Scheiße. Schon wieder Weihnachten. Ein bisschen geht’s einem da, wie mit dem Film „Titanic“. Man guckt ihn immer und immer wieder, denkt sich zwischendrin – obwohl man es besser weiß – vielleicht nimmt es ja doch ein gutes Ende, und dann macht’s „gluckgluck“ und der Pott ist doch wieder einmal erstaunlicherweise zum 124. Mal abgesoffen. Zum Kotzen? Ja eben! Und so isses auch mit Weihnachten.
Es fängt mit den Geschenken an. Ärgerliche Angelegenheit. Nie bekommt man das, was man haben möchte oder gebrauchen könnte. Jedes Jahr verlangt einem das – mal größere, mal kleinere – schauspielerische Höchstleistungen ab. Nachher muss man aufpassen, dass man beim Weiterverschenken des Plunders nicht aus Versehen im Laufe des nächsten Jahres nicht gerade denjenigen mit einem Präsent bedenkt, der es einem in einem Anfall von geistiger, geschmacklicher und ignoranter Vollumneblung geschenkt hat. Zu Weihnachten wird jeder Einzelhändler seine Ladenhüter los, solange nur genug Leute auf den letzten Drücker in die Innenstädte des Landes hetzen und alles greifen, was Kunden-strategisch am besten steht. Und jetzt ein Hinweis: NEIN, 4711 Kölnisch Wasser ist kein adäquates Geschenk für eine Frau Ende 20.
Das Essen. Seit August kann man sich mit dem Billig-Gebäck voll fressen. Wo ist da zur Weihnachtszeit noch der Reiz? Macht man sich die Mühe und backt mit den lieben Kleinen selber, fängt das Genöle an: „Die sehen ja gar nicht so aus, wie die aus dem Supermarkt –iiiiiiiiiiiiihhhhhhh-!“ Von Freestyle und guter alter Hausarbeit verstehen die undankbaren Dinger nichts. Aber was will man auch erwarten. Jetzt kommen die Generationen, die Schlumpf-Eis für typisch italienisch und Lasagne aus der Mikrowelle für einen kulinarischen Höchstgenuss halten. Und das Essen am Weihnachtsabend? Hängt einem zum Hals raus. Jedes Jahr das gleiche.
Die Familie. Erst freut man sich, dann könnte man nach drei Stunden im Kreise seiner Lieben direkt wieder die Heimreise antreten. Was sag ich: Flüchten möchte man. 350 Kilometer barfuß im Schnee, wenn es sein muss, Seen bei Minus 15 Grad durchschwimmen –egal. Vorfreude ist die schönste Freude, dabei bleibt es dann auch, wenn es um die eigene buckelige Verwandtschaft geht…Und selbst wenn man sich bis zum Weihnachtsabend konsequent zusammen gerissen hat, dann bricht es spätestens beim Abendessen oder beim Geschenke auspacken wieder durch. Außer der Vorfreude ist einem am zweiten Weihnachtsfeiertag nichts mehr geblieben. Wer ganz souverän ist, schafft es, sich noch bis zum 31. Wieder mit allen zu versöhnen. Der Rest denkt über die angefressenen Kilos nach. -Zum kotzen eben. Sag ich doch.
Was bleibt: Vorfreude
Ich bin eine Müllfrau
Ich gebe es zu: Manchmal bin ich eine echte Erbsenzählerin. Wenn Menschen aus meinem nahen Umfeld unbedacht etwas daher plappern, zwinge ich mich deswegen auch innerlich immer häufiger dazu, einfach mal nichts zu sagen und stattdessen patent und möglichst sympathisch zu lächeln. Ich komme ganz gut damit klar. Es tut gar nicht weh einfach mal nichts zu sagen.
Aber jetzt bricht es wieder aus, das Erbsenzähler-Gen. Wie der kleine grüne Hulk kämpft es sich, angesichts folgender dahin gekritzelter Zeilen an mich, heraus: „Manchmal vermisse ich Dich sehr. Besonders, wenn es mir schlecht geht.“ –HALLO! Das „manchmal“ habe ich gerade noch so kurz mit einem kleinen Stolperer überflogen. Aber was ist das denn bitteschön für ein seltsam anmutender Gedankengang, wenn man jemanden immer dann vermisst, wenn es einem schlecht geht?
