Der Bauer sucht wieder …

RTLs großes Ass im kunterbunten Sendeärmel der locker-leichten Unterhaltung läuft wieder. Karohemden-Träger werden mit verniedlichenden adjektivischen Stabreimen wie: „Der musikalische Milchbauer Michael“ oder „der schöne Schweinebauer Siegfried“, belegt.

So oder so, beide könnte man getrost als „Depp“ beschreiben. Jedenfalls scheint das die Sichtweise der RTL-Produzenten auf die Singles vom Land zu sein. Man weiß schon bei diesen sprachlichen Stil Elementen, die die Stimme aus dem Off stets möglichst harmlos daher flötet nicht, ob es sich im Grunde um eine handfeste Beleidigung und Bloßstellung oder tatsächlich um den sprachlichen Geschmack des TV-Senders aus dem fröhlichen Rheinland handelt. Der Redakteur von „Bauer sucht Frau“, scheint sein Handwerk auf dem zweiten Bildungsweg in der Baumschule erlernt zu haben.

Vorführen wolle man die Kandidaten jedoch nicht, wie Moderatorin Inka Bause unlängst – möglichst schmollmundig und kulleraugig- in Beckmanns Sendung bekundete. Nein, natürlich nicht. Deswegen zeigt man in genüsslicher Epik, wie sich die Bauern ungelenk vor dem großen Scheunenfest nett zurecht machen, Teddykrawatten umbinden, sich über dem Badewannenrand die Haare shampoonieren, wie sie kleine Schleifchen um die selbstgemachte Leberwurst zusammen mit Mutti binden und hält unerbittlich jede noch so dämliche Äußerung, jedes noch so kleine Ungeschicktheit und Unbeholfenheit in Bild und Ton fest. Dass RTL hinter den Kulissen kräftig dazu beiträgt, dass sich die Beteiligten garantiert zum Voll-Horst machen ist zwar nicht auf den ersten Blick erkennbar, aber so sicher wie ein Bausparvertrag. Die Zuschauer danken so viel Gutmenschlichkeit mit einer traumhaften Einschaltquote. Und Inka Bause tänzelt mit ihrem eingemeißelten Gute-Laune-Grinsen und den fröhlichen Folklore-Klamotten mit viel Strass weiter so harmlos und freundlich wie irgend möglich durchs Bild, um sich nicht gleich als Dieter Bohlen der Single-Kuppler-Szene zu enttarnen.  Begleitet und untermalt wird die ganze Chose von so Schlagern wie „Take my breath away“ und vielen anderen bedeutungsschwangeren Liedtexten. Auch wenn Inka Bause einem Bauern seine Zuschriften in einem riesigen Korb überbringt, um dann ganz großzügig zwei Briefumschläge hervor zu zaubern, zeigt sich RTLs unzweifelhaftes Feingefühl. RTL sorgt dafür, dass der Zuschauer diesen deprimierenden Umstand die gesamte Sendezeit über nicht vergisst. Denn bei jeder Einblendung des Bauerns, wird eine Namensbanderole am unteren Bildschirmrand eingeblendet unter der steht: Dieter: Bekam zwei Briefe. -Mehr widerliche Bösartigkeit geht nicht.  

October 29, 2009

Sommerloch-Liebe

Die Zeiten sind mies. Ausgerechnet jetzt haben sich zwei, zeitlich gut auf das Sommerloch abgestimmt, dazu entschlossen ein Kind auf dieses Erdenrund zu setzen. Sandy Meyer(-ich-designe-angeblich-Schmuck-und-kann-sonst-nichts)-Wölden und Oliver(-ich-durfte-mal neben-Harald-Schmidt-sitzen)-Pocher werden Eltern.

Schon lange vor der freudigen Nachricht hatten beide bereits medial flächendeckend  debil in jede Kamera gelächelt und so schöne Sachen im Rosamunde-Gedächtnis-Stil gesagt, wie: „Man muss sich Zeit geben, um sicher zu sein, dass man zusammen passt“. Fünf Monate Beziehung (oder Bekanntschaft) sind offensichtlich Zeit genug, um im dritten Monat schwanger zu sein. Immerhin ist Sandy Meyer-Wölden nun schon ganze zwei Monate länger mit Pocher zusammen, als seinerzeit mit Boris Becker.  Das lässt auf eine günstigere Prognose hinsichtlich des Haltbarkeitsdatums dieses medialen Königspaares hoffen. Schließlich sagte er einst liebevoll über sie: „Für Sandy trifft die Redensart zu: Zu jung zum Sterben, zu alt für Lothar Matthäus“.

