September 23rd, 2008 § § permalink
Als ich noch studiert habe war das so: Wenn der Name Caspar David Friedrich fiel, nickten alle wie auf Knopfdruck und sagten laut und brav im Chor: „Maler der Romantik.“ Und weil schon Goethe zu seiner Zeit über dieses Grüppchen nicht viel Schmeichelhaftes zu sagen hatte, außer: „krank ist das Romantische,“ kam auch niemand auf die Idee seine Sympathie offen diesem Maler gegenüber zu bekunden. Romantiker sind niedlich und naiv, aber bitteschön nicht ernst zu nehmen!
Dem kunstbewussten und kunstaffinen Kulturwissenschaftler ist Friedrich ein wenig zu profan und viel zu nah am Geschmack des gemeinen Fußvolks. Als ich mich in einem Seminar als ein Fan des Bildes Die Lebensstufen outete, war allen anderen –außer mir- klar: Hier kann sie bestenfalls nur noch einen Sitzschein machen. Kunstgeschmack wird heutzutage nicht einfach hingenommen. Nein, heute heißt es in der sogenannten geistigen Elite: Sag mir, wen du liest, siehst und hörst und ich sage dir, wie dumm du und wie schlecht dein Kunstverständnis sind.
Umso erfreulicher ist, dass ab dem vergangenen Samstag in der Hermitage Amsterdam (Niuwe Herengracht 14), einige Werke dieses besonderen Künstlers, der die Tragödie der Landschaft entdeckt hat, aus der Eremitage St. Petersburg zu bestaunen sind. Wer noch nie vor einem Bild Friedrichs gestanden hat, kann sich die Wirkung ungefähr so vorstellen: Einschüchternd schön. Mehr Ruhe, mehr Vollkommenheit, mehr Wehmut, mehr Staunen geht nicht.- Auch wenn viele Kultur-Nazis etwas anderes behaupten.
August 27th, 2008 § § permalink
Wer persönlich ein Ständchen vortragen oder die Kaffeetafel herrichten möchte, muss sich wohl oder übel in die Weimarer Fürstengruft begeben. Überhaupt ist zu vermuten, dass sich dieser Tage wieder einmal mehr Menschenmengen in Birkenstocks durch die beschaulichen und pittoresken Gassen von Weimar schieben werden, als sonst. Wo sie ihre Wege hinführen werden ist leicht zu erraten: Goethehaus, Goethes Gartenhäuschen, Fürstengruft, Wittumspalais, Schloss Tiefurt, Schloss Belvedere, die Seifengasse, das Haus der Frau von Stein, die wieder hergestellte Herzogin Anna Amalia Bibliothek und überall da hin, wo Goethe mal kurz „Hallo“ rein gerufen hat.
Manch einer mag dieses Treiben als Reliquien-Kult oder Pseudo-kulturell-interessierte-Touristen-Abfress-Mentalität betiteln. Sicher geht es hier, wie bei jedem anständigen Touristen um Konsum und die Frage: „Wie schaffe ich es, alle Sehenswürdigkeiten (schon das Wort ist anmaßend!) in möglichst kurzer Zeit – mit Foto – zu besichtigen?“ Dass Goethe wohl nie persönlich um’s Eck kommen wird, haben einige zumindest theoretisch verinnerlicht. Das ist beruhigend. In der Praxis jedoch wird zu manchen Anlässen ein Schauspieler als Goethe verkleidet. Dieser tritt aus dem Haupteingang am Frauenplan und grüßt freundlich in Beatrix-Manier in die Menge – Ohnmachtsopfer waren bislang noch nicht zu beklagen. Das ist die eine Seite: Disneyland für Goethe-Fans. Irgendwie zum Kotzen. Aber zumindest bleibt durch dieses nicht abflachende Interesse am Dichter die Bausubstanz in einem pfleglichen Zustand (was zu DDR Zeiten ja eher nicht der Fall war).
Was sonst, ist vom Dichter übrig geblieben? Da Goethe für die damaligen Verhältnisse ein recht hohes Alter erreicht hat und schon zu Lebzeiten genaue Anweisungen im Bezug auf seinen Nachlass, samt Werken, Papieren, Tagebüchern, Korrespondenzen und Sammlungen getroffen hat, ist der Nachwelt ein nahezu lückenloses Lebenswerk erhalten geblieben.
