Gabis Oma sagte einmal, dass vergessen zu wollen das sicherste Mittel sei, sich zu erinnern. Und in dem Moment, als Gabi dieser Grundsatz einfiel, erinnerte sie sich an das, was sie ihr Leben lang vermisste: Ein fester Ort, vielleicht ein Haus mit ein paar alten Dingen, von denen dann die Mutter sagt: „Ach schau mal, das hat einmal deinen Ururgroßeltern gehört. “ Doch das gab es nicht. Eine Familiengeschichte war unauffindbar oder lag unaufgeräumt herum.
Gabi wollte also das tun, was wohl zurzeit die Freizeitbeschäftigung eines jeden zu sein scheint: Ahnenforschung. Dazu muss man noch nicht einmal selbst durch die Welt reisen. Bequem wälzen Ich-AGs, bestehend aus Geschichtswissenschaftlern und anderen gescheiterten Existenzen, alte Kirchenbücher, Verzeichnisse und Passagierlisten. Und am Ende bekommt man einen schönen Stammbaum ausgedruckt, den man sich dann an die Pinnwand neben wichtige Kochrezepte heften kann. Schöner Wohnen, ohne Tine Wittler, dafür ein bisschen mit Guido Knopp.
Für Gabi stand fest, dass sie das allein in die Hand nehmen würde. Schließlich war sie jung, intelligent, dynamisch, ein Füllhorn an Abenteuerlust, frohen Mutes, voller Tatendrang und leider auch völlig pleite. Die Ersparnisse reichten gerade einmal für den Besuch ihres Lieblings-Chinesen, der auf einem Plakat vor der Tür für seinen „darmhaften Birgarten“ warb. Hier fühlte sie sich wohl. Zwischen Jin und Siyeun , goldenem Buddha Nippes, chemisch riechenden Plastik-Stäbchen und bis zur Unkenntlichkeit Gebratenem war die Welt in Ordnung. Dass im Innenhof Eichhörnchen und Ratten geschlachtet und zu Ente-süß-sauer weiter verarbeitet würden, hielt sich als hartnäckiges Gerücht. Und dass Jin bei den Bestellungen Nr. 5, 7, 35 und 345 immer so seltsam kicherte, half auch nicht sonderlich dabei dieses Gerede zu entkräften.
Da Gabi jedoch ein Mensch war, der nur das glaubte, was er sah, hielt sie sich vom Innenhof fern, hörte weg und gab auch an diesem Abend treuherzig ihre Bestellung beim Einäugigen Thekenbediensteten auf. Zunächst zählte sie die vielen Fischchen im Aquarium im Eingangsbereich. Dann fing sie an zu plaudern. Einfach so und ohne aufzuschauen. Denn sie wollte sich die Sache mit der Familienhistorie vom Leib reden und nicht durch den Umstand gestört oder irritiert werden, dass ihr eventuell niemand zuhörte. Als sie fertig war, schaute sie auf und blickte in das Gesicht des Zweiäugigen Pin-Ho, den sie fragte, was sie nun tun sollte. Sein Gesicht wurde bleich. Völlig überfordert spendierte er ihr einen Glückskeks, in dem stand: „Unzufriedenheit ist ein großes Unglück.“ Bislang glaubte Gabi lediglich unzufrieden zu sein. Jetzt war sie unglücklich und verließ mit ihrer Bestellung den China-Imbiss.
Zuhause stellte sie mit Bambus-Sprossen-Fasern zwischen den Zähnen ernüchtert fest: Der Chinese um die Ecke war auch nicht mehr das, was er mal war. Seit dem Euro ist alles teurer geworden. Ein Fußballspiel dauert 90 Minuten. Der kleine Mann zahlt die Zeche und es gibt bahnbrechende Erkenntnisse, die gar nicht oft genug wiederholt werden können.
Gegen 22. 05 Uhr klingelte es an der Tür. Ohne den Verursacher dieser Abendstörung mit Gewissheit benennen zu können, wusste Gabi instinktiv: Schon wieder die Lehrerin! Sabine Rosin war Lehrerin für Textilarbeit und Sachkunde und ein nervliches und nervenden Wrack. Ihr Ältester klaute Frau Fried aus dem dritten Stock immerzu Teile des Einkaufs aus dem AOK-Shopper, die Jüngste flog von jeder Schule und ihr Ehemann veranstaltete jeden dritten Donnerstag im Monat gewaltfreies Trommeln für den Weltfrieden in der gemeinsamen Wohnung. – Manche Familiengeschichten will man gar nicht hören!
Fein gemacht!
Ach ja, Judith und Die Erinnerung:
mer san dabei bei K.K. :-)!
da wird der kurti sich aber freuen!!!!-und ich selbstredend auch…;O)