November 11th, 2008 § § permalink
Träume sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Früher hatte man mit regelmäßiger Sicherheit in einem bestimmten Lebensabschnitt immer den gleichen Traum, der an einigen Stellen variierte. Bei mir war das während meines Germanistik-Studiums immer folgender: Ich saß in einer Prüfung und wartete lässig auf den Prüfungsbogen. Als er mir vorgelegt wurde befanden sich jedoch lauter mathematische oder wahlweise physikalische Formeln darauf. Dann sagte mein Professor, der wie der Joker aus Batman geschminkt war: „Du stehst nicht eher auf bis der Bogen richtig gelöst ist!“
Klar, das war ein Albtraum. Bei meinen mathematischen Kenntnissen wusste selbst mein Traum-Ich, dass das unlösbar für mich sein würde und geriet in Panik, was mich dann zum Aufwachen veranlasste.
Seit einiger Zeit jedoch träume ich häufig von öffentlichen Personen. Letzte Woche fragte mich Angela Merkel welches Brillenmodell für ihre Kopfform wohl am geeignetsten wäre. Und vorletzte Woche versuchte ich Xavier Naidoo davon zu überzeugen mit weichen Drogen doch nicht allzu freigiebig umzugehen. Doch das ist alles nichts im Vergleich zu letzter Nacht.
Da stand David Garrett in meinem Bad (ich gebe zu, mein Traum-Ich war zunächst hoch erfreut), benutzte meine neue Bürste und erkundigte sich nach Pflegeprodukten, die ich für mein Haar verwende. Und als wir da so über Spliss, blonde Haare und John Frieda philosophierten, fragte ich, ob ihn das Geschwätz von wegen „schönster Geiger der Welt“ nicht nerve. Und ob er sich als Künstler nicht unverstanden vorkomme. Da zuckte er mit den Achseln und fragte nach meinem Lieblings-Haarspray. Das gab ich ihm unter der Bedingung, dass er was auf der Geige spielt.
Als er jedoch gerade ansetzen wollte, kam Vanessa Mae aus der Küche und beschwerte sich. Mit ihrer lächerlichen Cyber-Dings-Bums-Geige in der Hand referierte sie darüber, wie sie von den Medien verheizt worden sei. Plötzlich saß Elton John im Wohnzimmer am Spinett und spielte „Dancing Queen“. Als ich in den Raum kam, stand Angela Merkel mit der Brille von Walter Steinmeier neben dem Spinett, zeigte auf die selbige und fragte, ob das was für sie sei. Ich schüttelte den Kopf und plötzlich ging die Balkontür auf und Walter Steinmeier kam mit der Frisur von Angela Merkel herein. Da schüttelte ich wieder den Kopf. Als ich dann aus dem Augenwinkel Xavier Naidoo aus meinem Schlafzimmer kommen sah, ergriff ich die Flucht.
Im Treppenhaus ging die Nachbarstür auf und Robbie Williams stand mit Kochschürze vor mir und fragte nach Butter und Mehl. Er erwarte einen der Kessler-Zwillinge zu Kaffee und Kuchen. Ich lief so schnell ich konnte die Treppe herunter und fiel. Unten angekommen beugte sich Sigmar Solbach über mich und sagte: „Hallo! Ich bin der Arzt, dem die Frauen vertrauen. Haben sie sich etwas gebrochen?“
Und dann kam der Teil des Traums, der mir am meisten zu denken gegeben hat. Denn hier tauchte eine Person meines täglichen Lebens auf: Mein schwuler Nachbar aus dem Parterre, der mich beim Müll sortieren, Wäsche waschen, Treppe putzen schikaniert und sich lauthals im Treppenhaus letztes Jahr über meine Weihnachtsdeko amüsierte.
Mit verschränkten Armen stand er über Sigmar Solbach gebeugt und plärrte: „Ach die! Hör mal Häschen! Glasflaschen kommen in den Glascontainer und Autos belasten die Umwelt. Lassen sie die ruhig hier verrecken Doktorchen. Der Klimawandel geht auf ihre Kappe!“ – Dann wachte ich auf. Und als mein Nachbar noch am selben Tag an den Mülltonnen gerade nach einem gespielten Räusper ansetzen wollte, mich zu missionieren, ließ ich allen Müll fallen und schrie: „Ich hoffe der Klimawandel erwischt sie zuerst, sie…sie…Müll-Nazi!“ -Ich habe mir ganz fest vorgenommen in nächster Zeit nichts mehr zu träumen.