Wenn es mir schlecht geht, dann denke ich in erster Linie an mich. Vielleicht noch an leichte Stimmungsaufheller wie Schokolade, Sekt und Schuhe. Eventuell rufe ich meine Mutter an und hole mir dort ein wenig Zuspruch. Danach ärgere ich mich dann aber wieder so sehr über die schlauen Tipps meiner Mutter, dass ich das nächste Mal garantiert nicht wieder bei ihr anrufe.
Ich belaste einfach nicht gern andere mit meinem seelischen Müll. Und schon gar nicht würde ich jemandem schreiben, dass ich ihn lediglich als Müllabladestelle für meine kleinen Minderwertigkeits-Problemchen benutze und er mir ansonsten relativ egal ist. Ich bin doch nicht das Sondereinsatzkommando in Orange, das den Dreck weg kehrt. Das heißt ja im Grunde: Die schönen Momente und Gedanken im Leben teile ich lieber mit anderen. Für den Rest habe ich ja dich.
Manche Äußerungen sollen vielleicht wie ein Kompliment klingen. Sie tun es dann aber am Ende aus der Sicht eines verbalen Erbsenzählers eben doch ganz und gar nicht.
Kinder oder nicht Kinder? -Das ist echt keine Frage!

„Man lasse sich nicht von Mode hinreißen“, hat Goethe gesagt. Und der musste es ja wissen. Theoretisch zumindest. Aber das ist ein weites Feld. Und im Grunde sollte das Zitat auch nur dazu dienen den Bogen zu spannen. Also zu dem, was ich eigentlich sagen wollte.
In letzter Zeit ist es immer häufiger Mode geworden entweder Kinder total Scheiße zu finden oder gleich ein bis vier Rotznasen zu adoptieren und zwei bis drei selber in die Welt zu setzen. Klassisches schwarz und weiß also. Find ´ich doof und find ´ich gut. Für Grauzonen keinen Platz. Die Welt kann so schön einfach sein.
Kinder-Verweigerer argumentieren –manchmal recht ungelenk und so dass man denkt: Für den Depp ist es ohnehin besser keine Kinder zu haben- dass der Nachwuchs zu anstrengend sei. Außerdem rotzig, nervig, zeitraubend, Beziehung zerstörend, sinnlos (wegen Klima und der schlechten Welt an sich) und überhaupt: Alles Iiiiiii, bähhhh und pfui. Zugegeben: Manche Menschen sollten sich tatsächlich nicht unkontrolliert vermehren und sich stattdessen lieber einen Hund oder eine Zimmerpflanze anschaffen. Aber mal ehrlich: Wer so gegen Kinder wettert macht sich doch verdächtig. Denn es zeigt ja, dass sich derjenige mit dem Thema auseinandersetzt, ja sogar darüber regelrecht brütet. Mehr noch: Es zeigt, dass derjenige, ein echtes Problem zu haben scheint. Mehrere vielleicht sogar. In Frage kommende Schlagwörter sind da: Frauen/ Männern, unsteter Lebenswandel, Selbstverliebtheit, Enttäuschungen, labile Persönlichkeit weil einen Tick zu egoistisch veranlagt und so weiter. Aber vor allem schwingt da Angst mit. Vor Verantwortung. Und das ist ein echtes Argument (und auch irgendwie edel). Es wird nur leider hinter vielem Gedöns versteckt, das immer suggerieren soll, dass man schlicht zu cool ist, um Kinder in die Welt zu setzen.
Kinder-Befürworter hingegen können zu echten Fanatikern werden, die vor keinem Argument, keiner Beleidigung zurück schrecken. Kein noch so abgehalfterter Jute-Öko-Socken-Spruch ist diesen Menschen zu blöd. Am Ende geht es den meisten aber doch nur um Geld (ab dem zehnten zahlt ja Onkel Köhler), die Erfüllung des Erwartungsdrucks von Eltern (etc.), den Gedanken: Was mache ich, wenn alles Rum-Riestern doch nichts bringt und die Vorstellung von dieser Welt gehen zu müssen, ohne etwas von sich da zu lassen (und wenn es auch nur ein bisschen besseres oder eben schlechteres Gen-Material ist).
Ich bin bei solchen Themen die personifizierte Schweiz und halte es eben mit Goethe. Im Moment kann ich mir die rotzigen Teppichratten in meinem Bekanntenkreis auch nicht als Erfüllung meines Lebens vorstellen. Und der Gedanke, ein Kind zu bekommen, von dem man irgendwann feststellt: Es ist völlig missraten, ist auch nicht gerade erbauend. Also sage ich dazu nichts.
