Es gibt verschiedene Arten von genervt-sein. Aus dieser Artenvielfalt werde ich mir heute eine ganz besondere Art heraussuchen und sie versuchen, näher zu begründen.
Seit Anfang des Jahres lebe ich auf einer Insel. Bewusst habe ich mich dazu entschieden –trotz Sommer-Auto-Fahrverbot- etwas abseits (Insulaner sagen, es sei der Arsch der Welt) zu wohnen. Und jetzt zur Saison bereue ich diese Entscheidung kein bisschen.
Ich habe die Seiten gewechselt, seit ich an einem Urlaubsort wohne. Ich bin quasi wie Saulus, der zum Paulus mutierte. Früher lief ich selbst orientierungslos, als Spielball der einheimischen Willkür, in fremden Straßen umher, auf der Suche nach dem nächsten Schuss. Mit dem Fotoapparat in der Hand, dem Lageplan ganz unten in der Beutelartigen Tasche und einem Sommer-Sonne-Bacardi-Feeling unterwegs zur nächsten Sehenswürdigkeit, dem nächsten Straßenlokal oder dem nächsten Strand. Ganz egal. Man hat ja Zeit. Man ist ja im Urlaub und nicht auf der Flucht. Alles schön entspannt.
Jetzt arbeite ich da, wo andere Urlaub machen. Andere, das sind meist Familien mit brätschigen Kindern (weil denen die Luft nicht bekommt) und Menschen jenseits der 70. Letztere Klientel erklärt die ganze Insel kurzerhand zur Fußgängerzone. In Menschenketten ähnlichen Formationen blockieren sie ganze Straßenzüge und reagieren nicht auf Fahrradgeklingel oder Zuruf. Ein bisschen erinnern solche Szenerien an „Sean oft he Dead“…diese leeren Augen, die an jedem Schaufenster, das völlig überteuerte Ware anbietet, kleben und alles laut und zehn Mal langsamer als schicklich kommentieren: „Guck mal. Ne´ Kirche. Oh, die ist aber schön. So schöne Kirchen haben wir aber nicht. Da mache ich glaube ich Mal ein Foto. Halt doch mal meine Tasche. Und jetzt suche ich den Fotoapparat. Wo ist der denn? Den habe ich doch heute Morgen noch eingepackt, bevor wir frühstücken waren. Ah, da ist er ja. Da mache ich jetzt mal die Schutzhülle ab. Hier, halte doch bitte mal die Schutzhülle, damit ich ein schönes Foto von dieser schönen Kirche machen kann. So, jetzt nur noch zoomen. Wie ging das noch mal? Ach so. Jetzt gehe ich mal einen Schritt zurück. Huch, ein Fahrradfahrer. Da warte ich noch mal, bis der weg ist […]“. –Man möchte ausrasten.
Schön sind auch Erziehungsmaßnahmen, die man hinsichtlich seiner Fahrradfahrkünste über sich ergehen lassen muss. Hier sei einmal gesagt, dass Menschen, die sonst kein Fahrrad fahren im Urlaubsort dazu neigen, sich zu überschätzen. Gerade die Balance ist da ein wichtiges Thema. Diese Saison haben es zwei Damen leider nicht geschafft, die Wegenge am alten Deich so flink wie ich zu überqueren. Das Hindernis war auf ihrer Seite, doch statt stehen zu bleiben, zieht man einfach durch und findet sich dann manchmal im Graben wieder. Verkehrsregeln sind nämlich immer ein ganz großes Thema hier auf der Insel. Touristen behaupten allen Ernstes, auf der Insel würden die normalen Straßenverkehrsregeln nicht existieren. Rechts vor Links wird mir nichts dir nichts durch: Lassen sie mich durch, ich bin im Urlaub, ersetzt.
Auch zeigen sich viele Touristen als überaus kommunikativ. Ein Plausch mit einem Einheimischen hat einen hohen Stellenwert. Meine Bekannte, die im Auge des Tourismuswirbels wohnt, ist hier nicht zu beneiden. Das Mephisto-Schlappen-Geschwader bleibt vor ihrem Haus (das einen Eigennamen trägt) stets stehen und liest den Namen laut und meist im Chor vor. Wenn man einen ganzen Tag im Garten verbringt, kann das schon mal 30-40 Mal am Tag der Fall sein. Ganz kecke und besonders entspannte Urlauber lehnen sich dann lässig über den Zaun und rufen einen, wie eine Bedienung zu sich her und fangen ein ungezwungenes wie unnötiges Gespräch an.
Alles in allem erinnern mich die Touristen an meine Tante Almut. Die kam uns besuchen, obwohl sie keiner da haben wollte und verbreitete mit ihrer dämlichen Art nur Unmut.
Andererseits sehe ich als Hinzugezogene auch die Notwendigkeit der Touristen. Von was sollten die Einheimischen sonst leben? Mehr als Zimmer vermieten ist beim Gros der Insulaner intellektuell einfach nicht drin…