November 9th, 2008 § § permalink
Ich bin eine schlechte Lügnerin. Im Grunde kann ich überhaupt nicht lügen. Irgendetwas verrät mich immer. Mal zuckt das Auge, ich grinse, schaue auffällig weg oder fange an zu schielen. Manchmal kratze ich mich am Bauch oder hinter dem Ohr, wie ein Hund der Flöhe hat. Man braucht mich aber auch nur eingehend und prüfend lange Zeit anzuschauen –ohne eine Silbe zu sagen- und ich gebe von allein zu, dass ich gelogen habe. Psychischen Druck dieser Art halte ich schwer aus.
Diese Eigenschaft macht mich für jede Form des Glücksspiels ungeeignet. Auch bestimmte Berufe bleiben auf Grund dieser charakterlichen Eigenart für mich unerreichbar. Früher hat es mich genervt und viele Freundschaften gekostet. Heute macht es einiges bedeutend einfacher. Man spart immens viel Zeit, wenn man von vornherein die Wahrheit sagt. Und die Menschen halten einen für charakterlich stark und reif. Ab und zu allerdings auch für unglaublich dumm. –Ein bisschen Schwund ist eben immer.
Wenn man von sich weiß, dass man aufrichtig und ehrlich ist, nimmt man dies auch pauschal von allen anderen an. Und dann ist man jedes Mal aufs Neue völlig konsterniert, wenn man plötzlich das Gegenteil feststellt. Viele haben das Lügen für sich perfektioniert. Manchen fällt eine Lüge auszusprechen sogar leichter, als die Wahrheit zu sagen. Das ist nicht immer verwerflich. Wenn jemand die Wahrheit nicht hören will und ein anderer zum Lügen bereit ist, zeigt sich in diesem Umstand zweierlei. Entweder tiefe Zuneigung oder Angst vor den möglichen Konsequenzen.
Viele Lügen verletzen, wenn man sie erst einmal enttarnt hat. Andere Lügen hingegen kann man akzeptieren, vielleicht sogar ein bisschen lieb gewinnen. Meine absolute Lieblingslüge stammt von meinem Vater und ist schon einige Jahre alt. Der hat, als er allein das Haus und die Haustiere hüten sollte, nicht mitbekommen, dass ich meine heißgeliebten Wellensittiche –wohlweislich- in eine kompetentere Obhut vor meinem Urlaub gegeben habe. Als ich dann –nach fast zwei Wochen- aus dem Urlaub anrief, erkundigte ich mich nach dem Wohl meiner Wellensittiche. –Stille am anderen Ende der Leitung-. Dann ein kurzes Räuspern. Nervöse Stille. -„Die Wellensittiche? … Ja, …also…ähm…denen geht ´s gut. Die Pfeifen fröhlich, essen ihre Hirsestange am Tag und machen … naja…äh…was man halt …äh…als Wellensittich so den ganzen Tag macht.“
November 7th, 2008 § § permalink
Es gibt Arztbesuche, die empfindet man als gar nicht so schlimm. Für mich gehören die jährlich zwei Mal anfallenden Besuche beim Zahnarzt in diese Kategorie. Ich mag meinen Zahnarzt –rein platonisch, versteht sich. Der Mann macht seine Arbeit gut, sofern welche zu erledigen ist.
Das einzige, woran ich mich auch in über 20 Jahren nicht gewöhnen kann, ist seine –nennen wir es mal- unkonventionelle Art Patienten zu behandeln. Der gute Herr ist einige Kilos schwer. Um also ohne Probleme und bequem in den Mund schauen zu können, fährt er den oberen Teil des Patientenstuhls derart weit herunter, dass man beinah einen Blutstau im Kopf bekommt. Dann biegt er einem den Kopf so zurecht, dass man mit der rechten Wange schön muckelig an seiner Plauze liegt und –wenn man möchte- seiner Verdauung lauschen kann. Er redet gern bei der Untersuchung und wenn man kurz nach der Mittagspause einen Termin bekommt, kann man sogar noch riechen, was es gerade gab. Er mag wohl eher deftige Kost mit viel Zwiebeln.
