Kleines Einmaleins der Vorurteils-Pflege

Es gibt viele Gründe, sich ein Buch nicht zu kaufen. Bei Hera Lind und Martin Walser würden mir zum Beispiel spontan einige dutzend einfallen. Doch neulich ertappte ich mich in der Buchhandlung dabei, wie ich ein Buch von Richard David Precht geradezu angewidert ins Regal zurück stellte. Und warum? Weil der Autor auf dem Klappentextfoto gut aussehend war.
Ich habe grundsätzlich nichts gegen gut aussehende Menschen. Ganz im Gegenteil. So lange sie Model, Schauspieler oder Mitglied bei den California Dream Boys sind. Aber ein gut aussehender Autor und dazu noch Philosoph? Schönheit ist beim Nachdenken doch nun echt zu nichts nutze. Das lenkt ab. Das war schon in der Uni so. Ein schöner Mann als Dozent lädt zu unreifen Tagträumen ein, statt sich über Lessings Laokoon hochtrabende Gedanken zu machen.
Literaten sind oft ungepflegt, tragen Sakkos, die an einigen Stellen beinah durch gescheuert sind oder Hemden, die nur drei Knöpfe haben und anhand deren man mühelos nachvollziehen kann, was es die Woche über zu Mittag gegeben hat (die Reste des aktuellen Mittagessens findet man hingegen noch ganz frisch im struppigen Schnäuzer). Sie tragen Brillen auf denen Abdrücke von Fettfingern zu sehen sind und sie haben Schuppen, die sich besonders gut auf dunklen Rollkragen-Pullis bemerkbar machen. Ihre Zähne sind gelb von Zigaretten und Kaffee (dem typischen Intellektuellen-Frühstück) und ihnen wachsen Haare aus Ohren und Nase. Aber das ist egal. Man erwartet nichts anderes und traut ihnen umso mehr zu, weil sie sich nicht von solch profanen Dingen des Lebens, wie Gesichtspeeling und Maniküre, ablenken lassen.
Literatur und Philosophie sind nicht sexy. Oder hat Platon die Zeiten mit seinem Höhlengleichnis überdauert, weil er so ein knackiger Kerl war? Liest man heute noch Goethes „Iphigenie“, weil der Wolfgang so einen legendären Waschbrettbauch hatte? Na also! – „Soll der Precht doch mit seinen halblangen, melancholisch durch die Gegend wehenden Haaren Marmelade oder Parfüm verkaufen. Ich lasse mich nicht von so einem treuen Rehblick einlullen. Da kann ja nichts bei rum kommen, wenn so einer Philosophie für’ s Volk machen will“, plüsterte ich mich innerlich vor dem Buchregal auf und komme mir im Nachhinein ziemlich behämmert vor. 14,95 Euro landeten am Ende doch noch auf der Ladentheke und seither schmökere ich in Prechts: „Wer bin ich? Und wenn ja wie viele“ . Und damit wäre in erster Linie nicht etwa bewiesen, dass Philosophie sexy sein kann, sondern viel mehr, dass ich nicht konsequent bei meinen Vorurteilen bleiben kann –was aber auch gar nicht so schlecht ist. Also: Ende gut, alles gut.

January 5, 2010

Nicht-Leser

Wenn Sie diese Zeilen lesen, darf man Sie beglückwünschen. Sie gehören offensichtlich nicht zum eingefleischten Lager der Nicht-Leser. Und das ist auch gut so.

Es soll aber tatsächlich erwachsene Menschen geben, die behaupten, mehr als eine halbe Seite zu lesen wäre uninteressant und ermüdend. Das klingt zunächst erst einmal komisch im Sinne von seltsam und ist zudem paradox. Noch im 15. Jahrhundert konnten 95 Prozent der Bevölkerung weder lesen noch schreiben. 550 Jahre weiter können fast alle lesen und schreiben, nur jetzt haben plötzlich viele gar keine Lust mehr dazu.

Das sind echte Luxus-Probleme. Was wäre aus den Menschen geworden, hätten sie nicht Kant, Shakespeare oder Platon lesen können? Gesellschaftlich würde man sich da wohl noch eher in der Nähe eines Lagerfeuers befinden und sich das locker um die Hüften geschwungene Fell kratzen. Zwischenmenschlich gesehen bedeutet Lesen zudem, sich nicht ständig seine eigenen, im Kreis wandernden Gedanken in einem ewig narzisstischen und sklavischen Zyklus machen zu müssen. Lesen bedeutet das „Ich“ auszuklammern. Es bedeutet auch über den Tellerrand zu blicken und festzustellen, dass sich dort mehr, als lediglich weiße Tischdecke befindet.

Es wird ja immer in konspirativen Literaten-Kreisen gesagt, der Autos sei tot (und in machen Fällen wünscht man sich das auch tatsächlich), aber von: „Der Leser tot“, habe ich persönlich noch nichts gehört. Man kommt doch nun schwerlich durchs Leben, ohne am Tag mindestens insgesamt eine halbe Seite gelesen zu haben. Wer also allen Ernstes behauptet, er könne nicht mehr als eine halbe Seite lesen, ist ein exzentrischer Egomane, Misanthrop oder aber ein sehr, sehr guter Lügner…

P.S.: Wegen zweien, der drei zuletzt genannten Kandidaten, ist der Artikel nicht länger als eine halbe Seite.

