Ein Quentchen Trost…

October 30th, 2008 § 6 comments § permalink

Der neue James Bond Film ist quasi im Begriff in die Kinos zu kommen. „Ein Quantum Trost“ heißt die neuerliche Episode um den Geheimagenten James Bond. Könnte von mir aus auch „Nude Hulk reloaded“ heißen. Denn seitdem dieser unsägliche Daniel Craig auf 007 macht, hat man rein optisch das Gefühl, dass Hulk aus den 80ern wieder da ist –nur eben in fleischfarben und ohne zerfetze Klamotten.

Dieser aufgepumpte Mann, der seinen nassen, blauäugigen Silberblick auf C-Bondgirls richtet und dabei den Mund wie der frühe Stallone zieht, macht aus 007 eher eine 00 (WC-Ente). Wie Keanu Reeves (der wenigstens ansprechend aussieht) verfügt Craig, bezüglich seines schauspielerischen Spektrums, über lediglich zwei Gesichtsausdrücke. Und seit er im Auftrag der Majestät unterwegs ist, sieht man den Geheimagenten nicht mehr allzu oft vollkommen bekleidet. Denn wichtiger als Charme, Savoir-Vivre, Understatement, eine leicht kühle und intelligente britische Ausstrahlung sind neuerdings die antrainierten und leider viel zu üppigen Muskeln, die das Hinschauen fast unmöglich machen. – Es sei denn man liebt lächerliche Kuriositäten vom Jahrmarkt.

Wenn man Pierce Brosnan schon aussortiert, weil er angeblich zu dick und zu alt geworden ist (was übrigens eine echte Frechheit ist), sollte man dann vielleicht doch nicht zu einem Modell greifen, dass im Gesicht offensichtlich schon einige Frostnächte mitgemacht hat und obendrein auch noch die grau/ blonden Haare mit Poly-Renature-Creme zu überdecken versucht. Da hätte man ja gleich Horst Tappert nehmen können.

Ein Quentchen Trost bleibt mir jedoch: Ich schaue mir alle alten James Bond – Filme (sogar die mit Timothy Dalton) auf DVD an.

Nerven in der Krise

October 28th, 2008 § 0 comments § permalink

Alle reden von der großen Finanzkrise. Alle jammern und malen den Teufel an die Wand. Politiker, Wirtschaftsweise, Journalisten, Bank-Menschen, etc. verkleiden sich dieser Tage als Trümmerfrauen und Klageweiber. Und wenn es am Ende dann so ausgeht, dass die großen Unternehmen die Hälfte ihrer Mitarbeiter entlassen und das mit der Krise rechtfertigen, nicken alle verständnisvoll und sind froh, dass es nicht schlimmer gekommen ist.

Aber mal ehrlich: Heißt es nicht ständig, um die Langeweile fern zu halten: Unsere regelmäßige Krise gib ´uns heute und vergib´ uns unsere Einfallslosigkeit? RTL hat bei jeder Krise einen schönen großen Banner rechts oben am Bildschirm, in den die Worte „Terror in…“ oder „ … – Krise“ eingefügt sind. Und bei Bedarf kann alles eingesetzt werden.

Seit Jahren werden wir mit Lebensmittelkrisen behelligt und sollen temporär dies und das nicht essen. Alles war schon mal in der Krise und ich warte nur noch darauf, dass es zu Ostern heißt: Schoko-Hasen-Krise, wie sicher sind wir vor krebserregender Schokolade, die mit Pestiziden und Seuchen, Viren jeder Art versetzt ist? RTL wird mit Sicherheit auch hierzu das passende Banner und Peter Klöppel den Betroffenheits-Blick haben.

Dann gab´s die Öl-Krise, Nahost-Krise, Kongo-Krise, Fernseh-Krise und so weiter. Das hält uns alle schön beschäftigt. Und falls wir einmal zu beschäftigt mit einer Krise sind, wie zum Beispiel mit  dem Klimawandel, dann kommt eine neue, noch schlimmere Krise. Bis die nächste Krise vor der Tür steht, sind jedoch alle damit beschäftigt ihr Geld in Sparsocken oder unter die Matratze zu legen, in den leeren Fußgängerzonen zu betteln und die Situation noch schlimmer zu machen, als sie tatsächlich ist.

Was könnte uns schlimmsten Falls schon passieren? Im Zweifel heißt es dann eben für jeden: Zurück zur Scholle. Meine Ur-Oma Auguste aus Masuren hatte in solchen Situationen immer einen Spruch, mit dem sie gut durchs Leben und durch zwei Weltkriege gekommen ist: Nerven behalten!

