Die Arbeitsbiene mag nicht mehr arbeiten

Ich habe das getan, was man in diesen wirtschaftlich ungewissen Zeiten wohl eher nicht machen, jedoch nach den derzeitigen Arbeitnehmer-Zumutungs-Verhältnissen ruhig mal öfter tun sollte: Ich habe gekündigt. Den Laden hingeschmissen. In den Sack gehauen. Und bin so zufrieden, wie damals als Kind am Weihnachtsabend nach der Bescherung.

An meinem letzten Arbeitstag stratzte ich, nach einem feucht-laschen Händedruck des Chefs, mit einem kleinen Karton unter dem Arm aus der Tür und radelte nach Hause. Alles ganz kurz und schmerzlos. Zwei Jahre Wolle aus dem Schlüpfer arbeiten, unbezahlte Überstunden, Dauerdienst an sieben Tagen in der Woche, kaum Urlaub, kein Privatleben und ein Gehalt, bei dem einen jede Bäckereifachverkäuferin mitleidig belächeln würde. Statt eines Dankeschöns, dass man sich physisch und psychisch so hat runterputzen und fertig machen lassen, zu erwarten, sollte man sich seinerseits nochmal in aller Form beim charmanten Arbeitgeber für seinen Großmut bedanken. Danke, für diese moderne Form der Sklaverei und Leibeigenschaft. Wirklich. Ganz außerordentlich liebreizend.

Man bekommt keinen Orden für die Arbeit, die man Tag für Tag erledigt, für die man sich abstrampelt und so viel Herzblut investiert. Und das muss auch gar nicht. Als Arbeitnehmer möchte man doch gar nicht viel. Ab und an ein „Dankeschön“, hin und wieder ein „Gute Arbeit“, manierliche Umgangsformen, am 1. das Gehalt auf dem Konto, einen freien Tag in der Woche und eine Kaffeemaschine wäre auch nett. Mehr möchte man ja gar nicht. Ein bisschen Pflege. Ein bisschen Respekt. Ein bisschen Getätschel. Aber solange das schon zu viel ist, wird es auch wirtschaftliche die Rolltreppe immer weiter bergab gehen.

September 1, 2010

Zivilisationsmüde

Es gibt moderne Errungenschaften der Zivilisation, die einen fertig machen. Ich rede jetzt nicht von gewaltfreien Gesprächskreisen, Gruppentherapie oder Starbucks. Nein, ich rede von Türglocken. Klingeln. Schellen. Hausgongs. –Teufelszeug.

Wenn man samstags im Jogger gemütlich vor sich hinlungert, dann ist es soweit. Wenn es nicht der lispelnde Postbote oder die ewig meckernde und mit der Welt unzufriedene Nachbarin aus dem Parterre ist, nervt irgendwer anderes aus den profansten Gründen. Während ich mich früher in so einem Fall ganz still verhielt und so tat, als sei ich gar nicht da, bin ich heute einen Schritt weiter. Soll ruhig jeder wissen, dass ich da bin und einfach keinen Bock hab an die Tür zu gehen.

Wenn früher der Paketmann samstags um 14 Uhr geklingelt hat, hab ich mich extra verkleidet, mir einen dicken Schal um den Hals geschlungen, die Haare nochmal durcheinander gewirbelt und beim Türöffnen schauspielerische Höchstleistungen vollbracht: Er müsse entschuldigen. Hüstel. Ich sei sehr krank und liege deswegen noch im Bett. Sonst würde ich freilich um diese Uhrzeit das machen, was alle anständigen Leute samstags machen: Auto waschen, einkaufen gehen, Fenster putzen. Der Mann in Gelb verstand.

Als vor gut einem Jahr meine Klingel kaputt ging, war das wie eine Offenbarung für mich. Zu jeder Tages- und Nachtzeit Stille. Selbst Klingelmännchen konnten die Rotzblagen von gegenüber nicht mehr machen. Unangenehmer und vor allem unangemeldeter Besuch von Verwandten sowie Bekannten, die man lieber nicht im Haus haben möchte, hatte sich mit dem Tag der toten Klingel ebenfalls erledigt. Kein Gegängel mehr in meinen Vierwänden. Ich war frei.

