February 22, 2010

Über Feierlichkeiten

Früher verabredete man sich, um  gemeinsam auf Parties zu gehen. Heute darf man gar nicht mehr Party sagen, weil sich das „so 90er anhört“ und die 90er den 80er Kindern peinlich sind. Erst sortierte man also Dr. Alban, Ace of Base und all die anderen musikalischen Peinlichkeiten aus, um anschließend auch das Gute-Laune-Vokabular zu tilgen. Wie dem auch sei, heute verabredet man sich jedenfalls kollektiv, um gerade nicht zu Festivitäten zu gehen. Man gibt sich bei Bedarf auch gegenseitig Alibis. Das ist eine echte Neuerung des 21. Jahrhunderts.

Das hört sich zunächst einmal paradox und unverständlich an. Allerdings kann man dieses Phänomen zusehends immer häufiger beobachten. Anscheinend hat keiner mehr Lust auf ein heiteres Miteinander. Stattdessen lösen Einladungen zu Geburtstags- oder Einweihungsfeiern in Bekanntenkreisen regelmäßig stille Telefonketten aus. Freilich ohne, dass der Einladende etwas davon mitbekommt. Zähe Verhandlungen finden hinter seinem Rücken statt. Da wird darüber diskutiert, ob und wenn „ja“ wie lange man zu dieser Feierlichkeit geht. Es wird kund getan, dass man an diesem bestimmten Datum gar keine Zeit hätte, sich aber nun verpflichtet fühlt. Dann werden die alten Feieraktivitäten des Betreffenden hervor gekramt: „Bei dem gibt´s immer nur Bier. Und weißt du noch, was der für scheiß Bekannte das letzte Mal eingeladen hat? Die Musik war auch voll daneben und am Essen hat er auch gegeizt.“ Und direkt danach kommen auch noch mal alle charakterlichen Unzulänglichkeiten auf den Tisch, die im Übrigen über die Wertigkeit des Geschenkes entscheiden: „Für den Geizkragen gebe ich kein Geld aus. Der kann froh sein, wenn ich überhaupt komme.“

Und in der Tat haben es manche Menschen auch nicht anders verdient, wenn hinter ihrem Rücken so gesprochen wird. Es gibt sie nämlich. Diejenigen, die mit weit über 40 immer noch Kindergeburtstag feiern und deren strenges Regiment die Gäste verschreckt und verstört. Nach dem Motto: Hier kann jeder machen, was ich will! Diese Menschen gängeln ihre Gäste und bestimmen, was, wann, wo und überhaupt in ihren Räumlichkeiten passiert. Selbst der Gang zur Toilette muss gerechtfertigt werden. Auch das „Rumhängen“ in der Küche ist nicht erwünscht. Ebenso kann eine Alkohol-Abstinenz nicht akzeptiert werden. Und wer zu „Westerland“ nicht „abhotten“ will, wird einfach auf die Tanzfläche gedrängelt. Wenn man dann aber autark gegen 24 Uhr sagt, man möchte jetzt gehen, eskaliert die Situation vollends. Dann kann man sich auf Wochen der Kontaktsperre einstellen und das beleidigte Gesicht bei jedem Telefonat förmlich durch den Hörer sehen.

Letzten Samstag hätte ich mich definitiv vorher zum Nichtbesuch dieses Geburtstages verabreden sollen…

June 3, 2009

Ich bin eine Müllfrau

Ich gebe es zu: Manchmal bin ich eine echte Erbsenzählerin. Wenn Menschen aus meinem nahen Umfeld unbedacht etwas daher plappern, zwinge ich mich deswegen auch innerlich immer häufiger dazu, einfach mal nichts zu sagen und stattdessen patent und möglichst sympathisch zu lächeln. Ich komme ganz gut damit klar. Es tut gar nicht weh einfach mal nichts zu sagen.

Aber jetzt bricht es wieder aus, das Erbsenzähler-Gen. Wie der kleine grüne Hulk kämpft es sich, angesichts folgender dahin gekritzelter Zeilen an mich, heraus: „Manchmal vermisse ich Dich sehr. Besonders, wenn es mir schlecht geht.“ –HALLO! Das „manchmal“ habe ich gerade noch so kurz mit einem kleinen Stolperer überflogen. Aber was ist das denn bitteschön für ein seltsam anmutender Gedankengang, wenn man jemanden immer dann vermisst, wenn es einem schlecht geht?

