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Anjejackert
Anjejackert – Eine Erklärung
Als ich von Hannover nach Dortmund umgezogen bin war das ein Kulturschock. Nicht wegen der Ballon-Seide die mir von jedem zweiten Männerkörper entgegenlächelte oder wegen der hässlichen Industrielandschaft. Ich war in einem sprachlichen Sinne geschockt. Die Menschen sprachen plötzlich von Hümmelken statt Messern, von Sprudel statt Selters, von Apfelkitschen statt Kerngehäusen oder vom Locus, wahlweise auch Pott, anstatt Toilette. Niemand ging hier zur Arbeit, sondern zur Maloche und wullackte da, „bis die Wolle aus´m Schlüppi kommt.” -Das verwirrte mich arg.
Aber damit nicht genug, dass ich die Einheimischen nicht verstand. Mich gab man vor auch nicht immer zu verstehen (das lag zu einem geringen Teil bestimmt auch an der Pubertät). Als ich im Deutschunterricht behauptete, dass Weißlingen im Bezug auf Götz affgönnstig sei, lachten mich alle aus. So ein Wort würde es ja gar nicht geben bekam ich zu hören und war fortan die Quoten-Doofe. Und dabei war „affgönnstig” ein ganz normales Wort da, wo ich her kam. Damals kam ich mir wie ein Kind mit Migrationshintergrund vor (wenn ich den Ausdruck da schon gekannt hätte). Anstatt diese Wortneuschöpfung freundlich zu begrüßen und sie in die Wortfamilie aufzunehmen, wurde sie im Keim erstickt und meine Mutter bekam am Elternsprechtag zu hören, dass ich in einer eigenen sprachlichen Welt leben würde (und damit hat Frau F. eigentlich sagen wollen, dass bei mir im Oberstübchen nicht alles nach Plan läuft!).
Anders in Berlin. Hier kann man häufig Zeuge solcher Schöpfungen werden. Als meine Schwester und ich vor einigen Jahren auf einem Berliner Flohmarkt unterwegs waren, konnten wir eine Wortentdeckung machen, die seither unser Leben verändert hat. An einem Stand hatten wir unsere Verhandlungen zu einem guten Ende gebracht, als der Händler in ein neues Verkaufsgespräch verwickelt wurde. Es wurde zäh verhandelt und diskutiert, jedoch keine Einigung errungen. Plötzlich wurde es dem Händler zu bunt und er schaute uns an, wies auf den Kunden und sprach Folgendes: „Der is ja völlisch anjejackert, wa? Sieh zu, dass de wech kommst, du Voojel!” Meine Schwester und ich waren begeistert. „Anjejackert” – was für ein nonchalantes Wort! Mit dem Glauben gerade echte Berliner Mundart miterlebt zu haben, bauten wir das Wort in jeden Dialog mit Einheimischen ein, ganz nach dem Motto: Wir sind welche von Euch!
Das Erkennungswort, die Parole, das Motto hieß von morgens bis abends jahrelang: Anjejackert! Bis circa fünf Jahre später eine Berliner Bekannte meinte dieses Wort gar nicht zu kennen. Sie behauptete ihr gesamter Bekanntenkreis (sie wird wohl kaum jeden gefragt haben, aber nun gut) hätte dieses Wort noch nie gehört. Das stellte meine Schwester und mich vor die existentielle Frage: Sind wir schlicht blöd und haben uns verhört oder sind die einfach nur elitär und haben mit dem Fußvolk, das so spricht nichts am Hut? Selbstredend entschieden wir uns für letzteres und halten immer noch an dem nun mehr guten alten „anjejackert” fest, auch wenn uns keiner versteht. Herbert Grönemeyer versteht schließlich auch keiner und trotzdem haben ihn alle lieb.
In diesem Sinne: