March 13th, 2008 § § permalink
Früher als Kind bin ich wegen jedem Zipperlein zum Arzt gerannt. Heute koste ich meine Krankheiten im Stillen aus und nähre mit Medizinbüchern meine angeblichen Leiden. Rein theoretisch hatte ich schon nahezu jede Krankheit. Besonders die tückischen, auf die der Arzt wegen ihres Seltenheitsgrades nicht auf Anhieb kommt.
Als Kind behauptete ich voller Überzeugung ich hätte Staupe. So ein Fauxpas würde mir natürlich nach meinem heutigen Wissensstand nicht mehr passieren.
Ich besitze drei riesige Medizinbücher. Unsere Familie hat sich in verschiedene Fachgebiete durch eingehende Recherche eingearbeitet: Meine Mutter und meine Schwester sind auf den Gebieten der inneren Medizin, Herz-, Kreislauferkrankungen und Störungen des Nervensystems, sowie psychische Erkrankungen sehr firm. Mein Vater kennt sich mit Brüchen, Verstauchungen, Prellungen, Blinddarmerkrankungen und dem ordnungsgemäßen Verbinden von Wunden prima aus. Meine älteste Schwester weiß auf dem Gebiet der Chiropraktik gut Bescheid. Und ich habe mich der Homöopathie verschrieben. Kollektives Blutdruckmessen an Geburtstagen gehört bei uns genauso zum guten Ton, wie Diagnostik per Telefon.
Selbstredend sind wir so schon lange über den Status hinaus jeden Mist zu glauben, der in Medien flächendeckend verbreitet wird. Gegen Panikmache sind wir immun. Zum Panik machen brauchen wir keine Gesundheitssendung oder einen Artikel in der Zeitung, eine Familienfeier reicht da völlig aus.
Meine Mutter äußerte einmal den frommen Wunsch, sie möge es nie mehr erleben, dass ich je wieder in ein Krankenhaus eingeliefert werden müsste. Als siebenjährige lag ich zwei Wochen im Krankenhaus. Von dem Zimmer der Kinderstation aus hatte man einen herrlichen Blick auf das gegenüber liegende Bestattungshaus. Als ich dies entdeckte war mir klar: Ich werde hier in diesem Krankenhaus elendig sterben. Als die Operation dann gut überstanden war und ich dachte nach meiner Aufwachphase wieder Herr meiner Sinne zu sein wollte ich fliehen. Der Versuch misslang kläglich und die dicke Krankenschwester fixierte mich mit den Armen am Gitterbett (weil ich mir unglücklicherweise den kompletten Tropf aus dem Arm gezogen hatte).
Die Süßigkeiten, mit denen sich meine Mutter und meine Schwester nach dem Vorfall sorgenvoll über das Bett beugten verfehlten ihre besänftigende Wirkung gänzlich. Es war mir untersagt in den nächsten Tagen feste Nahrung zu mir zu nehmen. So kam es, dass man dann auch noch meine Beine für einige Stunden ans Bett binden musste….
Ganz aktuell habe ich heute eine Erkältung/ schwere Grippe in meinem Körper begrüßen können. Vielleicht ist es aber auch die Vogelgrippe. Vor zwei Wochen hat mir ein Asiat in der Bahn ausgiebigst in den Nacken gehustet … Tröpfcheninfektionen sind was widerliches … Gliederschmerzen auch … – ich leide.
February 21st, 2008 § § permalink

Hier ein dreistes Beispiel dafür, dass auch Kartenvorderseiten lügen können….
February 12th, 2008 § § permalink
Beerdigungen sind selten eine lustige Angelegenheit. Das liegt zum einen an unserem Kulturkreis und zum anderen an der buckeligen Verwandtschaft.
Die letzte Beerdigung, an der ich teilgenommen habe lief folgendermaßen ab: Zuerst begrüßte uns der Bestatter vor der Trauerhalle, der aussah wie eine Mischung aus Buddy Holly, Elvis und Danny DeVito. Dann schnappte sich mein kleiner Cousin den Wagen, der für die Trauerkränze gedacht war und fuhr ein paar Senioren beinah über den Haufen. Woraufhin meine Tante ihm ein paar Ohrfeigen verpasste, die ihn schließlich zum Weinen brachten. Davon fühlte sich meine andere Tante dann so angesteckt, dass sie anfing ganz fürchterlich zu schluchzen und zu weinen. Meine Mutter, meine Schwestern und ich folgten. Nach der Trauerfeier fragte Elvis uns dann, ob uns die Feier gefallen hätte (was soll man darauf antworten?- “Das nächste Mal könnte der Organist noch mal ein bisschen mehr in die Tasten hauen und der Pfarrer nicht so bedröppelt gucken, aber sonst kann man sie wirklich weiter empfehlen!”).