Memento mori

October 24th, 2008 § 2 comments § permalink

Vor einiger Zeit habe ich an dieser Stelle über die neue Werbestrategie von Bestattungsunternehmen berichtet. Diese laden potentielle Kunden bei einem Gläschen  Sekt zum Probeliegen und zu einer Beratung ein.  Da ich sehr empfänglich für Werbebotschaften bin, überlege ich ernsthaft, ob ich mit dem Totengräber meines Vertrauens schon einmal was aushandeln sollte. Schon allein, damit meine Angehörigen nicht gnadenlos bei solchen Fragen wie: Eiche oder Buche, bügelfreies Totenhemd oder nicht, und so weiter über den Tisch gezogen werden.

Das hört sich jetzt alles sehr locker, sehr abgeklärt und pragmatisch an. Man könnte beinah meinen, dass ich das alles mit einem süffisanten Lächeln herunter tippe. Doch weit gefehlt! Tatsächlich bin ich ein echt  jämmerlicher Hasenfuß bei diesem  Thema. Irgendwie kann ich bei dieser Angelegenheit nicht recht locker werden. Da fehlt mir anscheinend das Ich-bin-morbide-und –find´s-witzig-Gen. Wenn ich allmorgendlich die Traueranzeigen in der Tageszeitung lese, fange ich manchmal sogar an zu weinen. Und neulich konnte ich nachts nicht schlafen und schlurfte in die Küche. Da sehe ich, wie aus dem Nebenhaus ein Sarg getragen wird. Da konnte ich dann gar nicht mehr schlafen und habe stattdessen meine ca. 2000 Bücher handschriftlich in einem ausgeklügelten Kartei-System erfasst.

In der nächsten Nacht konnte ich dann wieder nicht schlafen und habe mir Émile Zolas „Wie man stirbt“ durchgelesen. Dann habe ich in einem Buch gelesen, dass man nur deshalb so Probleme mit dem Tod hat, weil dieses Thema in unseren Breitengraden tabuisiert wird. Da, wo alles auf jung und dynamisch geeicht ist, hat man für den Tod nicht viel übrig. Andere Kulturkreise hingegen, wie die Aborigines, setzen ihre Toten monatelang in ihre Hütten. Sie sprechen mit demjenigen, fassen ihn an und veranstalten Feste zu Ehren desjenigen. –Kann ich mir persönlich jetzt weniger vorstellen. Aber wer ´s mag…

Und als ich so weiter  blätterte und mir immer schlechter zu Mute wurde und mir meine dunklen Gedanken passend zur Jahreszeit machte, fiel mir ein Gedicht von Mascha Kaléko ein, in dem es heißt: „Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.[…]Den eigenen Tod, den stirbt man nur. Doch mit dem Tod der andern muss man leben.“  Und das ist vermutlich das ganze Problem. Selber sterben und selber Probeliegen wären gar nicht so schlimm. Der Gedanke jedoch, dass jemand sterben könnte, den man liebt reicht schon aus, um eine mittelschwere Herbst-Depression auszulösen und ein Jammerlappen zu werden, der bei jedem Mist anfängt zu weinen. Also halte ich es seit ein paar Wochen, wie Goethe: „In jeder Trennung liegt ein Keim von Wahnsinn. Man mag sich davor hüten ihn nachdenklich auszubrüten und zu pflegen.“  –Morgen geh´ ich zum Probeliegen.

Es weihnachtet sehr …

October 20th, 2008 § 0 comments § permalink

Schon Ende August verspürte ich Appetit auf  Spekulatius, Dominosteine, Zimtsterne, lauwarmen Glühwein  und Lebkuchen. Doch als ich so in Schlappen und  leichtem Kleidchen neben der just eingetroffenen Palette mit den Weihnachts-Devotionalien stand, blieb ich standhaft und kaufte lieber die Langnese Schatztruhe. Und jetzt, zwei geschlagene Monate später, können die Supermärktler irgendwem anderes den alten Scheiß andrehen.

Trotzdem habe ich mir vor ein paar Tagen eine Liste gemacht. Meine geheime, sagenhafte  Weihnachtsgeschenke-Liste. Denn alljährlich küre ich die Top-Drei aus verschiedenen Geschenke-Bereichen.  Dabei überlasse ich nichts dem Zufall. Wer sich dennoch unter dem Weihnachtsbaum beschwert, bekommt sofort näheren Bescheid. Wer also eine kleine Hilfestellung benötigt, darf sich gern hier bedienen…

Bereich: Literatur
1) Uli Hannemann: „Neulich in Neukölln. Notizen von der Talsohle des Lebens“ –Selbst wer nicht in Berlin lebt und Neukölln nur vom Hörensagen kennt, wird sich in dieses Buch verlieben. In 49 kurzweiligen Geschichten mit so klangvollen Namen, wie „Rufmord am Pissoir“, „Korrekt Betteln“, „Silvester oder: Der Untergang revisited“ und „Trinken und Jammern“ beschreibt Hannemann ironisch, zynisch und absurd das Leben in einem der wohl schönsten Vororte Berlins. Mit diesem witzigen Utopie-Realitätsmix erfährt man alles, was man über die schlimmsten Ecken in seiner eigenen Stadt schon immer vermutete.

