May 17th, 2009 § § permalink
Seit ich im fernsehfähigen Alter bin, schaue ich jedes Jahr den Grand Prix Eurovision de la chanson. Also jene musikalische Veranstaltung, die man nun ganz neumodisch Eurovision Songcontest nennt. So neckisch, wie der Name, sind mittlerweile allerdings auch die verkrachten Existenzen, die ihr zweifelhaftes Liedgut zum Besten geben.
Damals konnte man noch Celine Dion mit Pluderhose, Perlenbluse und miesen Zähnen für die Schweiz singen sehen, heute zieht Dita von Teese für Deutschland blank –ganz ohne zu singen. Und überhaupt stellt man jedes Jahr verblüfft fest, welche Länder angeblich zu Europa gehören. Wenn in den nächsten Jahren noch Indien, China und Afrika dazukommen, darf man sich also nicht wundern und verzweifelt den Schulatlas aufschlagen.
Die Zeiten des seichten Schlagers und der minimalistisch gemütlichen Bühnenunterhaltung gehören wohl für immer der Vergangenheit an. Selbst mit Nicole, die einst mit ihrer braven Dauerwelle und der riesen Gitarre ganz scheu „Ein bisschen Frieden“ einforderte, könnten wir heute keinen Blumenpott mehr gewinnen. Und warum? Wegen der Ost-Connection.
Meine Mutter brachte es vor ein paar Jahren bereits ganz schnörkellos auf den Punkt, als sie sagte: „Früher haben sie sich gegenseitig umgebracht, heute schieben sie sich die Punkte zu.“Kein Wunder also, dass Norwegen gewonnen hat. Der Sänger, ein Weißrusse, hat mit seiner fideligen Clowns-Darbietung im Grunde keinen vom Hocker gehauen, aber die buckelige Verwandtschaft, sitzt glücklicherweise überall dort, wo man freie Meinungsäußerung für eine Mär hält.
Und seit Peter Urban in diesem Jahr zum ersten Mal diese Klimbim-Kirmes-Veranstaltung nicht mit seinen süffisanten Bemerkungen begleitet hat, macht es mir ohnehin keinen Spaß mehr. Trotzdem schön, dass die öffentlich rechtlichen Fernsehanstalten Deutschlands jedes Jahr einige tausend Taler investieren, damit Bobby Flitter mit seinem gelockten und debil in die Kamera glotzenden Kumpel, endlich auch einmal auf einer internationalen Bühne auftreten dürfen. Aber hey, halb so wild, wird ja alles von den GEZ-Gebühren gezahlt. Quasi ein medialer Soli-Zuschlag für „Ost-Europa“.
January 24th, 2009 § § permalink
Ich habe ihn tatsächlich geschafft: Den Hattrick! Das dritte Mal bettlägrig in sechs Monaten. Kein Grund zu direkter Freude und von Genesungswünschen am Krankenbett bitte ich auch höflichst abzusehen. Das würde mich ohnehin nur stören. Sprechen kann ich sowieso nicht, also gewöhne ich mich ans Zuhören. Und da kommt nun das erste Mal seit meinem Umzug mein Fernseher ins Spiel.
Bislang war mir noch gar nicht aufgefallen, dass ich bedingt durch den Satellitenempfang lediglich Pro 7 Austria empfangen kann. Nach der dritten Werbepause war ich dermaßen angewidert und latent genervt, dass ich umschaltete und bei dem Gutelaune-Karnevals-Sender aus Köln landete. Und was sahen meine müden, fiebrigen Augen da? Den Lederlappen Dieter, das Töchterlein vom Bernd (die muss ja auch irgendwo unterkommen)und den Max von Tut nichts (nicht zu verwechseln mit denen von Tut und Tat nichts). Im Grunde hielt mich nur mein zittriger geschwächter Finger davon ab, fort zu schalten. Während ich also so vor mich hin delirierte kam es zum Eklat. Was vermutlich schon alle außer mir wissen, weil ich ja lediglich die Wiederholung geschaut habe.
