder lag unaufgeräumt herum.
Gabi wollte also das tun, was wohl zurzeit die Freizeitbeschäftigung eines jeden zu sein scheint: Ahnenforschung. Dazu muss man noch nicht einmal selbst durch die Welt reisen. Bequem wälzen Ich-AGs, bestehend aus Geschichtswissenschaftlern und anderen gescheiterten Existenzen, alte Kirchenbücher, Verzeichnisse und Passagierlisten. Und am Ende bekommt man einen schönen Stammbaum ausgedruckt, den man sich dann an die Pinnwand neben wichtige Kochrezepte heften kann. Schöner Wohnen, ohne Tine Wittler, dafür ein bisschen mit Guido Knopp.
Für Gabi stand fest, dass sie das allein in die Hand nehmen würde. Schließlich war sie jung, intelligent, dynamisch, ein Füllhorn an Abenteuerlust, frohen Mutes, voller Tatendrang und leider auch völlig pleite. Die Ersparnisse reichten gerade einmal für den Besuch ihres Lieblings-Chinesen, der auf einem Plakat vor der Tür für seinen „darmhaften Birgarten“ warb. Hier fühlte sie sich wohl. Zwischen Jin und Siyeun , goldenem Buddha Nippes, chemisch riechenden Plastik-Stäbchen und bis zur Unkenntlichkeit Gebratenem war die Welt in Ordnung. Dass im Innenhof Eichhörnchen und Ratten geschlachtet und zu Ente-süß-sauer weiter verarbeitet würden, hielt sich als hartnäckiges Gerücht. Und dass Jin bei den Bestellungen Nr. 5, 7, 35 und 345 immer so seltsam kicherte, half auch nicht sonderlich dabei dieses Gerede zu entkräften.
Da Gabi jedoch ein Mensch war, der nur das glaubte, was er sah, hielt sie sich vom Innenhof fern, hörte weg und gab auch an diesem Abend treuherzig ihre Bestellung beim Einäugigen Thekenbediensteten auf. Zunächst zählte sie die vielen Fischchen im Aquarium im Eingangsbereich. Dann fing sie an zu plaudern. Einfach so und ohne aufzuschauen. Denn sie wollte sich die Sache mit der Familienhistorie vom Leib reden und nicht durch den Umstand gestört oder irritiert werden, dass ihr eventuell niemand zuhörte. Als sie fertig war, schaute sie auf und blickte in das Gesicht des Zweiäugigen Pin-Ho, den sie fragte, was sie nun tun sollte. Sein Gesicht wurde bleich. Völlig überfordert spendierte er ihr einen Glückskeks, in dem stand: „Unzufriedenheit ist ein großes Unglück.“ Bislang glaubte Gabi lediglich unzufrieden zu sein. Jetzt war sie unglücklich und verließ mit ihrer Bestellung den China-Imbiss.
Zuhause stellte sie mit Bambus-Sprossen-Fasern zwischen den Zähnen ernüchtert fest: Der Chinese um die Ecke war auch nicht mehr das, was er mal war. Seit dem Euro ist alles teurer geworden. Ein Fußballspiel dauert 90 Minuten. Der kleine Mann zahlt die Zeche und es gibt bahnbrechende Erkenntnisse, die gar nicht oft genug wiederholt werden können.
Gegen 22. 05 Uhr klingelte es an der Tür. Ohne den Verursacher dieser Abendstörung mit Gewissheit benennen zu können, wusste Gabi instinktiv: Schon wieder die Lehrerin! Sabine Rosin war Lehrerin für Textilarbeit und Sachkunde und ein nervliches und nervenden Wrack. Ihr Ältester klaute Frau Fried aus dem dritten Stock immerzu Teile des Einkaufs aus dem AOK-Shopper, die Jüngste flog von jeder Schule und ihr Ehemann veranstaltete jeden dritten Donnerstag im Monat gewaltfreies Trommeln für den Weltfrieden in der gemeinsamen Wohnung. – Manche Familiengeschichten will man gar nicht hören!