2) Richard David Precht: „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ – Menschen die sich ständig selber romantische und verträumte Fragen über essentielle Dinge im Leben stellen, werden sich bei der Lektüre dieses Buches dumm vorkommen. Denn hier werden zwar solche Fragen beantwortet, wie: „Was ist Wahrheit“, „Brauchen wir andere Menschen“, Gibt es Gott“, „Was ist Liebe“ und „Ist Glück lernbar“. Allerdings geschieht das auf einer philosophisch naturwissenschaftlichen, logischen und völlig soliden Basis. Verträumten, kitschigen Firlefanz findet man hier nicht.  Dafür jedoch oft ein Augenzwinkern, Humor und nebenbei Vieles, das dem eigenen Wissen auf die Sprünge hilft. Wahrscheinlich war Philosophie noch  nie zuvor so interessant (weil verständlich) und gleichzeitig unterhaltsam.

3) Harald Martenstein: „Vom Leben gezeichnet. Tagebuch eines Endverbrauchers“ –Zugegeben: Das Buch erschien erstmals im Sommer 2006 und ist somit nicht gerade mehr aktuell. Jedoch hat es seither kein zweites Buch geschafft, mich derart zum Lachen zu bringen. Und außerdem sind Martensteins Ansichten über Hitler, Scientology, Ärzte, Doppelkorn, Skifahren, Schönheit und Orgasmusforschung ohnehin zeitlos. 59 Kurzgeschichten á 2 Seiten machen das Buch selbst für Lese-Muffel lesbar.

Bereich: Musik
1) Peter Fox: „ Stadtaffe“ – So genau kann man gar nicht beschreiben, was man da zu hören bekommt. Peter Fox macht dem ersten Lied auf dem Album alle Ehre: Alles neu. Klassische Instrumente, schlau geformte statt platte Texte und durchweg genial –weil völlig anders- arrangierte Melodien, die auch noch –bei Bedarf- tanzbar sind. Mehr geht nicht.

2) The Killers: „Sawdust“ – Gut, The Killers haben just vor Weihnachten (ein Schelm, wer da…) ein Album herausgebracht, auf dem so gut wie nur B-Seiten, bisher unveröffentlichte Lieder zu finden sind. Trotzdem: Wer ein Faible für Indie-Rock mit einem Schuss Elektronik und markante Stimmen, wie die des Sängers Brandon Flowers hat, wird die CD fortan nicht mehr aus dem CD-Spieler nehmen können.

3) A Fine Frenzy: „One Cell in the Sea“ – Das ist vermutlich ein reines „Mädchen“-Album, das die Pianistin Alison Sudol als Erstling heraus gebracht hat. Schöne, melancholische, tiefgründige (so tiefgründig, wie es in der Musik eben geht) Texte, gepaart mit eingängigen klassischen, jazzigen und leicht rockigen Melodien, machen dieses Album absolut empfehlenswert.

Bereich: DVD
1) „Damages. Im Netz der Macht. 1.Staffel“ – Auf Kabel 1 lief die erste Staffel in Deutschland relativ unbeachtet und das völlig zu unrecht! Glenn Close und Ted Danson (jaja der freundliche Mann von „Cheers“) laufen zur bösartigen und intriganten Höchstleistung auf. „Damages“ ist eine Serie, die absolut klug, spannend, überraschend  arrangiert ist und definitiv den Zuschauer dazu bringt, sich noch nach Ende der letzten Folge Gedanken über das eben Gesehene zu machen. –Ich grüble jetzt noch nach Monaten!

2) „No Country for old Men“  – Tommy Lee Jones mochte ich nie sonderlich. Das hat sich seit diesem  Film geändert. Diese Mischung aus  Thriller, Western und leichtem Horror, die dann am Ende mit Melancholie abgerundet wird, überzeugt in jeder Szene und in jedem kleinen Dialog. An dem Film stimmt alles.