Vielleicht ist es den entzündlichen Prozessen in meinem Körper geschuldet, dass ich urplötzlich so etwas wie Sympathie gegenüber dem Verstoßenen Max von Thun empfand. Man kann ihn im Grunde ja gar nicht mögen. Er ist arrogant, überheblich, spricht oft unerträglich gestellt und ist bei seinem, gewollt verwegenem Äußeren extrem eitel. Max von Thun tut eben gern immer so als ob. Er gibt sich extrem musikalisch. Keiner kann wissen, ob er es tatsächlich ist, denn niemand besitzt eine CD von ihm. Er tut so, als ob er ein sehr begnadeter und anerkannter Schauspieler wäre. Das könnte immerhin sein. Richtig beurteilen kann man das allerdings auch nicht. Mir persönlich ist er nur mit einer riesen Tamponade am Ohr im Gedächtnis. Das ist ein bisschen so, als ob man den Hamlet mit einer roten Afro-Perücke spielen müsste. Er gibt gern den geheimnisvollen Intellektuellen. Auch das kann man aus den oft kryptisch daher gefaselten Sätzen ableitend weder bestätigen, noch dementieren. –Im Grunde ist das auch zweitrangig.
Denn immerhin ist er nun das einzig ernst zu nehmende Ex-Jury-Mitglied bei „Deutschland sucht den Superstar (der ein Album rausbringen und sich dann wieder schleichen kann)“. Die Show ist peinlich und wird von einem Musikproduzenten kontrolliert, der die musikalischen Maßstäbe der 80er bis heute anwendet. Dieter aus Ostfriesland glaubt tatsächlich, dass Alexander, Marc und all die anderen ferngesteuerten Analphabeten sich mit dieser Musik in die Herzen der Deutschen gesungen haben. Dabei unterläuft ihm jedoch regelmäßig ein entscheidender Fehler: Er argumentiert mit ein, zwei Millionen verkaufter Singles und misst den Erfolg daran ab. All die Menschen, die jedoch keine Single gekauft haben – 79 Millionen- rechnet er aus seiner Erfolgsgeschichte heraus. Ich selber besitze keine CD von seinen Gesangs-Prostituierten und ich kenne auch niemanden in meinem Bekanntenkreis, der eine solche CD sein Eigen nennt.
Aber der Dieter ist eben durch und durch Ostfriese, der immer recht hat, alles besser weiß und sich für den größten unter den Kleinwüchsigen hält. – Da greife ich einfach wieder zu meinem geschmeidigen Antibiotika, meinem Salbei-Tee und zu meiner Fernbedienung. Auf der habe ich nämlich gerade einen kleinen roten Knopf am rechten, oberen Rand entdeckt…
December 19th, 2008 § § permalink
Eigentlich hatte ich nicht mehr an den wohlmeinenden Serien-Gott geglaubt, der seine Schäfchen mit feiner mitreißender Unterhaltung versorgt. Doch dann war sie da: Die perfekte Serie. Bezaubernd, fein, witzig, Zuckerwatte und Eiscreme fürs Herz und ein bunter Rosengarten für die Augen. Ich war schier blöd vor Glück.
Pushing Daisies verbindet auf die märchenhafteste Art die unterschiedlichsten Genres, trumpft mit ausgezeichneten und unverbrauchten Schauspielern auf, fesselt mit einer guten Geschichte und vermag den Zuschauer aus seinem tristen Alltag heraus zu manövrieren und ihn in eine zauberhafte Welt eintauchen zu lassen.
Wer Big Fish und Charlie und die Schokoladenfabrik mochte, kann dieser Serie ohne Umwege hemmungslos verfallen und sie abgöttisch lieben. Doch wie das so ist, wenn alles gut und schön ist und man meint zu träumen, kommt irgendwann Gevatter „Harte Realität“ um die Ecke und meint: Wenig Quote, zu hohe Produktionskosten- weg damit!