Einzig den Mann, der alljährlich die Zähler abliest, stört das Ganze nicht. Er verschafft sich durch die Frau im Parterre Zutritt zum Haus und arbeitet sich dann bis zu meiner Tür vor. Dann klopft, nein es rumpelt ziemlich wüste an meiner Tür. Zuerst dachte ich, das sei der Mann von der GEZ. Aber der tritt ja sofort die Tür ein. Nach einigem wiederholten Klopfen wird der Mann dann persönlich und spricht mich mit Namen an. „Ich weiß, dass Sie zuhause sind. Machen Sie auf, dann bringen wir das schnell hinter uns“. Das hört sich wie eine Drohung an. Und ich denke mir: Was der kann, kann ich schon lange. Schluss mit dem elendigen Versteckspiel! „Schmeißen Sie doch ein Zettelchen in meinen Briefkasten mit einem neuen Termin und einer neuen Uhrzeit, dann nehme ich mir Zeit für Sie. Bis dahin, einen schönen Tag noch!“

August 30, 2010

Die Frau spricht in Rätseln…

Es gibt Menschen, die sind selbst eingerichtete Großbaustellen, die finden, sie seien wichtig. Nicht für einen übergeordneten, allgemeinen, schönen Zweck, sondern aus sich selbst heraus. Purer Selbstzweck also. Man sollte sie großräumig umfahren, stattdessen latscht man mit absoluter Präzision voll rein, blickt in den Abgrund und meint, man könnte was tun. Frei nach dem Motto: Bisschen Mörtel, ein paar gute Worte und heile, heile Gänschen, dann ist alles wieder gut. Nein. Isses nicht. Nichts wird besser. Nur anders. Anders schlimm.

Großbaustellen haben die klitzekleine Angewohnheit, dass sie viel Energie abzapfen. Für Strom zu jeder Tages- und Nachtzeit. Außerdem kosten sie Nerven, weil Großbaustellen so laut sind, dass man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen kann. Und auch kein anderes. Monate-, jahrelang heißt es fortan nur noch: Mein Leben mit der Großbaustelle.

Nur nach all den edlen Gefühlen, dem „Stange-Halten“, stellt man irgendwann mit ganz viel Glück fest: Da tut sich nichts. Zumindest nicht auf Baustellenseite. Die scheint größer, umfangreicher und strahlender als je zuvor. Es sind vielleicht nicht mehr so viele Zaungäste zugegen, aber der Baustellenleiter hält wacker die Stellung. Was soll er auch machen. Er will die Baustelle eben nicht im Stich lassen. Sie hat ja sonst niemanden.

Manchmal ist aber aus dem Abgrund klettern, sich den Staub von der Arbeitskleidung klopfen, sich nicht mehr umdrehen und abhauen die bessere Alternative. Die Großbaustelle soll selber zusehen, wie sie mit ihrem hausgemachten, künstlichen Abgrund klar kommt. Der Baustellenleiter hat getan, was er konnte. Und das viel zu lange…

August 28, 2010

August 28, 2010

Im Zweifel für den Zweifel

Ein Literaturstudium macht viel. Es bereitet einen nur nicht recht aufs Leben, auf die Arbeitswelt vor. Auf das emotionale Leben hingegen schon. Wo fände man schließlich besseren Trost, als bei den von Berufswegen Empfindelnden, Nachdenkenden, sich Grämenden, Außenseitern? Literatur macht einen weich. Je länger man sich mit den großen Leidenden, den Opferlämmern in der Literatur beschäftigt, ihnen zum zigsten Mal ins Herz und Hirn blickt, desto mehr entfernt man sich vom Wesentlichen. Auch wenn sie im Studium predigen, man habe sie lediglich zu sezieren, färben sie am Ende doch auf einen ab. „Die Literaturgeschichte ist die große Morgue, wo jeder seine Toten aufsucht, die er liebt oder womit er verwandt ist“, hat Heine einmal gesagt. Auf meinem Literaten-Friedhof gewähre ich nur wenigen dauerhaft eine Gruft.

