Mein früherer Literatur-Professor war wie ein Eichhörnchen. Nicht, dass er Nüsse für schlechte Zeiten im botanischen Garten der Uni vergraben hätte. Nein, rein vom negativen Aha-Erlebnis her. Eichhörnchen kommen immer so puschelig, problemlos und politisch korrekt rüber. Dabei essen sie Mäuse und kleine Vögel und nicht, wie alle meinen, Nüsse und ein paar grüne Blätter. „Das ist Natur“, könnte man jetzt einwerfen und hat damit selbstredend recht. Es ging ja auch nur darum einen unerfreulichen Aha-Effekt zu bebildern.
Mein Literatur-Professor war ein ebenso freundlich erscheinendes Wesen. Nichts deutete auf irgendwelche geistigen Abgründe hin, bis zu einem Tag im Sommer, als er urplötzlich in einer –vornehmlich von Frauen besuchten- Vorlesung davon sprach, dass Frauen in hohen Positionen der Hochschullandschaft kaum vertreten seien, weil sie besser Kinder kriegen und ihren Mann anständig befriedigen sollten. Und es studierten zwar prozentual mehr Frauen Geisteswissenschaften, bekämen es aber am Ende nicht hin, sich gegen die wenigen, aber dafür blitzgescheiten Männer durchzusetzen. Plötzlich war der Puschel-Faktor verschwunden. –Er mag in vielen Fällen mit diesem Gedankengut richtig gelegen haben. Aber Klischee- und ausgiebige Vorurteilspflege sollte man nicht mit der Realität verwechseln. Ist ja schließlich auch nicht jeder Literatur-Professor chronisch sexuell unterfordert und holt sich auf Gottfried Benn intellektuell einen runter.
In dieser frühen Phase meines Lebens dachte ich also noch: Das kann einem schlauen Menschen schon mal passieren, so eine verbale und geistige Inkontinenz. Ein paar Jahre weiter höre ich jedoch einen Spiegel-Redakteur in seinem peinlichen 70er Jahre Elfenbeinturm eine ganz ähnliche Scheiße reden. Es gibt lediglich eine Ressort-Leiterin. Das hätte keine besondere Bewandtnis, lächelt er falsch über seinen Silberblick hinweg, krault sich geistig und genussvoll die kleinen Nüsschen und beglückwünscht sich im Stillen, dass das Los seiner Geburt ihm die zwei Kleinen mitgegeben hat. Denn Männchen-Sein scheint beim Spiegel schon einmal der erste kleine Schlüssel in die höheren Gefilde zu sein.
In solchen Momenten, in denen man auf ein dummes Klischee herunter gebrochen wird, ärgere ich mich eigentlich nicht mehr. „Blödes Blondchen“, „arrogante Kuh“, „oberflächliche Zicke“, das sind alles Sachen, über die man müde lächeln kann, weil man sie mühelos entkräften könnte, wenn man Lust dazu hätte. Aber den Vorwurf, eine Frau zu sein, die nur aufgrund ihrer Geschlechterzugehörigkeit gleich mit allerlei Rollenklischee-Gedöns behangen wird und dann wie ein Pfingstochse geduldig hinter solchen Parolen hinterher trotten muss, kann man schlecht entkräften. Nicht, weil etwas Wahres daran wäre, sondern weil es schlicht absurd ist. –Seit heute ist der Spiegel für mich ein Eichhörnchen.