Wenn es mir schlecht geht, dann denke ich in erster Linie an mich. Vielleicht noch an leichte Stimmungsaufheller wie Schokolade, Sekt und Schuhe. Eventuell rufe ich meine Mutter an und hole mir dort ein wenig Zuspruch. Danach ärgere ich mich dann aber wieder so sehr über die schlauen Tipps meiner Mutter, dass ich das nächste Mal garantiert nicht wieder bei ihr anrufe.

Ich belaste einfach nicht gern andere mit meinem seelischen Müll. Und schon gar nicht würde ich jemandem schreiben, dass ich ihn lediglich als Müllabladestelle für meine kleinen Minderwertigkeits-Problemchen benutze und er mir ansonsten relativ egal ist. Ich bin doch nicht das Sondereinsatzkommando in Orange, das den Dreck weg kehrt. Das heißt ja im Grunde: Die schönen Momente und Gedanken im Leben teile ich lieber mit anderen. Für den Rest habe ich ja dich.

Manche Äußerungen sollen vielleicht wie ein Kompliment klingen. Sie tun es dann aber am Ende aus der Sicht eines verbalen Erbsenzählers eben doch ganz und gar nicht.

April 25, 2009

Abschied

„Jeder Abschied ist betäubend“, heißt es irgendwo bei Herder. „In jeder Trennung liegt ein Keim von Wahnsinn“, sagt Goethe in seinen „Maximen und Reflexionen“.  Oder in Shakespeares „Hamlet“ kann man lesen: „Der Rest ist Schweigen.“

Es ist stets ein Ringen, wenn man Abschied nehmen muss. Wenn man dazu gezwungen wird. Und keiner vorher höflich fragt, ob es recht ist. Es ist so, als ob man in tiefes  Wasser geworfen wird und feststellt, dass man gar nicht schwimmen kann. Es ist ein Japsen nach Luft. Es ist eine plötzliche Leere, ein diffuses Brummen, so als ob man im Auge eines Sturmes steht. Oder in den Dünen sitzt und nur das mächtige Rauschen des Meeres hört. So recht weiß man dann nie, was und vor allem wie man etwas sagen soll. Man weiß nicht, ob jedes mühsam abgerungene Wort im Grunde zu viel ist. Einem selbst. Und den anderen. Und man fragt sich, ob ein Abschied überhaupt mit Worten spürbar gemacht werden kann. Schmerz kann man empfinden, jedoch nicht lesen oder erzählen.

Man selbst fühlt sich überflüssig in solchen Momenten. Man wünscht sich fort. Irgendwo hin. Allein. Man will sich nicht aus den abstrusesten Gründen und Gedankengängen heraus  verantwortlich fühlen. Man will nicht ständig fragen: „warum?“ und sich die Gedanken wund laufen. Aber man tut es. Immer wieder. Jede Nacht aufs Neue. Und am Tag denkt man an den Rest. Während ein „hätte ich doch“, hin und wieder an einem vorbei huscht und in dem großen Irrgarten von Dingen, die man nun nicht mehr gemeinsam tun kann verschwindet. Vergangene Erinnerungen mischen sich in jedes Tun und die Gewissheit, sie nie wieder erleben zu können, kämpft sich unerbittlich hindurch.

„Im Nebel taste ich tot entlang und lasse mich willig in das Dunkel treiben. Das Gehen schmerzt nicht halb so, wie das Bleiben“, heißt es in einem Gedicht Mascha Kalékos. Das sind die kleinen Inseln, an denen man sich mühsam festhält, während man um Fassung ringt und darauf wartet, dass die Zeit vorübergeht und die bittersten Gedanken mitnimmt.

February 22, 2009

Vollpfosten

Wenn alle Menschen das Gleiche machen, sich in ihren Handlungen, ihrem Äußeren uniformieren, wäre das Leben öd, vorhersehbar und im Grunde nicht mehr der Rede wert. Dadurch, dass jeder unterschiedliche Erfahrungen macht, andere Interessen, Meinungen und Vorlieben hat, als man selbst, wird das Leben erst interessant. Jaja –geschenkt!

Nun muss man aber gelegentlich damit leben, dass man auf Menschen trifft, die das nicht so sehen. In ihrem kleinen selbst gebastelten Kosmos leben sie umgeben von Menschen, die nicht genug Phantasie und Interesse haben, um sich einen eigenen Kosmos anzulegen. Und da sitzen sie dann in der Kneipe bei einem „gepflegten Glas Wein“ (zuhause kippen sie sich den mit Schraubverschluss rein) und reden über ihre gemeinsamen Ansichten. Das heißt einer redet und der andere sagt: „Ja, genau“ oder „da hast du recht.“ Und dann nippen beide an ihren Gläsern und sind froh, dass sie sich so gut verstehen.