3) „Jenseits von Afrika“ – Ein Evergreen! So alt, dass es fast schon wieder neu sein könnte!!! Dem Drehbuchautor, der aus der wenig romantischen Romanvorlage von Karen Blixen “Afrika. Dunkel lockende Welt” diesen Film gezaubert hat, gehören heute noch die Füße geküsst! Ein Geschenk, das die Damen (Mütter, Tanten, Cousinen, Omas, Freundinnen) garantiert immer erfreut…

FORTSETZUNG FOLGT

Preis oder Nicht-Preis…

October 17th, 2008 § 0 comments § permalink

Wer guckt denn schon den deutschen Fernsehpreis? Außer den geladenen Gästen, die sich vor und während der Veranstaltung schon mit gratis Alkohol und Koks versorgt haben, wären da wohl nur noch die, die auf dem Sendeplatz –wie immer- Florian Silbereisen erwarten. Und beim Anblick von Thomas Gottschalk arglos denken: „Mei, der Flori is aber groß geworden!“

 Marcel Reich-Ranicki hat diesem nichtigen Selbst-Huldigungs-Event im Grunde einen riesen Gefallen getan, indem er einen Preis ablehnte, der ohnehin keinerlei Relevanz hat. Ohne diesen Eklat, hätte niemand Notiz von dem Treffen der anonymen Fernsehmacher  genommen.  Und die ganze Folgediskussion, mit der die öffentlich rechtlichen Fernsehanstalten ganz nebenbei ihr Freitagsloch im TV-Niemandsland füllen, wäre auch nicht auf dem Schirm gewesen.

Die Diskussion zwischen Gottschalk und Reich-Ranicki hat im Grunde nichts Elementares zu Tage gefördert und man hatte ohnehin die ganze Zeit den Eindruck, dass der blond gelockte Moderator zum Monologisieren, Nicht-zu-Wort-kommen-lassen und Phrasendreschen abgestellt wurde. Wenn Reich-Ranicki jedoch einmal zu Wort kam, sagte er zumindest an einer Stelle etwas, das ganz und gar wahr ist. Als es noch kein Fernsehen gab, hatte das Theater eine ähnliche Stellung inne, wie heute das bewegte Bild. Und Schiller hat in seinem Essay bekräftigt, dass das Theater die Aufgabe hat zu unterhalten.  Und der größte Unterhaltungsdichter war und ist Shakespeare.

In Goethes Altersaufsatz „Shakespeare und kein Ende“, beschreibt Goethe das Werk des Dichters als „großer belebter Jahrmarkt.“ Goethe erkannte in dem englischen Dichter jemanden, der die Menschen beobachtet und so ihre Lage, ihr ganzes Leben in jeder Szene so real gestaltete, dass jeder sich selbst, oder zumindest ein Stück von sich, in seinen Werken wiederfinden konnte.

Nun könnte man zu dem Schluss kommen: Der Zuschauer von heute sieht aus, lebt und webt so wie, zum Beispiel, Cindy aus Marzahn. Und für einen gewissen Prozentsatz der deutschen Zuschauerschaft mag das auch zutreffen.
Allerdings hat Goethe, als Generalintendant des Weimarer Hoftheaters (1791-1817),  auch noch etwas anderes interessantes in diesem Zusammenhang gesagt: „Ich gehe sehr piano zu Wercke, vielleicht kommt doch fürs Publikum und für mich etwas heraus. Wenigstens wird mirs Pflicht diesen Theil näher zu studiren, alle Jahre ein Paar spielbare Stücke zu schreiben. Das übrige mag sich finden.“ Goethe wählte bei den Stücken, die in Weimar gegeben wurden eine Mischung aus Zerstreuung und durchaus anspruchsvoller Kunst. Denn er war sich darüber bewusst, dass das Publikum nicht sonderlich an Bildungs- und Belehrungsabsichten interessiert war.
 
Übertragen auf die Fernsehlandschaft heißt das im Grunde nur, dass vor allem gute Drehbuchautoren und Konzepte fehlen und nicht, dass das Publikum dumm ist und deswegen jeden Sonntag mit Rosamunde Pilcher zugedröhnt werden möchte. -Wer keinen Alkohol kennt, sieht und zu fassen bekommt, wird schließlich auch kein Alkoholiker. Zwischen Atze Schröder und einem Themenabend bei Arte fände man genug Spielraum für Schönes, das niveauvoll unterhält. In diesem Sinne: „All´ s well, that ends well.“

Charlotte Roche und ihr Roman Feuchtgebiete: Eine Nachprüfung

October 15th, 2008 § 4 comments § permalink

Marcel Reich-Ranicki hat es mit einem Buch geschafft, mein Germanistik-Studium an manchen Stellen freundlicher zu machen. Wenn man über Thomas Bernhards „An der Baumgrenze“ sitzt uns sich fragt, ob man nicht besser Japanologie studiert hätte, freut man sich über Ranickis Buch „Lauter Verrisse“. Hier wagt sich jemand kritisch an die heran, die sonst nur hochgejubelt werden und Kritik lediglich vom Hörensagen kennen.