Die Untersuchung ist für ihn ohnehin nebensächlich, reiner Zeitvertreib. Seit fünf Jahren sagt er jedes Mal: „ C6 und C7 beobachten.“ Dann gratuliert er mir zu meinen „guten Zähnen“, erinnert daran immer brav Zahnseide zu benutzen und verweist auf das gute Erbmaterial, das ich von meiner Mutter anscheinend mitbekommen habe. Wenn er Zeit und Lust hat erzählt er davon, dass er sich als kleines Kind nur zwei Mal im Jahr eine Zahnbürste aus Naturborsten kaufen konnte, weil seine Familie so arm war. Dann macht er noch einen kleinen Schlenker zum Thema Urlaub. Denn Reisen ist sein Steckenpferd. Zu jedem kleinen Kaff und Örtchen fällt ihm ohne lange zu überlegen das beste Restaurant am Platz ein.
Heute war ich wieder da. Und er brummelte wieder was von „C6 und C7“ und dabei sah ich im grellen Licht, wie einige Spucketröpfchen aus seinem Mund flogen. Es ist Erkältungszeit. Die Vogelgrippe ist noch nicht ganz eingedämmt. Hepatitis B ist immer mehr auf dem Vormarsch. Und die Therapie wegen meiner Hypochondrie kommt auch nicht wirklich voran. Also klappte ich, so schnell wie irgend möglich, den Mund zu. Es war mir egal, dass sich dieses sperrige Metall-Spiegelchen noch in dem selbigen befand. Da fragte mein Zahnarzt erstaunt: „Nanu, hat dir da was weh getan? Da ist C6 wohl doch noch heute fällig. Frau Schmidt, machen sie doch schon mal die Spritze fertig!“
-Manchmal sind Zahnarztbesuche eben doch Scheiße!
November 5th, 2008 § § permalink
… und bin nur bedingt zur Ignoranz fähig. Andererseits habe ich nicht ohne Grund mein Politik – Studium nach einem Semester abgebrochen. Ich beschränke mich an dieser Stelle also nur darauf, dass ich mich bei der Berichterstattung der ARD nervös amüsiert habe und auch ein wenig angeekelt war. Die Diskussion um “Schmuddel” und mindere Qualität im Fernsehen erspare ich mir… – die kann Florian Henckel von Donnersmarck führen, während er darüber philosophiert, dass Obama nicht ganz so schwarz ist. Oder Frau Maischberger kann ja wieder Herrn Ruge einladen und einem 80 jährigen weitgereisten und kompetenten Mann wie einem Depp über den Mund fahren. Vielleicht kann Herr Schily auch einfach noch einmal so milde Lächeln, wie in dem Moment, als ein Foto von ihm gezeigt wurde -aus wilden Zeiten. Oder er kann aber auch mit gespielt belegt und bebender Stimme sagen, dass es im Grunde egal ist, wer Präsident wird. Denn den Amerikanern (allgemein) ist er wegen der Befreiung auf ewig dankbar. Und als man dann schon dachte: Schlimmer geht´s nimmer und gleich werden Seifenblasen ins Studio fliegen, da ist sich das Moderatoren-Duo im ARD-Wahlstudio doch tatsächlich nicht für den dämlichsten Wort – Witz zu schade. “Oral-Office” wird da ganz augeregt in die Kamera gegickert. -Ist ja schon spät!
Für alles andere (außer Jubelchöre) einfach mal hier vorbeischauen http://www.duckhome.de/tb/archives/3904-Praesident-Obama-und-was-bedeutet-das-fuer-den-Fisch.html
November 5th, 2008 § § permalink
Früher habe ich gern die „Traumhochzeit“ mit Linda de Mol im Fernsehen geschaut und fand Heiraten als sehr erstrebenswert. Doch die Zeiten ändern sich. „Traumhochzeit“ gibt es nicht mehr, die Linda muss wenn sie heute schlafen möchte die Reißverschlüsse hinter den Ohren aufmachen (der Schönheitschirurgie sei dank) und meine Eltern bezeichneten unlängst ihre 37 Jahre währende Ehe als Kriegsgefangenschaft.