September 12th, 2008 § § permalink
Bislang brachte ich mit übermäßigem Sport entstellte Körper und falsch gesteuerten Ehrgeiz in Verbindung. Manchmal machte ich mir sogar einen Spaß daraus, verbissene Radfahrer mit einem Überholmanöver und anschließendem „Hopphopp, hier gibt’s was zum Dopen!“ anzufeuern. Im Grunde mache ich mir also herzlich wenig aus Sport.
Das war auch gestern der Fall, als ich nichtsahnend in einem Naherholungsgebiet (hahaha) spazieren ging. Kaum waren wir auf den Wanderwegen, ging es los: Wildes Geklingel von Radfahrer-Rentnern in Erik-Zabel-Dress mit Wutausbrüchen, wenn man nicht wie ein verschrecktes Eichhörnchen SOFORT zur Seite in den Garben springt. Inline-Skater, die einen als gutgelauntes Duo- Infernal rechts und links in einem hohen Tempo überholen, um anschließend Hand in Hand weiter den gesamten Weg in Beschlag zu nehmen. Diese Paare sahen meist gleich aus: Sonnenbank-geknuspert, blondierte Haare mit witzigen Meerschweinchenfrisuren, Glitzer-Mützen, Hotpants (ja, seit gestern weiß ich, dass es die auch für Männer gibt), Gucci-Brillchen (oder was die Woolworth auf dem Segment so hergibt) und Tätowierungen so weit das Auge reicht. Ein besonders motivierter Herr lief mit heraus gestrecktem Po und gab den Blick auf einen außerordentlichen Schweißfleck in der Mitte seines Gesäßes frei. Sehr unerfreulich.
Nachdem uns dann auch noch eine sehr ambitionierte Stockenten-Gruppe, bestehend aus fünf älteren Damen, überholte und so aussah, als hätten alle Mitglieder gerade eine Hüft-OP hinter sich, warf ich mich auf eine Bank und beschloss eine neue psychosomatische Krankheit für mich zu erfinden: Die visuell bedingte Sport-Bulimie.
Doch ein klärendes Gespräch mit meiner ebenso geschockten, jedoch eher amüsierten Begleitung, konnte das Schlimmste verhindern. Wir setzten uns in einen angrenzenden Biergarten und stellten am Ende mit einem erfrischenden Ipanema in der Hand fest: Wer hässlich ist, muss wenigstens und bitte unbedingt was für den Körper machen. Der Umwelt zuliebe.
September 11th, 2008 § § permalink
Herzlichen Glückwunsch! Auch zum Start der kalten Jahreszeiten bleiben wieder einmal vieleviele Menschen sitzen. Und zwar in ihrer Unwissenheit oder aber in ihrer grenzenlosen Perversität, sich mit toten Lebewesen zu behängen. Wo diese herkommen, wiederhole ich also an dieser Stelle gern noch ein Mal, damit niemand mehr auf die Idee kommt, sich eine Jacke mit so „süßem flauschigen Pelz“ zu kaufen:
Wer sich in einem Kaufhaus eine Jacke, Schuhe, Taschen oder Schals mit Pelzbesatz kauft, kann davon ausgehen – egal ob Coyote oder sonstige lustige und irreführende Bezeichnungen auf dem Schild stehen – dass dieses kleine Fell von einer Katze oder einem Hund aus China (oder gern auch mal aus der Schweiz – dem einzigen europäischen Land, das sich so etwas erlaubt -) stammen. Die Tiere werden eingefangen, ganz gleich, ob sie Besitzer haben oder nicht, und in winzige Käfige gesperrt. Dann wird ihnen meist lebendig und bei vollem Bewusstsein das Fell vom Körper gezogen. Wer damit klar kommt, kann ja weiter abstumpfen und in den Gesprächskreis für abartige Tierquäler mit Ambitionen für mehr gehen oder sich auf Peta TV kundig machen und ein paar nette Filmchen für den gemütlichen Fernsehabend anschauen.