Denn mit populärer Literatur verhält es sich zuweilen, wie mit dem allseits gelobten und unheimlich angesagten Italiener der Stadt. Einer geht hin und sagt: „Phantastisch!“ Der Nächste hat keine Ahnung von italienischer Küche und sagt einfach aus Verdacht: „Ja, ganz toll!“ Der Darauffolgende denkt sich, dass er nicht derjenige sein will, der sich als Nichtkenner und Spaghetti-Banause outet, also heißt es auch hier: „Mmmmhhhh, lecker!“ – Auf diese Weise können mittelmäßige Pizza-Büdchen jahrelang ihre gesamte Familie in Kalabrien finanzieren.

Also muss ich an dieser Stelle ein wenig den Reich-Ranicki geben, wenn ich mich nun noch einmal dem Roman von Charlotte Roche zuwende und mein damaliges Urteil revidiere. Ich habe den Roman gelesen und fand ihn ok. Der Plot steht auf wackeligen, dürren Beinchen, die Sprache entspricht dem Niveau eines Deutsch-Grundkurses in der 11. Klasse und inhaltlich ist man ab und zu geneigt anzunehmen, dass der ein oder andere Softporno für das Geschreibsel Pate gestanden hat. Frau Roche rühmt sich ja auch sehr eifrig überall zu betonen, dass sie stolz darauf ist, dass manch einer bei der Lektüre arg sexuell erregt war. -

Dass allseits bekundet wird, dass diese offenherzige Art mit Sex und den körperlichen Sperrgebieten umzugehen, so ganz und gar neu sei, finde ich sehr drollig. Wenn ich das Buch „120 Tage von Sodom“ von Marquis de Sade lese, das vor mehr als 220 Jahren geschrieben wurde, halte ich Frau Roche für prüde und phantasielos.

Wenn selbsternannte Feministinnen wie sie dieser Tage für „mehr Sex, mehr Schweinereien, keine Tabus“ eintreten, bleibt zunächst die verblüffende Feststellung, dass sich der Feminismus des 21. Jahrhunderts anscheinend keinen dringlicheren Themen mehr zuzuwenden hat. Da fällt es schwer ein Kichern zu unterdrücken.

Roches Sex-postive Feminsim ist  weit ab von Ikonen der Bewegung wie Simone de Beauvoir oder hierzulande Alice Schwarzer anzusiedeln. Diese Art von neuem Feminismus mit einem Schuss Porno lässt allerdings nur noch vereinzelt  die Schamesröte ins Gesicht treiben. Im Zeitalter von Youporn und Konsorten bleibt für ein Buch, in dem Muschi das Lieblingswort ist und sich die Protagonistin mit Schamhaarrasur, Sperma- und Scheidenflüssigkeit-Essen, gepaart mit sexuellen Spielereien beschäftigt, nicht mehr als ein Achselzucken beim jungen Publikum übrig. Jedoch bewirkt dieser Stil mit Sexualität und Selbstbestimmung umzugehen, dass eine Bewegung, die im Grunde mittlerweile als antiquiert, unnötig  und verbohrt eingestuft wurde, zu neuem Leben in der Gesellschaft erwacht. -Reanimation eines Totgeglaubten quasi. Der weibliche Frankenstein ist wieder unterwegs.

Schon allein deswegen hätte ich mir gewünscht, dass Charlotte Roche uns mit diesem unsäglichen Thema lieber verschont hätte. Jetzt reden alle wieder von Frauenpower und stolpern schwungvoll über ihre eigenen Füße.
Reich – Ranicki hat in einer Kritik mit dem klangvollen Namen „Leichen im Ausverkauf“ einleitend Voltaire mit „so nachlässig können sie schreiben, wenn sie berühmt geworden sind; jetzt müssen sie sich noch Mühe geben“ zitiert. -Vielleicht nimmt Roche ja den entgegengesetzten Weg und gibt sich beim nächsten Versuch endlich Mühe und rechtfertigt so ihre exorbitanten Verkaufszahlen. 

