Kurpfuscherei

June 9th, 2011 § 0 comments § permalink

Es ist nicht besonders schlau den Termin für den Gesundheitscheck kurz vor seinen 30sten zu legen. Der kleine Mann mit Brille und seltsamen Akzent bestätigte mir, was ich längst ahnte: Der Lack ist ab. Da ist nichts mehr zu holen. Die Blüte meiner Jahre…ja…war wohl nur ein kurzes Knospen bevor die Rosenschere angesetzt wurde.

Ich dachte es mir schon, als ich wieder mal mit dem Urinbecher losgeschickt wurde und man mir ohne Umschweife die Nadel in die Vene rammte. Ich bin eine Mimose. Durch und durch. Beim Blutabnehmen fange ich immer an zu kichern. Das verstehen die Damen Arzthelferinnen dann stets falsch. Sie meinen, ich hätte kein Problem, wäre gut gelaunt, nur etwas überdreht. Ich meine es hingegen so: Verzweifelt-panisch. Ich traue mich dann auch nie was zu sagen. Erst, wenn die schwarzen Punkte vor den Augen nicht mehr weg zu zwinkern sind und der Schweiß von der Oberlippe tropft, mache ich mich kurz bemerkbar, um dann für ein paar Minuten ins Nirvana abzutauchen.

Aber zurück zum Lack: Der Arzt, der kurz vor der Pensionierung steht, erklärte, er habe noch nie einen Patienten mit solch erstaunlichen Werten gehabt. Dass er das im negativen Sinne meinte, verstand ich nicht auf Anhieb. Für Ironie habe ich beim Arzt kein Ohr. 18 Jahre Vegetarier-Dasein machen sich dann am Ende wohl doch bemerkbar, nämlich in mannigfachen Mängeln. Jetzt muss ich mir eine Plastikschachtel anschaffen, auf der die Wochentage und die Tageszeiten vermerkt sind und meine 20 Pillen pro Tag schön einsortieren. Na, Servus. Kaum 30 und schon ein Pillen-Blackberry für Senioren am Start.

Ach ja und zur wöchentlichen Spritzkur muss ich auch noch antreten: Intravenös, versteht sich. „Das finde ich ein bisschen unseriös“, stammelte ich in Anbetracht der meiner Armbeuge wöchentlich drohenden Nadel. Der Arzt war verstimmt. „Unseriös“, das Wort hatte ihn verletzt, irritiert, gekränkt. Zumal es auch völlig fehl am Platz war. Aber ich hab‘s nicht so mit Wortgewalt beim Arzt.

Der Mann zahlte es mir auf seine Weise heim: Die nächsten Wochen kein Sport (nicht schlimm), keine großen Anstrengungen (auch nicht schlimm), kein Zucker (WAAAAAAAAAAAASSSSSSSSSSSSSSSS?) und keine Kohlehydrate (NEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEIIIIIIIIIIINNNN!). Die seien Vitamin-Killer und somit Teufelszeug. Noch Fragen?

Und ob: Ich bin Vegetarier, habe eine Laktose-Intoleranz, bin allergisch gegen Nüsse, viele Obstsorten und Weißmehl. Die momentane Situation auf dem Gemüsemarkt ist auch nicht gerade dazu angetan, zu frohlocken. „Sie sind jung und haben noch Phantasie, verhungern werden sie bestimmt nicht“, sagte der Mediziner, dem ich meine Gesundheit anvertraut hatte, kühl. Ich nickte stumm und ging. -Schlagfertig bin ich beim Arzt auch nicht.

Am Ende dieses Tages ging ich ins Reformhaus, ließ all meine Vorbehalte gegenüber Körnerfressern beiseite und warf mich dem schmächtigen, Nickel-brilligen Verkäufer weinend an die Brust und stammelte: „Helfen sie mir! Ich werde 30“.

Gutmenscherei

June 1st, 2011 § 0 comments § permalink

Es gibt einen garstigen Fundus an Phrasen, der unter Fachleuten auch „Scheißhausparolen für GZSZ-Fans“ genannt wird. Was kann man dort alles finden? Zum Beispiel den Satz: „Auch wenn es heute regnet, morgen scheint wieder die Sonne“. Oder den Evergreen: „Richtig lieben, heißt manchmal auch loslassen“. Wenn ich nicht schon Rosamunde Pilcher einen auf die Zwölf hauen wollte, müsste ich es bei jedem verirrten Seelchen tun, das tatsächlich aus Mangel an Sprachvermögen auf diesen Phrasen-Fundus zurückgreift.