Trotz zahlreicher Auszeichnungen und guter Kritiken gab ABC im November bekannt, dass die Serie abgesetzt werden würde. Damit ist Pushing Daisies in guter Gesellschaft. Auch die hochgelobte und mit Preisen überhäufte Serie Damages ereilte unlängst ein ähnliches Schicksal. Und so bleibt dem geneigten Fan nicht viel mehr, als ratlos in Brecht-Manier die folgenden Worte hervor zu bringen: „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“
Rettet, was noch zu retten ist:
http://www.petitiononline.com/daisies/petition.html
November 12th, 2008 § § permalink
Es gibt Menschen, die können mit Loriot nichts anfangen. Sie finden Pappa ante Portas oder Ödipussi nicht witzig. Die Nudel, das Klavier, Weihnachten bei den Hoppenstedts und dergleichen lösen keinerlei Reaktion bei ihnen aus. Der Name Victor Dornberger sagt ihnen nichts. Loriots 60. Geburtstag?- Haben sie nie gesehen.
Wenn meine Menschenkenntnis mich an einigen Stellen (gelegentlich auch größeren Stellen) im Leben je im Stich gelassen hat, so konnte mir in diesen Situationen stets Loriot weiter helfen. Wer ihn nicht mag, ist menschlich fragwürdig. Humor geht solchen Menschen völlig ab. Lange Zeit war ich mit jemandem befreundet, der Loriot „total unlustig“ fand. Ich hatte von Anfang an ein schlechtes Gefühl dabei. Aber jemandem deswegen die Freundschaft kündigen? Am Ende kam es, wie es kommen musste.
Der Rest meines Bekanntenkreises ist mittlerweile in der Lage ganze Dialoge -von einer Sekunde auf die andere- in eine normale Konversation einzubauen. Und so sitzt man an manchem Abend zwar in der eigenen Wohnküche, aber irgendwie auch bei Oma Lohse auf dem 80sten.
Loriot ist ein feiner Beobachter, vielseitiger und kluger Künstler und hat uns Deutschen einen feinen nuancenreichen Humor eingehaucht. Ohne ihn, wäre Otto Anfang der 80er ungebremst und ohne Vorwarnung, über uns hinweg gerollt. Und wir hätten nicht gewusst, dass Humor neben Klamauk auch feinsinnige Intelligenz beinhalten kann. Wir wären Humor-Grobiane geworden und hätten nur über das Offensichtliche gelacht. Loriot sei Dank –es kam anders. -Zumindest für einen Teil von uns…
http://de.youtube.com/watch?v=aLg_xP5FKP4
November 5th, 2008 § § permalink
… und bin nur bedingt zur Ignoranz fähig. Andererseits habe ich nicht ohne Grund mein Politik – Studium nach einem Semester abgebrochen. Ich beschränke mich an dieser Stelle also nur darauf, dass ich mich bei der Berichterstattung der ARD nervös amüsiert habe und auch ein wenig angeekelt war. Die Diskussion um “Schmuddel” und mindere Qualität im Fernsehen erspare ich mir… – die kann Florian Henckel von Donnersmarck führen, während er darüber philosophiert, dass Obama nicht ganz so schwarz ist. Oder Frau Maischberger kann ja wieder Herrn Ruge einladen und einem 80 jährigen weitgereisten und kompetenten Mann wie einem Depp über den Mund fahren. Vielleicht kann Herr Schily auch einfach noch einmal so milde Lächeln, wie in dem Moment, als ein Foto von ihm gezeigt wurde -aus wilden Zeiten. Oder er kann aber auch mit gespielt belegt und bebender Stimme sagen, dass es im Grunde egal ist, wer Präsident wird. Denn den Amerikanern (allgemein) ist er wegen der Befreiung auf ewig dankbar. Und als man dann schon dachte: Schlimmer geht´s nimmer und gleich werden Seifenblasen ins Studio fliegen, da ist sich das Moderatoren-Duo im ARD-Wahlstudio doch tatsächlich nicht für den dämlichsten Wort – Witz zu schade. “Oral-Office” wird da ganz augeregt in die Kamera gegickert. -Ist ja schon spät!
Für alles andere (außer Jubelchöre) einfach mal hier vorbeischauen http://www.duckhome.de/tb/archives/3904-Praesident-Obama-und-was-bedeutet-das-fuer-den-Fisch.html
November 3rd, 2008 § § permalink
Neulich erinnerte ich mich im Buchladen an das, was ich vor ein paar Jahren dort entdeckte: Marcel Reich-Ranickis ganz persönlicher Literatur – Kanon mit Werken von Goethe, Mann, Grass und den anderen üblichen Verdächtigen.