Wer solche Bilder schwer ertragen kann, könnte aber auch fürs erste einfach mal was tun, z. B. hier: http://action.peta.de/ oder hier: http://action.peta.de
September 10th, 2008 § § permalink
Gabi hatte eine Freundin, die Jutta hieß. Dem Namen nach könnte man mit Jutta Henna, Jutebeutel, Sonnenblumen, veganes Leben und ein dauerhaft hochgekrempeltes Hosenbein assoziieren. Doch Jutta war ganz anders.
Manchmal saß sie den ganzen Abend auf einer Party unbemerkt in einer Ecke und beobachtete das Treiben mit angewidertem und gelangweiltem Blick. Wenn sie jemand fragte, ob sie tanzen wolle, antwortete sie, ohne aufzuschauen: „ Da habe ich keine Zeit für. Ich bin damit beschäftigt zu hassen.“ Und das meinte sie bitterernst.
Jutta war die Art Freundin, die sich lauthals in der Unterwäscheabteilung über die BH-Auswahl ihrer besten Freundin so äußerte: „Aha. Lila. Wohl der letzte Versuch, wenn gar nichts mehr geht, was?“ Gern macht sie nonverbale Scherze zu Kleidungsstücken mit Themenbezug. Trägt eine Bekannte einen Poncho, kann es auch passieren, dass diese zu den Pan-Flöten-Spielern in der Fußgängerzone geschubst wird. So viel spontaner Einsatz freut natürlich die Pan-Flöter. Die Bekannte hingegen nicht.
Eines Tages jedoch stand Jutta völlig aufgelöst in Gabis Tür. Nachdem die erste offensichtliche Verwirrtheit mit einem Gläschen selbstgebranntem Obstler abgeschwächt wurde, fand Jutta die ersten Worte: „Es ist eine … eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Das ist Diskriminierung, infamer Rassismus … schütt´ noch mal!“ Und Jutta wies abermals auf das Glas.
Nach drei, vier Gläschen erzählte sie die ganze Geschichte: „Ich habe dir doch davon erzählt, dass ich mich bei der Volkshochschule für einen Kurs anmelden wollte, oder? Und ich habe dir ja auch von meiner Leidenschaft für sozialistische Regimes –wegen meines Geschichtsstudiums an der Uni- erzählt. Irgendwie wollte ich beides auf lächerliche Weise verbinden. Ich wollte … ich wollte …wollte auch mal was Lustiges machen, was woran ich Spaß haben könnte. Damit nicht alle immer sagen: „Ach, guck mal da die Jutta! Da sitzt sie wieder mit ihrem Miese-Peter-grobe-Leberwurst-Gesicht.“ Ich wollte auch mal was können. Guck, die Sina hat Yoga an der VHS gelernt und die Dörte kann sogar ihren Namen nach so einem Kurs tanzen. Also jetzt nicht, dass ich das erstrebenswert oder honorabel nennen könnte. Im Grunde ist es lächerlich und ich hasse jede Form von Menschansammlung und Sina und Dörte … naja. – Wie dem auch sei, ich sag es jetzt frei heraus: Schon lange wollte ich kubanischen Ausdruckstanz studieren. Mit allem drum und dran. Mit Estoban, Enrique und wie die ganzen gutaussehenden Tanzlehrer eben heißen. Ich wäre nicht wählerisch gewesen. Und dann sagt der Aushilfs-Fidel nach der ersten Stunde zu mir, ich sollte mir doch ein anderes Hobby suchen. Ich hätte es nicht in den Hüften und in den Füßen und überhaupt wäre ich ja soooooooooooooo unlocker. Ich würde die Gruppe aufhalten. Selbst Brigitte, die dicke Kuh, war mehr auf Zack. Also hat er mich quasi raus geschmissen. So. Jetzt ist es raus. Schlimmer geht´s nimmer. Schütt´ noch mal!“
Von dieser frustrierenden Episode kam Jutta nach zwei Flaschen Obstler auf ein ganz anderes Thema: Ihr geisteswissenschaftliches Studium und die Feststellung mit der angeknüpften Frage: Das Studium war vergnüglich, erquickend und lehrreich. Aber soll es das wirklich gewesen sein?