Eigentlich bebildern diese Sätze wunderbar das Innenleben der Menschen, die einem unvermittelt damit im Gespräch um die Ecke kommen: Seelisch geht da so gut wie nichts mehr. Geistig meist auch nicht. Seelische Degeneration. Von Moral mag ich hier noch gar nicht sprechen. Wem es zu mühsam ist nach eigenen Worten zu kramen, bedient sich eben aus dem Fundus für Sprach-Würste und hofft, dass es nicht auffällt.

Nehmen wir mal an, jemand trennt sich und lässt seinen ehemals so heißgeliebten Hund (um den sonst immer ein riesen Tamtam gemacht wurde) bei dem anderen Partner und redet sich raus, von wegen: „Ach, der hat da mehr Platz, Spiel, Spaß und Spannung. Und im Urlaub kann er ja mal zu mir kommen“ Blablabla. Und sagt dann den entscheidenden Satz in moralischer Großmut-Manier: „Weißt du, lieben heißt manchmal auch loslassen“. – Ja, das heißt es bei vielen Sachen. Beim Furzen zum Beispiel auch.

So sind die Scheißhausparolisten. Mit der Wahrheit haben sie es nicht so. Schließlich denken sie sich: Wahrheit ist immer das, was man daraus macht. -Sehr schön! Dass sie einfach keinen Bock auf den Köter haben, ihnen die Spazieren-Geherei zu viel ist oder aber der Hund irgendwie sonst im Weg und ohnehin schon immer völlig egal, das sagen sie nicht. Hört sich nicht so gefühlsduselig und kuschelig an.

Ich weiß trotzdem Bescheid und meine Antwort fällt in diesem bestimmten Fall unblumiger aus: Wer so schnell mit etwas Liebgewonnenem fertig ist, besitzt gar kein Herz, hat kein echtes Kuschel-Potenzial und ist auch sonst eher jemand, dem man besser nicht seine Zimmerpflanzen für den Urlaub anvertrauen sollte. Also: Verantwortung übernehmen oder besser einfach die Schnauze halten!

La dolce vita in Duisburg

May 20th, 2011 § 0 comments § permalink

Ich übertreibe. Gern und oft. Morgens, wenn ich vor dem Spiegel stehe und eigentlich schminktechnisch alles erledigt ist, denke ich mir: „Ach komm! Da geht doch noch was!“ Und schwuppdiwupp könnte ich jedem Transvestiten mühelos Konkurrenz machen. Gleiches gilt für die Kleider-Frage.

Auch in Sachen „Outdoor“ geht es mit mir durch. Ich habe eine alte Liebe wieder zum Leben erweckt: Das Bauhaus, Gartenabteilung. Die Mitarbeiter grüßen mich schon mit High-Five. Kein Wunder, treibe ich den Umsatz doch in schwindelerregende Höhen. Und wofür? Für zwei kleine Balkone, auf die man sich nur –wenn man Raucher wäre- zum Rauchen drauf stellen kann. Ausschweifendes Ein- und Ausatmen nicht mit inbegriffen!

Trotzdem stand ich heute vor einer Miniversion einer Hollywood-Schaukel und überlegte: Wenn ich beide Balkon-Türen aufmachen würde, könnte ich halb ins Wohnzimmer schaukeln. Das könnte klappen. Oder aber ich schaukel über die Brüstung, ein bisschen wie in Ski-Sessellift-Manier.

Eine halbe Stunde wägte ich ab, ging in die Bad-Abteilung, von wo aus ich einen perfekten Blick auf dieses Freiluft-Must-Have hatte. Dann schlug ich einen Bogen in die Lampenabteilung und warf einen argwöhnischen Blick auf das Ökolatschen-Paar, das sich gerade vor der Schaukel aufbaute. „Verpisst euch“, brummelte ich, was mir konfusionierte Blicke eines älteren Mannes bescherte, der gerade im Begriff war Deckenlampe „Gabi“ in seinen Warenkorb zu stellen. Egal: Finger weg von meiner Hollywood-Schaukel!

Ein gezielter, leicht aufreizender Blick auf den männlichen Teil des Öko-Duos, veranlasste die andere Hälfte (die nicht sehr weiblich aussah) zum raschen Weitergehen. So blieb also Zeit zum ungestörten Hinsetzen, zum leichten Vor- und Rück, zum Anfreunden, zum Anschmiegen, zum Träumen…

Hätte der Laden nicht um 21 Uhr dichtgemacht, ich wäre gedankenverloren mit einem seeligen Lächeln sitzen geblieben. Stattdessen hieß es dann also völlig übereilt: Abschied nehmen. Schmerzlich, denn ich übertreibe zwar gern, aber mehr noch als einen Sinn für Abstrusitäten, habe ich einen für die Realität. Also huschte ich mit einer Träne im Augenwinkel wieder in die Gartenabteilung, grüßte im Vorbeilaufen Kalle und Petra und griff mir einen Liege-Schwenk-Stuhl.