Aber das ist auch ganz gleich, schließlich langweilt man jeden außerhalb der Uni-Mauern mit seinem Gerede von Goethe und Co. Ich weiß es ganz genau: Bis zu diesem Punkt im Text, hat die Hälfte schon nach den ersten drei Sätzen das Handtuch geworfen. Diese Wissenschaft ist im echten Leben so nützlich und fortschrittlich wie Aderlass oder Volkstänze aus dem 18. Jahrhundert. Man muss sich offen auslachen und still belächeln lassen. Und auf der Arbeit sieht es ganz mau aus. Die ersten Monate kam ich mir wie ein Mammut vor, das bei der letzten Eiszeit vergessen wurde. „Mit Seide näht man keinen groben Sack“, haute sich Goethe einst raus. Und wie einen groben Sack behandeln lassen, muss man sich schon gar nicht.

Die Gedanken kreisen, verlangsamen sich nach Wochen oder vielleicht Monaten, um dann ganz klar und kühl vor einem zu stehen. Das ist der Vorteil eines geisteswissenschaftlichen Studiums: Man kriegt recht schnell Ordnung in das plötzlich durcheinander gewirbelte Oberstübchen. Doch dann, nach all der Theorie kommt die Praxis, das Handeln. Schon bei der Führerscheinprüfung hat das nicht gleich im ersten Versuch bei mir hingehauen. Und im Fußball kennt man das Problem ebenso: „Grau is alle Theorie. Entscheidend is auf‘ m Platz!“

Nach mehreren Anläufen habe ich die erste, große, praktische Prüfung im Leben nun doch endlich geschafft. Oder um es mit den Worten von Tocotronic zu sagen: „Im Zweifel für den Zweifel. Für die innere Zerknirschung, wenn man die Zähne zeigt“.

August 24, 2010

Nach Augenmaß!

Ich kann mir nicht helfen. Bei alten, muffigen Büchern und Möbeln stellt mein Großhirn das Arbeiten ein und mein Kleinhirn stellt auf Autopilot. Ich kann nichts dafür. Überall, auch wenn ich gar nicht danach suche, fallen mir diese alten Dinge vor die Füße. Und so machte ich vor kurzem einen echten Schnapper: Einen alten Schreibtisch –Gründerzeit- mit Aufsatz. Ich war blöd vor Glück.

Die letzten 15 Jahre habe ich nach genau so etwas gesucht. Und dann auch noch so günstig. Die paar Schrammen…nicht der Rede wert. So ne neue Tischplatte ist Ruckzuck gemacht. Der Holzwurm wird sich mit ein paar guten Worten auch vom Acker machen, und der kleine Wasserschaden…pah…Kleinigkeit! Da wäre noch das Platzproblem, aber das bekomme ich mit ein bisschen Augenmaß und kreativem Eifer schon in den Griff…

Ein Wochenende, viel Schweiß, einen Nervenzusammenbruch, drei Hämatome, eine Schürfwunde und einen gespaltenen Zehennagel später, hatte ich für den neuen Gast Platz geschaffen. Damit alles nach Plan läuft und man niemandem Dank schuldig ist, habe ich mir zwei amtliche Möbelpacker zur Hilfe geholt, die sich im Nachhinein als echte Luschen entpuppten.

Ich wohne, das weiß ich seit heute, in einer Wohnung, in der nur Menschen leben können, die aus Schlumpfhausen kommen und dementsprechende Möbelchen haben. Der Schreibtisch passte nicht durch die Tür, die beiden Mucki-Männer brachen das Unternehmen „Schreibtisch“ ab und ließen mich stehen. Und dann sagten die zwei Schlauberger noch so etwas wie: „Da misst man vorher doch mal nach“. „Wenn es einfach wäre, hätte ich es allein machen können. Dafür holt man sich Profis“, sagte ich und verärgerte die beiden. Nach einem frauenfeindlichen Spruch rauschten sie ab. „Anfänger!“

Jetzt musste ich den vermeidlichen Schnapper erst einmal beim Tischler unterstellen. Dem habe ich einen Großauftrag in Aussicht gestellt. Stellen müssen. So lange gewährt er ihm Asyl. Ein warmes, trockenes Heim. Damit er es gut hat. Erst einmal. Bis ich mir was überlegt habe.