„Man kommt von der Uni und ist der Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaarsch,“ lallte Jutta zu fortgeschrittener Stunde. „Alle, die nix gei…z…wie…schaff…nichts studiert haben lachen über uns, Gabi.“ „Viele machen sich selbstständig nach dem Studium,“ warf Gabi ein. „Da bist du doch auch nur der Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaarsch ,“ raunzte Jutta durch die Wohnküche und setzte hinzu: „ Gabi, Mädchen, hör´ der Tante mal zu! Selbstständig kommt von „selbst“ und „ständig“. Das hält doch keiner aus! -Schütt´ noch mal!“
Lange Zeit hatte Gabi sich vor diesem Gespräch überlegt, sich nach ihrem Studium selbstständig mit irgendetwas zu machen. Sie hätte alles importiert oder exportiert, um nicht in irgendeinem PR – Puff arbeiten zu müssen. Nun jedoch, als sie Jutta am Ende des Abends auf der Klobrille schlafend ansah, dachte sie nur: „Import/ Export ist aber auch keine Option.“ -Eine Woche später leiteten Gabi und Jutta eine Gruppe für kubanischen Ausdruckstanz im TV Bernau.
September 8th, 2008 § § permalink
Rainald Grebe ist mir vor Jahren zum ersten Mal, halb schlafend und halb von der Couch fallend, im Nachtprogramm des WDR begegnet. Da saß er vor einem Keyboard, mit dämlichem Federschmuck, Biolatschen und schickte sich an ein Liedchen zum Besten zu geben und ich dachte nur: „Bloß nicht! Singende Ex – Waldörfler, die n´ bisschen lustig sein wollen mit auffälliger Kopfbedeckung, ohne politisch und gesellschaftlich inkorrekt zu sein, habe ich schon genug gesehen.“ Dann kam » Brandenburg und ich fiel mit offenem Mund von der Couch.
Gestern Abend allerdings erlebte ich diesen Menschen zwischen Genie, Übermut, Halbwissen, feinstem Zynismus, sympathischer Menschenfeindlichkeit, Selbstironie und lauwarmen Wahnsinn pendelnd zum ersten Mal live im Rex-Theater in Wuppertal mit Klavier, ohne Schnickschnack und seinem Robinson-Crusoe-Programm.
Nach den ersten zehn Minuten wirft er ein: „Besser wird´s nicht mehr.“ Er lacht, singt, gestikuliert wild, er schreit, monologisiert, er rollt mit den Augen (wie Klaus Kinski zu seinen irrsten Zeiten), er spuckt beim Reden, stampft auf, wirbelt mit den Händen, schmeißt Zitate von Heiner Müller und anderen zusammenhangslos in seine Monologe, er hämmert und streichelt auf den Tasten herum. Er schlägt Bögen von Beethoven bis Putin in wenigen Sekunden. Die Bühne gehört ihm, hier sagt er, was er will und wie er es will. Beirren lässt sich dieser Künstler nicht. Und er ist, im Gegensatz zu allem anderen, was sich komisch im Sinne von lustig nennt, tatsächlich ein Künstler im ursprünglichen Sinne.
Wortgewandt ist er, Lieder schreiben kann er auch, seine Beobachtungsgabe und das Vermögen Menschen zu beschreiben und ironisch zu spiegeln ist phänomenal. Er hält den Spiegel sogar dem eigenen Publikum vor, wenn er seinen imaginären, begriffsstutzigen Kameraden auf der Insel, Freitag („Ein Untermensch auf Augenhöhe“), plötzlich nicht mehr selbst mit vorgeschobener Unterlippe imitiert, sondern das Publikum mit dem Namen anspricht. Am Anfang berichtet er von der mühevollen Arbeit ein Programm zu schreiben, denn „die Leute wollen ja immerzu was Heiteres.“ Wenn das Publikum an solchen Stellen geschlossen leise kichert, beweist das nur, dass er recht hat. Und das Leben, so scheiße es manchmal ist, erscheint in der Tat heiterer, wenn Rainald Grebe davon erzählt. Am Ende des Programms wird es allerdings melancholisch und von Lachen und Kichereien hört man in der gesamten Hörerschaft plötzlich nichts mehr.
