Kurt Krömer stromert regelmäßig, jeden Montag (eigentlich Dienstag), so gegen 1 Uhr durch das Nachtprogramm der ARD. Die ARD denkt dabei natürlich an ihre jungen Gebühren-Zahler, die allesamt arbeitslos, mondsüchtig oder Studenten sind. Der ARD ist die Kurt Krömer Show wohl zu laut, planlos, wirr, wenig hochtrabend und insgesamt unseriös. Also wird sie auch fortan ein stiefkindliches Dasein fristen. –Die Welt ist eben ungerecht.
Umso besser, dass Kurt Krömer regelmäßig durch die Landen tingelt und zur Prime – Time der immer größer werdenden Anhängerschaft ein Stelldichein der nonchalanten, leichten und lustigen Unterhaltung präsentiert. Sein derzeitiges Programm heißt „Kröm de la Kröm“. Und das bekommt man für den etwas happigen Kartenpreis von 30 Euro tatsächlich geboten: Krömer, ohne auswendig gelerntes und herunter geleiertes Programm, dafür mit viel Improvisiertem. Das gibt´s nicht mehr allzu oft unter der deutschen Komödianten -Zunft.
Kurt Krömer wird für die zweieinhalb Stunden Programm nicht viel einstudiert oder geprobt haben, denn der Abend hängt zu einem nicht geringen Teil von den Zuschauern selber ab. Und an diesem Abend, war das leider nicht immer von Erfolg gekrönt. Da wird ein Paar in die eigens hergerichtete VIP-Lounge auf der Bühne gesetzt und gibt sich recht mundfaul und humorlos. Familienmitglieder von Zuschauern werden angerufen, die einfach wortlos auflegen. Wenigstens die netten Damen von der Auskunft steigen auf Krömers Gespräche ein. Fotos mit Fans auf der Bühne werden gemacht und die Besucher werden aufgefordert Begriffe auf Blätter zu schreiben, die der Maestro dann höchstpersönlich in eine Geschichte umwandelt. Doch auch hier das alte Problem: Die Audienz ist nicht gerade ein Ausbund an geistiger Eloquenz und der Humor bewegt sich auf Wellensittich-Niveau.
Krömer reagiert trotzdem begierig auf alles, auf jeden Zwischenruf –selbst auf Beschimpfungen- und antwortet in gewohnt schnodderiger, oder auch mal beleidigter Berliner Mundart. Ihn bringt nichts aus der Ruhe, alles macht er zum Thema und so verläuft der Abend trotz allem recht kurzweilig und man fragt sich, wer an der Uhr gedreht hat. Kurt Krömer schafft es mit spärlichsten Mitteln, mit einem quasi nicht vorhandenem Programm und einem teilweise beschränktem Publikum das Beste, aus den Erwartungen, die man an so einen Abend im Vorfeld stellt, herauszuholen: Abschalten, Lachen, Gickern, Bauchmuskelkater.
… ein paar Sätze und Gedanken aus Fontanes „ Effi Briest“, Erich Frieds Gedichten, Wildes „Ein idealer Gatte“ und „Dorian Gray“, Flauberts „Jules und Henry“, Christa Wolfs „Kein Ort. Nirgends“, Márquez „Hundert Jahre Einsamkeit“, Mulischs „Das Attentat“, eine leichte Prise aus Hannemanns „Neulich in Neukölln“, einen Satz aus einem Brief Karoline Günderrodes, ein bisschen Stifters „Nachsommer“, Ingeborg Bachmanns „Malina“, Tiecks „William Lovell“, Harald Martensteins „Vom Leben gezeichnet“ und schmecke es mit ein wenig von Goethes „Tasso“, „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ und „Dichtung und Wahrheit“ ab. Dann serviere man es mit ein bisschen selbstgezüchteter Sättigungsbeilage und fertig!
„Es ist doch zu dumm. Ich finde in diesem Haus niemand, mit dem ich reden kann. Dabei bin ich voll interessanter Neuigkeiten. Ich fühle mich wie die letzte Ausgabe von irgendwas,“ sagte der Lord zu sich selbst, als er das Haus betrat.