Es sieht so aus, als müsste ich mir eine Wohnung um den Schreibtisch herum bauen, damit alles doch noch ein Happy-End nimmt…

August 23, 2010

Sie liebte Gladiolen…

Ich hatte mal einen guten Freund, der mir ins Auto gekotzt hat. Nachdem er sein Innerstes also auf die Polster und bis in die letzte kleine Ritze der kompletten Rückbank verteilt hatte, grabschte er mir bei Tempo 120 von hinten an die Schulter und lallte mit Bröckchen im Mundwinkel: „Tschuldigung“. Ich hätte ihn am liebsten an der nächsten Raststätte angeleint. Nach diesem Vorfall sind wir irgendwie nie wieder auf einen grünen Zweig gekommen. Jeden Tag in diesem Sommer, stieg ich in ein Auto, das nach altem Joghurt oder ranziger Milch stank.

Seit heute habe ich ein ähnlich problematisches Verhältnis zu meinen Lieblingsblumen: Galdiolen. Die in der Top 3-Liste gleich vor den Bartnelken und Ranunkeln rangieren. Oder besser: rangierten. Als ich heute die Tür aufschloss und mein luftig-leichtes Wohnzimmer betrat sah ich das Malheur, an dem mein Kater wohl nicht ganz unschuldig war. Zumindest schlich er wieder so seltsam um meine Beine und schaute in die gleiche Richtung, so als ob er hätte sagen wollen: „Na, was ist das denn für eine Sauerei!“

Die große Vase mit den Gladiolen hatte es sich am Boden gemütlich gemacht und vorher dem frisch gepolsterten Sessel einen kleinen Besuch abgestattet. Jetzt verbreitete das abgestandene Blumenwasser, das sich artig unter meinem alten Küchenschrank versammelte einen Duft aus Kotze und Friedhofsvasenwasser. Ich hätte ausflippen mögen. Eine geschlagene Stunde dauerte es, bis ich alles halbwegs wieder in Ordnung hatte. Allein der Gestank wollte nicht weichen. Ich war schon drauf und dran den Sessel aus dem Fenster zu schmeißen.

Doch: Schwestern, dieser Welt vereinigt euch! Meine mittlere Schwester häuft –wie sie meint- unnützes Wissen an. Aus diesem reichhaltigen Fundus ließ sie mich wissen, dass im Flugzeug bei derartigen Gerüchen die Stewardessen Kaffeepulver auf den Stellen verteilen. Es riecht jetzt zwar wie bei Starbucks hier, aber immerhin noch besser, als das andere.

Mit Gladiolen bin ich sowas von durch…

August 23, 2010

Der Ernst des Lebens…

In der heutigen Zeit scheint es unmöglich für einen Sechsjährigen ein ganz normales, fröhliches und unbescholtenes Geschenk zur Einschulung zu finden. Mal abgesehen von diesem ganzen Lego-Star-Trek-Gedöns. Bücher kann man schon gar nicht kaufen. Und das nicht nur, weil der Junge ja noch gar nicht lesen kann. Entweder glotzt einem von jedem zweiten Cover dieser debile Hase Felix entgegen oder aber so klangvolle Titel wie: „Der Ernst des Lebens. Ab heute gehe ich zur Schule“, verhageln einem die Laune.