Ich habe mich schon während meines Studiums hin und wieder über diesen Begriff, der im literarischen Bereich einst im 18. Jahrhundert von dem Philologen Ruhnken eingeführt wurde, geärgert. Denn die Tatsache, dass jemand glaubt die für die jeweilige Zeit normsetzenden und wesentlichen künstlerischen Werke herauspicken zu können, halte ich für problematisch. Letzten Endes muss man sich angesichts der Liste der immer wieder genannten Literaten fragen: Was war zuerst da? Ei oder Henne?
Wenn jemand ein Werk zum Kanon zählt, macht dann nicht erst dieser Umstand das Werk tatsächlich zu etwas, das die Zeit überdauern kann? Und ist dann nicht das Gerede über diesen und jenen Kanon als eine große Werbekampagne –nicht zuletzt für die eigene Eitelkeit des Kanon-Machers- zu betrachten? Ranicki lässt es sich gern gefallen als Literatur-Papst bezeichnet zu werden. Und er weiß, wenn er sagt, dass das Sandmännchen fortan zum Literatur-Kanon gehört, genug Lemminge in den nächsten Buchladen spurten, um des Meisters Empfehlung begierig zu kaufen und sich nacher auch noch unheimlich schlau dabei vorkommen.
Die literarisch-historische Vergangenheit hat vor allem eines gezeigt: Ein Kanon macht nur da Sinn, wo man bewusst ausklammern und diskriminieren möchte. Im 18. Jahrhundert schaffte es beispielsweise keine Frau –selbst wenn sie ein Zwitter (halb Goethe, halb Shakespeare) gewesen wäre- als Kanon-würdig zu gelten. Nun im 21. Jahrhundert haben es einige wenige endlich in Lehrpläne und sogar in einige Kanon-Sammlungen geschafft. Viel zu spät. Für die Literaten und für die Leser.
Und nun will Herr Reich-Ranicki uns auch seinen ganz eigenen Fernseh-Kanon verkaufen (und nebenbei sicher ein paar Bücher). Auch hier ärgere ich mich ein wenig über so viel Arroganz und gleichzeitiger Engstirnigkeit. Und ich weigere mich, mich ebenfalls auf die ausgelatschten Trampelpfade zu begeben, wie all die anderen Lemminge, die nun schnell die Üblichen verdammen und in Massen bekunden: Privatfernsehen ist der letzte Dreck. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten hingegen sind nur ein bisschen dreckig. Und Schmuddel-light ist ja in Ordnung.
Ich lese, was ich will. Ich schaue im Fernsehen, was ich will. Und ich lasse mir nicht diktieren, was ich gut zu finden habe und was künstlerisch als besonders wertvoll eingestuft wird. Denn der Kritiker bin ich. Und ich kann selber denken.
October 30th, 2008 § § permalink
Der neue James Bond Film ist quasi im Begriff in die Kinos zu kommen. „Ein Quantum Trost“ heißt die neuerliche Episode um den Geheimagenten James Bond. Könnte von mir aus auch „Nude Hulk reloaded“ heißen. Denn seitdem dieser unsägliche Daniel Craig auf 007 macht, hat man rein optisch das Gefühl, dass Hulk aus den 80ern wieder da ist –nur eben in fleischfarben und ohne zerfetze Klamotten.
Dieser aufgepumpte Mann, der seinen nassen, blauäugigen Silberblick auf C-Bondgirls richtet und dabei den Mund wie der frühe Stallone zieht, macht aus 007 eher eine 00 (WC-Ente). Wie Keanu Reeves (der wenigstens ansprechend aussieht) verfügt Craig, bezüglich seines schauspielerischen Spektrums, über lediglich zwei Gesichtsausdrücke. Und seit er im Auftrag der Majestät unterwegs ist, sieht man den Geheimagenten nicht mehr allzu oft vollkommen bekleidet. Denn wichtiger als Charme, Savoir-Vivre, Understatement, eine leicht kühle und intelligente britische Ausstrahlung sind neuerdings die antrainierten und leider viel zu üppigen Muskeln, die das Hinschauen fast unmöglich machen. – Es sei denn man liebt lächerliche Kuriositäten vom Jahrmarkt.