July 26, 2009

Glück

Vor gar nicht allzu langer Zeit war ich sehr unglücklich. Ja, man könnte sogar sagen, dass ich das unglücklichste kleine Geschöpf auf der ganzen weiten Welt war. Ich war gar davon überzeugt, dass man vom Weltall aus mein Unglück durch einen riesigen roten Pfeil sichtbar, bequem erkennen konnte und die Astronauten im Chor riefen: „Schaut mal, da ist das traurige und unglückliche Fräulein Laura!“

Ja, liebe Leser, so dumm und töricht war ich in dieser schweren Zeit. Die Fähigkeit mich in Dinge hineinzusteigern habe ich nicht eingebüßt, sie jedoch in erträglichere und maßvollere Bahnen gelenkt. Auch meiner Phantasie schließe ich gelegentlich die Zügel. Meine Vergesslichkeit ist mir in dieser Angelegenheit eine große Stütze und so kann ich mich heute an den tatsächlichen Grund meines „Unglücklich-Seins“ nicht mehr einwandfrei erinnern.

Als ich aber so an diese Zeit dachte, überlegte ich was das eigene Glück oder eben Unglück eigentlich ausmacht. Da fiel mir Fontane ein. Der ist einem gerade in solch kniffeligen  Fragen extrem hilfreich, weil er es nüchtern, kurz, lebensnah, manchmal bitter, manchmal augenzwinkernd auf den Punkt bringt. So heißt es in seinem Roman „Stine“ etwa an einer Stelle: „Aber ich bin so gut dran wie gewöhnliche Menschen, die Gott schon danken, wenn ihnen nichts Schlimmes passiert.“  Das heißt mit anderen Worten, dass  Glück in erster Linie die Vermeidung oder das Ausbleiben von Leid ist. Eine zufällige, nicht beeinflussbare Sache. Ganz unspektakulär, ohne Firlefanz, ohne Lametta.

Und wenn man das in dieser Art und Weise verinnerlicht macht das zum einen vieles im Leben leichter und zum anderen  machen dann auch die Worte meiner Oma heute für mich endlich einen Sinn. Die sagte, wenn man ohne triftigen Grund schlecht gelaunt war und behauptete das Leben sei schlecht, Folgendes: „Ich habe einen Weltkrieg mitgemacht. Habe ich etwa schlechte Laune oder bin unglücklich?“

December 5, 2008

Diagnose: Lese-Blockade

Ich gebe es zu. Seit ein paar Tagen bin ich auf Krawall aus. Ich bin ärgerlich, wo ich gehe und stehe. Warum? Seit letztem Freitag ist mir bewusst, dass ich in den letzten zwei Monaten kein einziges Buch ausgelesen habe. Wie irgendwelche unappetitlichen Essensreste vom Chinamann stapeln sich einige Bücher auf meinem Nachtschränkchen und werden von mir verschmäht. Keines davon ist es wert, weiter gelesen zu werden.
 
Ich hatte es noch ein Mal mit Thomas Mann und seinem „Tod in Venedig“ aufrichtig versucht. Doch mich ereilte das gleiche Gefühl, wie bei der ersten Lektüre vor neun Jahren: Ekel und latente Suizidgedanken. Wenn man dann noch Viscontis gleichnamige Verfilmung dazu im Kopf hat, verstärkt sich das Ekel-Gefühl um ein Vielfaches. Mit Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ sieht es nicht viel besser aus. Im Moment dient mir dieses Buch jedoch zuverlässig als Einschlaf-Hilfe.

Klaus Günzels „Romantikerschicksale“, Ricarada Huchs „Aus der Triumphgasse“, Simone de Beauvoirs „Alles in allem“ – alles unliebsame Bekannte, die man am liebsten vor die Tür, oder in diesem Fall wieder in den Bücherschrank, setzen möchte. Und wenn ich so die verbleibenden  Bücherrücken mit dem Finger  streifend nacheinander studiere, stelle ich schon beim Titel lesen fest: Nein danke!

Das Lesen ist mir im Moment so fad. Oder um es mit den Worten einer ehemaligen Studienkollegin zu sagen: „Literaturtechnisch flasht mich nichts mehr!“ Da kann selbst der Mann aus meinem Stamm-Buchladen nichts gegen ausrichten. Vorbei die Zeiten, als wir am „Klassiker“-Regal standen und uns beinah wegen gegensätzlicher  Meinungen zu Autoren und Werken geprügelt haben.