Die einen werden eine gewisse Zeit mit diesem Werk in der Schule gequält, die anderen beschäftigen sich freiwillig damit. Wer die Literatur der Gegenwart bewerten und verstehen möchte, muss ihre Ursprünge und Weiterentwicklungen in groben Zügen kennen und in Zusammenhang setzen können. Klingt seltsam und hoch gestapelt, ist aber so. Kann ja auch keiner mit den Binomischen Formeln anfangen, ohne vorher wenigstens addieren, subtrahieren, multiplizieren und dividieren gelernt zu haben. Literatur ist bei allen schönen Worten und verlustieren nämlich auch eine Wissenschaft. Und wer keinerlei Ahnung davon hat, sollte sich bedeckt halten.
Nach diesem kleinen Echauffierer nun aber wieder zu der vorherigen Frage: Was bleibt, wenn jemand, der „Epoche gemacht hat“ stirbt? Die Nihilisten werden müde über diese Frage lächeln und andere werden sagen: „War alles schon mal da und jede Lücke wird irgendwann geschlossen. Und überhaupt: Was sollen wir heute noch mit dem Goethe?“
Die wissenschaftliche Antwort hierauf erspare ich mir und Teilen meiner geneigten Leserschaft. Dass Themen, wie Eifersucht, Machtgier, Konspiration, Liebe, Charakterbildung (u.s.w.) rein gar nichts mit Zeit zu tun haben, muss wohl auch nicht sonderlich erwähnt werden. Die Menschen beschäftigen schließlich im Kern immer die gleichen Dinge. Lediglich die Geschichten drum herum, die Worte und der daraus gezogene Schluss variieren von Jahrhundert zu Jahrhundert.
Die schlussendliche Antwort auf die Frage verweist schließlich auf Leibniz, Shaftesbury und nicht zuletzt auch auf Goethe: Tod ist nicht Ende, sondern Verwandlung und Übergang in einem geistigen Sinne: „Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen – unvermögend aus ihr herauszutreten, und unvermögend tiefer in sie hinein zu kommen. […] Sie schafft ewig neue Gestalten; was da ist war noch nie, was war kommt nicht wieder – alles ist neu, und doch immer das Alte. […] Sie scheint alles auf Individualität angelegt zu haben, und macht sich nichts aus den Individuen. Sie baut immer und zerstört immer, und ihre Werkstätte ist unzugänglich. […] Jedes ihrer Werke hat ein eigenes Wesen, jede ihrer Erscheinungen den isoliertesten Begriff, und doch macht alles Eins aus. […] Es ist ein ewiges Leben, Werden und Bewegen in ihr, und doch rückt sie nicht weiter. […] Leben ist ihre schönste Erfindung, und der Tod ist ihr Kunstgriff viel Leben zu haben. […] Sie hat keine Sprache noch Rede, aber sie schafft Zungen und Herzen durch die sie fühlt und spricht. […]“
Wer glaubt, Kunst sei sterblich, der geht am besten in den Zoo und füttert die Affen oder macht Sightseeing in Weimar.

August 25th, 2008 § § permalink
Das folgende ist natürlich nicht irgendein Gedicht und leider ist es auch nicht von mir. Es ist eines meiner Lieblings-Gedichte, weil es ziemlich genau geschätzte 70% der Menschen mit nur 87 Worten derart präzise beschreibt, dass man laut lachen kann, bei gleichzeitiger Übelkeit.
Selbstbildnis
Oft für kompakt gehalten
Für eine runde Sache
Die geläufig zu leben versteht-
Doch einsam frühstücke ich nach Träumen
In denen nichts geschieht.
Ich mein Ärgernis
Mit Haarausfall und wunden Füßen
Einssechsundachtzig und Beamtensohn
Bin mir unabkömmlich
Unveräußerlich kenne ich
Meinen Wert eine Spur zu genau
Und mach Liebe wie Gedichte nebenbei.
Mein Gesicht verkommen
Vorteilhaft im Schummerlicht
Und bei ernsten Gesprächen.
Ich Zigarettenraucher halb schon Asche
Kaffeetrinker mit den älteren Damen
Die mir halfen
Wegen meiner sympathischen Fresse und
Der Rücksichtslosigkeit mit der
Ich höflich bin.