Warum bitteschön muss ich einem Sechsjährigen jetzt schon sagen, dass die nächsten zwölf Jahre davon geprägt sein werden, dass er von der liederlichen Gunst ungepflegter, schlecht gelaunter und nur mittelmäßig intelligenter wie motivierter, erwachsener Menschen abhängig sein wird. Warum muss ich dem kleinen Kerl stecken, dass es ab jetzt heißt: Fressen oder gefressen werden. Warum muss ich ihm durch die Blume sagen, dass das der Anfang vom Ende sein wird. Genauso gut könnte ich ihm die sieben Bände „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Proust überreichen und fragen: „NA, freut sich der Bub?“

Und überhaupt: Schlimm genug, dass die Blumen- und Geschenke-Industrie jeden stink normalen Tag plötzlich zu einem ganz besonderen ernennt, nur um dann Regale voll bepackt mit Nippes und Tand ins Schaufenster zu schieben. Völlig überteuert. Versteht sich. Und viele völlig Beknackte mit schlechtem Gewissen und nur mäßig funktionierenden Synapsen greifen zu. Nepper, Schlepper, Bauernfänger.

Und zur Einschulung mittlerweile der gleiche Dummsinns. Als ich eingeschult wurde, gab es eine grüne Schultüte mit einer selbstgebastelten Ente darauf, die ein Kopftuch trug. Keine Ahnung, ob meine Mutter da politisch korrekt sein wollte oder einfach Stoff übrig war. In der Schultüte befanden sich ein paar Buntstifte, ein Wasserfarbmal-Kasten von Pelikan und ein bisschen Süßes. Das war’s. Heute würde bei so einer Schultüte wahrscheinlich sofort das Jugendamt auf der Matte stehen.

Da kann man sich nicht lumpen lassen. Also gab’s ein Forschungs-Labor mit dem der junge Mann künftig seine Mutter in den Wahnsinn treiben oder den Wohnblock in die Luft sprengen kann. Und weil ich so eine schreckliche Spießerin und Klugscheißerin bin, gab’s natürlich auch eine Karte mit einem Gedicht, das nicht nur die nächsten 12 Jahre Gültigkeit hat:

Einen brauchst du
Einen brauchst du auf dieser Welt,
der mit dir weint und lacht,
einen, der unbeirrt zu dir hält,
der deine Probleme zu seinen macht.

Einen, der deine Träume kennt,
dir deine Schwächen vergibt,
einen, der dich beim Namen nennt,
und froh ist, dass es dich gibt.

Einen, der dich in die Arme nimmt,
wenn eine Hoffnung zerbricht,
einen, der deine Saiten stimmt,
einen brauchst du als Licht.

Emmy Grund

August 22, 2010

Alles lauwarm

Ich habe schlaflose Nächte. Wegen ihm. Wir hatten so gute Zeiten miteinander. Damals. Als ich ausgezogen bin und allein in der neuen Wohnung saß, da war er da: Mein Wasserkocher. Was hängen an dem guten, alten Kerl nicht alles für Erinnerungen. Als ich zwei Monate auf meine neue Küche warten musste, der Balkon mein Kühlschrank war und ich mich mit zwei Kochplatten arrangieren musste, ließ er mich nicht im Stich. Ganze Drei Gänge Menüs konnte ich am Ende mit seiner Hilfe zubereiten. Ganz zu schweigen von den etlichen Heißgetränken.

Zuletzt wurde ihm dann auch sehr heiß. Der Teufel ist eben manchmal ein Eichhörnchen. Und ich bin es leider auch. Mit vier Herdplatten kann ich anscheinend immer noch nicht umgehen. Im guten Glauben die Platte angemacht zu haben, auf der der Topf steht, erwischte es den Wasserkocher. Ich brodelte zwar noch einige Zeit weiter mit dem eigenwilligen Plastikgebilde, aber der sich seltsam ausbreitende Geruch, wann immer ich ihn anstellte, stimmte mich zuletzt nachdenklich. Ich beargwöhnte den guten Kerl am Ende nur noch. Und das ist bei allem guten Willen keine Basis.