Vor vier Jahren sagte ich, dass ich Katzen nicht ausstehen kann und nie eine haben möchte. Und heute lasse ich mich von einem drei Kilo Kater tagtäglich tyrannisieren …
Geschenke, Geschenke, Geschenke!
Ich gebe es zu. Ich habe seit September alle Geschenke beisammen. Ich mag den Gedanken nicht, auf den letzten Drücker in die überfüllte Innenstadt zu hetzen und dann aus lauter Not und Einfallslosigkeit heraus ein dummes und peinliches Geschenk zu kaufen. An Weihnachten unter dem Tannenbaum sollte man sich schließlich nicht schämen müssen. Früher war mir das egal. Da bin ich erst am Weihnachtstag in die Stadt. Dass meine Schwestern sich nicht über 4711 Kölnisch Wasser gefreut haben, interessierte mich nicht.
Erst als mir jemand vor ein paar Jahren eine Kerze in Croissant-Form zu Weihnachten schenkte und ich angewidert in das gerade geöffnete Paket schaute und dachte, jemand hätte mir einen alten, ranzigen Croissant eingepackt, realisierte ich: Wenn man schenkt, sollte man sich den einen oder anderen Gedanken machen.
Dabei kommt es nicht darauf an, dass ein Geschenk besonders teuer ist. Ein Geschenk verrät, wie sehr man sich mit jemandem beschäftigt hat und wie gut man diesen jemand kennt. Da reicht es völlig aus die Lieblings-Körpercreme aus dem Drogerie-Markt um die Ecke für vier Euro zu schenken.
Jeder Zehnte, so las ich neulich, wird dieses Jahr gar nichts schenken (das sind die, die am Weihnachtsabend ohnehin in der Disco abhängen und den Grinch machen). Jeder Vierte bastelt was Eigenes. Eine schöne und sehr persönliche Idee…wenn die Ausführung stimmt. Meine fast vierzig jährige Cousine (ihres Zeichens als sehr geizig –eine Kreuzung aus Schotte und Schwabe, so munkelt man- bekannt) bastelte mir vor ein paar Jahren ein T-Shirt mit Diddl-Maus-Druck. Mit Anfang zwanzig schaffte sie es mittels dieses Geschenks, mich sprachlos zu machen. Wir haben uns mittlerweile darauf geeinigt, uns gar nicht mehr zu beschenken. Besser ist das.
Ranzige Croissant-Kerzen und altersungemäße Diddl-Maus-Shirts können manchmal sehr empfindlich zeigen, wie fern uns auch diejenigen sein können, die wir für die Nächsten halten.
Erwischt!
Ich bin eine schlechte Lügnerin. Im Grunde kann ich überhaupt nicht lügen. Irgendetwas verrät mich immer. Mal zuckt das Auge, ich grinse, schaue auffällig weg oder fange an zu schielen. Manchmal kratze ich mich am Bauch oder hinter dem Ohr, wie ein Hund der Flöhe hat. Man braucht mich aber auch nur eingehend und prüfend lange Zeit anzuschauen –ohne eine Silbe zu sagen- und ich gebe von allein zu, dass ich gelogen habe. Psychischen Druck dieser Art halte ich schwer aus.
Diese Eigenschaft macht mich für jede Form des Glücksspiels ungeeignet. Auch bestimmte Berufe bleiben auf Grund dieser charakterlichen Eigenart für mich unerreichbar. Früher hat es mich genervt und viele Freundschaften gekostet. Heute macht es einiges bedeutend einfacher. Man spart immens viel Zeit, wenn man von vornherein die Wahrheit sagt. Und die Menschen halten einen für charakterlich stark und reif. Ab und zu allerdings auch für unglaublich dumm. –Ein bisschen Schwund ist eben immer.
Wenn man von sich weiß, dass man aufrichtig und ehrlich ist, nimmt man dies auch pauschal von allen anderen an. Und dann ist man jedes Mal aufs Neue völlig konsterniert, wenn man plötzlich das Gegenteil feststellt. Viele haben das Lügen für sich perfektioniert. Manchen fällt eine Lüge auszusprechen sogar leichter, als die Wahrheit zu sagen. Das ist nicht immer verwerflich. Wenn jemand die Wahrheit nicht hören will und ein anderer zum Lügen bereit ist, zeigt sich in diesem Umstand zweierlei. Entweder tiefe Zuneigung oder Angst vor den möglichen Konsequenzen.