Stattdessen hatte er zwei Tipps für mich: Wenn man ein literarisches Burn-out Syndrom hat, sollte man es erst einmal ganz sanft mit literarischen Verfilmungen versuchen. Wenn das nicht hilft den Lese-Drang wieder zu aktivieren, sollte man zu Härterem greifen. Er empfiehlt, sich das schlimmste und literarisch minderwertigste Buch aus seinem Regal zu greifen und es von Anfang bis Ende eisern durch zu lesen. Danach –so der Büchermann- hat man ein starkes Bedürfnis nach „gutem, alten Stoff“.  -Seit heute lese ich wieder „Feuchtgebiete“…

November 20, 2008

Ranickis Kritik: Ein kleiner -und letzter- Nachschlag

Neulich erinnerte ich mich im Buchladen an das, was ich vor ein paar Jahren dort entdeckte: Marcel Reich-Ranickis ganz persönlicher Literatur – Kanon mit Werken von Goethe, Mann, Grass und den anderen üblichen Verdächtigen.

Ich habe mich schon während meines Studiums hin und wieder über diesen Begriff, der im literarischen Bereich einst im 18. Jahrhundert von dem Philologen Ruhnken eingeführt wurde, geärgert. Denn die Tatsache, dass jemand glaubt die für die jeweilige Zeit normsetzenden und wesentlichen künstlerischen Werke herauspicken zu können, halte ich für problematisch. Letzten Endes muss man sich angesichts der Liste der immer wieder genannten Literaten fragen: Was war zuerst da? Ei oder Henne?

Wenn jemand ein Werk zum Kanon zählt, macht dann nicht erst dieser Umstand das Werk tatsächlich zu etwas, das die Zeit überdauern kann?  Und ist dann nicht das Gerede über diesen und jenen Kanon als eine große Werbekampagne –nicht zuletzt für die eigene Eitelkeit des Kanon-Machers- zu betrachten? Ranicki lässt es sich gern gefallen als Literatur-Papst bezeichnet zu werden. Und er weiß, wenn er sagt, dass das Sandmännchen fortan zum Literatur-Kanon gehört, genug Lemminge in den nächsten Buchladen spurten, um des Meisters Empfehlung begierig zu kaufen und sich nacher auch noch unheimlich schlau dabei vorkommen.

Die literarisch-historische Vergangenheit hat vor allem eines gezeigt: Ein Kanon macht nur da Sinn, wo man bewusst ausklammern und diskriminieren möchte. Im 18. Jahrhundert schaffte es beispielsweise keine Frau –selbst wenn sie ein Zwitter (halb Goethe, halb Shakespeare) gewesen wäre- als Kanon-würdig zu gelten. Nun im 21. Jahrhundert haben es einige wenige endlich in Lehrpläne und sogar in einige Kanon-Sammlungen  geschafft. Viel zu spät. Für die Literaten und für die Leser.

Und nun will Herr Reich-Ranicki uns auch seinen ganz eigenen Fernseh-Kanon verkaufen (und nebenbei sicher ein paar Bücher). Auch hier ärgere ich mich ein wenig über so viel Arroganz und gleichzeitiger Engstirnigkeit. Und ich weigere mich, mich ebenfalls  auf die ausgelatschten Trampelpfade zu begeben, wie all die anderen Lemminge, die nun schnell die Üblichen verdammen und in Massen bekunden: Privatfernsehen ist der letzte Dreck. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten  hingegen sind nur ein bisschen dreckig. Und Schmuddel-light ist ja in Ordnung.

Ich lese, was ich will. Ich schaue im Fernsehen, was ich will. Und ich lasse mir nicht diktieren, was ich gut zu finden habe und was künstlerisch als besonders wertvoll eingestuft wird. Denn der Kritiker bin ich. Und ich kann selber denken.

November 3, 2008

Es weihnachtet sehr …

Schon Ende August verspürte ich Appetit auf  Spekulatius, Dominosteine, Zimtsterne, lauwarmen Glühwein  und Lebkuchen. Doch als ich so in Schlappen und  leichtem Kleidchen neben der just eingetroffenen Palette mit den Weihnachts-Devotionalien stand, blieb ich standhaft und kaufte lieber die Langnese Schatztruhe. Und jetzt, zwei geschlagene Monate später, können die Supermärktler irgendwem anderes den alten Scheiß andrehen.

Trotzdem habe ich mir vor ein paar Tagen eine Liste gemacht. Meine geheime, sagenhafte  Weihnachtsgeschenke-Liste. Denn alljährlich küre ich die Top-Drei aus verschiedenen Geschenke-Bereichen.  Dabei überlasse ich nichts dem Zufall. Wer sich dennoch unter dem Weihnachtsbaum beschwert, bekommt sofort näheren Bescheid. Wer also eine kleine Hilfestellung benötigt, darf sich gern hier bedienen…

Bereich: Literatur
1) Uli Hannemann: „Neulich in Neukölln. Notizen von der Talsohle des Lebens“ –Selbst wer nicht in Berlin lebt und Neukölln nur vom Hörensagen kennt, wird sich in dieses Buch verlieben. In 49 kurzweiligen Geschichten mit so klangvollen Namen, wie „Rufmord am Pissoir“, „Korrekt Betteln“, „Silvester oder: Der Untergang revisited“ und „Trinken und Jammern“ beschreibt Hannemann ironisch, zynisch und absurd das Leben in einem der wohl schönsten Vororte Berlins. Mit diesem witzigen Utopie-Realitätsmix erfährt man alles, was man über die schlimmsten Ecken in seiner eigenen Stadt schon immer vermutete.