Der macht sich super auf dem Balkon, auch wenn er wegen Platzmangels nicht richtig schwenken kann. Und als ich dann heute Abend da so drin saß, auf mein Olivenbäumchen, die Tomaten und all die Pflanzen schaute deren Namen ich nicht kenne, nippte ich zufrieden an meinem Lambrusco. „Ja“, dachte ich, „so muss man sich in der Toskana an einem guten Tag fühlen“. – Habe ich schon erwähnt, dass ich ebenso ein großer Fan von Euphemismen bin?

BVBekloppt

May 15th, 2011 § 0 comments § permalink

Zwei Herzen schlugen gestern, ach, in meiner Brust. Eurovision Songcontest oder BVB Meisterfeier. Nur eines von beidem ging. Seit meinem fünften Lebensjahr saß ich Jahr für Jahr beim Grand Prix vor dem Fernseher und lauschte nicht nur dem fragwürdigen Liedgut sondern auch den Erzählungen meiner Mutter, dass einst auch schon mal Deutschland diesen Wettbewerb für sich entscheiden konnte. Seither saß ich 25 lange Jahre jedes Jahr aufs Neue vor dem Fernseher und hoffte. Egal, wer sich zum Fremdschämen anbot, ich blieb bis zur Vergabe des letzten Punktes am Bildschirm. Das war oft –fast immer- hart. In manchem Jahr sogar sehr hart. Fast nicht zum Aushalten.

Im letzten Jahr klappte es dann. Doch der Musik- und Fußball-Gott arbeiten anscheinend nicht für die gleiche Firma. Denn neben diesem Kindheitswunsch, gewährte man mir meine vierte Fußball-Meisterschaft. Nun vielen diese beiden Ereignisse unglücklicherweise auf einen Tag. Ich entschied mich für den BVB und stellte nachts, den Videotext lesend fest, dass das die richtige Entscheidung war. Da wäre mir mein Blutdruck einfach zu schade für gewesen. So viel Obstbowle hätte ich gar nicht trinken und Käseigel essen können, wie ich beim Hören des Siegerlied des Landes, dessen Namen ich nicht schreiben und aussprechen kann, hätte kotzen wollen. „Mel und Judith“ gibt es offensichtlich auch in anderen Ländern. Unerfreulich.

Doch auch bei der Meisterfeier war ich mit der Gesamtsituation nicht ganz glücklich. Mir fiel im Pulk vor einer Videoleinwand stehend schlagartig wieder ein, warum ich Menschansammlungen meide: Wegen der Menschen. Mir ist es ein Rätsel, wieso viele Menschen nicht nur müffeln oder ein bisschen streng riechen, sondern richtig stinken. Und zwar so, dass ein Fenster zu öffnen nicht ausreichen würde. Da müsste man ganze Wände entfernen. Schweiß, Kotze, ausgewachsener Schlüpfer- und Socken-Mief, tierischer Mundgeruch und so weiter. Ich finde das sollte in Zukunft auch unter Körperverletzung fallen. Neben so jemandem stehen zu müssen, verstößt gegen die Genfer Menschenrechtskonventionen.

Allerdings vor einer Horde 18-jähriger, brünftiger Mädels zu stehen, die Fan-Gesänge aus Mangel an Intellekt oder Hörvermögen uminterpretieren und sie mit einer Stimme Marke „kreischende Minnie-Maus auf Helium“ zum Besten geben, ist auch irgendwie unerfreulich. Auch Männer, die sich erst ranpirschen, grölen, einen im dichtesten Gedränge Vollquarzen, beherzt an den Hintern greifen und dann beim Jubeln noch ne Etage höher grabbeln, um sich anschließend 10 Minuten lang dafür zu entschuldigen und tiefe, ungefragte Einblicke in ihr Seelenleben zu geben, sind genauso unerfreulich, aber leider eine Begleiterscheinung solcher Feierlichkeiten. Da kann man schon ans Misanthropieren kommen.