Wenn sie dann noch ein kleines Abgleich in Sachen kultivierter Kleidung (mindestens ein galoppierendes Pferdchen muss zu sehen sein) gemacht haben und sich die noblen Herrenausstatter-Etiketten wie zufällig beim Herausholen des Dupont-Feuerzeuges zeigen, ist die Welt in Ordnung. Dann noch flugs nach solch einem Abend, an dem im Grunde nichts gesagt wurde, den Burberry-Schal umgeworfen, aus der Geldklammer einen Fünfziger mit den für alle verständlichen Worten: „Stimmt so“ auf den Tisch geworfen und dann kann man sich in seinen vergammelten Lupo setzen, der nicht „so eine verdammte Bonzenkarre ist“.

Falls dann aber doch einmal jemand „Fremdes“ in die imaginäre Kleingartenkolonie Einzug hält ist nervöses, abschätziges Gerede angesagt. Auf gar keinen Fall darf man den anderen zu Wort kommen und ihn seinen Kosmos vorstellen lassen. Stattdessen sollte man (der Kleingärtner) seine kleine Welt mit all den Reisen (denn Reisen bildet und weites Reisen bildet noch mehr) zügig vorstellen, in alten Abenteuern kramen (Zigaretten-Schmuggel ist da immer wieder ein großes Thema) und dem „Fremdling“ klar machen, wie dumm er/ sie eigentlich ist. Und modisch daneben übrigens auch (als Frau keine Perlenohrringe und Longchamps-Taschen tragen -mein Gott wie ordinär!)
Als personifizierter Störfaktor tut man schließlich gut daran die Runde unter einem laschen Vorwand vorzeitig zu verlassen. Allerdings nicht, ohne aus seinem Geldbeutel fünf Euro (für die getrunkene Cola) zu kramen und sie dem Kleinstgärtner gönnerhaft in die Hand zu drücken: „Und geb´ nicht alles auf einmal aus, gell!“

January 11, 2009

Geschenke, Geschenke, Geschenke!

Ich gebe es zu. Ich habe seit September alle Geschenke beisammen. Ich mag den Gedanken nicht, auf den letzten Drücker in die überfüllte Innenstadt zu hetzen und dann aus lauter Not und Einfallslosigkeit heraus ein dummes und peinliches Geschenk zu kaufen. An Weihnachten unter dem Tannenbaum sollte man sich schließlich nicht schämen müssen. Früher war mir das egal. Da bin ich erst am Weihnachtstag in die Stadt. Dass meine Schwestern sich nicht über 4711 Kölnisch Wasser gefreut haben, interessierte mich nicht.

Erst als mir jemand vor ein paar Jahren eine Kerze in Croissant-Form zu Weihnachten schenkte und ich angewidert in das gerade geöffnete Paket schaute und dachte, jemand hätte mir einen alten, ranzigen Croissant eingepackt, realisierte ich: Wenn man schenkt, sollte man sich den einen oder anderen Gedanken machen.

Dabei kommt es nicht darauf an, dass ein Geschenk besonders teuer ist. Ein Geschenk verrät, wie sehr man sich mit jemandem beschäftigt hat und wie gut man diesen jemand kennt. Da reicht es völlig aus die Lieblings-Körpercreme aus dem Drogerie-Markt um die Ecke für vier Euro zu schenken.

Jeder Zehnte, so las ich neulich, wird dieses Jahr gar nichts schenken (das sind die, die am Weihnachtsabend ohnehin in der Disco abhängen und den Grinch machen). Jeder Vierte bastelt was Eigenes. Eine schöne und sehr persönliche Idee…wenn die Ausführung stimmt. Meine fast vierzig jährige Cousine (ihres Zeichens als sehr geizig –eine Kreuzung aus Schotte und Schwabe, so munkelt man- bekannt) bastelte mir vor ein paar Jahren ein T-Shirt mit Diddl-Maus-Druck. Mit Anfang zwanzig schaffte sie es mittels dieses Geschenks, mich sprachlos zu machen. Wir haben uns mittlerweile darauf geeinigt, uns gar nicht mehr zu beschenken. Besser ist das.

Ranzige Croissant-Kerzen und altersungemäße Diddl-Maus-Shirts können manchmal sehr empfindlich zeigen, wie fern uns auch diejenigen sein können, die wir für die Nächsten halten.

December 16, 2008

Ich hab doch Sorry gesagt!