Von Nicolas Born
July 18th, 2008 § § permalink
Die beliebteste Frage, die Germanisten gern stellen, um sich die Wichtigkeit der eigenen Wissenschaft zu attestieren (und sich intellektuell einen runter zu holen) ist: „Warum heute noch … (Autor einsetzen) lesen?“ Selbstredend stellt der geübte Germanist diese Frage mit leicht gekräuselten Lippen und einer Grundfreude, wie sie besonders Kindern am Vor-Weihnachtstag eigen ist. Denn der Germanist hat im Geiste schon einen 60 minütigen Vortrag als kurze Antwort auf die Frage in petto. Ganz gleich, ob Interesse oder Bereitschaft zum Zuhören besteht.
Die Antwort fällt nahezu immer ähnlich aus, egal ob nun Goethe oder Hartmann von Aue: Alles unheimlich aktuell, gegenwartsbezogen, klug und natürlich wegbereitend und maßgeblich für die Entwicklung von allem, was mit Literatur und Kultur zu tun hat. Wenn man das dann so hört, fragt man sich still und ernst, ob auch nur ein Gegenwarts-Autor in 100 Jahren zu solchen Ehren kommen wird. Naja, vielleicht wenigstens die, denen man zumindest den Besitz eines Kulturbeutels nachweisen kann…Aber das ist ein anderes Feld.
Ich für meinen Teil halte nichts vom Kanon-Gewäsch und lese ohne Anleitung. Als 14-jährige fand ich Götz von Berlichingen großartig, wegen einem einzigen Satz, den Götz einem Gesandten der Majestät, der ihn dazu auffordert sich zu ergeben, entgegenschmettert: „Er aber, sag´s ihm, er kann mich im Arsch lecken!“ Ein Satz, genügte mich im jugendlichen Leichtsinn von Goethes Qualitäten zu überzeugen.
An Novalis´ Heinrich von Ofterdingen hat mich das Märchenhafte gereizt, an Macbeth der bösartige Charakter der Lady Macbeth, an Hundert Jahre Einsamkeit und Calderon de la Barcas La vida es sueno die plausible Verstörtheit mit allen Abgründen. Überhaupt waren Abgründe immer gut. Irgendwelche Roman-Helden, die eigentlich keine sein konnten und wollten.
Das Seltsame bei der Lektüre von Büchern ist und bleibt für mich jedoch, dass sie sich zu verändern scheinen. Es gibt Bücher, die lese ich jedes Jahr ein Mal und finde sie dann immer wieder anders. Das Proteus-Syndrom nenne ich dieses Phänomen, das selbstredend – wenig überraschend – mit dem Leser selbst etwas zu tun hat. Manches Buch löst jedoch geradezu einen Schreck aus, wenn man es wieder liest und man fragt sich: Wie konnte ich das nur gut finden? Beschämt stellt man diese Bücher dann ganz nach unten an den äußersten Rand des Regals, um sie nach einigen Jahren (in ganz schlimm peinlichen Fällen) auf dem Flohmarkt für einen Euro zu verrammschen.
Auf diese unrühmliche Weise gelangte Benjamin von S.-B. aus meinen Regalen. Der Buch-Gott habe ihn selig und erbarme sich seiner! Amen.
May 5th, 2008 § § permalink
Die Mühlen der Klassik Stiftung Weimar mahlen langsam. Man könnte meinen, das sei überall da so, wo Studierte und Beamten zusammentreffen. Aber das ist ein anderes Thema…
Lange Zeit hatte sich die Stiftung geweigert der Frage nachzugehen, wer da tatsächlich in der Fürstengruft im Sarg liegt. Dass es Schiller sein würde, daran glaubten wohl bis zuletzt nur die, die auch sonst ein sehr sonniges Gemüt haben. Heute wissen wir es dank DNA-Test ganz genau: Nein, Schiller –oder Teile von ihm- liegen nicht in dem Eichensarkophag, der neben Goethes steht.
Die Chronik der Ereignisse ließ dies auch nicht wirklich vermuten:
Am neunten Mai 1805 starb Schiller. Goethe, der mit ihm „ einen Freund und in demselben die Hälfte meines Daseins,“verliert, trifft dieses Ereignis hart. Mit ihm hatte er sich ein Jahrzehnt in nahezu allen literarischen Fragen freundschaftlich ausgetauscht. Goethe ist kein Freund von endgültigen Trennungen. Sein Verhältnis zum Tod ist zeit seines Lebens als problematisch zu betrachten. Stets ist er Sterbelagern ferngeblieben, wollte die aufgebahrten Toten nicht ein letztes Mal sehen, mied Begräbnisfeiern und besuchte keine Grabstätte. Charlotte von Stein hatte im Falle ihres Ablebens sogar verfügt, ihren Sarg nicht an Goethes Haus am Frauenplan vorbeizutragen, um ihn zu schonen.