Seine größten Freuden sind ein Sonnenuntergang, ein Windrauschen im Wald, ein Lerchengesang im Morgentau; ein schön gebauter Satz, ein klangvoller Reim, ein geneigtes Profil, eine alte Statue, die Falte eines Gewandes können ihn in lang anhaltende Verzückung versetzen.
Er wusste jedoch sehr wohl, dass man, um glücklich zu sein, sich unter die Tanzenden mischen, einen Beruf, einen Stand, eine fixe Idee, irgendeine Marotte annehmen muss, um die Schellen munter zu schütteln; dass man sich der Politik oder Züchtung von Melonen widmen, Aquarelle malen, die Sitten reformieren oder kegeln gehen muss; aber zu all dem konnte er sich nicht aufraffen, und der geringste Schritt, es mit dem praktischen Leben zu versuchen, flößte ihm Ekel ein, ebenso wie das theoretische Leben ihn ermüdete und ihm sinnlos erschien.
Als er an der Ecke zur Bibliothek stehen blieb hörte er zwei Stimmen: „Wie diese Rosen abgeblüht sind, so ist unser Glück abgeblüht,“ sagte die eine Stimme. Diese Stimme kannte er sehr gut. Es war die, seines Vaters. Die andere, weibliche Stimme entgegnete: „Es ist nicht abgeblüht, es hat nur eine andere Gestalt.“
Der Lord dachte unwillkürlich: „Ich möchte meinem Vater wahrhaftig nicht drei Tage hintereinander begegnen. Das ist für jeden Sohn etwas zu viel Aufregung. Von Vätern sollte man weder etwas sehen noch hören. Das ist die einzige angemessene Basis für ein Familienleben.“ Jedes weitere unbemerkte Verweilen an dieser Stelle hätte ihn und die Belauschten in eine kompromittierende Lage versetzen können. Außerdem stellte der Lord im Stillen fest: „Mir liegt überhaupt nichts daran, zu erfahren, was die Leute hinter meinem Rücken sagen. Das macht mich viel zu eingebildet.“
Mit einer kurzen Drehung des Kopfes wirft er sein glattes, graues Haar nach hinten, er schlurft mit den Schuhen, und es sieht so aus, als wirbelten sie Aschewölkchen auf, obwohl nirgendwo Asche zu sehen ist.
Leise schlich er weiter durch die langen, öden Gänge, bis er vor der Tür seines Bruders stehen blieb und schemenhaft die folgenden Worte vernahm: „Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, gab mir ein Gott, zu sagen wie ich leide.“ Der jüngere Lord übte sich anscheinend als Dichter und beschäftigte sich seit Monaten mit ein und demselben Geschöpf, welches offensichtlich Anlass seiner Dichtungsversuche war: Leonore. Sie war eine seltsame Frau, deren Kleider stets so aussahen, als wären sie im Zorn entworfen und im Sturm angezogen.