„Wofür machen wir das hier eigentlich alles, Freitag, wenn es doch keiner sieht. Ist doch alles umsonst, wenn keiner sagt, dass es gut ist.“ Wenn Rainald Grebe das zum Ende seines Programms sagt, wirft das auch die Frage auf, warum eigentlich so wenige Leute von Rainald Grebe wissen und warum er bei so viel bitterböser und pointierter Genialität nur so kleine, intime Bühnen füllt. Dann fragt man sich jedoch, ob zu jemand von diesem Format, dieser Klugheit ein ausverkauftes Olympia –Stadion oder eine eigene Show bei RTL passen würden. Rainald Grebe würde sich mit so etwas vom handwerklichen her gesehen nicht schwer tun. Aber man gewinnt am Ende eines solchen Tages den Eindruck, dass ihm das Kommerzielle und das damit Verbundene in allen Konsequenzen schwer fallen würden. Rainald Grebe ist Künstler und kein Quoten – Comedian oder Clochard für den Durchschnittsdepp. „Bitte lasst mich aussterben,“ meint Grebe in seiner Zugabe, als er von drei Tierschutz – Lesben erzählt. Doch den Wunsch wird ihm sein kleines Publikum, ob bei Youtube oder bei seinen Auftritten, wohl nie erfüllen. Zum Glück!
September 1st, 2008 § § permalink
Wer in eine Wohngemeinschaft zieht ist Masochist. Gabi musste das schon einige Tage nach dem Einzug in eine fröhliche WG mit Nike, Jan – Hendrik und Sonja feststellen. Sie hatte das kleinste Zimmer bekommen und in der ersten Woche Flur- und Putzwoche. Als sie sich anschickte das Geschirr zu spülen, um das sich anscheinend seit Tagen niemand mehr gekümmert hatte, nahm sie die erste Tasse in die Hand. Erstaunlicherweise war die Tasse innen grün. Gabi fand es erstaunlich in wie vielen Licht- und Farb – Nuancen Schimmel glänzen kann.
Abends machte sie es sich auf einem Rattan – Stuhl in der Wohnküche gemütlich, der seine besten Zeiten bereits hinter sich hatte. Als sich Jan – Hendrik auf das durchgesessene rote Sofa in der Küche fallen ließ, zündete er sich sofort ein Zigarettchen aus zweifelhaften Inhaltsstoffen an. In eine groovige Stimmung versetzt, startete er ein ungezwungenes Gespräch über Reisen und bekundete, dass er unheimlich gern mal auf Jamaika abchillen würde. Als Gabi das Gespräch zum Abebben bringen wollte durch den Einwurf, sie würde gern mal wieder nach Berlin fahren, um die National-Galerie zu besuchen, gähnte Jan – Hendrik. In der Hauptstadt war er seit Jahren nicht gewesen. Und wenn er Geld hätte, würde er bestimmt nicht zu den Affen nach Berlin fahren. Gelangweilt schluffte er zum Kühlschrank, nahm sich aus Gabis Fach einen Pudding und ein Bier und sagte breit dämlich grinsend: „Gute Nacht.“
Die erste Nacht verlief ruhig, bis Nike mit ihrer männlichen Bekanntschaft und schätzungsweise 2,0 Promille zu sexuellen Höchstleistungen im Zimmer nebenan auflief. Um Sechs Uhr hörte Gabi Sonja, die laut ihre Prüfungsthemen exerzierte und ab acht ihrer Bulimie frönte.