Goethe ändert dieses Verhaltensmuster auch anlässlich Schillers Tod nicht: Weder begleitet er den Sarg zum Kassengewölbe des Jakobskirchhofs, noch nimmt er an der kirchlichen Trauerfeier teil. Eine Rechtfertigung für dieses Verhalten, das zu seiner Zeit (und später in einigen zweifelhaften Schriften) sehr zum Argwohn aller Ortens beitrug, findet man in folgenden Worten gebündelt: Die Zeichen des Todes soll man meiden, damit man seiner höchsten Bestimmung nicht untreu wird: Zu leben, um zu wirken.
Genau 21 Jahre später allerdings wird der Tod des Freundes wieder allgegenwärtig. Als man 1826 Platz im Kassengewölbe für neue Beisetzungen schaffen möchte (vor Schiller wurden dort 52, nach ihm 24 weitere Särge beigesetzt), möchte man bei dieser Gelegenheit auch den Sarg Schillers bergen, um ihn an angemessener Stelle beizusetzen.
Nach einem Bericht des bei der Suche anwesenden Weimarer Bürgermeisters Schwabe, durchwühlte man ein „Chaos von Moder und Fäulnis“. Die Särge waren zerborsten und die Leichen in Verwesung übergegangen. Schließlich kann man 23 Schädel bergen. Nach Vermessungen an den Schädeln, die sich an einer Schiller-Büste des Bildhauers Ludwig Klauer orientierten, entscheidet man sich schließlich für einen Schädel.
Goethe, der die Oberaufsicht über alle Anstalten für Wissenschaft und Kunst des Großherzogtums zu jener Zeit führte, lässt sich den Schädel in sein Haus bringen, wo er bis zum Sommer 1827 auf einem blauen Samtkissen und unter einer Glasglocke aufbewahrt wird. In dieser Zeit entsteht Goethes Gedicht „Im ernsten Beinhaus war´s“, in welchem er dem nahen Freund ein Denkmal setzt und seine Ansichten zu Leben und Tod bündelt.
Am 17. September 1826 versammelte sich eine ausgesuchte Runde in der Großherzoglichen Bibliothek, um die Gebeine Schillers in einem verschließbaren Behältnis unter der Schiller-Büste Danneckers beizusetzen.- Eine Bestattung, die recht unchristlich und fern ab vom Auferstehungsgedanken daher kommt.
1883 war mit diesem Reliquien-Kult schluß, als Hermann Welcker den Schädel mit Schillers Totenmaske verglich und feststellte, dass die jeweiligen Komponenten eindeutig nicht übereinstimmten.
1911 schließlich kann August von Froriep aus dem mittlerweile zugeschütteten Kassengewölbe 63 weitere Schädel bergen. Nach eingehenden Untersuchungen wird ein Schädel als der Schillersche identifiziert. Gutachter der Anatomischen Gesellschaft bestätigen diesen Fund.
Letzte Zweifel keimten noch einmal im Jahr 1961 auf, als der russische Anthropologe Michail Michailowitsch Gerassimow den angeblichen Schiller-Schädel mit Hilfe von wächsernem Kitt rekonstruierte und so ein Gesicht erkennbar machte.Seither weigerte sich die Klassik Stiftung Weimar etwas hölzern eine DNA-Analyse vorzunehmen und den Spekulationen ein Ende zu bereiten. Wahrscheinlich, um eine Situation, wie sie sich jetzt darstellt, zu vermeiden: Wo sind die sterblichen Überreste Schillers? Und wessen sterbliche Überreste befinden sich in den beiden Särgen der Fürstengruft? Goethe konnte all dies schon zu Lebzeiten gleichgültig sein, denn Schiller war für ihn nicht in irgendeinem Kassengewölbe zu suchen: „Wie sie das Feste läßt zu Geist verrinnen/ Wie sie das Geisterzeugte fest bewahre.“
May 1st, 2008 § § permalink
Es gibt immer wieder Umstände, Menschen oder Begebenheiten, die einem manches verleiden. Bei Michel Friedman waren es die Nutten und das Koks, bei Lidl die Kameras, bei Karstadt der Umgangston und bei Weingummi die Beigabe von Schweineschwarte.Das allerschlimmste, was mir jedoch jemals passiert ist und mich nachhaltig verstört hat, war Stephen Kings Es. Ich bin nicht zimperlich in puncto Horrorfilme und denke statt über irgendwelche dort gesehenen Gruseligkeiten, über die kranke und doch schlichte Psyche der Drehbuchautoren nach.