Eine Entschuldigung, in der die drei vermeintlich unscheinbaren Wörter „aber“, „du“ und „auch“ vorkommen ist im Grunde gar nichts wert. Nichts als warmer Atem von Menschen, die sich entweder nicht entschuldigen können oder  überhaupt nicht wollen.

Wer sich hingegen richtig und formschön entschuldigen kann, zeigt Größe. Einen Fehler einzusehen und ihn mit etwas Abstand betrachtet zuzugeben und noch einmal anzusprechen erfordert wahren Charakter. Man muss sich daran gewöhnen, dass ein zugegebener Fauxpas nicht zwangsläufig den ganzen Menschen in Frage stellt oder eine riesige Niederlage im alltäglichen zwischenmenschlichen Kräftemessen darstellt. Allerdings sollte man auch nicht meinen, dass eine rasch und hastig hervorgebrachte Entschuldigung ohne echte Reflektion alle Untaten wieder gut macht. Gerade wenn es um verbale Entgleisungen geht, gilt meist der alte Skat-Spruch: Was liegt, das liegt!-

Manche Menschen sind recht ungelenk, wenn es um dieses Thema geht. Der Geist ist bei vielen willig, jedoch hapert es an der stolperfreien Umsetzung. Ich konnte mich lange Zeit nur bei jemandem entschuldigen, wenn mein Gesicht durch irgendetwas verdeckt war. Also nuschelte ich hinter großen Zeitungen kaum für den anderen hörbar: „Ach ja: Das von eben tut mir leid.“ Man beschränkt sich eben auf das Nötigste, wenn man befürchtet mit diesen winzigen und wenigen Worten  seiner eigenen Autorität ein Grab zu schaufeln.

Allerdings gibt es auch Menschen, die hauen sich eine Entschuldigung raus, die im Keim eine handfeste Drohung in sich birgt. Auf meiner Schule –einige Stufen über mir- gab es eine Dörte (sie hieß nicht so, aber der Name passt besser zu ihr). Dörte war viel größer und kräftiger, als die anderen Kinder in ihrer Stufe. Kam ihr wer krumm, gab´s was auf die zwölf.

In einer Schulpause rempelte sie mit voller Absicht einen kleinen schmächtigen Jungen vor dem Kiosk so arg zur Seite, dass dieser bedingt durch eine unglückliche Verkettung diverser Umstände  mit blutender Nase zu Boden ging. Als er da so verschreckt  im Dreck lag, die Pausenaufsicht angeschlendert kam und eine gespenstische Stille sich über dem Schulhof ausbreitete,  brüllte Dörte in ihrer nonchalanten Art, die mit Sicherheit Tote wieder zum Gehen bewegt hätte: „Ey steh´ wieder auf! Ich hab´ doch Sorry gesagt!“ Vor lauter Angst rappelte sich der bleiche Junge hoch und stammelte: „Tut mir leid. Bin selber schuld. Ich stand im Weg.“ -
 

December 12, 2008

Tote Charaktere

„Die Grundlage guter Manieren ist Selbstvertrauen.“ –Hört sich an, als wäre dieser Satz von meiner Mutter (und würde ich sie fragen, würde sie dies bestätigen), tatsächlich ist er  allerdings von Ralph Waldo Emerson. Jedoch geht meine Mutter in diesem Punkt ein wenig weiter, als der gute, alte Ralph. Denn sie meint, wer keine Manieren hat, hat kein Selbstvertrauen, keine Kinderstube, keine Größenwahn-Bremse,  keinen Respekt und somit keinen Charakter. Und was ist ein Mensch, der keinen Charakter hat? Erfolgreich. -Ja. In guter Gesellschaft. -Ja. Aber, und das ist das entscheidende, in gewisser Hinsicht auch tot. 

Er ist ein kleines Abziehbildchen, das sich hinter seinen persönlichen Beleidigungen lächelnd aufplüstert, um sein beschissenes Leben für eine Sekunde erträglicher zu finden. In der Sekunde, in der er in ein verletztes Gesicht blickt, fühlt er sich großartig und rühmt seine Klugheit, Schönheit und Überlegenheit. Er zehrt davon Minuten und  Stunden.  Seiner lächerlichen Eitelkeit tun große Reden über die Dinge des Lebens gut. Er hat keine Wissenslücken, keinen Makel.

Manchmal, wenn er sich schlecht fühlt, erinnert er sich an einen der vielen Momente, in denen er Menschen beleidigt hat. Als schlau und gewieft wertet er eine versteckte Beleidigung, für die sein Gegenüber zu dumm war, um sie zu begreifen oder zu schwach, um zu reagieren.