Wenn man Pierce Brosnan schon aussortiert, weil er angeblich zu dick und zu alt geworden ist (was übrigens eine echte Frechheit ist), sollte man dann vielleicht doch nicht zu einem Modell greifen, dass im Gesicht offensichtlich schon einige Frostnächte mitgemacht hat und obendrein auch noch die grau/ blonden Haare mit Poly-Renature-Creme zu überdecken versucht. Da hätte man ja gleich Horst Tappert nehmen können.
Ein Quentchen Trost bleibt mir jedoch: Ich schaue mir alle alten James Bond – Filme (sogar die mit Timothy Dalton) auf DVD an.
October 17th, 2008 § § permalink
Wer guckt denn schon den deutschen Fernsehpreis? Außer den geladenen Gästen, die sich vor und während der Veranstaltung schon mit gratis Alkohol und Koks versorgt haben, wären da wohl nur noch die, die auf dem Sendeplatz –wie immer- Florian Silbereisen erwarten. Und beim Anblick von Thomas Gottschalk arglos denken: „Mei, der Flori is aber groß geworden!“
Marcel Reich-Ranicki hat diesem nichtigen Selbst-Huldigungs-Event im Grunde einen riesen Gefallen getan, indem er einen Preis ablehnte, der ohnehin keinerlei Relevanz hat. Ohne diesen Eklat, hätte niemand Notiz von dem Treffen der anonymen Fernsehmacher genommen. Und die ganze Folgediskussion, mit der die öffentlich rechtlichen Fernsehanstalten ganz nebenbei ihr Freitagsloch im TV-Niemandsland füllen, wäre auch nicht auf dem Schirm gewesen.
Die Diskussion zwischen Gottschalk und Reich-Ranicki hat im Grunde nichts Elementares zu Tage gefördert und man hatte ohnehin die ganze Zeit den Eindruck, dass der blond gelockte Moderator zum Monologisieren, Nicht-zu-Wort-kommen-lassen und Phrasendreschen abgestellt wurde. Wenn Reich-Ranicki jedoch einmal zu Wort kam, sagte er zumindest an einer Stelle etwas, das ganz und gar wahr ist. Als es noch kein Fernsehen gab, hatte das Theater eine ähnliche Stellung inne, wie heute das bewegte Bild. Und Schiller hat in seinem Essay bekräftigt, dass das Theater die Aufgabe hat zu unterhalten. Und der größte Unterhaltungsdichter war und ist Shakespeare.
In Goethes Altersaufsatz „Shakespeare und kein Ende“, beschreibt Goethe das Werk des Dichters als „großer belebter Jahrmarkt.“ Goethe erkannte in dem englischen Dichter jemanden, der die Menschen beobachtet und so ihre Lage, ihr ganzes Leben in jeder Szene so real gestaltete, dass jeder sich selbst, oder zumindest ein Stück von sich, in seinen Werken wiederfinden konnte.
Nun könnte man zu dem Schluss kommen: Der Zuschauer von heute sieht aus, lebt und webt so wie, zum Beispiel, Cindy aus Marzahn. Und für einen gewissen Prozentsatz der deutschen Zuschauerschaft mag das auch zutreffen.
Allerdings hat Goethe, als Generalintendant des Weimarer Hoftheaters (1791-1817), auch noch etwas anderes interessantes in diesem Zusammenhang gesagt: „Ich gehe sehr piano zu Wercke, vielleicht kommt doch fürs Publikum und für mich etwas heraus. Wenigstens wird mirs Pflicht diesen Theil näher zu studiren, alle Jahre ein Paar spielbare Stücke zu schreiben. Das übrige mag sich finden.“ Goethe wählte bei den Stücken, die in Weimar gegeben wurden eine Mischung aus Zerstreuung und durchaus anspruchsvoller Kunst. Denn er war sich darüber bewusst, dass das Publikum nicht sonderlich an Bildungs- und Belehrungsabsichten interessiert war.