Seit ich neben meinem Studium in einem Brautmodenladen gearbeitet habe, bekomme ich beim Thema Heiraten ein tendenziell eher ungutes Gefühl. 80 Prozent der Damen, die in diesen Laden kamen wussten nachher, zwischen Brautkleidern, Strumpfbändern, Schühchen, Höschen, Schleifchen, Schleiern und jeder Menge Glitzer und Tüll, gar nicht mehr wen sie überhaupt heiraten und warum. Das ist ohnehin nebensächlich. Hauptsache einer fragt. Und wenn es auch Micky Maus wäre. -Der Rest ist dann Pomp, Spaß und gute Laune. Und irgendwann dann manchmal Scheidung.
„Heiraten ist ja so furchtbar teuer,“ trällerte eine Kundin mir entgegen, als sie ihre finale Brautkleidanprobe hatte. Nur mit Mühe konnte ich meinen geschockten Blick von der Snoopy-Unterwäsche und der Teufelchen-Tätowierung am Knöchel wenden, während ich ihr in das Kleid half. Als ich mich jedoch wieder gefangen hatte warf ich ein: „Nicht so teuer, wie eine Scheidung.“ „Mein Dieter und ich bleiben für immer zusammen,“ entgegnete die Dame im besten Alter (=leicht über dem Verfallsdatum).
Man hat in solchen Momenten immer folgendes Problem: Erstens kennt man die Hintergründe. Das heißt in diesem Fall: Dieter ist wohlhabend und viel älter als seine bald Angetraute, die vor kurzem noch alten Damen saure Wellen legte. Zweitens sieht man die Fakten anhand von Preisschildchen. Wer sich das mit Abstand teuerste Kleid mit allem Firlefanz aussucht und immer wieder betont: „Mein Dieter hat gesagt ich kann mir aussuchen, was ich möchte“ und sich wie eine Großgrundbesitzerin gibt, hat noch Größeres vor und wird sich fortan nicht mit Schlecker und Lidl begnügen. Drittens hat man auf Erfahrung gegründete Vorahnungen (die ich heute bestätigt sehe). Nachdem die Dame ihren Dieter geheiratet und sich quer und nach Herzenslust durch alle Läden gekauft hatte (sogar Cremes für 300 Euro sollen dabei gewesen sein), wurde ihr das Leben und der Dieter zu fad. Da der Dieter aber keinen Ehevertrag gemacht hatte, konnte die Dame einige Taler nach der Scheidung auf ihrem Konto verbuchen.
Als ich eines Tages beim Saugen im Laden aus Versehen beinah ein komplettes Brautkleid (Einkaufspreis 200, Verkaufspreis 2000 Euro- nur mal so als Info) eingesaugt hatte, nahm ich das als schlechtes Omen. Und seither steht es fest: Kriegsgefangenschaft durch einen unterzeichneten Zettel kommt für mich nicht in Frage.
P.S.: Bevor sich hier irgendwer echauffiert: Ja, es gibt auch –einige wenige- glückliche und ehrliche Ehen. Glaube ich.
November 4th, 2008 § § permalink
Es gibt Menschen, die ändern mit dem Eintauchen in andere Berufs-Dunstkreise alles: Ihre Einstellung, ihre Ansichten, ihren Charakter, ihren Humor, ihr Äußeres und ihren kompletten Freundeskreis. Das fällt mir ganz besonders auf, wenn Menschen plötzlich anfangen am Theater zu arbeiten. Dass Schauspieler generell einen an der Klatsche haben, muss an dieser Stelle nicht noch einmal gesondert erwähnt werden…
Wenn jemand anfängt am Theater zu arbeiten –und sei er dort auch nur als Parkplatzwächter beschäftigt- verkauft oder verschenkt er zunächst seinen Fernseher und hat fortan ein Abo für die Süddeutsche. Dann trifft man diesen Menschen nur noch morgens Kette rauchend, Kaffee trinkend und Zeitung lesend in irgendeinem Straßencafé. Ganz abgeklärt wird dann lediglich nur noch mit dem Kopf kurz zugenickt, bevor weiter an der Gauleoise gezogen und per dezentem Handzeichen ein zweiter schwarzer Kaffee bestellt wird.