Beim Leichenschmaus meckerte mein Onkel über den zu laschen Kaffee, meine Mutter über den Kuchen und meine Tante über meinen Onkel, den sie ja angeblich noch nie hat leiden können. Am Ende empfahl sie meiner Tante einen guten Scheidungsanwalt und in die Feier kam plötzlich Leben…
Das eigentlich interessante waren aber die urbanen Legenden, die jeder zum Thema Tod beisteuern konnte. Meine Mutter meinte, dass wir froh sein könnten, dass der Opa nicht erst nach Sonntag beerdigt wurde, denn sonst kommt der Tod und holt den Nächsten.
Meine Tante zischte mir in der Trauerhalle zu mich ja nicht umzudrehen, denn das würde den Tod herausfordern. Mein Cousin musste alle gesammelten Blätter, Kastanien und so weiter am Ausgang des Friedhofs fallen lassen, denn “man nimmt nichts vom Friedhof mit”, meinte mein Onkel. Meine Cousine hingegen konnte dem Ganzen etwas Positives abgewinnen und verkündete, dass wenn jemand in der Familie stirbt, in den nächsten zwei, drei Jahren jemand ein Baby bekommen würde.
Ein anderer Onkel meinte, dass wir alle froh sein könnten nicht am ersten August geboren zu sein, denn dann müssten wir früh sterben. Dieser Tag sei nämlich ein Unglückstag, da an diesem der Teufel angeblich aus dem Himmel geworfen wurde.
Am Ende solcher Tage des unfreiwilligen Zusammenkommens, ist man froh, wenn man alle Benimmregeln des Aberglaubens eingehalten hat, um nicht irgendein vernichtendes Schicksal prophezeit zu bekommen.
Und ohnehin weiß ja jeder aus der Literatur: Hätte Ödipus den Orakelspruch nicht gehört und versucht dem Prophezeiten aus dem Weg zu gehen, hätte er seine Mutter nicht angegrabbelt und seinen Vater nicht erschlagen. -Also: Wenn mal wieder jemand abergläubischen Grusel zum Besten gibt, einfach weghören.
January 18th, 2008 § § permalink

Es ist doch immer dasselbe. Wenn jemand in den Urlaub fährt oder fliegt, bekommt man stets eine Karte auf der lauter Lügen stehen:
„Wetter super, Hotel erstklassig, Essen sehr abwechslungsreich, Strand wunderschön, Wasserqualität vom feinsten und Stefan und ich verstehen uns auch sehr gut, bis bald….“
An dem „Bis bald“, könnte der geschulte Leser schon eine gewisse Sehnsucht nach Hause ausmachen und folgern, dass wohl doch nicht alles so toll im Urlaub ist. Ich hingegen denke mir bei solchen Karten: Was mache ich im Urlaub eigentlich immer falsch? Warum muss ich meist in Hotelzimmern schlafen, in denen andere kleine Besucher zu Gast sind, warum ist das Essen so mies, dass ich jedes Mal wie nach einer Hungerkur nach Hause komme, warum regnet es immer, und warum läuft das Abflussrohr des Hotels immer in die Badebucht in der ich mich aufhalte und macht das Schwimmen somit zu einem Hindernis-Parcours? Und warum liegen am Strand nur Engländer mit ihren rotzigen Blagen? In diesen Fällen schreibe ich nie eine Karte, um mein Martyrium vor Ort nicht auf Papier zu bringen und mir danach noch mehr Leid zu tun.
Andere Menschen sind da leidensfähiger und schreiben sich die Welt, wie sie ihnen gefällt. Wenn jemand ausdrücklich auf die Karte schreibt: „und… und ich verstehen uns auch sehr gut,“ dann ist das ein Indiz dafür, dass es eben nicht rund läuft, denn sonst müsste man es ja nicht extra erwähnen. Im Normalfall sollte man sich als Paar doch wohl immer gut verstehen. Wenn dann aber auch noch die Unterschrift des Partners auf der Karte fehlt kann das nur eins bedeuten: Ich sitze hier gerade und versuche mich mit Phantastereien bei einer Flasche Rotwein abzulenken, während er mit der Animateurin noch in die Disko gegangen ist, nachdem wir uns gestritten haben.