Dass manche Menschen lediglich registrieren ohne sich zu wehren  und falls sie dazu fähig sind, diesen Menschen bemitleiden, verstehen diese toten Charaktere nicht. Und wenn sie am Ende allein und von den meisten verlassen sind, können sie auch dies nicht verstehen.

November 28, 2008

Weinen verboten!

Eigentlich wollte ich diesen neuen Film sehen „Im Winter ein Jahr.“ Doch dann, als ich gerade jemanden anrufen wollte mit mir ins Kino zu gehen, stockte ich. Dieser Film würde traurig werden. Meine ganz persönliche Katharsis im Kinosessel könnte allzu arg ausfallen und meine Mit-Sitzer im Kinosaal nerven und beschämen. Also ließ ich den Telefonhörer sinken und nahm mir vor, den Film dann in einem halben Jahr auf DVD zu bestellen und ohne Hemmungen allein vor dem Fernseher zu weinen, wenn es nötig sein sollte.

Noch nicht einmal mehr leises Schluchzen scheint in den deutschen Kinos erlaubt zu sein. Sofort drehen sich alle um und man kann im dämmrigen Licht so manches Mal eine gekräuselte Augenbraue erahnen. Meiner letzten Begleitung im Kino war es regelrecht peinlich, dass ich bei „Zusammen  ist man weniger allein“ manchmal schniefen musste. Leise –aber höchst eindringlich- vernahm ich von der Seite: „Reiß dich mal zusammen!“

Ich reiße mich die meiste Zeit meines Lebens  zusammen. Ich raste nicht aus, schlage nicht zu, vermeide verbale Entgleisungen, lasse mich nicht hängen und sorge durch hartes Training dafür nicht zu weinen, wenn jemand in der Nähe ist. Deswegen fühle ich mich hin und wieder, wie eine riesige, mit Wasser gefüllte Blase am Fuß, die bei der kleinsten Berührung droht auf zu gehen.

Und wofür das alles? Nur damit andere nicht peinlich berührt sind und sich durch leises Weinen gestört fühlen. Wobei mir einfällt, dass sich die meisten Menschen im Kino sogar durch Lachen extrem behelligt fühlen. Oder durchschnittliches Popcorn-Knuspern zu Wutausbrüchen führen kann. Ja, sogar normales Atmen finden einige Menschen störend. – Die DVD-Industrie wird wohl in den nächsten Jahren gigantisch expandieren können.

November 19, 2008

Loriot sei Dank!

Es gibt Menschen, die können mit Loriot nichts anfangen. Sie finden Pappa ante Portas oder Ödipussi nicht witzig. Die Nudel, das Klavier, Weihnachten bei den Hoppenstedts und dergleichen lösen  keinerlei Reaktion bei ihnen aus. Der Name Victor Dornberger sagt ihnen nichts. Loriots 60. Geburtstag?- Haben sie nie gesehen.

Wenn meine Menschenkenntnis mich an einigen Stellen (gelegentlich auch größeren Stellen) im Leben je im Stich gelassen hat, so konnte  mir in diesen Situationen stets Loriot weiter helfen. Wer ihn nicht mag, ist menschlich fragwürdig. Humor geht solchen Menschen völlig ab. Lange Zeit war ich mit jemandem befreundet, der Loriot „total unlustig“ fand. Ich hatte von Anfang an ein schlechtes Gefühl dabei. Aber jemandem deswegen die Freundschaft kündigen? Am Ende kam es, wie es kommen musste.

Der Rest meines Bekanntenkreises ist mittlerweile in der Lage ganze Dialoge -von einer Sekunde auf die andere-  in eine normale Konversation einzubauen. Und so sitzt man an manchem Abend zwar in der eigenen Wohnküche, aber irgendwie auch bei Oma Lohse auf dem 80sten.

Loriot ist ein feiner Beobachter, vielseitiger und kluger Künstler  und hat uns Deutschen einen feinen nuancenreichen  Humor eingehaucht. Ohne ihn, wäre Otto Anfang der 80er ungebremst und ohne Vorwarnung, über uns hinweg gerollt. Und wir hätten nicht gewusst, dass Humor neben Klamauk auch feinsinnige Intelligenz beinhalten kann. Wir wären Humor-Grobiane geworden und hätten nur über das Offensichtliche gelacht. Loriot sei Dank –es kam anders. -Zumindest für einen Teil von uns…

http://de.youtube.com/watch?v=aLg_xP5FKP4

November 12, 2008

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