Bei Stephen King macht einen der Fakt stutzig, dass dieser Herr des Gruselns scheinbar selber an seine Monster, Mythen und Mutationen glaubt. Er kann nicht mit offenen Schranktüren schlafen und winkelt die Beine im Bett an, damit ihn das Böse nicht nach unten ziehen kann…Naja, vielleicht ist Stephen King auch nur ein Pseudonym für Steffen König aus Oer-Erkenschwick, der noch bei Mutti wohnt und bei “Schwiegertochter gesucht” abgelehnt wurde…wer weiß, wer weiß.
Auf der anderen Seite kann man aber durchaus Verständnis für so viel Verfolgungswahn haben, angesichts der Figuren, die King entwirft.
Seit ich Es gelesen habe, kann ich nicht mehr in den Zirkus und selbst Ronald McDonald kommt mir wie ein entfernter Verwandter des Kingschen Clowns vor. Mit zitternder Hand nahm ich einmal einen Luftballon von einem Volksfestclown an, in dessen Augen ich scheinbar und in Panik ein rotes Blitzen wahrnahm. Gullydeckeln vertraue ich auch nicht mehr besonders.
Ebenso Hunden, die auf einem Bauernhof herum streunern. Der Rasenmähermann ist für mich real und wohnt neben meiner Schwester. An Verwünschungen von Zigeunern und dergleichen glaube ich mittlerweile ebenfalls und habe aus diesem Grund einen Besen vor meine Tür gestellt. Dicken Frauen mit einer Axt im Haus gehe ich konsequent aus dem Weg, selbst wenn es sich dabei um Verwandte handelt.
Ach es ist ein Graus mit solchen Geschichten. Der Steffen hat mir das Gruseln in Buchform tüchtig vergretzt und mir bleibt fortan nur der Horror in Filmform erhalten. Das ist so schön entspannend, ohne hochtrabende Dialoge, ohne die eigene Phantasie und mit der Option: Kissen vors Gesicht, Schoki in den Mund oder ausschalten.-
May 1st, 2008 § § permalink
Der schöne Pfau
Sagt ganz schlau:
„Mein Kleid ist
Wie die Sonne!“
„Das ist wahr,“
Ruft die Vogelschar.
„Doch“, meint der Kiebitz
„fliegen kannst du nicht!“
„Auch das Singen,
sagt man überall,
ist deine Stärke nicht,“
weiß die Nachtigall.
Und voll Wonne
Meint der Storch:
„Dein Tritt,
das ärgert dich,
taugt nicht für´s Licht!“
„Das ist wahr,“
Ruft nun die Vogelschar.
„In diesen Dingen
Habt ihr wohl recht,“
Entgegnet der Pfau.
Spricht´s und will fort.
Der Uhu aber glaubt:
„Eins weiß ich genau:
Von euch allen hier
Ist der Pfau der Uneitelste.“
March 22nd, 2008 § § permalink
Schon als Kind konnte ich es nicht leiden, wenn auf Leuten kollektiv rumgehackt wird. Wenn alle Kinder in der Klasse Gabi doof fanden, fand ich sie erst recht dufte. Wenn der Klassenclown Jan einen von zig Tadeln kassierte, kommentierte ich das laut in Richtung der Lehrerein mit: Dusselige Kuh.
Ich habe ein Herz für Minderheiten, für Einzelkämpfer und halte es gern mit Voltaire: “Ich mag verdammen was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.” Natürlich sind Volldeppen von diesem Schutz und meiner Sympathie ausgeschlossen.
Charlotte Roche und ihr erstes Buch Feuchtgebiete gehören definitiv zu den schützenswerten Dingen dieser Tage. Im Grunde kann ich gar nicht verstehen, warum allseits die Nase gerümpft und laut im Chor: Pfui! gerufen wird. Freilich werde ich das Buch auch nicht in meine Top fünf der liebsten und besten Bücher aufnehmen, aber es wird auch nicht in der Negativ-Top-Fünf landen.