Das muss Liebe sein.     

September 12, 2009

Der Spiegel ist ein Eichhörnchen

Mein früherer Literatur-Professor war wie ein Eichhörnchen. Nicht, dass er Nüsse für schlechte Zeiten im botanischen Garten der Uni vergraben hätte. Nein, rein vom negativen Aha-Erlebnis her. Eichhörnchen kommen immer so puschelig, problemlos und politisch korrekt rüber. Dabei essen sie Mäuse und kleine Vögel und nicht, wie alle meinen, Nüsse und ein paar grüne Blätter. „Das ist Natur“, könnte man jetzt einwerfen und hat damit selbstredend recht. Es ging ja auch nur darum einen unerfreulichen Aha-Effekt zu bebildern.

Mein Literatur-Professor war ein ebenso freundlich erscheinendes Wesen. Nichts deutete auf irgendwelche geistigen Abgründe hin, bis zu einem Tag im Sommer, als er urplötzlich in einer –vornehmlich von Frauen besuchten- Vorlesung davon sprach, dass Frauen in hohen Positionen der Hochschullandschaft kaum vertreten seien, weil sie besser Kinder kriegen und ihren Mann anständig befriedigen sollten. Und es studierten zwar prozentual mehr Frauen Geisteswissenschaften, bekämen es aber am Ende nicht hin, sich gegen die wenigen, aber dafür blitzgescheiten Männer durchzusetzen. Plötzlich war der Puschel-Faktor verschwunden. –Er mag in vielen Fällen mit diesem Gedankengut richtig gelegen haben. Aber Klischee- und ausgiebige Vorurteilspflege sollte man nicht mit der Realität verwechseln. Ist ja schließlich auch nicht jeder Literatur-Professor chronisch sexuell unterfordert und holt sich auf Gottfried Benn intellektuell einen runter.

In dieser frühen Phase meines Lebens dachte ich also noch: Das kann einem schlauen Menschen schon mal passieren, so eine verbale und geistige Inkontinenz. Ein paar Jahre weiter höre ich jedoch einen Spiegel-Redakteur in seinem peinlichen 70er Jahre Elfenbeinturm eine ganz ähnliche Scheiße reden. Es gibt lediglich eine Ressort-Leiterin. Das hätte keine besondere Bewandtnis, lächelt er falsch über seinen Silberblick hinweg, krault sich geistig und genussvoll die kleinen Nüsschen und beglückwünscht sich im Stillen, dass das Los seiner Geburt ihm die zwei Kleinen mitgegeben hat. Denn Männchen-Sein scheint beim Spiegel schon einmal der erste kleine Schlüssel in die höheren Gefilde zu sein.

In solchen Momenten, in denen man auf ein dummes Klischee herunter gebrochen wird, ärgere ich mich eigentlich nicht mehr. „Blödes Blondchen“, „arrogante Kuh“, „oberflächliche Zicke“, das sind alles Sachen, über die man müde lächeln kann, weil man sie mühelos entkräften könnte, wenn man Lust dazu hätte. Aber den Vorwurf, eine Frau zu sein, die nur aufgrund ihrer Geschlechterzugehörigkeit gleich mit allerlei Rollenklischee-Gedöns behangen wird und dann wie ein Pfingstochse geduldig hinter solchen Parolen hinterher trotten muss, kann man schlecht entkräften. Nicht, weil etwas Wahres daran wäre, sondern weil es schlicht absurd ist. –Seit heute ist der Spiegel für mich ein Eichhörnchen.

July 29, 2009

“Da kann man gar nicht…

… so viel fressen, wie man da kotzen möchte“, würde der  Dichter sagen. Ich zahle alle drei Monate einen krummen Betrag um die 50 Euro. Ich nenne es liebevoll: „Mediales Schutzgeld“. 7,26 Milliarden Euro nahm die GEZ im Jahr 2008 auf eben diese Weise ein. Für was frage ich mich dieser Tage wieder besonders erzürnt?

