Vor ungefähr einem Jahr sagte ein Bekannter zu mir: “Ich habe ein Blog.” Während ich rätselte, ob er damit irgendwelche Parasiten an seinem Körper, ein psychisches Problem oder Husten mit Auswurf meinte, klärte er mich behutsam auf. Da ich mich aber für neumodischen Chichi noch nie sonderlich erwärmen konnte dachte ich nur: Wer’s braucht – bitte sehr! Als sich dann noch von allen sogenannten “seriösen” und “gebildeten” Seiten “Leitmedien” über Blogs und deren Inhalte lustig gemacht wurde, rümpfte ich kollektiv die Nase mit: So ein Schmuddelkram!
Irgendwann machte mich ein Freund auf “Rebellen ohne Markt” aufmerksam und ich musste wohl oder übel meine Meinung ändern. Verdammt, ich hatte also die ganze Zeit auf der falschen Seite gestanden (wie Joschka damals). Nicht alle Blogs sind demnach schlecht, nicht alle Blogger sind dumme Laien- oder Selbstdarsteller. Und das ungefähr in dem Verhältnis, wie eben auch nicht alle Berichte, Essays, Kommentare, Kolumnen oder Op-eds in Zeitungen gut sind. Nur weil ein Journalist etwas schreibt muss das noch gar nichts heißen. Ebenso wenig, wenn Politiker Politik machen, oder ein Bäcker ein Brot backt.
Während aber in Zeitungen und allen anderen Medien lediglich “geschultes” Personal zu Wort kommt, kann in einem Blog (fast) jeder zu Wort kommen – und das erzeugt Vielfalt. Vielleicht ist ein Blog mit einem großen Empfangssaal zu vergleichen, in dem sich regelmäßig Teile der Gesellschaft treffen, um zwanglose Konversation und Gedankenaustausch zu betreiben. Wenn das so ist, dann wäre ein Blog die Weiterentwicklung der Salonkultur, wie sie manch einem, seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts aus Frankreich kommend, bekannt sein mag.
Die Salons wurden damals von Frauen geführt. Das war die einzige intellektuelle Nische, die man ihnen zugedachte. Denn Frauen sollten möglichst nicht intelligent oder kulturell und künstlerisch bewandert sein, sie sollten in erster Linie Mütter und Ehefrauen sein (also im Grunde: wie heute). Doch mit der Salonkultur konnten Frauen ihren Talenten Ausdruck verleihen. Sie musizierten, beteiligten sich an aktuellen Diskussionen, lasen Werke oder aber: sie trugen eigene Briefe in diesem Kreis vor. Natürlich waren diese Briefe keineswegs von ausschließlich intimen Inhalt geprägt. Sie waren dafür bestimmt, in großer Runde vorgetragen zu werden, um anschließend darüber zu diskutieren (oder aber, zu Zeiten der Empfindsamkeit, gemeinsam über den Inhalt in Tränen auszubrechen).
Diese Salonrunden bildeten meist, gerade auch im Deutschland um 1800, geistige Zentren und trugen auf der einen Seite zu einem neuen Selbstbewusstsein der Frauen bei, das Rahel Levin Varnhagen von Ense etwas überschwänglich so beschreibt: “Ich bin so einzig als die größte Erscheinung dieser Erde. Der größte Künstler, Philosoph oder Dichter ist nicht über mir. Wir sind vom selben Element. Im selben Rang und gehören zusammen.” Zum anderen konnte diese zwanglose Art des Zusammenkommens, der vorurteilsfreie Austausch von Gedanken, bei dem weder Rang, Geschlecht oder Bildungsgrad zählte, ein neues Selbstverständnis und eine Bereicherung (manchmal gar Belebung) des geistigen Lebens hervorrufen. Manch Intellektueller wurde gezwungen über den Tellerrand zu schauen und festzustellen, dass da nicht nur Tischdecke zu sehen war.
Was ich mit diesem kleinen Ausflug ins Land der Salons von Louise Labé bis Rahel Levin Varnhagen von Ense zum Ausdruck bringen wollte ist im Grunde Folgendes: Das Internet im allgemeinen und das Bloggen im speziellen, bieten die Möglichkeit sich auszutauschen und zwar unabhängig von irgendwelchen gesellschaftlichem oder intellektuellen Animositäten. Und den Vorwurf der Selbstdarstellung kann man im übrigen mit Hilfe der Salons auch ganz gut entkräften. Denn die Briefkultur, die zu jener Zeit entstanden ist, fand keiner selbstdarstellerisch, wenngleich jeder nur Briefe schrieb, um sie anschließend möglichst vielen vorzulesen und das eigene Wesen so sichtbar zu machen. Es war der Wunsch sich mit anderen geistig und menschlich auszutauschen, der hier Antrieb und Motor war. Jedoch scheint mir dieser Vorwurf ohnehin etwas abstrus. Literatur ist jeder kleine Text, jedes noch so winzige Wörtchen, das in Beziehung zu anderen steht. Jede Bauanleitung ist Literatur, jeder Waschzettel oder jeder Abschiedsgruß auf dem Küchentisch – sind wir dann am Ende womöglich alle nur kleine selbstverliebte, egozentrische Selbstdarsteller?