Viele Lügen verletzen, wenn man sie erst einmal enttarnt hat. Andere Lügen hingegen kann man akzeptieren, vielleicht sogar ein bisschen lieb gewinnen. Meine absolute Lieblingslüge stammt von meinem Vater und ist schon einige Jahre alt. Der hat, als er allein das Haus und die Haustiere hüten sollte, nicht mitbekommen, dass ich meine heißgeliebten Wellensittiche –wohlweislich- in eine kompetentere Obhut vor meinem Urlaub gegeben habe. Als ich dann –nach fast zwei Wochen- aus dem Urlaub anrief, erkundigte ich mich nach dem Wohl meiner Wellensittiche. –Stille am anderen Ende der Leitung-. Dann ein kurzes Räuspern. Nervöse Stille. -„Die Wellensittiche? … Ja, …also…ähm…denen geht ´s gut. Die Pfeifen fröhlich, essen ihre Hirsestange am Tag und machen … naja…äh…was man halt …äh…als Wellensittich so den ganzen Tag macht.“
Grabpflege ist auch Öffentlichkeitsarbeit
Selbst wenn man schon lange tot ist, so verliert eine Sache doch nie an Relevanz: Die Außenwirkung. Den Betroffenen selbst kann das relativ gleichgültig sein. Aber den Hinterbliebenen ist es das eben nicht. Ein sonntäglicher Spaziergang über den Friedhof kann ein wahrer Augenöffner in Sachen PR für Hinterbliebene auf der einen und der Feststellung von defizitären familiären Gegebenheiten auf der anderen Seite sein.
„Da denken doch alle, da würden Asoziale liegen!“ Diesen Satz sagte meine Mutter bei einem neuerlichen Besuch der Familiengruft und versuchte mit ein paar Handgriffen und kaum zu verstehenden Unmutsäußerungen zu retten, was noch zu retten war. Doch schon bald war die Entscheidung gefallen: Hier war nichts mehr zu retten und was würde ihre Mutter dazu sagen, die nun hier liegt und bei der es aussieht, wie bei Hempels? Dem Vater ist es ja egal. Der hat sich nie was aus Blumen und einem schönen Vorgarten gemacht. Der hätte am liebsten den ganzen Garten voller Tabakpflanzen gehabt.
„Wir reißen hier den ganzen Kram raus! Und machen der Oma alles schön neu!“ (Dem Opa natürlich nicht). -In wenigen Minuten war das Organisatorische per Mobiltelefon geklärt und die Umgestaltung eine abgemachte Sache. Mit dem Vorgefühl, bald nun nicht mehr der Gesprächsmittelpunkt des Gräberfeldes 21 zu sein, ging meine Mutter beschwingt an anderen Gräbern vorbei und deutete auf ein trostloses und überwuchertes Grab: „Tja, die Kinder von der Ella kommen wohl auch nicht mehr. Und wie hat sie sich für die undankbaren Dinger immer aufgeopfert und jetzt guck dir das an. Ein Jammer sag ich dir, ein Jammer!“
Geburtstagsdepression
Jedes Jahr das Gleiche: Ich erwarte nichts und bin dennoch enttäuscht. Jedes Jahr nehme ich mir vor zu verreisen und die buckelige Verwandtschaft samt Kaffeedurst vor verschlossenen Türen zurück zu lassen. Und jedes Jahr kommt mir der Sommerschlussverkauf in die Quere und ich haue all mein Erspartes für Dinge auf den Kopf, die ich entweder schon habe, oder die so bescheiden bei Betrachtung im heimischen Spiegel aussehen, dass ich sie garantiert zum nächsten Flohmarkt mitnehme und auf den Wühltisch schmeiße.
Dieses Jahr kam allerdings noch eine Schlechte-Laune-Komponente hinzu, mit der ich nicht gerechnet hatte: mein offenbar fortschreitendes Alter. In der Bahn machten mich zwei Jünglinge auf diesen Umstand aufmerksam. Ein Jüngling blieb vor mir stehen und lächelte mich an, als der andere Rotzlöffel durchs Abteil raunte: „Man, die Ische ist viel zu alt für dich. Die könnte deine Mutter sein!“ Das saß. Ich, von Lolita, über Lorelei zu Mrs. Robinson. Einfach so. Ohne Vorwarnung. Trotz gewissenhafter Pflege. Der Lack ist ab. Innenleben ist auch nicht mehr viel vorhanden.