Selbstverständlich habe ich mich darüber gewundert, dass Roche nicht als erstes in Buchform über ihren früheren Arbeitgeber und die dort herrschenden Gepflogenheiten oder über die Musikindustrie erzählt hat. Nun hat sie sich aber dafür entschieden einen – zugegeben – wackeligen und platten Plot mit einer Protagonistin zu wählen, die sprachlich gesehen eine nervige Katastrophe ist. Ich wusste nicht, dass man das Wort Muschi in so zahlreichen Variationen wie: Muschihygiene, Muschiwaschen, Muschiflora, Muschigeschmack, Muschigeruch, Muschiregel, Muschihygieneselbstexperiment, Muschischleim, Muschifalten, Muschilamellen, Muschijucken, u.s.w. auf nur ein paar Seiten verwenden kann.
Auch habe ich mich nie sonderlich dafür interessiert, ob jemandem bei einer Intim-Rasur oder bei dem Herausziehen eines Haares im Intimbereich einer abgeht. Mich interessiert ferner nicht, ob und wie sich jemand gerne durch Analverkehr befriedigen lässt oder ob jemand gerne Popel, Krusten, Eiterpickel, getrocknetes Sperma, Scheidenflüssigkeit oder abgestorbene Hautschuppen isst. Es ist mir völlig egal. Und der Umstand, dass das jemand erzählt, überrascht mich auch nicht sonderlich. Der Endverbraucher von heute ist Kummer gewöhnt …
Was für einen belanglosen Mist muss man sich tagtäglich im Fernsehen oder in der Zeitung durchlesen. Da fragt auch keiner, ob es mich interessiert, dass Paul Kuhn wieder Klavier spielen kann. Ich lese es aber trotzdem und sage: Glückwunsch, Paulchen!
Interessen sind nun einmal unterschiedlich. Ich kann es schließlich auch nicht verstehen, wie sich allen Ernstes ein Buch über Monate in den Bestsellerlisten ganz oben halten kann, das nicht viel mehr als ein mittelmäßig geschriebenes Tagebuch über eine öde Wanderung ist.
Und doch muss man auch mal festhalten, dass Charlotte Roche mit ihrer Hauptfigur der Helen Memel ein kleiner Glücksgriff gelungen ist. Sie lässt dieses junge Mädchen lauter schockierende und abstoßende Dinge sagen und trotzdem treiben diese den Leser nicht von dieser Figur weg. Geschickt werden Sequenzen eingestreut, in denen man erahnen kann, dass die liebsten Hobbys dieses großen Teenagers nicht nur ficken, saufen und popeln sind. Helen züchtet Avocadobäume. Dieses Hobby sieht sie als Kinderersatz. Erst vor kurzem hat sie sich sterilisieren lassen, um den familiären Kreislauf der Nervenschwäche, Gestörtheit und des Unglücklichseins zu durchbrechen: “Ich kann nämlich nur noch Avocadobäume kriegen. Bei jedem neuen Baum muss man fünfundzwanzig Jahre warten, bis er selbst wieder Früchte trägt. Ungefähr so lange muss man als Mutter auch warten, bis man Großmutter wird.”
Es sind genau diese Stellen, die wie Brandraketen im ganzen Text immer wieder aufleuchten und dem Leser vermitteln, dass er da nicht von einer Nymphomanin und ihren Geschichten unterhalten wird. Helen Memel ist im Grunde und hinter diesen ganzen ausgiebigen und widerlichen Beschreibungen ein kleines, verunsichertes, enttäuschtes, armes Scheidungskind-Würstchen, bis zu den Haarspitzen voll mit Komplexen, Traumata und Zwängen.
Und, wie um hinter diese Einsicht ein Ausrufezeichen zu setzen, sagt Helen über sich: “Ich wurde von meiner Mama zu einer sehr guten Lügnerin ausgebildet. Sodass ich mir alle Lügen sogar selber glaube.” Was kann man diesem Mädchen überhaupt glauben?
Diese Frage bleibt, auch nachdem man das Buch ausgelesen hat. In erster Linie denkt man an die Helen Memel, die mit ihrem Leben, ihren Eltern und ihrer Vergangenheit nicht klarkommt und nicht an die Helen, die in den Puff geht.
In Goethes Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten heißt es an einer Stelle: “Geben sie uns zum Anfang eine Geschichte von wenig Personen und Gegebenheiten [...] in der die Menschen erscheinen, wie man sie gern mag, nicht vollkommen, aber gut, nicht außerordentlich, aber interessant und liebenswürdig. Ihre Geschichte sei unterhaltend [...] und hinterlasse uns einen stillen Reiz weiter nachzudenken.” – Mission erfüllt, Frau Roche!