Für die schönen Zielgruppen-Filme à la Rosamunde Pilcher, Traumschiff Reloaded, Forsthaus Falkenau und all die anderen Eigengewächse, bei denen immer die gleichen üblichen Verdächtigen mitspielen dürfen, die sonst keine Sau im Film-Geschäft mehr freiwillig engagieren würde? Wenn ich noch ein Mal Iris Berben durch die afrikanische Savanne grinsen sehe oder Heino Ferch in einem völlig sinnlosen Geschichts-Epos auf einem Pferd tierquälerisch dahin trappeln sehe, beiße ich in die Auslegeware. Und bei Ich-halt-meine-Fresse-für-alles-in-die-Kamera-so-lange-die-Kohle-stimmt Ferres resigniere ich mittlerweile und betrinke mich mit Wäschebleiche.

In der Sommerzeit kommt der Zuschauer der Öffentlich-Rechtlichen ja nun zu ganz besonderen Ehren: Er darf all die alten Sachen zur Prime-Time noch einmal schauen. Mir wäre es ja im Grunde egal. Ich schaue ja nur die fußballerischen Sportveranstaltungen. Aber eben auch jeden Sonntag den „Tatort“. Ist es denn da etwa zu viel verlangt…-nein, oder anders: Ist es den Menschen von der ARD eigentlich nicht selber peinlich, den Zuschauern diesen alten Scheiß zur besten Sendezeit anzudrehen, der sonst freitags auf dem WDR läuft? Für 7,26 Milliarden kann man doch nun echt mehr verlangen!

Aber Hauptsache, all die schönen Nischen-Sender, wie Theater-, Info- und was, weiß ich- Kanäle laufen. Ob nun mit 50 oder 50.000 Tausend Zuschauern am Tag, egal. Woanders werden solche Formate dicht gemacht, bei den Öffentlich-Rechtlichen erhält man diese Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Steht ja auf finanziell guten Füßen. –Dank der ganzen Schutzgeldzahler, die abends einfach nicht von übel riechenden Menschen mit schlechten Manieren bedrängelt werden möchten. Wie gesagt: Da kann man gar nicht so viel…wie man da wieder…aber naja…

Es ist schon fast ein bisschen ulkig: Das Pochen auf freien, unabhängigen Qualitäts-Journalismus und dann den Zwangs-Zuschauer schaffen. Aber ich finanziere Despoten gern ihr Luderleben… 

  

July 26, 2009

Über Gesundheit, Sicherheit und das Alter

Es ist doch paradox. Als Kind wollte man ganz dringend und unbedingt „groß“ sein. 20, 30, 40 –egal, Hauptsache weit jenseits der ersten 0 im Leben. Hätte man in den 80ern –meiner Kindheit- jedoch gewusst, dass es im 21. Jahrhundert fast ein bisschen Sittenwidrig ist, öffentlich zu altern und jedem seine ersten, zarten Fältchen zu zeigen, hätte man sich vielleicht nicht ereifert möglichst „reif und altklug“ für sein Alter zu wirken. Ich hätte also nicht Björn Engholms „Ich gebe ihnen mein Ehrenwort“, einfach aus den Nachrichten aufgeschnappt und es bei jeder sich bietenden Situation in den Redefluss eingearbeitet. „Laura, du musst heute noch dein Zimmer aufräumen!“ „Mach ich heute Abend, Mama –ich gebe ihnen mein Ehrenwort!“ -

Bald steht die dritte 0 in meinem Leben an und schon heißt es: „Altes Mädchen“ und man wird von geringfügig Jüngeren wie „Tante Laura“ behandelt. Ich kann nicht leugnen, dass ich mich erst jüngst dazu entschlossen habe, meine giftgrünen Mokassins samt Tasche auszusortieren, da ich mir albern damit vorkam. Man will schließlich nicht irgendwann in die Kategorie Ibiza-Oldie mit dem Faible für   Buntes, Burlies und Bum-Bum-Musik fallen.

