Dauer-Bewerbungsgespräch

November 18th, 2011 § 1 comment § permalink

Es gibt diese eine Szene in dem Film „Harry und Sally“. Nein, nicht die. Sondern die, wo das befreundete Paar im Bett liegt, sich jeweils das Genöle von Harry und Sally am Telefon nach der missglückten Liebesnacht anhört, auflegt und die Frau sagt dann: „Sag mir, dass ich nie wieder da raus muss“. Mit „raus“ meint sie natürlich nicht die Wohnung, sondern den hart umkämpften Singlemarkt. Gott, was habe ich da schon alles ausstehen müssen!

Dabei ist es doch so einfach. Ich suche einen Mann, der kein aktiver Alkoholiker ist, seinen Drogenkonsum auch sonst im Griff hat, nicht kriminell ist (oder auf dem besten Weg dahin…obwohl: Tony Soprano würde ich nehmen), artikulierte Laute und zusammenhängende Sätze bilden kann, kein Psychopath oder Katzen-Hasser ist, ein ausgeglichenes, dem Choleriker fernen, Wesen besitzt, Humor nicht für ein Privileg der Männerwelt hält und mir ab und an mal in den Mantel hilft. Das sind anscheinend zu hohe Ansprüche. Dennoch habe ich es in letzter Zeit häufig versucht. Aufrichtig versucht. Ehrlich!

Die 30 hat mich motiviert nicht irgendwann von Schäferhunden angefressen in der Wohnung gefunden zu werden. Jetzt denke ich allerdings, dass das die wesentlich angenehmere und lebenswertere Alternative wäre. Selten musste ich mir in derart geballter Form so unendlich dummes, nerviges und uninteressantes Gequake anhören. Höhepunkt war ein Date mit einem jungen Mann, der bei einem Abendessen alle Register zog. Die negativen. Versteht sich.

Zuerst mal nannte er mich „Blondie“, was ich eigentlich noch witzig fand, weil ich dachte, dass es ein Spaß sei. So im Sinne von: Ich mach dir mal den Proll. Er meinte es hingegen bitterernst und blieb bei dem Namen. Vielleicht war es auch einfach zu kompliziert, sich meinen Vornamen zu merken. Ansonsten gab er sich große Mühe galant und elegant zu wirken. So elegant zumindest, wie Winnie Puh bei einem 2000 Meter Lauf eben wirken kann…

Tischmanieren wären schön gewesen. Stattdessen lehnte er auf beiden Ellenbogen, während er den Arm mit der Gabel abknickte und mit der Gabel permanent in der Luft vor meinem Gesicht rumwedelte. Mal mit Garnele, mal mit vor Dressing triefenden Salatblättern oder aber auch mit Nudeln. Er schaufelte und redete in einem, was den Blick auf das eben noch auf der Gabel-Befindliche in einer äußerst unangenehmen Weise freigab.

Als ob dieser Anblick nicht schon grenzwertig genug gewesen wäre, funkelte mir beständig den ganzen Abend eine Uhr mit Brillis und einem Ziffernblatt in Form eines riesen Kristalls entgegen. Als ich ihn mal nach der Uhrzeit fragte, konnte er mir keine Auskunft geben: „Kann ich nicht lesen. Wegen dem Schliff“.

Er unterhielt lautstark das gesamte Lokal, meckerte die Bedienung an und redete permanent. Was, weiß ich gar nicht mehr so genau, weil ich zwischenzeitlich im Standby-Modus befindlich, überlegte, was ich am nächsten Tag im Supermarkt einkaufen wollte, was ich putzen muss und ob ich noch genügend Waschmittel im Haus habe. Anschließend ging ich im Kopf alle Termine, die ich im November habe durch und überlegte mir Weihnachtsgeschenke für die ganze Familie.

An einem Punkt horchte ich aber auf, nämlich, als er erzählte, dass ich mit ihm einen exzellenten Fang machen würde (er sei ein hervorragender Liebhaber. Ich wollte mir gar nicht vorstellen, wie ich neben, auf, unter der Bling-Bling-Uhr im Bett liege). Er beschrieb sich derweil in den vorteilhaftesten, schillerndsten Farben, zog schmeichelhafte Aussagen von Freunden und Familie zur Unterfütterung seiner Aussagen heran. Gleichzeitig räumte er jedoch ein, dass er lediglich in der Anfangszeit noch so „charming“ wie heute Abend sei (also mit „Abholen, Tür aufhalten, in den Mantel helfen und so“), später würde sich das verflüchtigen.