Nach drei Monaten Eingewöhnungszeit nahm Gabi ihre Nachbarschaft langsam wahr. Da war Frau Schmidt, mit ihren drei Katzen, die sie wie Kinder behandelte. Herr Fröhle, der lauten Raucherhusten und gelbe Hände von dem vielen Zigarettenqualm hatte. Und da war Herr Konstantin, der immer fröhlich winkte und den sie neulich noch an den Mülltonnen getroffen hatte, wo er so traurig aussah.
Herr Konstantin war ein wunderlicher kleiner alter Mann, mit Nickelbrille, Glatze und einem Schnäuzer, den er immer sehr pflegte. Nie sah man ihn vertieft in Gespräche mit anderen Menschen. Morgens winkte er freundlich von weitem, wenn man ihn sah. Besucher verirrten sich nie in seine 54 m² kleine Wohnung im zweiten Stock eines Mietshauses in Bernau. An manchen Tagen, wenn er die Balkontür weit geöffnet hatte, konnte man ganz leise Musik hören. Ich glaube er liebte Mozart.
Bevor man ihn an einem regnerischen Samstag tot aus der Wohnung trug, traf ich ihn im Hof an den Mülltonnen. Er fragte mich, ob ich mich für Pflanzen interessiere und zeigte mir, ohne eine Antwort abzuwarten, eine große Tasse, die er anscheinend gerade aus einer der Mülltonnen gefischt hatte. Erstaunlicherweise war die Tasse innen grün. „Gucken sie mal! Alles voller Kresse. Schmeckt gut auf dem Salat. Ist das nicht erstaunlich, was die Menschen wegwerfen?“
Anscheinend hatte das Ökopärchen aus Stock 5 bei seinem Umzug am Wochenende doch nicht alles zu 100 % ökologisch in der neuen Wohnung weiter verarbeitet und – ohne es zu ahnen – einem alten Mann eine Freude gemacht. Ich verabschiedete mich etwas abrupt mit dem entschuldigenden Hinweis, dass ich heute noch nach Berlin fahren würde. Da stutzte Herr Konstantin und wurde nachdenklich. In der Hauptstadt war er seit Jahren nicht gewesen. Und er schien irgendwie traurig darüber, dass ich ihn daran erinnert hatte.
Zwei Wochen nach seinem Tod fand ich die Wohnungstür offen und hörte lautes Poltern. Als ich vorsichtig auf der Türschwelle stehend in den Korridor blickte, kam mir eine rundliche Dame entgegen und stellte sich mir als Frau Konstantin vor. Sie war die einzige Tochter des alten Mannes und musste sich nun um dessen Habseligkeiten kümmern.
Warum sich die beiden zu Lebzeiten nicht viel zu sagen hatten, konnte ich schnell erraten. Als mich Frau Konstantin in die Wohnung bat und mich schroff dazu aufforderte mir aus dem „alten Gerümpel“ doch etwas auszusuchen, schien sie mehr über den Umstand betrübt, unnütz die Zeit hier zu vertändeln. Dass ihr Vater tot war störte sie nicht. Dass ich mir seine Büchersammlung aussuchte begrüßte sie sehr, denn die hätte sie ohnehin in den nächsten Altpapier-Container geworfen.
Abends entdeckte ich unter all den Büchern ein braunes Notizbuch. Das haben alte Menschen gern. Meine Oma hatte für jedes Jahr eins und trug alles ein. Von Rechnungen bis Gedichten war alles auf Papier gebannt. Auch Herr Konstantin trug alles in das braune Buch ein. Ein Jahr lang hatte er versucht wieder Kontakt zu seiner Tochter aufzunehmen. Ein Jahr lang ohne Erfolg. Er rief sie an und er schrieb Briefe zu ihr nach Berlin. Am Anfang des Jahres erwähnte er dies nur beiläufig, später wurde es mehr und mehr zum einzig wichtigen Punkt in seinem Leben. Der letzte Eintrag, drei Wochen bevor er starb, lautete: „Noch immer keine Antwort.“