In einer Zeit, in der sich Menschen für ein glattes Äußeres lieber Reißverschlüsse hinter die Ohren setzen lassen (die sie nachts zum Schlafen öffnen müssen), legt man auch immer mehr Wert auf Sicherheit. Man fürchtet sich heutzutage vor allem. Im Großen und im Kleinen. Leute versichern sich gegen den Einschlag eines Meteoriten oder einer Rakete in ihrem Vorgarten oder aber dagegen, dass sie beim Hinaustreten aus dem beschaulichen Eigenheim von einem Regentropfen erschlagen werden könnten. Für jede Eventualität hat man die richtige Versicherung parat. Ach ja und die Jahresuntersuchungen am Auto sowie am eigenen Leib hält man auch besser geflissentlich ein. Dafür sorgt schon das optimale Zusammenspiel von Pharmaindustrie und Medienlandschaft. Eine fruchtbare Symbiose…

Warum sollte es mir also anders gehen? Da habe ich nun endlich Landgang und hänge am Dienstag bei BMW rum, um wie eine besorgte Mutter das Ergebnis des Werkstatt-Menschen zur Hauptinspektion in Empfang zu nehmen und heute stiefle ich beim Hautarzt raus (Peter Kloeppel sagte neulich ja wieder was von Risikogruppen zur Sommerzeit) und fühle mich richtig gut. Jetzt nur noch zum Augen, Haus- und Frauenarzt und ich kann ein Häkchen in mein Check-Heft machen und den Rest des Jahres unbekümmert leben. Dafür opfere ich mal eben die Hälfte meines Jahresurlaubs und bekomme vor lauter Gedanken machen und Grübeln, Falten. Und fürs Herz ist das auch nicht gut. Von der Seele ganz zu schweigen.

Das 21. Jahrhundert kann mich mit seinen ganzen Gesundheits-, Sicherheits- und Alterswahn – Animositäten echt mal irgendwo gern haben… -da gebe ich ihnen meine Ehrenwort!

July 9, 2009

There’ s no Business like Show Business!

Ja, er hat schön musiziert. Gut, aber das war auch schon alles. Michael Jackson ist sonst nicht gerade durch sein natürliches, charismatisches sowie sympathisches Wesen aufgefallen. Zuletzt hat doch nun wirklich jeder Wetten darauf abgeschlossen, wann seine Nase abfällt, während man am Flohmarkttisch den Preis für eine LP von ihm auf 2,50 Euro runter handelte.

Er war eine Karikatur von einem Menschen, den niemand auch nur annähernd mehr mit dem Hinterteil angucken wollte. Die Idee einer Tournee hat bei den meisten eher Keuchhusten statt Begeisterungsstürme ausgelöst. Und dann –ach wie rührend- lauter prominente Gutmenschen, die ungefragt aus irgendwelchen Löchern kriechen, sich vor Kameras drängeln und erklären, wie sie mit diesem schlimmen Verlust umgehen.

Madonna könne angeblich gar nicht mehr aufhören zu weinen –wenn man physisch und mental so übertrainiert ist und zusätzlich noch stark in den Wechseljahren soll das bekanntlich –unabhängig von irgendwelchen Todesfällen- häufiger vorkommen. Britney Spears ist auch ganz runter mit den Nerven, aber das ist ja nichts Neues, und Justin Timberlake säuselt, er habe ein Idol verloren. Da fragt man sich doch: Glauben die sich das eigentlich selbst? Theodor Fontane, der sich bislang noch nicht zum Tod von Michael Jackson geäußert hat, hat einmal gesagt: „Alles verdummt mich.“ Es scheint, dass die Musikindustrie über eine so fromme, sozialkritische Selbsterkenntnis schon längst hinweg ist. Das nächste Trauer-Benefiz-Konzert mit allgemein schicklicher Betroffenheitsmiene kommt bestimmt…

June 30, 2009

Mediennutten

Bestimmte Menschen hat man unter der Rubrik: Mediennutte abgespeichert. Das müssen nicht immer unbedingt Leute sein, die im Fernsehen zu sehen sind und sich dort durch eine, sagen wir mal, unkonventionelle Art des Anbiederns und Im-Geschäft-Bleibens auszeichnen. Es hat selbstredend viel mit Kriecherei, materiellem Selbsterhaltungstrieb, Profilierungsneurosen, Hemmungslosigkeit bis ins Bodenlose, der Kunst des Phänomens: Fremdschämen und dem Fehlen von Synapsen zu tun.  

All das kann man prima beobachten, wenn man gezwungen ist für wenige Tage mit freiberuflichen Journalisten zusammen zu sein. Unter Hyänen ist es wesentlich angenehmer. Wenn dann noch ein Alpha-Journalisten-Weibchen eines großen Nachrichten-Magazins den Ton angibt, ist dem Rumhuren Tür und Tor geöffnet. Die eigentliche Aufgabe eines Journalisten kann da schon mal schnell in die Besenkammer verbannt werden. Frei nach dem Motto: Kritische Fragen? An die Dame von dem Magazin, bei dem ich doch ach so gern mal unterkriechen möchte? MOI?