Die Generation meiner Eltern ist da schon einen gewaltigen Schritt weiter. Da gibt man sich nicht mehr mit solch profanen verschlüsselten Nachrichten ab. Meist ist die Reise Nebensache und nachdem der Ort genannt wurde, an dem man sich gerade aufhält, findet man anschließend: „Unser Jüngster hat übrigens sein Studium mit Auszeichnung bestanden und geht jetzt nach Amerika zu einer großen Firma. Seit letztem Monat sind wir Großeltern. Jan Pierre macht uns große Freude und er ist auch schon sehr schlau für sein Alter…“
Die besten Kartenschreiber sind jedoch in der Großeltern-Generation zu finden. Sie beschränken sich auf das Wichtigste und haben eben auch nicht mehr so viel Zeit, um Romane auf eine Karte zu schreiben. Die Geburtstagskarten von meinem Opa sahen immer folgendermaßen aus: Vorne war ein kurzes „Herzlichen Glückwunsch“ zu lesen und innen konnte man, wenn man den Geldschein beiseite schob, ein „von Opa“ erspähen. Das sind mir die liebsten Karten!
January 16th, 2008 § § permalink
Meine Mutter hat es damals gewiss nur gut gemeint, als sie mir vor dem Schlafengehen Goethes Gedicht „Erlkönig” vorlas. Mit Sicherheit hat sie nicht geahnt, dass mich dieser finstere König einen Teil meiner Kindheit unangenehm verfolgen würde. Furchtbar gegruselt habe ich mich, als das Licht gelöscht wurde und unter meiner Bettdecke versteckt. In meiner Phantasie sah ich den Erlkönig mit glühenden Augen neben seiner mindestens so unheimlich ausschauenden Mutter stehen und mit dem knochigen Zeigefinger locken. Wochenlang verbrachte ich nachts mit der Taschenlampe bewaffnet im Bett. Ich war jederzeit bereit die finsteren Wesen, die es scheinbar auf kleine Kinder abgesehen hatten, mit einem Lichtstrahl in die Flucht zu schlagen.
Dabei stellte sich mir die Frage, warum solche Kreaturen immer Kindern auflauerten. Die Liste der Betroffenen, die ich seither gewissenhaft führte war lang: Hänsel und Gretel, Rotkäppchen, der Knabe im Moor, Schneewittchen und viele mehr. Durch die eben Genannten wurde mir schnell klar, wo man sich als Kind auf gar keinen Fall aufhalten sollte, um verärgerten und psychisch stark angeschlagenen Damen und Herren nicht zu begegnen. Das Kind im „Erlkönig” allerdings gab mir Rätsel auf. Es war weder im Moor, noch im Wald umhergegangen. Meine Mutter erklärte, zu meiner allergrößten Überraschung und Bestürzung, dass das Kind wohl eine Grippe bekommen hat, weil es seine Mütze und den Schal nicht umtun wollte, obwohl die Mutter es ihm ausdrücklich gesagt hatte (aus der heutigen Sicht würde ich das fürsorgliche Diktatur mit Einschüchterungseffekt nennen, was meine Mutter da zum besten gegeben hat). – Zwei Wochen später bekam ich die Windpocken, obwohl ich mir fest vorgenommen hatte nie mehr bis zum Erwachsenenalter krank zu werden. Ich lag im Bett und harrte der Dinge und hoffte inständig der Erlkönig würde nur grippige Kinder holen. Meine Genesung ging aufgrund des Schlafmangels nur sehr schleppend voran. Mitten in der Nacht sprach ich mit verstellter dunkler Stimme in die Dunkelheit hinein, um dem Erlkönig zu signalisieren: Hier liegt kein krankes Kind, sondern nur ein kranker Erwachsener, also: Schleich dich!
Meine älteste Schwester, die das Zimmer neben mir hatte hörte mich eines nachts. Mit einiger Verzögerung, während welcher ich in einen kurzen leichten Schlaf gefallen war, kam sie in mein Zimmer. Was sie da sah, kann ich nur aus ihrer Sicht wiedergeben, denn erinnern kann ich mich natürlich an nichts (das ist bei Kuriositäten ja immer so). Ich saß aufrecht im Bett, hatte die Augen offen und knipste immer wieder das neben dem Bett stehende Licht an und wieder aus. Als meine Schwester mich ansprach, antwortete ich mit verstellter Stimme: „Ich bin kein Kind. Ich bin kein Kind. Ich bin kein Kind. Ich bin kein Kind. Ich bin kein Kind…..”- Von der Nacht an durfte ich bei meinen Eltern in der Besucherritze schlafen und meine Schwester nannte mich liebevoll: Das Mädchen aus dem Exorzisten.