Übertragen auf die Fernsehlandschaft heißt das im Grunde nur, dass vor allem gute Drehbuchautoren und Konzepte fehlen und nicht, dass das Publikum dumm ist und deswegen jeden Sonntag mit Rosamunde Pilcher zugedröhnt werden möchte. -Wer keinen Alkohol kennt, sieht und zu fassen bekommt, wird schließlich auch kein Alkoholiker. Zwischen Atze Schröder und einem Themenabend bei Arte fände man genug Spielraum für Schönes, das niveauvoll unterhält. In diesem Sinne: „All´ s well, that ends well.“
October 3rd, 2008 § § permalink
Im 16. Jahrhundert war das so: War man jung – so um die zwölf- weiblich und hatte Eltern, wurde man zu einer Ehe mit einem ältlichen Herren gezwungen. Dann musste das Mädchen von zu Hause weg, bekam ein, wenn es Glück hatte und bei guter Gesundheit war, zwei Kinder und verblutete dann elendig im Wochenbett. Älter als Mitte 20 wurde zu dieser Zeit kaum jemand. Und für die Frage nach Liebe und Zuneigung war schlichtweg keine Zeit.
Heute ist das so: Wenn man mit zwölf noch nicht den ersten Tripper oder Genitalherpes hatte und an jedem Wochenende wechselnde Sexualpartner, ist man frigide oder gestört. Aber das macht ja nichts. Denn Gott sei Dank gibt es für diese Fälle nun endlich wieder Oswalt Kolle, den sympathischen 90-jährigen Greis, der alle untenrum locker macht. In den 70ern heiß diskutiert, heute milde belächelt. Denn was will man der heutigen Jugend schon noch groß beibringen?
Musste man früher zum Klavierunterricht oder zum Vereinssport –hatte also echte Hobbies- so verlustieren sich jetzt die lieben Kleinen mit Dildos, Gruppensex, Pornos aus dem Internet und Studieren am lebenden Objekt. Und irgendwie bleibt ihnen ja auch nicht viel mehr übrig. Die Vorbilder auf Viva, MTV und Co. machen vor, was erstrebenswert ist. Neben einem gestylten Äußeren ist das vor allem sexuelle Attraktivität und natürlich Sex selbst.
Überall in den Medien wird man nicht müde zu erzählen, dass die Kinder heutzutage viel frühreifer und geistig so unglaublich weit wären (was im normalen Alltagsleben schwer bestätigt werden kann). Aus kleinen Jungs und Mädchen werden ständig und überall kleine Erwachsene gemacht. Zur Untermauerung dieser These meldete sich neulich ein Frauenarzt, der behauptet, dass durch die Einnahme der Pille seit den 60ern so viele Hormone ins Trinkwasser gelangt sind, sodass die Mädchen heut alle viel früher körperlich entwickelt seien. -Wenn das stimmt, so müssten der männlichen Bevölkerung flächendeckend Brüste wachsen und sie fangen vielleicht auch bald an zu menstruieren.
Ich für meinen Teil bin jedenfalls froh, dass meine Eltern mich mit zwölf mit Barbie haben spielen lassen und nicht sagten: „So, Laura. Du bist jetzt schon zwölf. Du darfst mit dem Fahrrad nicht mehr auf dem Gehweg fahren. Du kannst nun selbstständig lesen und schreiben, bist gerade aus der Grundschule heraus. Du hast dir gestern dein erstes Schamhaar mit der Pinzette ausgerupft und deine Micky-Maus Schlüpfer gegen gestreiften Feinripp von Schiesser ausgetauscht. Bald kannst du sogar einen ganz kleinen BH tragen. Deine Kleidung kaufst du noch in der Kinderabteilung und in Freizeitparks brauchst du, weil du unter 1,20 m groß bist, keinen Eintritt zahlen. –Hier hast du ein Kondom, geh´ und such´ dir nun endlich wen zum Vögeln!“
August 7th, 2008 § § permalink
… JA, auch ich bin gelegentlich ein Mädchen. Und JA, ich habe montags immer auf RTL Doctor´s Diary geschaut und JA, ich war entzückt und gleichzeitig erstaunt, dass die von RTL zwischen Olli, den 90ern, 80ern, Dschungel, CSI Oer Erkenschwick, Jauch und Tine Wittler so was auf die Kette bekommen. Ich gebe zu, dass ich diese Sendung samt Besetzung und Drehbuch als gelungen, witzig und unterhaltend betrachte. Ich gebe weiterhin zu, dass ich mir auch die DVD zur Sendung kaufen werde. Ich schäme mich nicht dafür. Dies ist ein *räusper* freies Land und die Gedanken –sofern man welche hat- sind frei.