Am Ende war es dann aber doch schön: Die Klo-Gespräche, die Völkerverständigung (Dänen lügen nicht), die kollektiven Fangesänge, das Tanzen unter freiem Himmel zu Musik, die man sonst eigentlich Scheiße findet, das Bierholen, das Umherpilgern und am Ende die Einkehr an eine alte Wirkungsstätte: Meine Rocker-Moped-Kneipe aus Studentenzeiten. Schön anzusehen, dass sich echte Rocker nichts aus ner Fußball-Meisterschaft machen und stattdessen an der schwarz-gelben Blumenkette ziehen und fragen: „Ker Mädchen, wat hast du denn da um? Hawai-Abend is woanders“. Ich herzte den groß wie breiten Mann mit Leder-Klamotte, dafür aber ohne Gesichtsmimik, hängte ihm die Kette um und tätschelte ihm die Schulter: „Kloppo liebt auch dich, mein Sohn!“ –Noch nie war ich so kurz davor aus einem Laden herauszufliegen, noch bevor ich richtig drin war. Keinen Humor, die Rocker…

Ich gut, Du gut, wir alle gut

May 8th, 2011 § 0 comments § permalink

Vielleicht wird Reden überbewertet. Kann sein, dass das Nonverbale im Zwischenmenschlichen viel wichtiger ist. Wenn dem so ist, dann bekomme ich vieles in meinem Leben überhaupt nicht mit. Sei’s drum: In der Schule heißt der Elternsprechtag nun einmal so. Choreographien, Ausdruckstanz, Kapoera hatte ich nicht eigens vorbereitet. Und so lagen meine Listen und meine Schülerbeobachtungen fein säuberlich auf meinem Tisch, an dem ich sehr nervös saß. Schließlich war das mein erster Elternsprechtag. Und wenn die Eltern nur halb so liebreizend waren wie ihre Kinder, blühten mir ganz besonders schöne Stunden. Vielleicht würde ich danach auch wieder verzweifelt im Aldi stehen und mich vor zwei Regale stellen, um zu überlegen: Schnaps oder Schoki.

Murats Mutter betrat den Raum. Sie lächelte. Das war ein gutes Zeichen. Als sie saß, wartete ich gar nicht lange ab. Ich rekapitulierte Murats Arbeits- und Sozialverhalten, lobte seine Bereitschaft Klassenämter zu übernehmen und bemängelte seine Ausdrucksweise gegenüber Mitschülern. Als die Mutter weiter freundlich lächelte, wurde ich mutig. „Naja, und dass der Murat einfach aufspringt und seine Mitschüler unvermittelt schlägt, ist natürlich nicht in Ordnung“. Murats Mutter lächelte weiter. „Letzte Woche hat er Frau Fink als Schlampe bezeichnet.“ Das Lächeln blieb. „Puh,… da muss langsam echt mal was passieren. Also jetzt natürlich nicht so, dass der Murat zuhause handfesten Ärger bekommt. Vielleicht kann man da mit den dementsprechenden Beratungsstellen oder unserem Sozialarbeiter was gemeinsam entwickeln. Der Murat ist ja im Grunde ein guter Kerl“. Das schien das Stichwort von Murats Mutter gewesen zu sein. Sie meldete sich zu Wort: „Kind gutt?“

Ich überlegte kurz. Sie wiederholte die Frage, unterstützt von ihrem Mona Lisa Lächeln und einem heftigen Kopfnicken: „Kind gutt?“ Ich verstand, sammelte die auf dem Tisch mittlerweile ausgebreiteten Notizen ein und fügte sie wieder zu einem Haufen zusammen: „Jaja: Kind gutt“, sagte ich, lächelte zurück und hob den Schumi-Daumen. Das freute Murats Mutter sehr. Ich hingegen wusste nun, dass Murat und mich auch noch in Zukunft ein hartes Stück Arbeit erwarten würde. Im Rausgehen drehte sich Murats Mutter nochmal zu mir um, als ich sie an der Tür verabschiedete, um den Nächsten herein zu rufen. Sie zeigte auf mich, hob den Daumen und sagte: „Du, gutt“.

Am nächsten Tag kam Murat mit einem breiten Grinsen in die Schule und eröffnete mir, dass seine Mutter mich gut leiden könne und nun immer zum Elternsprechtag kommen würde. Und etwas leiser sagte er: „Danke, dass sie nix Schlimmes über mich gesagt haben. Hätte richtig Ärger bekommen“.

–Reden wird also wirklich manchmal völlig überbewertet.