March 3rd, 2008 § § permalink
Gestern Nacht in der ARD traute ich meinen müden Augen und Ohren kaum. Nicht wegen diesem seltsamen Mann, der Bücher vorstellt, als wäre er Vorsitzender des laaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaangweiligsten Buchclubs der Welt, sondern wegen Martin Walsers neuem Buch “Ein Liebender Mann” (könnte dem Titel nach auch von Rosamunde Pilcher stammen).
Natürlich sollte man das, worüber man spricht genau kennen, bevor man es zum Nasebohren findet. Aber in diesem Fall kann man, denke ich, getrost eine Ausnahme machen. Zum ersten frage ich mich: Hält Martin Walser zehn kleine Trolle und Klabautermänner bei sich gefangen, die ihm seine Bücher schreiben müssen? Anders kann ich mir das rasante Tempo des 80-jährigen in dem er Bücher schreibt und veröffentlicht nicht erklären.
Wenn man sich dann allerdings dieses Thema beguckt, welches er für seinen neusten Streich ausgewählt hat, wird die kurze Zeit des Schreibens und Schaffens erklärbar. Man könnte meinen Herr Walser ist das männliche Pendant zu Sigrid Damm (wer sich einen großen Gefallen tun möchte liest bitte nicht Goethes letzte Reise).
Seltsam jedoch, dass man (u.a. der Spiegel) sich letztes Jahr noch über die Fülle der unnützen Bücher über Weimar, Goethe und die üblichen Verdächtigen echauffiert hat, die ja allesamt von wenig qualifizierten Frauen geschrieben seien.
Anders natürlich das Buch Martin Walsers, das er mit großem Tamtam sogar in Weimar vorstellen durfte. Wieder einmal geht es um Goethes Lieben. Um seine letzte Liebe Ulrike Levetzow. Sie 17 Jahre, er 74 Jahre. Er macht ihr einen Heiratsantrag, sie lehnt ab. Die Marienbader Elegie und weitere kleinere Gedichte und Verse sind das Ergebnis des Versuchs Goethes gegen das Alter und das Lebensende ein Mittel, nämlich das der temporären Verjüngung, zu finden. Walser schließt in diesem Buch die Kluft, die zwischen Fakt und Phantasie herrscht. Und immer wenn Autoren anfangen Fakten mit Fiktion zu mischen, kann es kitschig, albern und hanebüchen werden und man fragt sich: Muss das sein? (Dann lieber wie Christa Wolf in Kein Ort. Nirgends. -)
Hat Goethe es verdient, dass man ihm so etwas an den faltigen Hals dichtet: “Aber da zwischen den weich und nachgiebig werden wollenden Lenden, sein Geschlechtsteil, das ein Leben lang den Ehrgeiz hatte, das Ganze zu sein. [...] Er sollte nur noch wünschen und tun, was dieses Teil wollte.” Warum meint ein alter Mann, er könne sich prima in Goethe hineinversetzen, seine Gedanken denken, seine Ideen, seine Sprache nachformulieren? Soll Herr Walser doch ein Buch über seine eigene Altersgeilheit schreiben!
Würde Goethe heute noch leben, wäre er wohl in der gleichen Star-Kategorie wie Britney Spears. Am Frauenplan hätte er keine ruhige Minute mehr. Selbst im Garten am Stern würden die Fotografen in den Bäumen hängen und in Marienbad säße hinter jedem Busch ein VIP-Reporter. Frauke Ludowig würde gern mal sein Haus sehen, Kerner ihn zu seiner neusten Liebschaft befragen und Frau Radisch würde seine Bücher mit: Früher war er besser, abtun.
Gut für Goethe, dass er schon lange tot ist. Nicht nur wegen Frauke, sondern auch wegen Walser und Co, die am liebsten jede Pofalte von dem Dichter ausleuchten wollen, um am Ende so einen mittelmäßigen Schmarrn zu schreiben.
March 1st, 2008 § § permalink
Samstag, 13.00 Uhr in einer Filiale eines schwedischen Bekleidungshauses.