Stattdessen wird die Tür aufgehalten (was ja eigentlich Standard sein sollte -allein, die restlichen Damen lässt man vor die Klinke laufen), ins Mäntelchen geholfen, übermäßiges Interesse geheuchelt, bei schlechten Witzen laut-lauter-am lautesten gelacht. Es werden Komplimente für die “einzigartig gute Schreibe” wie Kusshände an die Dame verteilt, ihre Thesen niemals in Frage gestellt und ihr zweifehaftes Eigenlob nur eifrig kopfnickend in Kauf genommen.

Wenn sie erzählt, dass man sich, als sie bei jenem Magazin anfing zu arbeiten, nicht einmal im Aufzug untereinander gegrüßt hat, schmunzeln alle und rufen im Chor: “Oh bitte! Erzählen Sie doch mehr!” – Fragen nach dem Sinn solcher psychischen Pointen für Arte-Gucker, stellt selbstredend niemand. Man gefällt sich in der Rolle “der anderen”,derjenigen, die dem Leser gegenüberstehen, ihn mit Häppchen füttern und dabei denken: Das große Ganze rafft ihr ja eh nicht.

Und während sie sich alle Augenhöhen-Luft schnuppernd wähnen und davon träumen, wenigstens zehn Zeilen in einem Heft für das die Dame steht zu schreiben, dreht die sich um, bedankt sich patent für die Aufmerksamkeit, ruckelt ihre miserable Frisur zurecht, lacht mit ihren schmandigen Zähnen irgendwie überheblich in den Haufen rein und düst schließlich in ihren Elfenbein-Turm zurück.

Man hätte den Damen und Herren sagen sollen, dass auf dem Hartgeldstrich dieser Tage mehr zu holen ist…

March 10, 2009

Übers fair sein

Letztens hörte ich in meiner Nachbarschaft etwas über „fairen Journalismus“ säuseln und man sah mich dabei ganz eindringlich an, als ich unter Tee-über-den-Tisch-prusten, begleitet durch das herrlichste sardonische Lachen mich entfernte. Mal ganz davon abgesehen, dass das Wort „fair“ an sich ohnehin völlig überflüssig ist, da es nichts gibt, das diesen freundlichen adjektivischen Zusatz tatsächlich verdient. Jedoch ist die Kombination „Journalismus“ und „fair“ eine ganz besonders pussierliche, die mir vorher so noch nie untergekommen ist. Man weiß gar nicht, ob man den Urheber als ein bisschen naiv oder närrisch bezeichnen soll. Ich befürchte jedoch, dass es egoistisch- dämlich am besten trifft.

Denn diese Worte wurden von einer Bürgermeisterin ausgesprochen, die sich über die schlechte Presse bezüglich ihrer Tätigkeit beschwerte. Man hätte die Dame besser an der Hand genommen und ihr gesagt: „Fair“ ist immer eine Sache des Standpunktes. Der Kaffee ist „fair“ gehandelt, weil die einen immer noch genug daran verdienen und die anderen nicht. „Fair geht vor“ im Sport, solange das Ergebnis stimmt und bestimmte Substanzen immer noch nicht nachgewiesen werden können. Also merke: Solange die Rahmenbedingungen hübsch stimmen und die Fairness nur sprachlich zum Zuge kommt, ist vieles in Ordnung, aber ganz bestimmt nicht fair.

February 28, 2009

Ranickis Kritik: Ein kleiner -und letzter- Nachschlag

Neulich erinnerte ich mich im Buchladen an das, was ich vor ein paar Jahren dort entdeckte: Marcel Reich-Ranickis ganz persönlicher Literatur – Kanon mit Werken von Goethe, Mann, Grass und den anderen üblichen Verdächtigen.

Ich habe mich schon während meines Studiums hin und wieder über diesen Begriff, der im literarischen Bereich einst im 18. Jahrhundert von dem Philologen Ruhnken eingeführt wurde, geärgert. Denn die Tatsache, dass jemand glaubt die für die jeweilige Zeit normsetzenden und wesentlichen künstlerischen Werke herauspicken zu können, halte ich für problematisch. Letzten Endes muss man sich angesichts der Liste der immer wieder genannten Literaten fragen: Was war zuerst da? Ei oder Henne?