Unsportliches Verhalten

May 1st, 2011 § 0 comments § permalink

Ordnung ist das halbe Leben. Die andere Hälfte ist unordentlich. Also im Großen und Ganzen eine ziemlich ausgewogene Sache. Kein Grund sich zu beschweren. Und doch…

Die letzten Tage war ich damit beschäftigt Ordnung zu schaffen. Das bringt ein Umzug mit sich. Die Möbelpacker schauten sich ungläubig an, als sie das ganze Zeug sahen. Ich hingegen stellte einmal mehr fest: Besitz belastet. Und nerven tut er auch. Zumindest, wenn er in 90 Kisten verpackt und wieder ausgepackt werden soll. Wie ein Troll arbeitete ich die letzten Tage, um die große Wohnung mit meinem noch größeren Ego zu füllen. Nachts konnte ich vor Schmerzen in Füßen, Armen und Rücken nicht einschlafen, verfluchte den ganzen Tand und schwor den kompletten Kram am nächsten Tag wegzuwerfen, zu verschenken oder auf dem Floh zu verramschen.

In dieser Verfassung erhielt ich am Samstag einen Anruf (ich hatte zu dem Zeitpunkt jegliches Gefühl für Zeit und Ort verloren und ging dehydriert ans Telefon): „Ich weiß nicht, ob du mich verstehen kannst, aber Lewandowski und Barrios haben getroffen und Leverkusen liegt zurück. Olé, Olé! Tschüss!“ Ich saß in einer fast eingerichteten Wohnung, alles war fast ordentlich und fast an seinem Platz, psychisch war ich fast wieder im Normal-Modus. Ich hatte sogar fast damit geliebäugelt mir ein Sektchen aufzumachen und in meinem Liegestuhl zu trinken. Stattdessen wurde ich mit einem Schlag missmutig, ach was: depressiv. Erinnerte mich der Anruf doch daran, dass meine halbe Familie im Westfalen-Stadion saß, den deutschen Fußball-Meister 2011 hochleben ließ und sich tüchtig betrank. –Ohne mich.

Dazu muss man Folgendes wissen: Vor drei Jahren stand ich mitten in der Nacht auf, stellte mich vor die BVB-Geschäftsstelle, ließ mich von dem dort ebenfalls wartenden Volk anpöbeln, im Gedränge begrabschen und mit Flüssigkeiten zweifelhafter Herkunft benetzen. Das war am Ende jedoch alles nebensächlich, hielt ich doch die Dauerkarten in der Hand. Für la Familia. Mein Umzug vor über zwei Jahren kam ein bisschen ungelegen. An einen Stammplatz im Stadion war nicht mehr zu denken. Kurze Gastspiele. Nicht mehr. Im Grunde sitzt die buckelige Verwandtschaft dank mir im Stadion. Nur erinnern mag sich daran niemand mehr. Eine plötzliche, rätselhafte Amnesie beschleicht jeden der familiären Stadion-Geher, wenn es darum geht mir auch einmal den Sitzplatz zu überlassen. Ich komme mir ein bisschen wie die abgetakelte, böse Fee bei Dornröschen vor für die auch kein Tellerchen parat gestellt wurde.

Und während ich auf Rache sinnend und nach dem Spinnrad forschend durch die Wohnung tapere, falle ich über den Akku-Schrauber, rappel mich hoch, drehe mich um, haue mir mit einer IKEA-Leuchte ein blaues Auge und trete vor Wut gegen den Garderobenschrank. Mein Zeh ist also auch hin. -Wie war das noch bei „Kill Bill“? „Rache ist ein Gericht, das man kalt serviert“. Ich denke also nach. Lange. Auf allen Dauerkarten, die ich an jenem Sommertag vor drei Jahren für die Familie gekauft habe, steht mein Name. Ein Spiel steht noch aus…-Wo kann man nochmal anrufen, wenn einem die Dauerkarte gestohlen wurde…?

Die ewig Gestrige und Wladimir Kaminer

April 7th, 2011 § 0 comments § permalink

Meine Kinder in der Schule sagen seit Wochen bei allem, was sich ereignet: „Gisääälllllleeeee“. Keine Ahnung was das heißen soll. Ob das lediglich ein Ausruf des Erstaunens, Freuens oder des blanken Missmuts ist, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Nachfragen möchte ich natürlich auch nicht. Schließlich werde ich erst seit letzter Woche in der Hitliste der coolsten Lehrer auf Platz Drei geführt. Es ist also nicht daran zu denken mir jetzt eine wie auch immer geartete Blöße zu geben.