An solchen Tagen, so denkt man, kann einen nichts mehr erschüttern. Und doch, da war es: Das mieseste Geschenk des 21. Jahrhunderts. Waren in den 90ern Socken der Inbegriff der Einfallslosigkeit, so sind es heute bunte einzelne Kaffeetassen. Was soll man damit als überzeugter Teetrinker? Und überhaupt? Wer sammelt einzelne geschmacklose Kaffebecher aus 10cm dickem „Porzellan“? Als Blumenvase sind diese Pötte auch nicht zu gebrauchen. Selbst das Motto: Dieses Geschenk eignet sich prima zum weiter verschenken, findet hier keine Anwendung. Denn man würde sich in Grund und Boden schämen so etwas sinnloses, hässliches, nichtsnutziges und platzverschwendendes an jemanden zu verschenken, den man mag. Und selbst Menschen, die in nicht so hoher Gunst stehen, will man so etwas ersparen. Wenn man allerdings alle Tassen sammelt und bis zum nächsten Polterabend wartet, kann man herrlich seinen angestauten Geburtstags-Frusteleien freien Lauf lassen…
Philanthropische Pathologie am lebenden Familienmitglied
[Dies ist ein Gast-Beitrag von einem ehemals "unbekannten Frettchen"]
Es heißt, der Weg zum Herz der Tochter führt über die (Schwieger-)mutter. Dies mag in meiner Heimat, der Voreifel, seit Jahrhunderten gelten und vereinfacht die Balz dort ungemein. Alle Beteiligten halten sich an diese sinnvolle Tradition, in seltenen Einzelfällen haben nur “Aahjeschmuste” (wegen Wohnungsnot oder Krupphusten hinzugezogene Stadtmenschen) Probleme mit der Umsetzung der korrekten Vor- oder Herangehensweise. In den einschlägigen Internet-Partnerbörsen findet sich dieser bedauernswerte Personenkreis auf Kurz oder Lang über die Umkreissuche, PLZ-Gebiet 521*.
Begibt man sich jedoch blauäugig in das Einflußgebiet eines Dortmunder Familien-Clans, werden derart profane Verhaltensregeln für liebestolle Jünglinge auf hinterhältigste Weise außer Kraft gesetzt. Sprich: plötzlich gibt es da noch eine “kleine Schwester” – die implizierte Verniedlichung für die Bezeichnung dieses Familienmitglieds birgt eine trügerische Sicherheit, von der man sich keinesfalls täuschen lassen sollte.
- Eigentlich hatte es meine Große und Einzige Liebe nur gut gemeint: nachdem ich ihren Auftritt in meiner Familie komplett versemmelt hatte, sollte ich zu ihrem Geburtstag erstmals auf Familie und Freunde treffen. Kein langsames Herantasten, Hallihallopipapo, bei so einem Fest – gefangen in einer 20m² Wohnküche – kommt man sich einfach am schnellsten am nächsten und jeder weiß danach, watt meng is’. Dachte ich, mir selbst Mut zusprechend und bereits vorausplanend, wie ich denn bei Vater, Mutter und evtl. der ein oder anderen Freundin einen möglichst angenehmen Eindruck hinterlassen könnte.
Welch eine Verschwendung, welch Irreführung. Die eine Freundin war durch nichts zum Sprechen zu bewegen, die andere kam später und man konnte sie leicht übersehen. Die Dritte entpuppte sich als unter Strom stehendes Energiebündel mit zunehmend roten Bäckchen und niemals stillstehendem Mundwerk oder Bewegungsapparat. Und da diese Nummer 3 von Beginn an der Mutter meiner Freundin nicht mehr von der Seite wich, war mein ausgeklügelter Voreifel-Schwiegermutter-Plan zum Scheitern verurteilt – schwiegermütterliche Mitgift-Verhandlungen führt man nicht mit Zeugen. Der Vater wiederum war Raucher: in Zeiten wie diesen sorgt das bis heute bei jedem familiären Zusammentreffen für kuschelige Viertelstunden auf Balkon oder Terrasse. Daran hat sich nichts geändert.
Lange Zeit unbemerkt blieb mir – ich gebe zu, irgendwie hat mich die gesamte Situation etwas überfordert – ein weiteres Wesen, das sich im Schlepptau der Eltern wie ein Trojanisches Pferd Zugang zur Wohnung verschafft hatte. Die, siehe oben, “kleine Schwester”.