Wenn sich das Innere nach Außen kehrt…

October 15th, 2008 § 3 comments § permalink

… ist das zumindest in blutigen Horrorfilmen kein schöner Anblick. Wenn jedoch mit dem Inneren nicht Eingeweide, sondern die geistige Haltung oder Gedanken, Gefühle und Ähnliches gemeint sind, kann das sehr aufschlussreich sein. Ein Freund nahm neulich ganz verstohlen seine Mütze vom Kopf und sagte keine halbe Sekunde später vorwurfsvoll forschend: „Was guckst du so auf meine wenigen Haare?“ Dabei hatte ich eigentlich die ganze Zeit auf die kleine Stubsnase geschaut, die mir schon immer viel zu schön für einen Mann erschien. Dass er wenig, beziehungsweise kaum Haare mehr hat, scheint ihn demnach  mehr zu stören, als meine Wahrnehmung.

Warum stellt man sich selbst immer ein so unschmeichelhaftes Zeugnis aus? Warum kann man  nicht einfach mal sagen: Naja, ich habe wenig Haare und spare dadurch viel Shampoo, Zeit zum Frisieren und unnötige Friseurbesuche. Warum lenkt man freiwillig die Aufmerksamkeit der Menschen immerzu auf die eigenen äußeren Unzulänglichkeiten und tut dabei so, als hätten die anderen keine? Das ist beinah so, als ob man sehenden Auges in einen Hundehaufen rennt und sich nachher darüber ärgert, dass man Scheiße am Schuh hat.

Es ist absurd und somit leider wieder symptomatisch für die Vollspacken-Gesellschaft in der wir leben, dass man sich für etwas schämt, für das man nichts kann. Und noch absurder ist es sich deswegen minderwertig zu fühlen. Die Früchte dieser Absurdität sind dann in einem solchen Fall peinliche Fiffis, die man auf der Pläte  drapiert , oder bunte Truckermützchen.

„Gefallen wollen heißt sich zu erniedrigen,“ hat Gustave Flaubert einmal in einem ähnlichen Zusammenhang sehr schön gesagt. Demjenigen der versucht das Manko zu kaschieren ist nicht wohl dabei und die, die das Manko trotzdem erkennen lachen weiter drüber und zusätzlich noch über den misslungenen Versuch. Schwierig auszumachen, wer hier dümmer von den beiden Parteien ist.

Anders verhält es sich hingegen mit innerlichen Unzulänglichkeiten. Niemand gibt freiwillig und offen zu, dass er charakterliche Schwächen hat, die im zwischenmenschlichen Umgang  störender sind, als wenig Haare auf dem Kopf. Hätte dieser Freund an diesem Tag gesagt: „Ich weiß, ich bin unheimlich unzuverlässig, vergesslich und manchmal auch recht oberflächlich“ hätte ich lediglich erwidert: „Stimmt. – Aber dagegen kann man ja was tun.“

Blognovela Teil 5: Gabi und das Alter

October 14th, 2008 § 0 comments § permalink

Es gab Tage, an denen Gabi morgens beim Aufstehen schon mit dem Fuß in der Bettdecke hängen blieb, sich stürzend noch an der Gardine festkrallte, mit dem charmanten Ensemble (Gardine und Stange) unter lautem Getöse auf den Boden krachte und dann einfach liegen blieb, bis es Nachmittag war. Das war keine Seltenheit und der Hauswart kannte das Gardinenstangen-Massaker mittlerweile zu gut.
 
Heute war das Prozedere anders. Sie kam lediglich mit einer vom Türrahmen lädierten Schulter im Badezimmer an und hätte eigentlich aufgrund dieses Umstands sehr glücklich sein müssen und trotzdem: Sie hatte heute schon wieder so schlechte Laune. Sie war kein depressiver Typ und Nörgeln und Meckern waren auch nicht gerade ihre ständigen Wegbegleiter. Als sie jedoch vor Wochen flüchtig in den Spiegel schaute, sah sie etwas, das ihr fortan die Laune übel verhagelte: Eine weiße Strähne.

Ein graues Haar, darüber hätte man ja kein Aufhebens gemacht, aber eine komplette Strähne auf dem Deckhaar, für alle Jugendwahnsinnigen sichtbar? „Jetzt bin ich alt, der AOK-Shopper ist nicht mehr weit, bald werden mir in öffentlichen Verkehrsmitteln Plätze angeboten und Jugendliche werden mir auf der Straße meine Handtasche klauen und mich demütigen. Sie werden mit dem Finger auf mich zeigen und sagen: Da hat aber gewaltig der Frost rein gehauen. Da hilft Botox nur noch intravenös. Es wird mir wie einem alten Löwen gehen, der von seiner Herde ausgeschlossen wird, in der Steppe allein stirbt und schließlich von Hyänen aufgefressen wird.“ – In all dem Kummer vergaß Gabi allerdings, dass sie erst Anfang 30 war und die Hyänen noch nicht in Sicht.