Der Lord trat ein und wurde unverzüglich von seinem kleineren Bruder fröhlich begrüßt. „Lieber Bruder, denken sie schon wieder an ihre Leonore? Sie hatte gestern Abend viel zuviel Rouge und nicht ganz hinreichend Stoff an sich. Das ist bei Frauen immer ein Zeichen von Verzweiflung. Heiraten sie nie eine Frau mit strohblonden Haaren!“ Der Bruder schaute einigermaßen verärgert nach diesen Worten: „ Warum nicht?“ „ Weil sie so sentimental sind.“ „Ich danke Ihnen für Ihren gut gemeinten Rat, lieber Bruder. Allerdings halte ich es mit diesen seit geraumer Zeit folgendermaßen: Einen guten Rat gebe ich immer weiter. Es ist das einzige, was man damit machen kann. Für einen selbst hat er nie irgendwelchen Nutzen.“
„Lieber Bruder es ist doch so. Sie sind noch sehr jung. Es ist ein weites Feld. Das Leben, meine ich. Menschen, die im selben Bett einschlafen, träumen verschiedene Träume; jeder behält seine Gedanken für sich, drängt sein Glück zurück, verbirgt seine Tränen; der Vater kennt seinen Sohn nicht noch der Mann seine Frau; der Liebende gesteht der Geliebten nicht seine ganze Liebe, der Freund versteht den Freund nicht – Blinde, die im Finstern umhertappen und sich suchen, und wenn sie sich gefunden haben, verletzen und verwunden sie sich gegenseitig.“
Bei diesen letzten Worten, stutzte der junge Lord kurz und gab dann trotzig zur Antwort: „Was mein lieber Bruder sagt, ist einerlei. Es ist, was es ist, sagt die Liebe. Und die hat bekanntlich immer recht.“ „Darin irren sie sich; alles, was uns begegnet, lässt Spuren zurück, alles trägt unmerklich zu unserer Bildung bei. Und eine enttäuschte Liebe mehr, als es eine erfüllte wieder gut machen könnte. Das ist nicht nur meine subjektive Meinung. Dies hört man beinah jeden von Verstand sagen.“ Der ältere Lord triumphierte still. Doch der Bruder antwortete, als er sich seinen Büchern wieder zuwandte und dem unbequemen Gast bedeutete zu gehen: „Aber jeder hat nicht recht. Jeder ist niemand.“
Als der Lord wieder auf den leeren Gängen wandelte, dachte er darüber nach, dass sein Bruder ein Narr sei, auf ein hübsches Frauenzimmer herein zufallen. Diese Phase hatte er schon längst hinter sich. Da er sie überwunden hatte und sogar einen untadeligen Schritt weiter war, dachte er mit nicht geringer Genugtuung: „Ich boykottiere Gutaussehendenprodukte. Wenn im Käseregal auf der Camenbertschachtel ein Foto der wohlproportionierten, milchblonden Käserin drauf ist, dann greife ich zur Konkurrenz, auch wenn der andere Camenbert teurer ist und womöglich von einem echsenschuppigen Quasimodokäser stammt.“ Darauf war er stolz, denn das Äußere war stets nur Blendwerk und das hatte er mittlerweile verinnerlicht.
Als er aus dem Haus raus war und in Richtung U-Bahn ging, schwelgte er in vergangenen Erinnerungen und dachte so bei sich: „Ach, ist nicht alles nur Erfindung und Gedicht, was vergangen ist?“ Er war nicht so ein Träumer, wie sein Bruder. Er wusste: „ Eine ewige kalte Notwendigkeit regiert die Welt, kein freundlich liebend Wesen.“ In allerlei Gedankengänge vertieft, stieg er in die U8 ein und hörte bald darauf die Worte eines Mannes mit vielen Zeitschriften im Arm: „Guten Tag, meine Damen und Herren! Wenn ich kurz um ihr Gehör bitten dürfte: Mein Name ist Heinz. Ich bin vierunddreißig Jahre alt und durch ein von mir selbst konzipiertes Bauherrenmodell unverschuldet in Not geraten. Ich habe Hunger, keine Fünfzimmerwohnung und schon seit Tagen nicht mehr an der Börse spekuliert. Wenn sie mir eine Financial Times abnehmen, könnte ich mir wieder ein paar Aktien holen.“
Der Lord gab ein paar Taler und nahm eine Zeitung. Dabei schaute er den Mann an und sagte laut: „Jeder, den man heutzutage trifft, ist ein Paradoxon. Das ist sehr verdrießlich. Es macht die Gesellschaft so durchsichtig. –Wenn sie wissen, was ich meine!“ Der Mann nickte fröhlich und entgegnete: „Wenn man seine Kräfte zusammenkratzt, dass sie zu einem Sarkasmus reichen, hat man gewonnenes Spiel. –Wenn sie wissen, was ich meine!?“
