Der Bauer sucht wieder …

RTLs großes Ass im kunterbunten Sendeärmel der locker-leichten Unterhaltung läuft wieder. Karohemden-Träger werden mit verniedlichenden adjektivischen Stabreimen wie: „Der musikalische Milchbauer Michael“ oder „der schöne Schweinebauer Siegfried“, belegt.

So oder so, beide könnte man getrost als „Depp“ beschreiben. Jedenfalls scheint das die Sichtweise der RTL-Produzenten auf die Singles vom Land zu sein. Man weiß schon bei diesen sprachlichen Stil Elementen, die die Stimme aus dem Off stets möglichst harmlos daher flötet nicht, ob es sich im Grunde um eine handfeste Beleidigung und Bloßstellung oder tatsächlich um den sprachlichen Geschmack des TV-Senders aus dem fröhlichen Rheinland handelt. Der Redakteur von „Bauer sucht Frau“, scheint sein Handwerk auf dem zweiten Bildungsweg in der Baumschule erlernt zu haben.

Vorführen wolle man die Kandidaten jedoch nicht, wie Moderatorin Inka Bause unlängst – möglichst schmollmundig und kulleraugig- in Beckmanns Sendung bekundete. Nein, natürlich nicht. Deswegen zeigt man in genüsslicher Epik, wie sich die Bauern ungelenk vor dem großen Scheunenfest nett zurecht machen, Teddykrawatten umbinden, sich über dem Badewannenrand die Haare shampoonieren, wie sie kleine Schleifchen um die selbstgemachte Leberwurst zusammen mit Mutti binden und hält unerbittlich jede noch so dämliche Äußerung, jedes noch so kleine Ungeschicktheit und Unbeholfenheit in Bild und Ton fest. Dass RTL hinter den Kulissen kräftig dazu beiträgt, dass sich die Beteiligten garantiert zum Voll-Horst machen ist zwar nicht auf den ersten Blick erkennbar, aber so sicher wie ein Bausparvertrag. Die Zuschauer danken so viel Gutmenschlichkeit mit einer traumhaften Einschaltquote. Und Inka Bause tänzelt mit ihrem eingemeißelten Gute-Laune-Grinsen und den fröhlichen Folklore-Klamotten mit viel Strass weiter so harmlos und freundlich wie irgend möglich durchs Bild, um sich nicht gleich als Dieter Bohlen der Single-Kuppler-Szene zu enttarnen.  Begleitet und untermalt wird die ganze Chose von so Schlagern wie „Take my breath away“ und vielen anderen bedeutungsschwangeren Liedtexten. Auch wenn Inka Bause einem Bauern seine Zuschriften in einem riesigen Korb überbringt, um dann ganz großzügig zwei Briefumschläge hervor zu zaubern, zeigt sich RTLs unzweifelhaftes Feingefühl. RTL sorgt dafür, dass der Zuschauer diesen deprimierenden Umstand die gesamte Sendezeit über nicht vergisst. Denn bei jeder Einblendung des Bauerns, wird eine Namensbanderole am unteren Bildschirmrand eingeblendet unter der steht: Dieter: Bekam zwei Briefe. -Mehr widerliche Bösartigkeit geht nicht.  

October 29, 2009

Intellektuelle Insolvenz

Jemand der schon vor längerer Zeit intellektuelle Insolvenz angemeldet hat, bekommt jetzt –so ist das nun einmal im deutschen Fernsehen- eine eigene Fernsehsendung: Oliver Pocher.

An seinem Beispiel kann man zweierlei ablesen. Erstens: Einfachen Erfolg kann man sich erarbeiten und erblödeln, richtigen Erfolg bekommt man aber nur mit der richtigen Mediennutte an seiner Seite. Und wenn die auch noch nach sechs Monaten Bekanntschaft, bereits im fünften Monat schwanger ist, dann ist es kaum noch auszuhalten mit dem Erfolg. Zweitens: Auch kleine, verschüchterte Jungs, die stets der Klassendepp waren, werden zu großen Jungs, die ihre Minderwertigkeitskomplexchen hinter prophylaktischen Brachial-Witzen und neben blonden Schmuckverkäuferinnen verstecken. Motto: Ist die Lebensabschnittsgefährtin so eine gesellschaftliche Witzfigur, dass ich mich locker-launig, pseudo-selbstironisch drüber lustig machen kann, schaut keiner auf mich.