Wenn jemand ein Werk zum Kanon zählt, macht dann nicht erst dieser Umstand das Werk tatsächlich zu etwas, das die Zeit überdauern kann?  Und ist dann nicht das Gerede über diesen und jenen Kanon als eine große Werbekampagne –nicht zuletzt für die eigene Eitelkeit des Kanon-Machers- zu betrachten? Ranicki lässt es sich gern gefallen als Literatur-Papst bezeichnet zu werden. Und er weiß, wenn er sagt, dass das Sandmännchen fortan zum Literatur-Kanon gehört, genug Lemminge in den nächsten Buchladen spurten, um des Meisters Empfehlung begierig zu kaufen und sich nacher auch noch unheimlich schlau dabei vorkommen.

Die literarisch-historische Vergangenheit hat vor allem eines gezeigt: Ein Kanon macht nur da Sinn, wo man bewusst ausklammern und diskriminieren möchte. Im 18. Jahrhundert schaffte es beispielsweise keine Frau –selbst wenn sie ein Zwitter (halb Goethe, halb Shakespeare) gewesen wäre- als Kanon-würdig zu gelten. Nun im 21. Jahrhundert haben es einige wenige endlich in Lehrpläne und sogar in einige Kanon-Sammlungen  geschafft. Viel zu spät. Für die Literaten und für die Leser.

Und nun will Herr Reich-Ranicki uns auch seinen ganz eigenen Fernseh-Kanon verkaufen (und nebenbei sicher ein paar Bücher). Auch hier ärgere ich mich ein wenig über so viel Arroganz und gleichzeitiger Engstirnigkeit. Und ich weigere mich, mich ebenfalls  auf die ausgelatschten Trampelpfade zu begeben, wie all die anderen Lemminge, die nun schnell die Üblichen verdammen und in Massen bekunden: Privatfernsehen ist der letzte Dreck. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten  hingegen sind nur ein bisschen dreckig. Und Schmuddel-light ist ja in Ordnung.

Ich lese, was ich will. Ich schaue im Fernsehen, was ich will. Und ich lasse mir nicht diktieren, was ich gut zu finden habe und was künstlerisch als besonders wertvoll eingestuft wird. Denn der Kritiker bin ich. Und ich kann selber denken.

November 3, 2008

Es weihnachtet sehr …

Schon Ende August verspürte ich Appetit auf  Spekulatius, Dominosteine, Zimtsterne, lauwarmen Glühwein  und Lebkuchen. Doch als ich so in Schlappen und  leichtem Kleidchen neben der just eingetroffenen Palette mit den Weihnachts-Devotionalien stand, blieb ich standhaft und kaufte lieber die Langnese Schatztruhe. Und jetzt, zwei geschlagene Monate später, können die Supermärktler irgendwem anderes den alten Scheiß andrehen.

Trotzdem habe ich mir vor ein paar Tagen eine Liste gemacht. Meine geheime, sagenhafte  Weihnachtsgeschenke-Liste. Denn alljährlich küre ich die Top-Drei aus verschiedenen Geschenke-Bereichen.  Dabei überlasse ich nichts dem Zufall. Wer sich dennoch unter dem Weihnachtsbaum beschwert, bekommt sofort näheren Bescheid. Wer also eine kleine Hilfestellung benötigt, darf sich gern hier bedienen…

Bereich: Literatur
1) Uli Hannemann: „Neulich in Neukölln. Notizen von der Talsohle des Lebens“ –Selbst wer nicht in Berlin lebt und Neukölln nur vom Hörensagen kennt, wird sich in dieses Buch verlieben. In 49 kurzweiligen Geschichten mit so klangvollen Namen, wie „Rufmord am Pissoir“, „Korrekt Betteln“, „Silvester oder: Der Untergang revisited“ und „Trinken und Jammern“ beschreibt Hannemann ironisch, zynisch und absurd das Leben in einem der wohl schönsten Vororte Berlins. Mit diesem witzigen Utopie-Realitätsmix erfährt man alles, was man über die schlimmsten Ecken in seiner eigenen Stadt schon immer vermutete.