Wochenlang hielt ich es ohne aus. Denn einen Neuen zu kaufen, überfordert mich. Die Zeiten in der Wasserkocher-Branche haben sich anscheinend im Laufe der Jahre geändert. Es gibt jetzt sogar Wasserkocher, die gleichzeitig ein Toaster sind. Das kann doch nicht gut gehen. Naja, am Ende nahm ich ein Mittelklasse-Gerät von einer Mittelklasse-Firma. Er steht jetzt in meiner Mittelklasse-Küche und kocht mittelmäßigen Tee. Ich bin mittelmäßig zufrieden. Aber so ist das nun mal heutzutage. Herzlich willkommen in der schönen, neuen Welt!

August 16, 2010

Drei Super-Nasen…

Ich habe wirklich schon viele Peinlichkeiten erlebt. Neben Stürzen, verbaler Inkontinenz und locker-leichten Fettnäpfchen, die so groß wie der Atlantik waren, war schon alles dabei. Man bekommt Routine und lernt, die Contenance zu wahren. Auch für andere…

Gestern war es mal wieder soweit. Ein Marketing-Männchen und ich trafen auf Mike Krüger. Das Interview verlief nach Plan, bis der Marketing-Mensch sagte: „Warten sie doch mal einen kleinen Moment, ich hol eben was“. Schon da hatten sich Mike Krüger und ich nichts mehr zu sagen. Ich hatte keine Fragen mehr und er sowieso nicht. Er bot mir ein belegtes Wurst-Brötchen an. Ich lehnte ab. Wasser? Nein, danke. Stille. Da kam der Marketing-Mensch wieder. Im Gepäck zehn Mannshohe Poster und diverse, ausgefeilte Autogramm-Wünsche. Mike Krüger erfüllte sie alle. Still und zügig. Dann noch ein netter Spruch und wir gingen.

Als wir jedoch im Büro noch zu einer kleinen Nachbesprechung zusammen saßen, erschien aus dem Dunkel der Nacht ein Gesicht am Fenster: Mike Krüger. Wir sollten doch bitte ein Taxi für ihn rufen. Der Marketing-Mensch war begeistert und erklärte dem Herrn bei der Taxi-Zentrale er hätte gern einen Wagen für Mike Krüger. Ich ahnte, dass sich da jemand verschaukelt fühlte am anderen Ende der Leitung…

„Wir können den Krüger doch jetzt nicht so allein draußen stehen lassen“, sagte er, nachdem er aufgelegt hatte. „Warum nicht? Er ist schon groß“. Der zaghafte Einwand nützte nichts. Wir stratzten nach draußen. Zehn Minuten, so stellte ich anschließend fest, können sich manchmal wie Stunden anfühlen, wenn man sich nichts zu sagen hat. Mike Krüger hatte uns nichts zu sagen. Ich ihm auch nicht. Der Marketing-Mensch schon. Zumindest versuchte er sich in Small-Talk während ein warmer Sommerregen auf uns nieder prasselte und Mike Krüger alle zehn Sekunden fragte, wo denn das Taxi bliebe.

Als der Marketing-Mensch von Bernd Stelter erzählte, und dass der nach seiner Vorstellung binnen kürzester Zeit keine Autogrammkarten mehr gehabt hätte, schauten alle wie aufs Stichwort auf Krügers riesig erscheinenden Autogrammkarten-Stapel in seiner rechten Hand. Die Frage, ob er denn jetzt ins Hotel fahre, beantwortete der Komiker mit einem diffusen Nuscheln. Ich ahnte, dass er Panik hatte, wir zwei Komiker würden mitkommen wollen. „Wo bleibt denn das Taxi“, fragte ich mit einer Mischung aus „Peinlich-berührt“ und „Warten auf den Pausen-Gong“.

Ein Anruf in der Taxi-Zentrale brachte es ans Licht: Man hatte den Anruf für einen Scherz gehalten. In Lichtgeschwindigkeit tauchten im Dunkel zwei Scheinwerfer auf, Krüger sprang (nein, er flüchtete) ins Taxi, ich verschwand wieder im Gebäude und der Marketing-Mensch winkte den roten Rücklichtern des Taxis hinterher…

August 11, 2010

Login