2) Richard David Precht: „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ – Menschen die sich ständig selber romantische und verträumte Fragen über essentielle Dinge im Leben stellen, werden sich bei der Lektüre dieses Buches dumm vorkommen. Denn hier werden zwar solche Fragen beantwortet, wie: „Was ist Wahrheit“, „Brauchen wir andere Menschen“, Gibt es Gott“, „Was ist Liebe“ und „Ist Glück lernbar“. Allerdings geschieht das auf einer philosophisch naturwissenschaftlichen, logischen und völlig soliden Basis. Verträumten, kitschigen Firlefanz findet man hier nicht.  Dafür jedoch oft ein Augenzwinkern, Humor und nebenbei Vieles, das dem eigenen Wissen auf die Sprünge hilft. Wahrscheinlich war Philosophie noch  nie zuvor so interessant (weil verständlich) und gleichzeitig unterhaltsam.

3) Harald Martenstein: „Vom Leben gezeichnet. Tagebuch eines Endverbrauchers“ –Zugegeben: Das Buch erschien erstmals im Sommer 2006 und ist somit nicht gerade mehr aktuell. Jedoch hat es seither kein zweites Buch geschafft, mich derart zum Lachen zu bringen. Und außerdem sind Martensteins Ansichten über Hitler, Scientology, Ärzte, Doppelkorn, Skifahren, Schönheit und Orgasmusforschung ohnehin zeitlos. 59 Kurzgeschichten á 2 Seiten machen das Buch selbst für Lese-Muffel lesbar.

Bereich: Musik
1) Peter Fox: „ Stadtaffe“ – So genau kann man gar nicht beschreiben, was man da zu hören bekommt. Peter Fox macht dem ersten Lied auf dem Album alle Ehre: Alles neu. Klassische Instrumente, schlau geformte statt platte Texte und durchweg genial –weil völlig anders- arrangierte Melodien, die auch noch –bei Bedarf- tanzbar sind. Mehr geht nicht.

2) The Killers: „Sawdust“ – Gut, The Killers haben just vor Weihnachten (ein Schelm, wer da…) ein Album herausgebracht, auf dem so gut wie nur B-Seiten, bisher unveröffentlichte Lieder zu finden sind. Trotzdem: Wer ein Faible für Indie-Rock mit einem Schuss Elektronik und markante Stimmen, wie die des Sängers Brandon Flowers hat, wird die CD fortan nicht mehr aus dem CD-Spieler nehmen können.

3) A Fine Frenzy: „One Cell in the Sea“ – Das ist vermutlich ein reines „Mädchen“-Album, das die Pianistin Alison Sudol als Erstling heraus gebracht hat. Schöne, melancholische, tiefgründige (so tiefgründig, wie es in der Musik eben geht) Texte, gepaart mit eingängigen klassischen, jazzigen und leicht rockigen Melodien, machen dieses Album absolut empfehlenswert.

Bereich: DVD
1) „Damages. Im Netz der Macht. 1.Staffel“ – Auf Kabel 1 lief die erste Staffel in Deutschland relativ unbeachtet und das völlig zu unrecht! Glenn Close und Ted Danson (jaja der freundliche Mann von „Cheers“) laufen zur bösartigen und intriganten Höchstleistung auf. „Damages“ ist eine Serie, die absolut klug, spannend, überraschend  arrangiert ist und definitiv den Zuschauer dazu bringt, sich noch nach Ende der letzten Folge Gedanken über das eben Gesehene zu machen. –Ich grüble jetzt noch nach Monaten!

2) „No Country for old Men“  – Tommy Lee Jones mochte ich nie sonderlich. Das hat sich seit diesem  Film geändert. Diese Mischung aus  Thriller, Western und leichtem Horror, die dann am Ende mit Melancholie abgerundet wird, überzeugt in jeder Szene und in jedem kleinen Dialog. An dem Film stimmt alles.

3) „Jenseits von Afrika“ – Ein Evergreen! So alt, dass es fast schon wieder neu sein könnte!!! Dem Drehbuchautor, der aus der wenig romantischen Romanvorlage von Karen Blixen “Afrika. Dunkel lockende Welt” diesen Film gezaubert hat, gehören heute noch die Füße geküsst! Ein Geschenk, das die Damen (Mütter, Tanten, Cousinen, Omas, Freundinnen) garantiert immer erfreut…

FORTSETZUNG FOLGT

October 20, 2008

Preis oder Nicht-Preis…

Wer guckt denn schon den deutschen Fernsehpreis? Außer den geladenen Gästen, die sich vor und während der Veranstaltung schon mit gratis Alkohol und Koks versorgt haben, wären da wohl nur noch die, die auf dem Sendeplatz –wie immer- Florian Silbereisen erwarten. Und beim Anblick von Thomas Gottschalk arglos denken: „Mei, der Flori is aber groß geworden!“