2) Richard David Precht: „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ – Menschen die sich ständig selber romantische und verträumte Fragen über essentielle Dinge im Leben stellen, werden sich bei der Lektüre dieses Buches dumm vorkommen. Denn hier werden zwar solche Fragen beantwortet, wie: „Was ist Wahrheit“, „Brauchen wir andere Menschen“, Gibt es Gott“, „Was ist Liebe“ und „Ist Glück lernbar“. Allerdings geschieht das auf einer philosophisch naturwissenschaftlichen, logischen und völlig soliden Basis. Verträumten, kitschigen Firlefanz findet man hier nicht.  Dafür jedoch oft ein Augenzwinkern, Humor und nebenbei Vieles, das dem eigenen Wissen auf die Sprünge hilft. Wahrscheinlich war Philosophie noch  nie zuvor so interessant (weil verständlich) und gleichzeitig unterhaltsam.

3) Harald Martenstein: „Vom Leben gezeichnet. Tagebuch eines Endverbrauchers“ –Zugegeben: Das Buch erschien erstmals im Sommer 2006 und ist somit nicht gerade mehr aktuell. Jedoch hat es seither kein zweites Buch geschafft, mich derart zum Lachen zu bringen. Und außerdem sind Martensteins Ansichten über Hitler, Scientology, Ärzte, Doppelkorn, Skifahren, Schönheit und Orgasmusforschung ohnehin zeitlos. 59 Kurzgeschichten á 2 Seiten machen das Buch selbst für Lese-Muffel lesbar.

Bereich: Musik
1) Peter Fox: „ Stadtaffe“ – So genau kann man gar nicht beschreiben, was man da zu hören bekommt. Peter Fox macht dem ersten Lied auf dem Album alle Ehre: Alles neu. Klassische Instrumente, schlau geformte statt platte Texte und durchweg genial –weil völlig anders- arrangierte Melodien, die auch noch –bei Bedarf- tanzbar sind. Mehr geht nicht.

2) The Killers: „Sawdust“ – Gut, The Killers haben just vor Weihnachten (ein Schelm, wer da…) ein Album herausgebracht, auf dem so gut wie nur B-Seiten, bisher unveröffentlichte Lieder zu finden sind. Trotzdem: Wer ein Faible für Indie-Rock mit einem Schuss Elektronik und markante Stimmen, wie die des Sängers Brandon Flowers hat, wird die CD fortan nicht mehr aus dem CD-Spieler nehmen können.

3) A Fine Frenzy: „One Cell in the Sea“ – Das ist vermutlich ein reines „Mädchen“-Album, das die Pianistin Alison Sudol als Erstling heraus gebracht hat. Schöne, melancholische, tiefgründige (so tiefgründig, wie es in der Musik eben geht) Texte, gepaart mit eingängigen klassischen, jazzigen und leicht rockigen Melodien, machen dieses Album absolut empfehlenswert.

Bereich: DVD
1) „Damages. Im Netz der Macht. 1.Staffel“ – Auf Kabel 1 lief die erste Staffel in Deutschland relativ unbeachtet und das völlig zu unrecht! Glenn Close und Ted Danson (jaja der freundliche Mann von „Cheers“) laufen zur bösartigen und intriganten Höchstleistung auf. „Damages“ ist eine Serie, die absolut klug, spannend, überraschend  arrangiert ist und definitiv den Zuschauer dazu bringt, sich noch nach Ende der letzten Folge Gedanken über das eben Gesehene zu machen. –Ich grüble jetzt noch nach Monaten!

2) „No Country for old Men“  – Tommy Lee Jones mochte ich nie sonderlich. Das hat sich seit diesem  Film geändert. Diese Mischung aus  Thriller, Western und leichtem Horror, die dann am Ende mit Melancholie abgerundet wird, überzeugt in jeder Szene und in jedem kleinen Dialog. An dem Film stimmt alles.

3) „Jenseits von Afrika“ – Ein Evergreen! So alt, dass es fast schon wieder neu sein könnte!!! Dem Drehbuchautor, der aus der wenig romantischen Romanvorlage von Karen Blixen “Afrika. Dunkel lockende Welt” diesen Film gezaubert hat, gehören heute noch die Füße geküsst! Ein Geschenk, das die Damen (Mütter, Tanten, Cousinen, Omas, Freundinnen) garantiert immer erfreut…

FORTSETZUNG FOLGT

October 20, 2008

Login