January 15th, 2008 § § permalink
Ich kann mit meiner Mutter problemlos in den Urlaub fahren, mit ihr über Literatur diskutieren, sie nach seltenen Blumensorten fragen oder nach dem Rezept für Kartoffelsalat, ich kann mit ihr ins Theater gehen oder zum Friseur- alles ohne größere Vorkommnisse. Allerdings in den Osten, also in den Osten Deutschlands, kann ich mit ihr nicht mehr fahren. Nie mehr. Und zwar aus Angst, die Bewohner der östlicheren Gefilde könnten sich spontan zu einer Art Mob formieren. Dann wär´s das für uns gewesen und dass, obwohl wir nicht mal Ausländer sind. Was den Zorn der gesamten östlichen Bevölkerung (und ein paar Rechte wären bestimmt auch wieder mit von der Partie, wegen dem Training) auf uns ziehen würde? Die Worte meiner Mutter. Und zwar jene Worte, die seit etwa 1996 nicht mehr aus ihrem zentralen Sprachhirn wegzudenken sind.
Meine Mutter war demnach keineswegs von Anfang an gegen Widervereinigung, Rotkäppchen-Sekt, grüne Pfeile, Gysi und Andrea Kiewel. Sie stand dem Ganzen offen gegenüber und hoffte nur, die würden schnell Hochdeutsch lernen. Ja, sie hatte sogar Mitleid mit den vielen, die unter Erich und Margot, der SED (na sowas, die gibt´s ja heute noch) zu leiden hatten. Ihr taten die Heimkinder leid, die oft grundlos von ihren Eltern getrennt wurden. Ihr taten die Angehörigen leid, die jemanden an der Mauer verloren hatten. Eigentlich war meine Mutter zum Zeitpunkt der Maueröffnung in einer Stimmung, in der sie jeden, der von drüben kam an ihr Herz gedrückt hätte (also im rein platonischen und zwischenmenschlichen Sinn). Aber dann kam die Wende.
Es fing mit Margots Rente in Chile an. Das sei ein Schlag in das Gesicht all jener, die unter dem Regime Honeckers gelitten hatten und jetzt arbeitslos, weil mies ausgebildet, unseren Kassen zur Last fallen. Und damit sind wir beim nächsten Punkt: Dem Solidaritätszuschlag. Meine Mutter hat mich stets sozial erzogen. Die Geschichte vom barmherzigen Samariter hat dabei immer eine große Rolle gespielt. Klar, wenn du das heute Kindern erzählst lachen sie dich aus, treten dir vors Schienbein und klauen dir deine Tasche. Aber für mich hatte das damals eine Bedeutung, eine Art Vorbildfunktion, bis meine Mutter die Geschichte nach der Wiedervereinigung verfremdete. Denn plötzlich kam sie jedem, der von Solidarität und Brüderlichkeit sprach mit dem Samariter und fragte wieviel der denn noch ausziehen und zerteilen solle. Und ob er sich aus Solidarität ein Bein abtrennen soll, damit andere was zu essen haben oder ob er sich seine Haare abrasieren soll, damit sich andere eine schicke Mütze daraus machen können. –Ab diesem Zeitpunkt mochte ich die Geschichte vom barmherzigen Samariter nicht mehr.
Als wir dann 2004 mit dem Zug nach Weimar fuhren, vorbei an neuen Brücken, Autobahnen, Industriegebieten und hübsch restaurierten Städtchen und Dörfchen, platzte meiner Mutter im vollbesetzten Abteil der Kragen: „Hübsch haben sie es hier. Alles schön von unserem Geld. Und in Duisburg oder in der Dortmunder Nordstadt sieht es aus wie in der Bronx. Manche Straßen sind in einem Zustand, als hätten die Römer sie noch errichtet. Bald müsste es eigentlich Aufbau West heißen. Und dann meckern und nölen die immerzu und erzählen wie toll es beim Erich war. Ja, da sag ich: Bauen wir die Mauer doch wieder auf, aber dieses Mal richtig!” Während ich vom Sprachinhalt her dachte ich sitze an einem Stammtisch in Oer-Erkenschwick, schaute ich vorsichtig um mich herum, um die Lage zu sondieren und eventuelle Fluchtwege auszuspähen. Stattdessen stimmten die restlichen Abteilsitzer (Rentner) in den fröhlichen Reigen mit ein. Ich stellte mich schlafend.
In Weimar angekommen, kroch ich jedem Einheimischen förmlich hinten rein, um prophylaktisch etwaige verbale Entgleisungen meiner Mutter gut zu machen. Das gelang auch, bis wir bei einem Antiquitäten Händler nach dem Preis für eine Lampe fragten. Den Preis, der zugegeben jenseits von gut und böse lag, kommentierte meine Mutter mit: „Ich glaube wir finanzieren ihnen schon ein sehr angenehmes Leben und zum Dank meinen sie, sie könnten uns jetzt verarschen.” Sprach´s und ging. Aus Verlegenheit kaufte ich dem verstörten Mann zwei Bücher ab und murmelte im Rausgehen, dass meine Mutter ihre Medikamente gegen die Wechseljahre heute noch nicht genommen hätte.
Solidarität verpflichtet eben- manchmal aus zweifelhaften Gründen.