 Marcel Reich-Ranicki hat diesem nichtigen Selbst-Huldigungs-Event im Grunde einen riesen Gefallen getan, indem er einen Preis ablehnte, der ohnehin keinerlei Relevanz hat. Ohne diesen Eklat, hätte niemand Notiz von dem Treffen der anonymen Fernsehmacher  genommen.  Und die ganze Folgediskussion, mit der die öffentlich rechtlichen Fernsehanstalten ganz nebenbei ihr Freitagsloch im TV-Niemandsland füllen, wäre auch nicht auf dem Schirm gewesen.

Die Diskussion zwischen Gottschalk und Reich-Ranicki hat im Grunde nichts Elementares zu Tage gefördert und man hatte ohnehin die ganze Zeit den Eindruck, dass der blond gelockte Moderator zum Monologisieren, Nicht-zu-Wort-kommen-lassen und Phrasendreschen abgestellt wurde. Wenn Reich-Ranicki jedoch einmal zu Wort kam, sagte er zumindest an einer Stelle etwas, das ganz und gar wahr ist. Als es noch kein Fernsehen gab, hatte das Theater eine ähnliche Stellung inne, wie heute das bewegte Bild. Und Schiller hat in seinem Essay bekräftigt, dass das Theater die Aufgabe hat zu unterhalten.  Und der größte Unterhaltungsdichter war und ist Shakespeare.

In Goethes Altersaufsatz „Shakespeare und kein Ende“, beschreibt Goethe das Werk des Dichters als „großer belebter Jahrmarkt.“ Goethe erkannte in dem englischen Dichter jemanden, der die Menschen beobachtet und so ihre Lage, ihr ganzes Leben in jeder Szene so real gestaltete, dass jeder sich selbst, oder zumindest ein Stück von sich, in seinen Werken wiederfinden konnte.

Nun könnte man zu dem Schluss kommen: Der Zuschauer von heute sieht aus, lebt und webt so wie, zum Beispiel, Cindy aus Marzahn. Und für einen gewissen Prozentsatz der deutschen Zuschauerschaft mag das auch zutreffen.
Allerdings hat Goethe, als Generalintendant des Weimarer Hoftheaters (1791-1817),  auch noch etwas anderes interessantes in diesem Zusammenhang gesagt: „Ich gehe sehr piano zu Wercke, vielleicht kommt doch fürs Publikum und für mich etwas heraus. Wenigstens wird mirs Pflicht diesen Theil näher zu studiren, alle Jahre ein Paar spielbare Stücke zu schreiben. Das übrige mag sich finden.“ Goethe wählte bei den Stücken, die in Weimar gegeben wurden eine Mischung aus Zerstreuung und durchaus anspruchsvoller Kunst. Denn er war sich darüber bewusst, dass das Publikum nicht sonderlich an Bildungs- und Belehrungsabsichten interessiert war.
 
Übertragen auf die Fernsehlandschaft heißt das im Grunde nur, dass vor allem gute Drehbuchautoren und Konzepte fehlen und nicht, dass das Publikum dumm ist und deswegen jeden Sonntag mit Rosamunde Pilcher zugedröhnt werden möchte. -Wer keinen Alkohol kennt, sieht und zu fassen bekommt, wird schließlich auch kein Alkoholiker. Zwischen Atze Schröder und einem Themenabend bei Arte fände man genug Spielraum für Schönes, das niveauvoll unterhält. In diesem Sinne: „All´ s well, that ends well.“

October 17, 2008

Charlotte Roche und ihr Roman Feuchtgebiete: Eine Nachprüfung

Marcel Reich-Ranicki hat es mit einem Buch geschafft, mein Germanistik-Studium an manchen Stellen freundlicher zu machen. Wenn man über Thomas Bernhards „An der Baumgrenze“ sitzt uns sich fragt, ob man nicht besser Japanologie studiert hätte, freut man sich über Ranickis Buch „Lauter Verrisse“. Hier wagt sich jemand kritisch an die heran, die sonst nur hochgejubelt werden und Kritik lediglich vom Hörensagen kennen.

Denn mit populärer Literatur verhält es sich zuweilen, wie mit dem allseits gelobten und unheimlich angesagten Italiener der Stadt. Einer geht hin und sagt: „Phantastisch!“ Der Nächste hat keine Ahnung von italienischer Küche und sagt einfach aus Verdacht: „Ja, ganz toll!“ Der Darauffolgende denkt sich, dass er nicht derjenige sein will, der sich als Nichtkenner und Spaghetti-Banause outet, also heißt es auch hier: „Mmmmhhhh, lecker!“ – Auf diese Weise können mittelmäßige Pizza-Büdchen jahrelang ihre gesamte Familie in Kalabrien finanzieren.