Wenn ich nicht schon durch die viel zu warme Luft und die vielfältigen Gerüche (von penetrantem Schweiß, über aufdringliche Parfüms, bis hin zu chemischen Duftstoffen) beinah besinnungslos wäre, müsste ich auf der Stelle einen manisch-depressiven von Autismus und lautem unkontrollierten Lachen angehauchten Anfall bekommen und mich schreiend auf dem dreckigen Boden wälzen. Stattdessen bleibe ich weiter gleichmütig in der Schlange zur Kasse eingereiht und lausche dumpf den Gesprächen der jungen Menschen um mich herum:
“Ey hoffentlich hat die Kathi sich nicht gestern das gleiche Top gekauft. Ich hab keinen Bock mit der alten Schlampe heute Abend im Partnerlook rumzulaufen. Boar, und wenn die den Dennis wieder so anmacht dann hau ich der Fotze n´ paar auf ´s Maul. Ich schwör´, ey.” – Mich schaudert ´s und ich beginne unkontrolliert mit den Augen zu rollen …
“Ey, und voll stressig heute. Ich muss noch auf den Assi-Toaster, mir die Nägel machen – so kann ich ja nicht rumlaufen, guck mal, wie hier die Strass-Steine schon abbröckeln – dann brauch’ ich noch n’ paar neue Schuhe und ins McFit muss ich auch noch. Boar voll Stress, ey.” – Mir dämmert, dass das mit dem PISA-Test vielleicht noch wesentlich schlimmer ist, als uns die Bildungsminister weismachen wollen…-
“Echt, und wenn die Alte beim Frisör mir nicht die Extensions wieder raus macht, dann geh’ ich echt steil, ey. Guck ‘ma wie ich ausseh, Alter! Die muss mir erst ma den Ansatz wegfärben, ey, sonst geh ich heute nirgendwo hin, ich schwör’s.” – Zustimmendes Genicke der Freundinnen …
“Boar und meine Alten nerven voll wegen Schule und so. Ich soll Ausbildung nach der Schule machen. Ey, ich mach doch keine Ausbildung, ey. Ich will studiern, da brauch ich erst ma fünf Jahre gar nix zu machen. Und dann zieh ich mich für Playboy oder so aus und heirate n’ reichen Macker, ey.” – Wieder einstimmiges, anerkennendes und zuspruchartiges Gelächter.
Mir wird ganz schlecht und ich lege die drei Teile, die ich kaufen wollte weg und verlasse diesen Ort des sozialen und intellektuellen Schreckens.
Abends gehe ich mit einer schon lang nicht mehr gesehenen Bekannten ins Kino. Während ich noch am Kinoerfrischungsstand überlege, warum wir so lange keinen Kontakt mehr hatten, fällt es mir schlagartig bei ihren folgenden Schilderungen wieder ein. In 120 Sekunden gab sie mir ungefragt eine Zusammenfassung der letzten sechs Monate ihres bewegten Lebens. Ich überlegte still vor mich hin, ob ich eine große Portion Popcorn mit einer Cola nehmen sollte, während sie lautstark von ihren zehn verlorenen Kilos erzählte. – Ich bestellte mir ein Wasser, um nicht gleich den Stempel: Moppelig, ledig – Problemfall, aufgedrückt zu bekommen.
So spartanisch ausgestattet und übelst gelaunt empfing ich dann in den Kinosesseln die frohe Botschaft ihrer neuen Beziehung zu Mike (Fotomodell, ästhetische Aktfotografien = männliches Flittchen, jung, ohne Schulabschluss und klamm im Portemonnaie). Ich war froh, als der Abend vorbei war.
Ein paar Wochen später begegnete mir diese Bekannte abermals und mir war klar, warum sie sich so lange nicht mehr gemeldete hatte: Mike hatte per SMS schlussgemacht, dafür hatte sie ihre verloren geglaubten zehn Kilos wieder. Das war ein riesiges Drama. Zehn Kilos. Die Trennung? – Zehn Kilos! Die Enttäuschung? – Zehn Kilos! Mike? – Zehn Kilos!
Und dann schalte ich zu allem Überfluss am Donnerstag auch noch diese Quoten-Dumpfbacken Sendung mit Minni Maus auf Helium ein und denke ganz ruhig und schon fast ein bisschen resigniert an folgende kluge Worte:
“Die Frauen, die ich sehe, bringen mich ganz herunter, physisch; meine Nerven. Sie spannen mir die Gedanken so ab. Sie sind so erstaunlich matt, beinah unklug aus Zusammenhangslosigkeit.” (Rahel (Levin) Varnhagen von Ense, 1808).