Ihre (ihr von der Familie zugeteilte oder aber selbstauferlegte?) Aufgabe an diesem Tag war eindeutig, jede meiner Bewegungen und/oder Bemerkungen zu registrieren. Insbesondere suchte sie offenbar nach Hinweisen, die der von ihr vorsorglich alarmierten, vor dem Haus wartenden Ansammlung aus Söldnern und Ex-Legionären einen Grund liefern könnte, ihre innigst geliebte, zauberhafteste und unentbehrlichste Schwester aus meiner Gewalt zu befreien.
Ich habe den Tag mit einer ausgeklügelten Taktik aus Lächeln, Schweigsamkeit und Alkohol überstanden, wobei ich Letztgenannten wahlweise mir als auch dem Rest der anwesenden Gesellschaft einflößen musste. Sie trank nichts. Vermutlich fürchtete sie, ich würde das Problem – also sie – mit einem Schierlingsbecher aus der Welt schaffen.
Mittlerweile hat sich unser Verhältnis entspannt. Bereits zweimal habe ich Glückwunschkarten zum Geburtstag bekommen, in denen ich auch nach mehrmaligem Lesen nichts Feindseliges entdecken konnte. Auch zu Rate gezogene Graphologen versicherten mir bei beiden Exemplaren, dass das Schriftbild keinerlei Hinweise auf unterschwellig vorhandene Aggressionen gebe. Den Gedanken, dass die Karten von ihrem Kater geschrieben werden, habe ich verworfen. Paranoide Wesenszüge muss man im Keim ersticken.
Wenn sie termitengleich in unser neues Heim einfällt, ist die Süßigkeitenschublade mit allen Kostbarkeiten gefüllt, das – generell: Auswahl – ist ihr wichtig. Ansonsten bemühe ich mich, mit mehr oder weniger subtilem (angelesenem und antrainiertem) Humor eine Atmosphäre zu schaffen, die sie in Sicherheit wiegt und mir die in dieser Familie so beliebten Betonschuhe erspart. Politische Themen umgehe ich so gut es eben geht, meist unterhalten wir uns über Populär-Literatur. Im Moment belege ich bei der VHS einen Abendkurs für späte Quereinsteiger ins Frisörhandwerk – man weiß nie, wozu man das mal brauchen kann.
Nur den Druckertreiber, den habe ich ihr noch immer nicht installiert. Es ist immer gut, wenn man noch ein letztes As im Ärmel hat.
Sonntags, 20.15 Uhr – bitte keine Anrufe!
Wenn sich der Sonntag anschickt zu enden, man in der Küche steht, um noch ein paar Schnittchen zu schmieren, fröhlich vor sich her flötet, mit einem Satz auf die Couch in die richtige Sitzposition gesprungen ist, den richtigen Sender eingeschaltet hat, die ersten Takte der wohl bekanntesten Serienmelodie vernommen hat, dann … klingelt das Telefon.
Es gibt Menschen, denen einfach nichts heilig ist. Da wird belangloses Zeug geredet, der Hinweis: Ich gucke gerade Tatort, penetrant ignoriert, das Abebben von Gesprächsbeiträgen gekonnt mit neuen noch unbedeutenderen Geschichtchen überspielt, nur um am Ende den Vorwurf zu machen: Naja, dann stör’ ich dich nicht weiter Dann guck mal deinen Tatort.
Wenn man dann auflegt kann im Zweifelsfall eine Freundschaft kaputt oder ein Familienkrieg beschlossen sein, nach dem Motto: Ihr ist fernsehen wichtiger, als meine Probleme! Also sage ich: Du störst doch gar nicht, und robbe mich bis zum Fernseher vor, um den Ton minimal lauter zu machen und zwar so, dass der Anrufer ihn nicht hört (und sich meiner uneingeschränkten Aufmerksamkeit gewiss ist) und ich ihn mit einem Ohr gerade eben erahnen kann.
Irgendwann, Minuten später, nachdem man wieder über irgend ein Gesocks geredet hat, kommt dann folgende Frage: Um was gehts denn heute im Tatort? Und bei dieser Frage raste ich dann nach so viel Contenance aus. Wie soll ich das bitteschön wissen, wenn es mittlerweile schon viertel vor neun ist? Andere können in den Teletext gucken, aber mein Fernseher ist so alt, dass er noch nicht einmal eine Fernbedienung hat, geschweige denn die Teletext-Funktion.