Also muss ich an dieser Stelle ein wenig den Reich-Ranicki geben, wenn ich mich nun noch einmal dem Roman von Charlotte Roche zuwende und mein damaliges Urteil revidiere. Ich habe den Roman gelesen und fand ihn ok. Der Plot steht auf wackeligen, dürren Beinchen, die Sprache entspricht dem Niveau eines Deutsch-Grundkurses in der 11. Klasse und inhaltlich ist man ab und zu geneigt anzunehmen, dass der ein oder andere Softporno für das Geschreibsel Pate gestanden hat. Frau Roche rühmt sich ja auch sehr eifrig überall zu betonen, dass sie stolz darauf ist, dass manch einer bei der Lektüre arg sexuell erregt war. -

Dass allseits bekundet wird, dass diese offenherzige Art mit Sex und den körperlichen Sperrgebieten umzugehen, so ganz und gar neu sei, finde ich sehr drollig. Wenn ich das Buch „120 Tage von Sodom“ von Marquis de Sade lese, das vor mehr als 220 Jahren geschrieben wurde, halte ich Frau Roche für prüde und phantasielos.

Wenn selbsternannte Feministinnen wie sie dieser Tage für „mehr Sex, mehr Schweinereien, keine Tabus“ eintreten, bleibt zunächst die verblüffende Feststellung, dass sich der Feminismus des 21. Jahrhunderts anscheinend keinen dringlicheren Themen mehr zuzuwenden hat. Da fällt es schwer ein Kichern zu unterdrücken.

Roches Sex-postive Feminsim ist  weit ab von Ikonen der Bewegung wie Simone de Beauvoir oder hierzulande Alice Schwarzer anzusiedeln. Diese Art von neuem Feminismus mit einem Schuss Porno lässt allerdings nur noch vereinzelt  die Schamesröte ins Gesicht treiben. Im Zeitalter von Youporn und Konsorten bleibt für ein Buch, in dem Muschi das Lieblingswort ist und sich die Protagonistin mit Schamhaarrasur, Sperma- und Scheidenflüssigkeit-Essen, gepaart mit sexuellen Spielereien beschäftigt, nicht mehr als ein Achselzucken beim jungen Publikum übrig. Jedoch bewirkt dieser Stil mit Sexualität und Selbstbestimmung umzugehen, dass eine Bewegung, die im Grunde mittlerweile als antiquiert, unnötig  und verbohrt eingestuft wurde, zu neuem Leben in der Gesellschaft erwacht. -Reanimation eines Totgeglaubten quasi. Der weibliche Frankenstein ist wieder unterwegs.

Schon allein deswegen hätte ich mir gewünscht, dass Charlotte Roche uns mit diesem unsäglichen Thema lieber verschont hätte. Jetzt reden alle wieder von Frauenpower und stolpern schwungvoll über ihre eigenen Füße.
Reich – Ranicki hat in einer Kritik mit dem klangvollen Namen „Leichen im Ausverkauf“ einleitend Voltaire mit „so nachlässig können sie schreiben, wenn sie berühmt geworden sind; jetzt müssen sie sich noch Mühe geben“ zitiert. -Vielleicht nimmt Roche ja den entgegengesetzten Weg und gibt sich beim nächsten Versuch endlich Mühe und rechtfertigt so ihre exorbitanten Verkaufszahlen. 

October 15, 2008

Man nehme…

… ein paar Sätze und Gedanken aus Fontanes „ Effi Briest“, Erich Frieds Gedichten, Wildes „Ein idealer Gatte“ und „Dorian Gray“, Flauberts „Jules und Henry“, Christa Wolfs „Kein Ort. Nirgends“, Márquez „Hundert Jahre Einsamkeit“, Mulischs „Das Attentat“, eine leichte Prise aus Hannemanns „Neulich in Neukölln“, einen Satz aus einem Brief Karoline Günderrodes, ein bisschen Stifters „Nachsommer“, Ingeborg Bachmanns „Malina“, Tiecks „William Lovell“, Harald Martensteins „Vom Leben gezeichnet“ und schmecke es mit ein wenig von Goethes „Tasso“, „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ und „Dichtung und Wahrheit“ ab. Dann serviere man es mit ein bisschen selbstgezüchteter Sättigungsbeilage und fertig!

„Es ist doch zu dumm. Ich finde in diesem Haus niemand, mit dem ich reden kann. Dabei bin ich voll interessanter Neuigkeiten. Ich fühle mich wie die letzte Ausgabe von irgendwas,“ sagte der Lord zu sich selbst, als er das Haus betrat.

Seine größten Freuden sind ein Sonnenuntergang, ein Windrauschen im Wald, ein Lerchengesang im Morgentau; ein schön gebauter Satz, ein klangvoller Reim, ein geneigtes Profil, eine alte Statue, die Falte eines Gewandes können ihn in lang anhaltende Verzückung versetzen.