Neben Onkel Harald Schmidt hat der Aushilfspraktikant im letzten Jahr tendenziell eher selten glänzen können. Nun beklagt er sich, dass Schmidt ja immer nur „der Gute“ gewesen sei, während ihm vorgeworfen wurde, die Sendung kaputt gemacht zu haben. Drücken wir es einmal wohlwollend aus: Harald Schmidt hat das getan, was er kann – Pocher kann im Grunde nichts, aber das ganz gut. Zumindest reicht es für die Privaten. Eine Paris Hilton fürs mediale Volk quasi.
 
Als quengelndes, verstoßenes Stiefkind der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten macht er sich dementsprechend genauso schlecht, wie als Moderator beim Privatsender Sat1. Und so leistete ihm in seiner ersten Sendung ein weiteres verstoßenes Einzelschicksal Gesellschaft: Johannes B. Kerner. Über den hat er sich früher auch lustig gemacht, aber hey: Pocher steht so dermaßen über allem, dass man meinen könnte, er hätte tatsächlich in seinem Leben mehr erreicht, außer ner Siegerurkunde bei den Bundesjugendspielen.

Ich habe es damals schon gesagt: Das wird nichts. Der Rest ist Geschichte. Schon das Studio, in dem Pocher jetzt immer freitags durchs Programm führt, verdeutlicht Pochers Dilemma: Alles ne Nummer zu groß und irgendwie auch geschmacklich verirrt. Man weiß nicht, ob man an eine Juppie-Erst-Wohnung oder an einen Nachtclub für Schwule denken soll. Und bei den Einspielern ertappt man sich auch zwangsläufig bei dem Gedanken: Früher war es lustig, jetzt ist es großspurig-abgedroschen. Denn der Pocher, der mit der Doppel-Ex des deutschen Tennis liiert ist und über rote Teppiche flaniert, großkotzige Interviews gibt und statt mit seinem Klein-Jungen-Bengel-Charme nun mit Großgrundbesitzer-Manier in jede sich bietende Kamera faselt, hinterlässt beim Zuschauer einen seltsamen Eindruck.
Ihm wird es wie Niels, Anke und all denen gehen, die irgendwann das dürre Strohhälmchen „Eigene Fernsehshow“ ergriffen haben und von allen Umstehenden bestärkt wurden und am Ende ziemlich kleinlaut von Dannen ziehen mussten. Der Abgesang kann vorbereitet werden…

October 10, 2009

Vertrauen à la 21. Jahrhundert

Es ist fürchterlich, was sich seinerzeit in Dortmund abgespielt hat. Da nahm eine Sekretärin doch tatsächlich eine Frikadelle vom Firmen- Buffet, aß sie auch noch und wurde dann von ihrem Chef nach 34 Jahren Betriebszugehörigkeit fristlos gefeuert. Der Chef sieht die Vertrauensbasis wegen der verzehrten Frikadelle völlig zerstört und zerrüttet.

Und Recht hat er! Wie oft hat man schon den Ausspruch gehört: Nimm diese Frikadelle als Zeichen meines Vertrauens. Fast täglich fungiert dieses Stück Vertrauensbeweis aus Rind- oder Schweinefleisch als gesellschaftlich-moralisches Bindeglied. Was wäre diese Gesellschaft gar ohne ihre Frikadelle? Wo Vertrauen und Ehrlichkeit doch heute mehr als je höchstes Gut im Zwischenmenschlichen sein sollten, da erdreistet man sich und isst dieses Symbol für Urvertrauen einfach auf. So geht es ja nicht. Ein Gewürzgürkchen wäre ok gewesen oder eine winzige Cherrytomate. Schmückendes Beiwerk, Tand – aber eine Frikadelle und dann womöglich noch mit Brötchen? Das geht zu weit! 35 Jahre Zusammenarbeit können da schon mal schnell in Vergessenheit geraten. Und wenn die neue Sekretärin 35 Jahre jünger ist, als das Vertrauen-mordende und Frikadellen-essende Luder ohnehin. Es sind entsetzliche Zeiten, in denen wir leben  – nicht nur in Dortmund.

October 8, 2009

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