Blognovela Teil 2: Gabi und Jutta – eine Erfolgsgeschichte

September 10th, 2008 § 4 comments

Gabi hatte eine Freundin, die Jutta hieß. Dem Namen nach könnte man mit Jutta Henna, Jutebeutel, Sonnenblumen, veganes Leben und ein dauerhaft hochgekrempeltes  Hosenbein assoziieren. Doch Jutta war ganz anders.

Manchmal saß sie den ganzen Abend auf einer Party unbemerkt in einer Ecke und beobachtete das Treiben mit angewidertem und gelangweiltem Blick. Wenn sie jemand fragte, ob sie tanzen wolle, antwortete sie, ohne aufzuschauen: „ Da habe ich keine Zeit für. Ich bin damit beschäftigt zu hassen.“ Und das meinte sie bitterernst.

Jutta war die Art Freundin, die sich lauthals in der Unterwäscheabteilung über die BH-Auswahl ihrer besten Freundin so äußerte: „Aha. Lila. Wohl der letzte Versuch, wenn gar nichts mehr geht, was?“ Gern macht sie  nonverbale Scherze zu Kleidungsstücken mit Themenbezug. Trägt eine Bekannte einen Poncho, kann es auch passieren, dass diese zu den Pan-Flöten-Spielern in der Fußgängerzone geschubst wird. So viel spontaner Einsatz freut natürlich die Pan-Flöter. Die Bekannte hingegen nicht.

Eines Tages jedoch stand Jutta völlig aufgelöst in Gabis Tür. Nachdem die erste offensichtliche Verwirrtheit mit einem Gläschen selbstgebranntem Obstler abgeschwächt wurde, fand Jutta die ersten Worte: „Es ist eine … eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Das ist Diskriminierung, infamer Rassismus … schütt´ noch mal!“ Und Jutta wies abermals  auf das Glas.

Nach drei, vier Gläschen erzählte sie die ganze Geschichte: „Ich habe dir doch davon erzählt, dass ich mich bei der Volkshochschule für einen Kurs anmelden wollte, oder? Und ich habe dir ja auch von meiner Leidenschaft für sozialistische Regimes –wegen meines Geschichtsstudiums an der Uni- erzählt. Irgendwie wollte ich beides auf lächerliche Weise verbinden. Ich wollte … ich wollte …wollte auch mal was Lustiges machen, was woran ich Spaß haben könnte. Damit nicht alle immer sagen: „Ach, guck mal da die Jutta! Da sitzt sie wieder mit ihrem Miese-Peter-grobe-Leberwurst-Gesicht.“ Ich wollte auch mal was können. Guck, die Sina hat Yoga an der VHS gelernt und die Dörte kann sogar ihren Namen nach so einem Kurs tanzen. Also jetzt nicht, dass ich das erstrebenswert oder honorabel nennen könnte. Im Grunde ist es lächerlich und ich hasse jede Form von Menschansammlung und Sina und Dörte … naja. – Wie dem auch sei, ich sag es jetzt frei heraus: Schon lange wollte ich kubanischen Ausdruckstanz studieren. Mit allem drum und dran. Mit Estoban, Enrique und wie die ganzen gutaussehenden Tanzlehrer eben heißen. Ich wäre nicht wählerisch gewesen. Und dann sagt der Aushilfs-Fidel nach der ersten Stunde zu mir, ich sollte mir doch ein anderes Hobby suchen. Ich hätte es nicht in den Hüften und in den Füßen und überhaupt wäre ich ja soooooooooooooo unlocker. Ich würde die Gruppe aufhalten. Selbst Brigitte, die dicke Kuh, war mehr auf Zack. Also hat er mich quasi raus geschmissen. So. Jetzt ist es raus. Schlimmer geht´s nimmer. Schütt´ noch mal!“

Von dieser frustrierenden Episode kam Jutta nach zwei Flaschen Obstler auf ein ganz anderes Thema: Ihr geisteswissenschaftliches Studium und die Feststellung mit der angeknüpften Frage: Das Studium war vergnüglich, erquickend und lehrreich. Aber soll es das wirklich gewesen sein?

„Man kommt von der Uni und ist der Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaarsch,“ lallte Jutta zu fortgeschrittener Stunde. „Alle, die nix gei…z…wie…schaff…nichts studiert haben lachen über uns, Gabi.“ „Viele machen sich selbstständig nach dem Studium,“ warf Gabi ein. „Da bist du doch auch nur der Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaarsch ,“ raunzte Jutta durch die Wohnküche und setzte hinzu: „ Gabi, Mädchen, hör´ der Tante mal zu! Selbstständig kommt von „selbst“ und „ständig“. Das hält doch keiner aus! -Schütt´ noch mal!“

Lange Zeit hatte Gabi sich vor diesem Gespräch überlegt, sich nach ihrem Studium selbstständig mit irgendetwas zu machen. Sie hätte alles importiert oder exportiert, um nicht in irgendeinem PR – Puff arbeiten zu müssen. Nun jedoch, als sie Jutta am Ende des Abends auf der Klobrille schlafend ansah, dachte sie nur: „Import/ Export ist aber auch keine Option.“  -Eine Woche später leiteten Gabi und Jutta eine Gruppe für kubanischen Ausdruckstanz im TV Bernau.

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