Im Nachhinein kam mir der ganze Abend zunächst wie ein Verkaufsgespräch –sagen wir bei QVC- vor, im Anschluss allerdings, wechselte es in ein Bewerbungsgespräch. Ein Bewerbungsgespräch um den Job als Haus-, Putz und Ehefrau. Denn nun wurden meine Fähigkeiten abgefragt: Kochen, backen, Kinder, Aufmuck-Potenzial, etc. Ich gab mir alle Mühe so unattraktiv wie möglich zu wirken, gab vor Kinder zu hassen und nur das kochen zu können, was in einen Toaster passt.

Auf der Nachhause-Fahrt schlief ich unter seinem beständigen Gerede ein. Manchmal ist mir mein Unterbewusstsein eben einen Schritt voraus. Ich verabschiedete mich kurz und knapp. Ich glaube, ich habe erst „Tschüss“ gesagt, als die Autotür schon längst ins Schloss gefallen war. Und dennoch: Heute hat er wieder angerufen (bin natürlich nicht dran gegangen).

…wie gern würde ich nie wieder DA raus müssen…

Generation Grusel-Großspur

November 2nd, 2011 § 1 comment § permalink

Ich bin jetzt 30 und habe mir aus gegebenem Anlass mal Folgendes überlegt, beziehungsweise hat es sich in letzter Zeit quasi aufgedrängelt und jetzt muss es eben mal gesagt werden: Wenn die Generation meiner Eltern mal nicht mehr ist, werden wir ziemlich desolat unterwegs sein. Menschlich. Gesellschaftlich. Und überhaupt…

Im Grunde laufen dann nur noch großspurige Möchtegern-Elitäre ohne Bodenhaftung rum, die ihr Ego künstlich aufplüstern, keine Manieren, Prinzipien und keine eigene Meinung haben, die Empathie, Mitgefühl und Nächstenliebe für eine schwere psychische Erkrankung halten, an maßloser Selbstüberschätzung leiden, gefährliches Halbwissen für Vollwissen nehmen und auch nicht davor zurück schrecken es anzuwenden, den Spruch „Man lernt nie aus“, für eine aberwitzige Mär halten und die den Besitz eines Kulturbeutels schon als hohes Zeichen ihrer ausgezeichneten Bildung nehmen.

Ganz zu schweigen von dem ausgesprochen fragwürdigen Anspruchsdenken. Heute muss kein 14-jähriger mehr Zeitungen austragen, um sein Taschengeld aufzubessern. Warum auch? Die neusten Turnschuhe für 200 Euro oder das neuste Handy gehören zur Standard-Ausstattung. Auch ein Student muss nicht mehr kellnern, um sein Studium und das WG-Leben zu finanzieren. Das machen selbstredend andere.

Kulturelles Wissen ist unter diesen Menschen zum Nischen-Wissen verkommen und somit so modern und gebräuchlich im alltäglichen Leben wie etwa Aderlass. Es zählt nur noch das, was nach außen sichtbar ist. Also rennt alle Welt ins Fitness-Studio, rüscht sich auch sonst äußerlich mit Klamotten immerzu auf, lebt auf Pump für ein repräsentables Auto und eine den neusten Einrichtungsmaßstäben genügende Wohnung.

Alles Zwischenmenschliche muss weichgespült und angenehm reduziert werden, denn mit schwierigen Situationen oder gar tiefer gehenden Dingen, kann und will man sich nicht beschäftigen. Freunde haben der Norm entsprechend zu funktionieren, ansonsten streicht man sie einfach aus der Freundesliste bei Facebook. Ist ja kein Ding. Ohnehin ist ja heute jeder, der einem mal kurz einen feuchten Händedruck verpasst hat, grundsätzlich ein guter Bekannter. Gemeinsamkeiten oder andere solch profanen Dinge, sind nicht mehr zwingend notwendig.

Wie heißt es doch so schön passend hierzu? Ach ja….: Some people need a High Five. In the face. With a chair.

Oder um es mit Nicolas Born zu sagen:
»Oft für kompakt gehalten / für eine runde Sache / die geläufig zu leben versteht – / doch einsam frühstücke ich / nach Träumen / in denen nichts geschieht. / Ich mein Ärgernis / mit Haarausfall und wunden Füßen / einssechsundachtzig und Beamtensohn / bin mir unabkömmlich / unveräußerlich kenne ich / meinen Wert eine Spur zu genau / und mach Liebe wie Gedichte nebenbei. / Mein Gesicht verkommen / vorteilhaft im Schummerlicht / und bei ernsten Gesprächen. / Ich Zigarettenraucher halb schon Asche / Kaffeetrinker mit den älteren Damen / die mir halfen / wegen meiner sympathischen Fresse und / die Rücksichtslosigkeit mit der / ich höflich bin.«

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