Es reicht schon, dass ich das in meinem Bekanntenkreis hin und wieder tun muss. So wie gestern. Unverhofft nahm man mich mit. Zu Wladimir Kaminer. Der mit der Russendisko. –Ich hab’s nie gelesen. Mich nie dafür interessiert. Ich war ja ziemlich lang mit dem Wolfgang beschäftigt. Und mit Friedrich. Ach ja und mit dem Theodor. Und mit Hermann. Da blieb keine Zeit für einen anderen.

Doch wie sagt man, dass man Nicht-Leser ist? Jahrelang habe ich glaubhaft vorgetäuscht die Sissi-Filme gesehen zu haben. Das hat gut geklappt. Aber am gestrigen Abend ging es nicht anders: Ich musste raus mit der Wahrheit und spielte zunächst einmal alles runter. Übermütig sah er ja auch nicht gerade aus, als er da in seinen ausgewaschenen, schwarzen Klamotten, die den gleichen Graustich wie seine schwarzen Haare hatten, die Bühne betrat. Der Akzent war ebenfalls ziemlich gewöhnungsbedürftig. Aber der Mann hat was.

Neben einer Frau und zwei Kindern (…) vor allem einen feinen, dezent-angenehmen Humor. Kein Schenkelklopfen, kein lautes Auflachen, aber auch kein Gähnen und auf die Uhr schauen. Es ist eher ein gelehriger, aber nicht besserwisserischer Humor. Wäre sein Humor eine Suppe, würde man vielleicht von einer philosophischen Einlage oder grüblerischen Klößen reden. Mit einer Prise Weisheit abgeschmeckt.

Der Mann ist bescheiden, zurückhaltend und fragt das Publikum artig, ob er uns statt aus seinem neuen Buch vorzulesen, seine neusten Geschichten vorlesen darf. Bestimmt dreimal versichert er sich fast schon verlegen, ob er uns die Geschichte mit Gaddafi und Putin vorlesen darf. So viel Höflichkeit ist angenehm aber bei so einem wie Kaminer vollkommen unangebracht.

Einen Roman zu schreiben, ist eine Sache, aber kleine Episoden so hinzubasteln, dass jeder Satz sitzt, der Sinn nicht ruckelt und der Humor Luft hat, ist eine Kunst für sich. Seine Geschichten sind so herrlich rund. Es stört nichts, wenn man sie hört oder liest. Da liegt kein Steinchen im Weg, über den man stolpert, der einem das Lesen verleidet. Das ist schön. Sehr schön sogar.

Dass ich mir dann in meinem plötzlich aufgekeimten Überschwang am Ende der Lesung 20 Bücher signieren ließ und Kaminer nötigte, sich auch noch mit mir und meinen beiden Bekannten fotografieren zu lassen, gehört wohl eher in die Kategorie „unschön“. Als Leser zuhause tauge ich. Als Zuhörer bei einer Lesung dann doch eher nicht. Egal….GIIIISÄÄÄÄLLLLLEEEEEE!

Allein, allein

April 3rd, 2011 § 0 comments § permalink

Meine Mutter hat es aufgegeben. Zu fragen. Nach einem adäquaten, charmanten Bald-Schwiegersohn. Es hat lange gedauert, ihr begreiflich zu machen, dass es heute nicht wie damals abläuft. Die Zeiten haben sich geändert. Die Menschen auch. Heute sitzt niemand am Samstagabend in einem „Tanzlokal“ mit Plüschsesseln, kleinen Tischchen auf denen Telefone mit Zahlen stehen, und versucht dort sein Glück. Heutzutage gibt es kein nettes, bemühtes Vorgeplänkel mit Blumen und aufrichtigen Schmeicheleien.

Wer heute nicht den Erstbesten nimmt, der einem in der Disse vor die Füße kotzt, bleibt allein. Oder muss auf den akademischen Onlinestrich. Ich will mich an dieser Stelle auch gar nicht beschweren, nur amüsiert berichten:
In meiner allmontäglichen Lehrer-Fahrgemeinschaft wird es zusehends unerträglicher. Das liegt an dem männlichen Teil. Letzten Montag musste ich mit beiden Herren allein fahren. Eigentlich kein Problem, aber der geizige Teil des Männer-Duos, nervte schon penetrant am Sonntagabend zur Tatort-Zeit. Er bekundete umständlichst und erbsenzählerisch, wie er es denn gern am Montagmorgen um halb sieben hätte. Statt zum üblichen Treffpunkt, solle ich doch zu ihm vor die Haustür gefahren kommen. Er müsse morgens joggen, duschen und Körner fressen. Da sei ihm die Strecke von vier Kilometern bis zum Treffpunkt zeitlich nicht zuzumuten. Ich dachte: Nur keinen Streit.