Er wusste jedoch sehr wohl, dass man, um glücklich zu sein, sich unter die Tanzenden mischen, einen Beruf, einen Stand, eine fixe Idee, irgendeine Marotte annehmen muss, um die Schellen munter zu schütteln; dass man sich der Politik oder Züchtung von Melonen widmen, Aquarelle malen, die Sitten reformieren oder kegeln gehen muss; aber zu all dem konnte er sich nicht aufraffen, und der geringste Schritt, es mit dem praktischen Leben zu versuchen, flößte ihm Ekel ein, ebenso wie das theoretische Leben ihn ermüdete und ihm sinnlos erschien.

Als er an der Ecke zur Bibliothek stehen blieb hörte er zwei Stimmen: „Wie diese Rosen abgeblüht sind, so ist unser Glück abgeblüht,“ sagte die eine Stimme. Diese Stimme kannte er sehr gut. Es war die, seines Vaters. Die andere, weibliche Stimme entgegnete: „Es ist nicht abgeblüht, es hat nur eine andere Gestalt.“

Der Lord dachte unwillkürlich: „Ich möchte meinem Vater wahrhaftig nicht drei Tage hintereinander begegnen. Das ist für jeden Sohn etwas zu viel Aufregung. Von Vätern sollte man weder etwas sehen noch  hören. Das ist die einzige angemessene Basis für ein Familienleben.“ Jedes weitere unbemerkte Verweilen an dieser Stelle hätte ihn und die Belauschten in eine kompromittierende Lage versetzen können. Außerdem stellte der Lord im Stillen fest: „Mir liegt überhaupt nichts daran, zu erfahren, was die Leute hinter meinem Rücken sagen. Das macht mich viel zu eingebildet.“

Mit einer kurzen Drehung des Kopfes wirft er sein glattes, graues Haar nach hinten, er schlurft mit den Schuhen, und es sieht so aus, als wirbelten sie Aschewölkchen auf, obwohl nirgendwo Asche zu sehen ist.

Leise schlich er weiter durch die langen, öden Gänge, bis er vor der Tür seines Bruders stehen blieb und schemenhaft die folgenden Worte vernahm: „Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, gab mir ein Gott, zu sagen wie ich leide.“ Der jüngere Lord übte sich anscheinend als Dichter und beschäftigte sich seit Monaten mit ein und demselben Geschöpf, welches offensichtlich Anlass seiner Dichtungsversuche war: Leonore. Sie war eine seltsame Frau, deren Kleider stets so aussahen, als wären sie im Zorn entworfen und im Sturm angezogen.

 

Der Lord trat ein und wurde unverzüglich von seinem kleineren Bruder fröhlich begrüßt. „Lieber Bruder, denken sie  schon wieder an ihre Leonore? Sie hatte gestern Abend viel zuviel Rouge und nicht ganz hinreichend Stoff an sich. Das ist bei Frauen immer ein Zeichen von Verzweiflung. Heiraten sie nie eine Frau mit strohblonden Haaren!“ Der Bruder schaute einigermaßen verärgert nach diesen Worten: „ Warum nicht?“ „ Weil sie so sentimental sind.“ „Ich danke Ihnen für Ihren gut gemeinten Rat, lieber Bruder. Allerdings halte ich es mit diesen seit geraumer Zeit folgendermaßen: Einen guten Rat gebe ich immer weiter. Es ist das einzige, was man damit machen kann. Für einen selbst hat er nie irgendwelchen Nutzen.“

„Lieber Bruder es ist doch so. Sie sind noch sehr jung. Es ist ein weites Feld. Das Leben, meine ich. Menschen, die im selben Bett einschlafen, träumen verschiedene Träume; jeder behält seine Gedanken für sich, drängt sein Glück zurück, verbirgt seine Tränen; der Vater kennt seinen Sohn nicht noch der Mann seine Frau; der Liebende gesteht der Geliebten nicht seine ganze Liebe, der Freund versteht den Freund nicht – Blinde, die im Finstern umhertappen und sich suchen, und wenn sie sich gefunden haben, verletzen und verwunden sie sich gegenseitig.“

Bei diesen letzten Worten, stutzte der junge Lord kurz und gab dann trotzig zur Antwort: „Was mein lieber Bruder sagt, ist einerlei. Es ist, was es ist, sagt die Liebe. Und die hat bekanntlich immer recht.“ „Darin irren sie sich; alles, was uns begegnet, lässt Spuren zurück, alles trägt unmerklich zu unserer Bildung bei. Und eine enttäuschte Liebe mehr, als es eine erfüllte wieder gut machen könnte. Das ist nicht nur meine subjektive Meinung. Dies hört man beinah jeden von Verstand sagen.“ Der ältere Lord triumphierte still. Doch der Bruder antwortete, als er sich seinen Büchern wieder zuwandte und dem unbequemen Gast bedeutete zu gehen: „Aber jeder hat nicht recht. Jeder ist niemand.“

Als der Lord wieder auf den leeren Gängen wandelte, dachte er darüber nach, dass sein Bruder ein Narr sei, auf ein hübsches Frauenzimmer herein zufallen. Diese Phase  hatte er schon längst hinter sich. Da er sie überwunden hatte und sogar einen untadeligen Schritt weiter war, dachte er mit nicht geringer Genugtuung: „Ich boykottiere Gutaussehendenprodukte. Wenn im Käseregal auf der Camenbertschachtel ein Foto der wohlproportionierten, milchblonden Käserin drauf ist, dann greife ich zur Konkurrenz, auch wenn der andere Camenbert teurer ist und womöglich von einem echsenschuppigen Quasimodokäser stammt.“ Darauf war er stolz, denn das Äußere war stets nur Blendwerk und das hatte er mittlerweile verinnerlicht.