Wenn ich dann leicht ungehalten sage: Interessiert dich doch eh nicht, gibt das nur neuen Gesprächsstoff. Also denke ich mir was aus und ende mit: Oh, jetzt wirds aber spannend! Ich will dich nicht abwürgen, aber das muss ich jetzt sehen … Je nach Tatort bin ich mal schneller oder langsamer mit diesem gespielten Ausruf. Wenn Berlin, Köln, Münster, Ludwigshafen oder Frankfurt dran sind, kann ich sehr schnell sein. Bei Eva Matthes oder der völlig überbewerteten Furtwängler lasse ich mir Zeit.
Mittlerweile habe ich jedoch nahezu jedem Menschen in meinem sozialen Umfeld einen imaginären Post-It ins Langzeitgedächtnis geklebt: Sonntags, 20.15 Uhr – keine Sprechstunde!
Pathologische Misanthropie für Anfänger…
Es heißt, es gäbe keine zweite Chance für den ersten Eindruck. Das mag allgemein stimmen, gilt jedoch nicht für mich. Manchmal beschließe ich in Königinnen-Manier, bestimmten Menschen noch nicht einmal das Privileg eines ersten Eindrucks zu gewähren. – Mein Königreich, meine Regeln!
Das gilt vor allen Dingen im Bereich des nicht-biologischen Familienzuwachses. Als meine innigst geliebte mittlere Schwester zu ihrem Geburtstag einlud und kleinlaut nuschelte, dass ihr neuer Freund auch da sein würde, begann ich dieses mir unbekannte Frettchen zu hassen. Es war mir egal, wer er war, was er machte, ob er ein netter Zeitgenosse war und gut zu meiner Schwester. Ich nahm von all dem pauschal das Gegenteil an.
Es konnte niemand nett sein, der mir meine Schwester für etwaige Freizeitvergnügungen weg nahm und sie abends am Telefonieren hinderte. Also fing ich schon vor dem Geburtstag an die beste, zauberhafteste und unentbehrlichste Schwester auf diesem Erdenrund zu sein, um meinen gewichtigen Einfluss auf meine Schwester nicht zu verlieren (man sagt schließlich nicht umsonst, dass ich die große graue Eminenz im Hintergrund der Familie sei….und ich bin stolz auf die mafiösen Strukturen, die ich all die Jahre mühsam gehegt und gepflegt habe!!!!). Schließlich kam der Geburtstag und ich schaffte es mit einem abgehackten, gelangweilten, unpersönlichen Hallo, einem laschen Händedruck und dem Vermeiden von Blickkontakt diesem Halunken zu zeigen, dass seine Show bei mir nicht ziehen würde. Sein Dauergegrinse konnte mich nicht darüber hinwegtäuschen, dass er alles von einem Heiratsschwindler bis Massenmörder sein könnte.
Den ganzen Tag verbrachte er damit hinter oder neben meiner Schwester zu sitzen oder zu stehen und verstohlen zu lächeln. Er aß so gut wie nichts, hatte komische Haare und reden war offenbar auch nicht seine Stärke. Er schmeichelte sich bei meinem Vater durch den Umstand ein, dass er der einzige Raucher neben meinem Vater war. Verschwörerisch verschwanden also beide immer wieder auf dem Balkon – wohl zu konspirativen Zwecken. Mein Vater handelte anscheinend schon aus, wie viele Kamele er für meine Schwester haben wollte.
Als wir nach Hause fuhren, überschlugen sich meine Eltern förmlich im Auto mit Komplimenten für diesen Pantoffelhelden. Ich hingegen dachte nur, dass er meine Schwester sobald wir raus waren, wohl verprügelt hat.
Langelange Zeit herrschten in meinem Königreich noch derlei Vermutungen und argwöhnische Blicke konnte ich mir auch nicht ganz verkneifen. Wann das genau in den mittlerweile drei Jahren aufhörte kann ich nicht genau sagen. Allerdings habe ich dem Bürschchen noch neulich einen guten Rat in alter Pate-Manier gegeben: Wenn du meine Schwester unglücklich machst, wird La Familia dich unglücklich machen! Zieh schon mal die Betonschuhe an. -Gott-sei-Dank hat er einen ganz passablen Humor und hat mich nicht rausgeschmissen …