In seinem Auto am nächsten Morgen verkündete er dann, es dürfe nicht gegessen und getrunken werden. Meine Frage, ob es denn erlaubt sei während der Fahrt mit dem Fahrer zu sprechen, quittierten beide Männer mit einem strengen und verständnislosen Schulterblick nach hinten. Ich packte dennoch unbeirrt mein Brötchen aus. Das aufdringliche Geräusper ignorierte ich stoisch und genoss den Blick aus dem Seitenfenster. Auch die Pseudo-Bös-Rocker-Mucke (Kid Rock) blendete ich aus. Die beiden Herren führten derweil im vorderen Bereich höchst elitäre Gespräche. Sie sprachen darüber, dass sie keinen Fernseher besäßen, im Sommer am liebsten nach Norwegen zum Kanufahren reisen und momentan auf irgend so einen kaukasischen Karussellbremser Literaten abfahren. Und so etwas Weltfremdes unterrichtet Kinder.

Apropos: Beide finden sich unheimlich gutaussehend. Das mache Eindruck bei den jungen Schülerinnen. „Die habe ich ganz schnell im Griff. Ein Blick von mir und die schmelzen dahin“, sagt der eine. „Ich kann die ganzen Liebesbriefchen gar nicht mehr zählen“, übertreibt der andere. – Ich behaupte mal, dass die Mädels dort auf der Schule ganz schnell raus haben, dass die Beiden quasi „Dick und Doof Reloaded in der extra dummen Version“ sind. Da können die Zwei noch so sehr auf Rocker machen. Die Ray Ban Sonnenbrille (die nebenbei bemerkt nur verdammt wenigen Männern wirklich gut steht), haut’s dann genauso wenig raus wie der viel zu enge Lederblouson oder die tot gegelten Haare.

Vielleicht könnte man über all das mit ein bisschen Großmut hinwegblicken. Das wirklich Schlimme jedoch ist, dass die Beiden den Humor-Pegel von zwei Wellensittichen haben. Außerdem neigen sie wie viele Männer in diesem speziellen Alter zu maßloser Selbstüberschätzung. Keine Ahnung, was sie studiert haben. Ich tippe mal auf Dummschwätzerei und Penetrantismus. Sie wissen alles. Und zwar immer besser. Wenn schon jemand jeden zweiten Satz mit „Weißt du…“, plus bedeutender Sprechpause einleitet, kann man eigentlich schon ungesehen zuschlagen.
Als sich die Beiden auf dem Rückweg schließlich künstlich über meine schroffe Art echauffierten und sich wie zwei aufgeregte Erdmännchen immer weiter hinein steigerten, griff ich ihnen freundlich an die Schulter und zitierte „Die Ärzte“: „Bitte versteht mein Verhalten als Zeichen der Ablehnung“.
Ab dem morgigen Montag fahre ich allein. Aber glücklich…

Der harte Kern

March 15th, 2011 § 0 comments § permalink

Folgende Begebenheit ereignete sich an einer handelsüblichen, roten Duisburger Ampel: Während ich auf die Grünphase wartete, dezent mit dem Finger zu „Rolling in the Deep“ mitwippte, die Sonnenbrille gerade ruckelte, das Fenster einen winzigen Spalt öffnete, um die erste, puderig anmutende Frühlingsluft in meine gepeinigten Bronchien einströmen zu lassen, wurde diese ja fast schon poetische Situation, in der ich jeden Moment kleine Vögel erwartete, die mein Vehikel mit Blumen umkränzen würden, jäh unterbrochen.

Hinter mir hielt ein tiefer gelegter VW Polo mit dicken Puschen. Nachdem im Leerlauf noch einmal ordentlich Gas gegeben wurde, kurbelten die beiden Insassen ebenfalls die Fenster bis zum Anschlag runter und klopften mit ihren Händen auf dem Autodach und dem Außen-Türblech den Takt von irgend so einem Quoten-Hit, der eigentlich keinerlei Anlass bot, dermaßen abzugehen, wie die beiden. Die junge Dame und ihr Begleiter waren von Kopf bis Fuß auf Frühling…ach, was: Hochsommer, eingestellt. Ein winziges Achselshirt zeigte, dass sich die Monate unter dem Münz-Mallorca bezahlt gemacht hatten. Die mannigfaltigen Kettchen blitzten und blinkten. Die Schirmmützchen mit Strass saßen trotz Head-Banging (ich glaube mittlerweile hörten sie eine Ballade) perfekt. Auch die goldumrandeten Sonnenbrillen hielten der Extrembelastung stand. Das Extrem-Kaugummikauen (das soll ja bald olympisch werden, munkelt man) nahm an Heftigkeit noch immens zu, als die gutgelaunte Fahrerin auf dem Lenkrad ein Schlagzeug-Solo hinlegte. Davon fühlte sich ihr Mitinsasse wohl derart motiviert, dass er das Ganze mit einer Beatbox untermalte. -Wohlgemerkt: Die beiden hörten eine Ballade.