Der Lord stieg am Hauptfriedhof aus und überlegte seufzend: „Man ist nirgends zu Hause, solange man keinen Toten unter der Erde hat.“ Er ging zu dem Grab seiner Großmutter, die er vor langer, langer Zeit verloren hatte. Und als er so vor dem großen Stein stand, dachte er an die weisen Worte dieser Frau, die sie nie müde wurde zu jedwedem Anlass zu wiederholen: „Kind! Kind! Nicht weiter! Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht, gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unsers Schicksal leichtem Wagen durch, und uns bleibt nichts als, mutig gefasst, die Zügel festzuhalten, und bald rechts, bald links, vom Steine hier, vom Sturze da, die Räder wegzulenken. Wohin es geht, wer weiß es? Erinnert er sich doch kaum, woher er kam.“ Da hatte sie recht, aber irgendwie kam es ihm so vor, als hätte er das alles schon einmal irgendwo gelesen…
Im 16. Jahrhundert war das so: War man jung – so um die zwölf- weiblich und hatte Eltern, wurde man zu einer Ehe mit einem ältlichen Herren gezwungen. Dann musste das Mädchen von zu Hause weg, bekam ein, wenn es Glück hatte und bei guter Gesundheit war, zwei Kinder und verblutete dann elendig im Wochenbett. Älter als Mitte 20 wurde zu dieser Zeit kaum jemand. Und für die Frage nach Liebe und Zuneigung war schlichtweg keine Zeit.
Heute ist das so: Wenn man mit zwölf noch nicht den ersten Tripper oder Genitalherpes hatte und an jedem Wochenende wechselnde Sexualpartner, ist man frigide oder gestört. Aber das macht ja nichts. Denn Gott sei Dank gibt es für diese Fälle nun endlich wieder Oswalt Kolle, den sympathischen 90-jährigen Greis, der alle untenrum locker macht. In den 70ern heiß diskutiert, heute milde belächelt. Denn was will man der heutigen Jugend schon noch groß beibringen?
Musste man früher zum Klavierunterricht oder zum Vereinssport –hatte also echte Hobbies- so verlustieren sich jetzt die lieben Kleinen mit Dildos, Gruppensex, Pornos aus dem Internet und Studieren am lebenden Objekt. Und irgendwie bleibt ihnen ja auch nicht viel mehr übrig. Die Vorbilder auf Viva, MTV und Co. machen vor, was erstrebenswert ist. Neben einem gestylten Äußeren ist das vor allem sexuelle Attraktivität und natürlich Sex selbst.
Überall in den Medien wird man nicht müde zu erzählen, dass die Kinder heutzutage viel frühreifer und geistig so unglaublich weit wären (was im normalen Alltagsleben schwer bestätigt werden kann). Aus kleinen Jungs und Mädchen werden ständig und überall kleine Erwachsene gemacht. Zur Untermauerung dieser These meldete sich neulich ein Frauenarzt, der behauptet, dass durch die Einnahme der Pille seit den 60ern so viele Hormone ins Trinkwasser gelangt sind, sodass die Mädchen heut alle viel früher körperlich entwickelt seien. -Wenn das stimmt, so müssten der männlichen Bevölkerung flächendeckend Brüste wachsen und sie fangen vielleicht auch bald an zu menstruieren.
Ich für meinen Teil bin jedenfalls froh, dass meine Eltern mich mit zwölf mit Barbie haben spielen lassen und nicht sagten: „So, Laura. Du bist jetzt schon zwölf. Du darfst mit dem Fahrrad nicht mehr auf dem Gehweg fahren. Du kannst nun selbstständig lesen und schreiben, bist gerade aus der Grundschule heraus. Du hast dir gestern dein erstes Schamhaar mit der Pinzette ausgerupft und deine Micky-Maus Schlüpfer gegen gestreiften Feinripp von Schiesser ausgetauscht. Bald kannst du sogar einen ganz kleinen BH tragen. Deine Kleidung kaufst du noch in der Kinderabteilung und in Freizeitparks brauchst du, weil du unter 1,20 m groß bist, keinen Eintritt zahlen. –Hier hast du ein Kondom, geh´ und such´ dir nun endlich wen zum Vögeln!“