Es gab Tage, an denen Gabi morgens beim Aufstehen schon mit dem Fuß in der Bettdecke hängen blieb, sich stürzend noch an der Gardine festkrallte, mit dem charmanten Ensemble (Gardine und Stange) unter lautem Getöse auf den Boden krachte und dann einfach liegen blieb, bis es Nachmittag war. Das war keine Seltenheit und der Hauswart kannte das Gardinenstangen-Massaker mittlerweile zu gut.
Heute war das Prozedere anders. Sie kam lediglich mit einer vom Türrahmen lädierten Schulter im Badezimmer an und hätte eigentlich aufgrund dieses Umstands sehr glücklich sein müssen und trotzdem: Sie hatte heute schon wieder so schlechte Laune. Sie war kein depressiver Typ und Nörgeln und Meckern waren auch nicht gerade ihre ständigen Wegbegleiter. Als sie jedoch vor Wochen flüchtig in den Spiegel schaute, sah sie etwas, das ihr fortan die Laune übel verhagelte: Eine weiße Strähne.
Ein graues Haar, darüber hätte man ja kein Aufhebens gemacht, aber eine komplette Strähne auf dem Deckhaar, für alle Jugendwahnsinnigen sichtbar? „Jetzt bin ich alt, der AOK-Shopper ist nicht mehr weit, bald werden mir in öffentlichen Verkehrsmitteln Plätze angeboten und Jugendliche werden mir auf der Straße meine Handtasche klauen und mich demütigen. Sie werden mit dem Finger auf mich zeigen und sagen: Da hat aber gewaltig der Frost rein gehauen. Da hilft Botox nur noch intravenös. Es wird mir wie einem alten Löwen gehen, der von seiner Herde ausgeschlossen wird, in der Steppe allein stirbt und schließlich von Hyänen aufgefressen wird.“ – In all dem Kummer vergaß Gabi allerdings, dass sie erst Anfang 30 war und die Hyänen noch nicht in Sicht.
Wie alle Frauen, die sich unpässlich fühlen, vereinbarte Gabi einen Friseur-Termin und dachte dabei nur: Ob der Friseur ihr die weiße Strähne nachfärbt? Ob er das richtig kann, oder ob er gut zureden würde, dem Beispiel von Menschen, wie Richard Gere zu folgen und ein sexy Silberpüdelchen zu werden. In Zeiten, wo das Altern zur Sittenwidrigkeit wird, wollte sie jedoch nicht riskieren schon vorher von den Hyänen zu Tode gehetzt zu werden. Tante Gisela hatte schließlich einmal gesagt: „Wer gegen den Strom schwimmt, sitzt –wenn er es schafft und nicht vorher ertrinkt- irgendwann allein an der Quelle.“
Am darauffolgenden Tag betrat Gabi also den ortsansässigen Friseur – Tempel von „Hairstylist Bobby B.“ –Wahrscheinlich war der Nachname so furchtbar peinlich oder passte schlichtweg nicht auf das Reklameschild, sodass Bobby darauf verzichtete- wenn Bobby überhaupt Bobby hieß. Solche Gedanken begleiteten Gabi auf dem Weg zur Anmeldung. Schließlich stand sie einer jungen Dame mit Bauernmalerei im Gesicht gegenüber, die sich als Josephina vorstellte und Gabi den Mantel vom Körper zerrte. Auf ihren High-Heels stakste sie wie der Storch im Salat durch den Laden und wies Gabi einen Platz zu, die sich mit „Danke, Josephine“ auf den Stuhl plumpsen ließ. „Ich heiße Josephin-A, nicht Josephin-E.“ raunzte das junge Mädchen mit blasiertem Gesicht und schlechten Haarverlängerungen. Gabi antwortete lediglich: „Is schon gut Phinchen. Geh´ einfach wieder nach vorn und seh´ wichtig aus.“
Nach wenigen Minuten erschien ein braungebrannter, dünner Mann hinter Gabi und flötete mit der Stimme von Carsten Uecker: „Hiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii! Ich bin der Pippo. Was machen wir denn heute Schönes bei dir, hääääääääää?“ Gabi dachte sie wäre im Kasperletheater und der Kasper hinter ihr war nach dieser Einleitung schon eine echte Zumutung und sie wünschte aufrichtig, dass das Krokodil auf der Bildfläche erscheinen sollte. Als es das nicht tat, brachte Gabi sachlich ihr Anliegen vor. Pippo wühlte nachdenklich in ihren Haaren und sagte folgenden verheerenden Satz: „Na das ist aber nicht nur eine graue Strähne.“ Und bevor Gabi eine Schere in ihre Gewalt bringen konnte, setzte er hinterher: „Da hat wohl jemand die falsche Spülung im Drogerie-Markt erwischt, was? Ich hol´ dir die Farbe mit einer neutralisierenden Spülung raus. Aber dann: Finger weg von der Silberblond-Spülung, ja?“