Jetzt, da die erste Staffel zu Ende ist und die neuen Staffeln bis 2009 auf sich warten lassen, habe ich mir Gedanken zur weiteren Geschichte um Gretchen gemacht. Wie wird es weiter gehen? Hier ein paar Vorschläge:
Gabi steckt hochmütig und siegesgewiss wie eh und je in den Hochzeitsvorbereitungen. Im Krankenhaus lässt sie durchblicken, dass sie den Job als Krankenschwester, als zukünftige Arzt-Frau, ohnehin nicht mehr nötig hat. Allerdings holt sie ihre Vergangenheit schnell wieder ein. Kalle, ihr Ex-Freund mit einem kleinen Aggressionsproblem, steht plötzlich im Krankenhaus. Dass sie ihn damals ohne ein Wort verlassen hat und einfach abgehauen ist, ohne die Verlobung zu lösen, kann er ihr nicht verzeihen. Von einer Freundin hat er nun erfahren, wo sie ist und dass sie jetzt heiraten wird. Das sorgt für Diskussionsstoff. -Ihre zukünftige Schwiegermutter bietet Gabi bei einer Unterredung Geld, damit sie das Kind abtreiben und ihren Sohn weiter ungehindert Karriere machen lässt. Dass sie Gabi für alles andere als standesgemäß hält, lässt sie sie ohnehin die ganze Zeit unumwunden spüren. Gabi lehnt zunächst ab. Bei einer Routine-Untersuchung stellt sich jedoch heraus, dass sie das Kind verloren hat. Sie willigt in das Angebot der Mutter ein und löst die Verlobung mit Marc. Ihm spielt sie vor, dass sie erkannt hat, wie falsch ihr Verhalten war.
Aufgrund des Verkehrstoten, der namenlos eingeliefert und behandelt wurde ermittelt nun die Kripo. Christian, Marcs früherer bester Freund (und verbündeter bei Schikanen auf dem Schulhof gegenüber Gretchen) ist der leitende Ermittler. Seine Freundschaft mit Marc ging in die Brüche, weil dieser mit Christians früherer Freundin geschlafen hat. Dementsprechend schlecht zu sprechen ist er auf Marc. Gretchen hingegen hat es ihm angetan und er ermittelt auffällig viel im Krankenhaus.
Bei den Befragungen, erfährt Christian von Krankenschwester Sabine, die den letzten Verbandswechsel gemacht hat, dass nach ihr Schwester Gabi in das Zimmer des Patienten gegangen ist. Ihre Fingerabdrücke befinden sich auf dem Herzüberwachungsgerät und dem Alarmknopf. Sie gibt zu den verschlechterten Zustand des Patienten bemerkt zu haben. Da sie in ihrer Panik –schließlich sei sie nur Schwester auf der gynäkologischen Station- es nicht geschafft hat weder den Knopf zu betätigen, noch durch die Funktionen des Geräts eine Verbesserung herbeizuführen, sei sie Hals über Kopf aus dem Zimmer gerannt und habe Doktor Meier gesucht, der unauffindbar war. Die Angehörigen des Verstorbenen erwägen unter diesen Umständen eine Klage gegen das Krankenhaus. Die Fahndung nach dem Unfallfahrer wird erst einmal zu den Akten gelegt.
Gretchens Mutter lernt in Indien einen dubiosen Guru kennen, der ihr fortan einredet, was gut für sie ist und was nicht. Er nistet sich, als sie von ihrer Reise zurückkehrt, im Haus ein und macht vor allen Dr. Hase das Leben schwer. Dieser fürchtet um seine Frau und auch um sein Vermögen, dass der Guru anscheinend ins Visier genommen hat. Tägliche Sonnengrüße, Baumübungen und Meditationen von Mutter und Guru, lassen die Familie verzweifeln. Um sich diesem Problem und der Rettung seiner Ehe zu widmen, tritt Dr. Hase kürzer und stellt einen neuen Oberarzt zu seiner Unterstützung ein, dem Gabi fortan schöne Augen macht.