Wie alle Frauen, die sich unpässlich fühlen, vereinbarte Gabi einen Friseur-Termin und dachte dabei nur: Ob der Friseur ihr die weiße Strähne nachfärbt? Ob er das richtig kann, oder ob er gut zureden würde, dem Beispiel von Menschen, wie Richard Gere zu folgen und ein sexy Silberpüdelchen zu werden. In Zeiten, wo das Altern zur Sittenwidrigkeit wird, wollte sie jedoch nicht riskieren schon vorher von den Hyänen zu Tode gehetzt zu werden. Tante Gisela hatte schließlich einmal gesagt: „Wer gegen den Strom schwimmt, sitzt –wenn er es schafft und nicht vorher ertrinkt- irgendwann allein an der Quelle.“

Am darauffolgenden Tag betrat Gabi also den ortsansässigen Friseur – Tempel von „Hairstylist Bobby B.“ –Wahrscheinlich war der Nachname so furchtbar peinlich oder passte schlichtweg nicht auf das Reklameschild, sodass Bobby darauf verzichtete- wenn Bobby überhaupt Bobby hieß. Solche Gedanken begleiteten Gabi auf dem Weg zur Anmeldung. Schließlich stand sie einer jungen Dame mit Bauernmalerei im Gesicht gegenüber, die sich als Josephina vorstellte und Gabi den Mantel vom Körper zerrte. Auf ihren High-Heels stakste sie wie der Storch im Salat durch den Laden und wies Gabi einen Platz zu, die sich mit „Danke, Josephine“ auf den Stuhl plumpsen ließ. „Ich heiße Josephin-A, nicht Josephin-E.“ raunzte das junge Mädchen mit blasiertem Gesicht und schlechten Haarverlängerungen. Gabi  antwortete lediglich: „Is schon gut Phinchen. Geh´ einfach wieder nach vorn und seh´ wichtig aus.“

Nach wenigen Minuten erschien ein braungebrannter, dünner Mann hinter Gabi und flötete mit der Stimme von Carsten Uecker: „Hiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii! Ich bin der Pippo. Was machen wir denn heute Schönes bei dir, hääääääääää?“ Gabi dachte sie wäre im Kasperletheater und der Kasper hinter ihr war nach dieser Einleitung schon eine echte Zumutung und sie wünschte aufrichtig, dass das Krokodil auf der Bildfläche erscheinen sollte. Als es das nicht tat, brachte Gabi sachlich ihr Anliegen vor. Pippo wühlte nachdenklich in ihren Haaren und sagte folgenden verheerenden Satz: „Na das ist aber nicht nur eine graue Strähne.“ Und bevor Gabi eine Schere in ihre Gewalt bringen konnte, setzte er hinterher: „Da hat wohl jemand die falsche Spülung im Drogerie-Markt erwischt, was? Ich hol´ dir die Farbe mit einer neutralisierenden Spülung raus. Aber dann: Finger weg von der Silberblond-Spülung, ja?“

Ab und an grüßt das Murmeltier

October 12th, 2008 § 2 comments § permalink

Ich habe sie an dieser Stelle mehr als ein Mal beschrieben, manchmal sogar beklagt: Meine Studienzeit. Mittlerweile war ich drüber weg und erinnerte mich manchmal, wie durch einen dünnen Schleier hindurch an alte, marode Betonsünden, stinkende Professoren, elitäre Dummschwätzer und wissenschaftliche Bordsteinschwalben. Mit der Zeit vergaß ich sogar sehr sorgfältig, warum ich glücklich war, aus diesem luftleeren Vakuum  in die Realität geflüchtet zu sein. Bis vor Kurzem schwelgte ich gar in aufrichtigen Erinnerungen und wünschte mich an den Rockzipfel der Wissenschaft zurück. Ich glaube, man nennt das Unitalgie. Das ist sehr unangenehm.

Seit gestern ist mir wieder eingefallen, warum ich bei dem Gedanken an Universitäten spontan rektale  Schmerzen verspüre. Gestern traf ich Sabrina. Sabrina ist eine ehemalige Studienkollegin von mir. Sabrina trägt seit ihrem Studienbeginn 2002 jeden Winter einen roten Schal, einen grauen Wollmantel, die gleiche Frisur und die gleiche Jeans. Auch ihr Gesichtsausdruck ist in signifikanten Momenten stets der gleiche. Sabrina schafft es auch seit 2002 nicht, den Inhalt ihrer Konversation auf Inhalte zu konzentrieren, die außerhalb des Kosmos Universität liegen. Kurz: Sabrina wird ihr Leben lang eine realitätsfremde, Sessel-pupsende Fachidiotin sein, die hinter dem goldenen Tellerrand lediglich viel weiße Tischdecke vermutet.