Die beiden fanden sich extrem geschmeidig. Ich konnte den Blick kaum vom Rückspiegel lösen. Es gab sie also doch noch. Diese Spezies. Den „Kern-Assi“. Ich bemerkte gar nicht, dass die Ampel mittlerweile auf Grün gesprungen war. So fasziniert, abgestoßen und belustigt war ich zugleich. Die beiden gestikulierten wild, hupten und lehnten sich mit dem halben Oberkörper aus dem Auto. Das Anfahrmanöver gelang. Zumindest bei mir. Die Fahrerin würgte den Polo ab. War wohl zu viel: Musikalisch abgehen auf Bruno Mars, Extrem-Kaugummi kauen und sich um den Straßenverkehr kümmern. Als es hinter ihnen hupte, stiegen beide aus. Bestimmt, um mit dem Hintermann gemeinsam den Frühling zu begrüßen. -Ach, Frühling! Lass dein blaues Band flattern….und jetzt alle!

Hätte, hätte, Herrentoilette

March 13th, 2011 § 0 comments § permalink

Hätte Iris damals Werner nicht den Laufpass gegeben, wäre sie heute nicht mit Peter unglücklich. Sagt Iris. Iris sagt immer solche Sachen. Sie hadert. Mit allem. Der Gesamtsituation. Was ihr gerade noch wie die richtige Entscheidung vorkam, ist in der nächsten Minute ein großer Fehler. Das „hätte“, „wäre“ und „wenn“ haben in ihrem Wortschatz einen felsenfesten Platz. Ja, sie sind große, unverzichtbare Konstanten in einem Leben, das ohne sie wahrscheinlich besser aussehen würde.

Iris nervt ziemlich. Denn was soll man sich mit jemandem über vertane Chancen unterhalten. Bringt doch nichts. Aus. Vorbei. Schieb ab!

Jeden zweiten Tag bekomme ich von der Bäckereifachverkäuferin meines Vertrauens ein gar zu durchgebrutzeltes Käsebrötchen mit verschmortem Käse gereicht. Das bemerke ich aber immer erst, wenn ich es wenig später aus der Tüte hole, um hineinzubeißen. Wie ein geschickter Hütchenspieler an der Kölner Domplatte, bugsiert sie die Karikatur eines Käsebrötchens in die Tüte. Ein Ablenkungsmanöver hier, eine gezielte Frage dort und meine morgendliche Abwesenheit rechnet sie ohnehin immer fest mit ein. Dieses Luder!

Iris würde jetzt den halben Vormittag damit zubringen, sich selbst damit zu geißeln, dass sie besser hätte aufpassen müssen oder, dass sie der Bäckereifachverkäuferin direkt so etwas wie: „Heute will ich nicht so ein Gouda-Brikett“, hätte sagen müssen. Mir ist es gleich. Ich könnte ja auch zu einem anderen Bäcker gehen. Der liegt aber nicht auf meinem Weg und dann würde ich womöglich morgens zu spät zur Arbeit kommen. Also setze ich Prioritäten. Das kann Iris nicht verstehen und schlägt den Bogen vom verkohlten Verbackenem hin zur privaten Liebes-Insolvenz. Mit Peter läuft es derzeit nicht so gut. Also eigentlich gar nicht.

Überhaupt denke sie in letzter Zeit auffallend oft an den Werner. Das war mal –irgendwann in den 70ern- ihr Freund. Mit dem wäre sie heute „auf jeden Fall besser dran, als mit dem Peter“. Was Peter dazu sagt, ist leider nicht überliefert. Ebenso wenig Werners Ansichten zu der Thematik. –Also: Trennung von Peter? –Vielleicht. –Ja. – Nein. –Demnächst. –Mal gucken. – So schlecht isser ja eigentlich auch nicht. Hätte er nur nicht diesen dicken Bauch. Und wäre er ein bisschen einfühlsamer und würde sich mehr für sie interessieren, dann sähe doch alles ganz anders aus.

„Hätte“, „wäre“ und „wenn“ sind ganz schön ungerecht. Gegen die Konsorten aus Utopien kann man nur verlieren… armer Peter!

Where Am I?

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