Die beliebteste Frage, die Germanisten gern stellen, um sich die Wichtigkeit der eigenen Wissenschaft zu attestieren (und sich intellektuell einen runter zu holen) ist: „Warum heute noch … (Autor einsetzen) lesen?“ Selbstredend stellt der geübte Germanist diese Frage mit leicht gekräuselten Lippen und einer Grundfreude, wie sie besonders Kindern am Vor-Weihnachtstag eigen ist. Denn der Germanist hat im Geiste schon einen 60 minütigen Vortrag als kurze Antwort auf die Frage in petto. Ganz gleich, ob Interesse oder Bereitschaft zum Zuhören besteht.
Die Antwort fällt nahezu immer ähnlich aus, egal ob nun Goethe oder Hartmann von Aue: Alles unheimlich aktuell, gegenwartsbezogen, klug und natürlich wegbereitend und maßgeblich für die Entwicklung von allem, was mit Literatur und Kultur zu tun hat. Wenn man das dann so hört, fragt man sich still und ernst, ob auch nur ein Gegenwarts-Autor in 100 Jahren zu solchen Ehren kommen wird. Naja, vielleicht wenigstens die, denen man zumindest den Besitz eines Kulturbeutels nachweisen kann…Aber das ist ein anderes Feld.
Ich für meinen Teil halte nichts vom Kanon-Gewäsch und lese ohne Anleitung. Als 14-jährige fand ich Götz von Berlichingen großartig, wegen einem einzigen Satz, den Götz einem Gesandten der Majestät, der ihn dazu auffordert sich zu ergeben, entgegenschmettert: „Er aber, sag´s ihm, er kann mich im Arsch lecken!“ Ein Satz, genügte mich im jugendlichen Leichtsinn von Goethes Qualitäten zu überzeugen.
An Novalis´ Heinrich von Ofterdingen hat mich das Märchenhafte gereizt, an Macbeth der bösartige Charakter der Lady Macbeth, an Hundert Jahre Einsamkeit und Calderon de la Barcas La vida es sueno die plausible Verstörtheit mit allen Abgründen. Überhaupt waren Abgründe immer gut. Irgendwelche Roman-Helden, die eigentlich keine sein konnten und wollten.
Das Seltsame bei der Lektüre von Büchern ist und bleibt für mich jedoch, dass sie sich zu verändern scheinen. Es gibt Bücher, die lese ich jedes Jahr ein Mal und finde sie dann immer wieder anders. Das Proteus-Syndrom nenne ich dieses Phänomen, das selbstredend – wenig überraschend – mit dem Leser selbst etwas zu tun hat. Manches Buch löst jedoch geradezu einen Schreck aus, wenn man es wieder liest und man fragt sich: Wie konnte ich das nur gut finden? Beschämt stellt man diese Bücher dann ganz nach unten an den äußersten Rand des Regals, um sie nach einigen Jahren (in ganz schlimm peinlichen Fällen) auf dem Flohmarkt für einen Euro zu verrammschen.
Auf diese unrühmliche Weise gelangte Benjamin von S.-B. aus meinen Regalen. Der Buch-Gott habe ihn selig und erbarme sich seiner! Amen.
Da kennst du aber lustige Germanisten! Ist mir leider noch kein solcher unter die Augen gekommen, die Vorträge müssen sich bestimmt äusserst interessant anhören…
während meines germanistik-studiums sind mir eine menge solcher schlaufurz-”rampensäue” untergekommen…der rest schweigt betreten und gelangweilt
Auch Historiker könne solche Vorträge halten. Eingeleitet von einem spöttischen Lachen sonnen sie sich in der vermeintlichen Unwissenheit ihrer Zuhöropfer.
Ach, wenn Du den Mager-Benji auffem Flo vertickst, nimm doch einfach den notorischen Kokser Michel H. mit- abzuholen bei mir ;-)!
ich glaub allgemein das ist so der habitus bei geisteswissenschaftlern…gott-sei-dank haben wir durch hartnäckige ignoranz, stete kontaktarmut und dem gefühl eine auster zu sein, dem entgegen gewirkt und uns so über die zeit gerettet;O) -ich bin gern bereit bücher solcher art mitzunehmen-allerdings scheint es dann ziemlich voll in der buchautoren-sorgenkinder-klappbox für den floh zu werden…
Ganz genau so isses- gegen diese Schlaufurzerei hilft nur selbstgewähltes Einsiedlertum. Gerne auch zusammen mit anderen Einsiedlern ;-)!
Noch 20 Tage bis zum nächsten Eremitentreffen….
jaaaaa genau! hab meine höhle schon gefegt und alles hübsch mit stroh ausgelegt;O))
Eremitentreffen im Elfenbeinturm?
ach, auch dabei? ;O)