Mehdi kümmert sich um seine Frau und vermittelt ihr einen Reha-Platz in der Klinik. Sie macht große Fortschritte und schafft es nach einiger Zeit aus dem Rollstuhl. Mehdi scheint in diesem Familien-Glück allerdings nicht richtig glücklich und er muss oft an Gretchens Worte denken: Er wusste, dass seine Frau ihn betrügt und verlassen wollte und hat doch so lange gewartet, bis sie es aussprechen würde. Er hadert mit dieser unglücklichen Konstellation. Seine Frau hingegen findet zu ihrer alten Stärke zurück, beargwöhnt Gretchen, lässt ihrerseits allerdings keinen Flirt mit ihrem Physio-Therapeuten anbrennen. Als sich Mehdis Tochter bei einem Schulausflug schwer verletzt, finden Gretchen und er wieder ein wenig mehr zueinander.
Doktor Meier ist durch die Geschichte mit dem Verkehrstoten und die Erpressung Gabis auf einem Tiefpunkt seines Lebens. Gretchen spricht nur noch das Nötigste mit ihm und beschränkt sich in ihrem Umgang mit ihm auf das Fachliche. Dass sie ihm fortan aus dem Weg geht, tut beiden weh. Seine Mutter macht ihm die Hölle heiß, wegen Gabi und er hat Angst, dass durch die Ermittlungen des Beamten alles auffliegen könnte und er seine Zulassung verliert. Da steht unerwartet und nach 12 Jahren Abwesenheit sein Vater vor der Tür.
Schwester Sabine verliebt sich unsterblich in Doktor Stein, der auf der Station für Pathologie arbeitet. Als sie den Verkehrstoten in die Pathologie bringt –wovor sie sich sonst immer erfolgreich gedrückt hat- trifft sie auf den schüchternen Arzt. Dr. Stein ist ein sehr scheuer und verwirrt erscheinender Mensch, der offensichtlich wenig Kontakt zu seinen Mitmenschen hat. Dadurch, dass Schwester Sabine von diesem Tage an jeden Toten der Station freiwillig in die Pathologie bringt, kommen beide mehr und mehr –zuerst etwas zögernd und holprig- ins Gespräch und verabreden sich schließlich zu ihrem ersten Date.
Gretchen ist in nahezu allen Bereichen ihres Lebens unglücklich. Zu Hause sitzt der Guru mit durchgedrehter Mutter und dem verzweifelten Vater. Marc hat Gabi einen Antrag gemacht und wurde nun von ihr abserviert. Doch Trostpreis will Gretchen nicht sein. Mehdi kümmert sich um seine Frau und denkt offenbar nicht daran, sich scheiden zu lassen. Die Befürchtung, kurz nach der Trennung von Mehdi, sie könne schwanger sein, stellte sich als Fehlalarm heraus. Neben dem attraktiven Kripobeamten, der um ihre Gunst buhlt, erscheint auch wieder ihr Ex und bittet sie bei jeder Gelegenheit und äußerst hartnäckig, ihm zu verzeihen. Gretchen überlegt, ob ihr ein Tapetenwechsel gut tun könnte und bittet ihren Vater seine Beziehungen spielen zu lassen. Nach langem Überlegen entscheidet sich Gretchen dafür in eine Klinik nach Österreich zu wechseln. Auch die schmierige österreichische Ausgabe von Dr. Meier als Oberarzt, schreckt sie nicht ab. Als der Tag der Abreise jedoch immer näher kommt, versucht zunächst Mehdi sie zum Bleiben zu überreden. Schließlich steht Marc vor ihr und überzeugt sie in einem offenen, ehrlichen Gespräch zu bleiben. Ein plötzlicher tragischer Todesfall in der Familie lässt ihr schlussendlich keine Wahl. Sie bleibt.