In Unterhaltungen wird dieser Mensch immer mehr zum Einzelschicksal. Nie stimmt er inhaltlich den Gesprächsbeiträgen zu, den Humor empfindet er aufeinmal als unter seinem Niveau und überhaupt vermittelt er gewollt den Eindruck, als sei das Gespräch Zeitvertrödelei. Wenn er jedoch einmal das Wort ergreift, möchte dieser Mensch bitteschön aussprechen und auch nicht durch Gekicher oder Augenverdreherei gestört werden. Ein allzu achtlos dahingesagtes Wort empfindet ein Theatermensch als barbarisch: „Das tut mir hier [ Fingerzeig aufs Herz ] weh, wenn du so etwas halbherziges sagst!“
Gemeinsame freizeitliche Aktivitäten werden immer problematischer. Erstens weiß man nicht mehr so recht, worüber man noch reden soll, zweitens ist alles außer Theater unwichtiger Tand und intellektuell wenig ansprechend. Über einen einstudierten und zurechtgelegten Witz über Brecht, wird jedoch gern und ausführlich geschmunzelt. Das ist erlaubt.
Die neuen Freunde aus dem Theater bekommt man nur sporadisch auf der Straße zu Gesicht. Denn mit dem Arbeiten im Theater werden Feiern veranstaltet, die entweder im Theater stattfinden oder unter Ausschluss des alten Bekanntenkreises. Schließlich könnte ja irgendjemand die Geschichte mit dem Slibowitz oder ebenso gut eine beliebig andere erzählen, die das neue Ich in ein unschmeichelhaftes Licht vor den neuen Freunden rücken könnte. –Bloß keine Zeugen der Vergangenheit!
Wenn die Theater-Gehirnwäsche dann vollends geglückt ist, wird das Äußere dem Inneren angepasst. Also: Trockenpflaume. Die Haare werden in einen Rot-/ Karottenton eingefärbt, gepflegte Kleidung ist nicht länger wichtig. Hauptsache ist, die Klamotten sind schwarz und ein Rollkragenpulli ist dabei. Wenn dann auch noch der Augenarzt eine minimale Sehschwäche festgestellt hat, steht der Komplettierung durch eine randlose oder schwarz eingefasste Brille nichts mehr im Wege.
Zum Ende wird´s dann hässlich. Man trennt sich im Streit, in dessen Verlauf dann irgendjemand irgendetwas Unschönes sagt und der andere etwas noch Unschöneres erwidert. -Dann fällt der Vorhang und alle gehen nach Hause.
November 3rd, 2008 § § permalink
Neulich erinnerte ich mich im Buchladen an das, was ich vor ein paar Jahren dort entdeckte: Marcel Reich-Ranickis ganz persönlicher Literatur – Kanon mit Werken von Goethe, Mann, Grass und den anderen üblichen Verdächtigen.
Ich habe mich schon während meines Studiums hin und wieder über diesen Begriff, der im literarischen Bereich einst im 18. Jahrhundert von dem Philologen Ruhnken eingeführt wurde, geärgert. Denn die Tatsache, dass jemand glaubt die für die jeweilige Zeit normsetzenden und wesentlichen künstlerischen Werke herauspicken zu können, halte ich für problematisch. Letzten Endes muss man sich angesichts der Liste der immer wieder genannten Literaten fragen: Was war zuerst da? Ei oder Henne?
Wenn jemand ein Werk zum Kanon zählt, macht dann nicht erst dieser Umstand das Werk tatsächlich zu etwas, das die Zeit überdauern kann? Und ist dann nicht das Gerede über diesen und jenen Kanon als eine große Werbekampagne –nicht zuletzt für die eigene Eitelkeit des Kanon-Machers- zu betrachten? Ranicki lässt es sich gern gefallen als Literatur-Papst bezeichnet zu werden. Und er weiß, wenn er sagt, dass das Sandmännchen fortan zum Literatur-Kanon gehört, genug Lemminge in den nächsten Buchladen spurten, um des Meisters Empfehlung begierig zu kaufen und sich nacher auch noch unheimlich schlau dabei vorkommen.
Die literarisch-historische Vergangenheit hat vor allem eines gezeigt: Ein Kanon macht nur da Sinn, wo man bewusst ausklammern und diskriminieren möchte. Im 18. Jahrhundert schaffte es beispielsweise keine Frau –selbst wenn sie ein Zwitter (halb Goethe, halb Shakespeare) gewesen wäre- als Kanon-würdig zu gelten. Nun im 21. Jahrhundert haben es einige wenige endlich in Lehrpläne und sogar in einige Kanon-Sammlungen geschafft. Viel zu spät. Für die Literaten und für die Leser.