Als er aus dem Haus raus war und in Richtung U-Bahn ging, schwelgte er in vergangenen Erinnerungen und dachte so bei sich: „Ach, ist nicht alles nur Erfindung und Gedicht, was vergangen ist?“ Er war nicht so ein Träumer, wie sein Bruder. Er wusste: „ Eine ewige kalte Notwendigkeit regiert die Welt, kein freundlich liebend Wesen.“ In allerlei Gedankengänge vertieft, stieg er in die U8 ein und hörte bald darauf die Worte eines Mannes mit vielen Zeitschriften im Arm: „Guten Tag, meine Damen und Herren! Wenn ich kurz um ihr Gehör bitten dürfte: Mein Name ist Heinz. Ich bin vierunddreißig Jahre alt und durch ein von mir selbst konzipiertes Bauherrenmodell unverschuldet in Not geraten. Ich habe Hunger, keine Fünfzimmerwohnung und schon seit Tagen nicht mehr an der Börse spekuliert. Wenn sie mir eine Financial Times abnehmen, könnte ich mir wieder ein paar Aktien holen.“

Der Lord gab ein paar Taler und nahm eine Zeitung. Dabei schaute er den Mann an und sagte laut: „Jeder, den man heutzutage trifft, ist ein Paradoxon. Das ist sehr verdrießlich. Es macht die Gesellschaft so durchsichtig. –Wenn sie wissen, was ich meine!“ Der Mann nickte fröhlich und entgegnete: „Wenn man seine Kräfte zusammenkratzt, dass sie zu einem Sarkasmus reichen, hat man gewonnenes Spiel. –Wenn sie wissen, was ich meine!?“

Der Lord stieg am Hauptfriedhof aus und überlegte seufzend: „Man ist nirgends zu Hause, solange man keinen Toten unter der Erde hat.“ Er ging zu dem Grab seiner Großmutter, die er vor langer, langer Zeit verloren hatte. Und als er so vor dem großen Stein stand, dachte er an die weisen Worte dieser Frau, die sie nie müde wurde zu jedwedem Anlass zu wiederholen: „Kind! Kind! Nicht weiter! Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht, gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unsers Schicksal leichtem Wagen durch, und uns bleibt nichts als, mutig gefasst, die Zügel festzuhalten, und bald rechts, bald links, vom Steine hier, vom Sturze da, die Räder wegzulenken. Wohin es geht, wer weiß es? Erinnert er sich doch kaum, woher er kam.“ Da hatte sie recht, aber irgendwie kam es ihm so vor, als hätte er das alles schon einmal irgendwo gelesen…

   

October 3, 2008

Kultur-Nazis raus!

Als ich noch studiert habe war das so: Wenn der Name Caspar David Friedrich fiel, nickten alle wie auf Knopfdruck und sagten laut und brav im Chor: „Maler der Romantik.“ Und weil schon Goethe zu seiner Zeit über dieses Grüppchen nicht viel Schmeichelhaftes zu sagen hatte, außer: „krank ist das Romantische,“ kam auch niemand auf die Idee seine Sympathie offen diesem Maler gegenüber  zu bekunden. Romantiker sind niedlich und naiv, aber bitteschön nicht ernst zu nehmen!

Dem kunstbewussten und kunstaffinen Kulturwissenschaftler ist Friedrich ein wenig zu profan und viel zu nah am Geschmack des gemeinen Fußvolks. Als ich mich in einem Seminar als ein Fan des Bildes Die Lebensstufen outete, war allen anderen –außer mir- klar: Hier kann sie bestenfalls nur noch einen Sitzschein machen. Kunstgeschmack wird heutzutage nicht einfach hingenommen. Nein, heute heißt es in der sogenannten geistigen Elite: Sag mir, wen du liest, siehst und hörst und ich sage dir, wie dumm du und wie schlecht dein Kunstverständnis sind.

Umso erfreulicher ist, dass ab dem vergangenen Samstag in der Hermitage Amsterdam (Niuwe Herengracht 14), einige Werke dieses besonderen Künstlers, der die Tragödie der Landschaft entdeckt hat,  aus der Eremitage St. Petersburg  zu bestaunen sind. Wer noch nie vor einem Bild Friedrichs gestanden hat, kann sich die Wirkung ungefähr so vorstellen: Einschüchternd schön. Mehr Ruhe, mehr Vollkommenheit, mehr Wehmut, mehr Staunen geht nicht.- Auch wenn viele Kultur-Nazis etwas anderes behaupten.

September 23, 2008

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