Allerdings wird Sabrina dieser traurige Umstand wohl nie sonderlich auffallen. Ganz im Gegenteil. Sie wird sich überaus glücklich schätzen der Troll von irgendeinem frustrierten Professor zu sein. Dankbar wird sie um ihn herum schawenzeln, ihm sagen, was er hören will, keinerlei Kritik üben, Bücher kopieren, Arbeiten schreiben über Themen, die sie sich nicht selbst aussuchen darf, Korrektur lesen und sich mit all den anderen kleinen Trollen zum Spielen und Zanken verabreden. 

Falls sie dann einmal auf einen Nicht-Troll, wie mich trifft, wird sie ihre kleine, fleißige und höchst anspruchsvolle Arbeit/Mission  in den Himmel loben und ein Füllhorn an Weisheit sein, das mit so Sätzen aufzutrumpfen weiß, wie: „Ich habe meinem Prof gesagt, dass für mich der Autor seit 1970 tot ist. Hahahahaha“. Dass man vorher über bolivianische Schäfer oder Fix und Foxi  gesprochen hat, stört sie dabei nicht.  Wenn man sich nach so einem Gespräch angewidert wegdreht, um zu gehen, ruft jemand wie Sabrina zu allem Überfluss und voll ernsthafter  Inbrunst hinterher: „Vielleicht sieht man sich ja noch mal wieder. Komm´ doch mal auf einen Kaffee vorbei. Ich bin bei StudiVZ. Schreib´ mir doch mal! Ach ja, und meine E-Mail Adresse und meine Mobilfunknummer sind immer noch die gleichen. Wir können auch mal abends was Trinken gehen, wenn du magst. “ – Seit gestern weiß ich es wieder ganz genau, warum ich beim Gedanken an Uni und Co. nicht frohlocke.

Das tapfere Schneiderlein

October 6th, 2008 § 5 comments § permalink

Ich bin eine echte Null in Sachen Handarbeit. Ich kann nicht stricken, häkeln und zum sticken bin ich schlicht zu ungeduldig. Knöpfe annähen klappt mittlerweile zwar ganz gut, aber wenn es um Gardinen umnähen geht, greife ich zur vielseitigen Klebepistole. Man sollte dann allerdings die Gardinen NIE wieder waschen.

Deswegen habe ich mir nun einen Schneider gesucht, der kleinere Arbeiten für mich –untalentiertes, faules Lieschen- erledigt. Der Mann ist Afghane. Das müsste man eigentlich nicht sonderlich erwähnen, denn die Verständigung klappt  ausgezeichnet. Lediglich im Bezug auf, was modisch gesehen schick und schicklich ist, sprechen wir zwei nicht die gleiche Sprache.

Als er mir vor ein paar Wochen klagte, er sei ja eigentlich kein Änderungsschneider, sondern ein richtiger Konfektionsschneider, da tat er mir leid und ich beauftragte ihn damit, mir ein Kleid zu nähen. Zu Hause nahm ich selber Maß und malte den Schnitt des Kleides auf. Ich machte Notizen, Pfeile und beschriftete so detailiert, dass ich ganz stolz mit dem von mir selbst gekauften Stoff im Laden stand. Plötzlich war ich Modedesignerin. Und das ganz ohne Klebepistole.

Doch seine Fragerei zu den Maßen –insbesondere  zur Kürze des Kleides und zur Ausschnitt-Weite- hätten mich stutzig machen müssen. Nach drei Wochen war das Kleid fertig. Freudig kam ich in den Laden. Da kam der nette Mann auch schon um die Ecke und drückte mir ein orangenes, sackiges Etwas in die Hände. Als ich es anzog stellte ich fest, dass er sich über meine Vorgaben in nahezu allen Belangen eigenmächtig hinweggesetzt hatte. Das Kleid war viel zu lang, der Ausschnitt winzig und am Hals, eine Taille gab es nicht und um die Brust, war ungefähr ein halber Meter mehr Stoff, als vereinbart. „Schön, ne?“ sagte der Schneider und ich konnte und wollte nicht sagen, dass dies das hässlichste Kleid war, das ich je am Leib getragen habe (mal abgesehen von dem Matrosen-Kleid, das mir meine Mutter einst angezogen hatte).

Brav lobte ich seine Arbeit und zahlte artig den Kaftan. Dann ging ich in das nächste größere Kaufhaus und  kaufte mir eine Nähmaschine. Mittlerweile nähe ich wie eine junge Göttin. Und aus dem Sackgewand ist jüngst ein Rock mit passendem Schal geworden.

Where am I?

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