Und nun will Herr Reich-Ranicki uns auch seinen ganz eigenen Fernseh-Kanon verkaufen (und nebenbei sicher ein paar Bücher). Auch hier ärgere ich mich ein wenig über so viel Arroganz und gleichzeitiger Engstirnigkeit. Und ich weigere mich, mich ebenfalls auf die ausgelatschten Trampelpfade zu begeben, wie all die anderen Lemminge, die nun schnell die Üblichen verdammen und in Massen bekunden: Privatfernsehen ist der letzte Dreck. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten hingegen sind nur ein bisschen dreckig. Und Schmuddel-light ist ja in Ordnung.
Ich lese, was ich will. Ich schaue im Fernsehen, was ich will. Und ich lasse mir nicht diktieren, was ich gut zu finden habe und was künstlerisch als besonders wertvoll eingestuft wird. Denn der Kritiker bin ich. Und ich kann selber denken.
November 1st, 2008 § § permalink
Ich habe seit frühster Jugend einen schlimmen Rücken. Genauer gesagt macht mir der Nacken-/ Schulterbereich schwer zu schaffen. Seit ich damals Kunstturnen und Ballett gemacht habe ist das so. Hypermobile Wirbelsäule nennt man das glaube ich. Ständig springen mir irgendwelche Wirbel heraus und verursachen, wenn es ganz dumm läuft einen schiefen Hals. Das ist besonders peinlich, wenn das beim schwungvollen Ausziehen des eigenen Oberteils passiert und der Abend dann in der Notfallaufnahme stimmungsvoll ausklingt.
Eigentlich müsste ich jede freie Minute Rückenübungen machen, um meinen Wirbeln ein muckeliges Muskelbett zu bieten. Stattdessen mache ich nichts. Beim Krankengymnasten gelobe ich stets Besserung und mache alle Übungen brav und gewissenhaft mit (auch die mit Ball und Plastik-Limbo-Stange). Doch dann verlässt mich die Lust und ich mache andere, wichtigere Dinge zu Hause. –Zum Beispiel die Fugen im Bad mit einer Zahnbürste putzen.
Als es diese Woche dann wieder ganz schlimm war und ich jeden Tag mit einem Kopfschmerz erwachte, wollte mir meine Mutter einen Gefallen tun und machte einen Massagetermin für mich aus. Ich traue solchen Physio-Therapie-Dings-Bums-Praxen nicht über den Weg und trotzdem ging ich gestern hin. Schon allein der Anblick von kränkelnden Menschen bewirkt, dass ich mich selbst noch schlechter fühle. Und da die Kabinen schön eng in diesem Etablissement nebeneinander liegen, konnte man schon unter dem Rotlicht liegend wunderbar die komplette Krankengeschichte von Frau U. zur rechten und von Herrn W. zur linken Seite vernehmen. Da wäre ich am liebsten schon geflüchtet.
Doch als ich gerade zur Gardine herausspähte stand ein zwei Meter Mann mit Glatze vor mir und sagte: „Schon da!“ Meister Propper stellte sich als Marc vor und fing direkt an meinen Rücken zu malträtieren. Dabei quasselte er mir eine riesige Frikadelle ans Ohr. Irgendwann stellte er mir folgende Frage: „Schon mal daran gedacht für den Rücken was im Fitness-Studio zu tun? Ich hab´ einen Kumpel, der…“ Da hakte ich ein: „Also das ist nun wirklich nicht mein Niveau. Muckibuden kommen für mich nicht in Frage.“ Da war Marc enttäuscht und knetete traurig weiter.
Aus heutiger Sicht (einen Tag später) meine ich, dass Marc sich ab diesem Zeitpunkt mit ein paar akupressurischen Griffen für diesen hochmütigen Kommentar gerächt hat. Denn heute ist alles noch viel schlimmer als die gesamte letzte Woche und ich habe mir einen Schal –aus purer schmerzerfüllter Verzweiflung- so umgelegt, dass er als Halskrause fungieren kann. –Nächste Woche melde ich mich im Fitness-Club an. Allerdings nur, um an der Bar zu sitzen und alle Marcs dieser Welt zu schikanieren…