Es weihnachtet sehr …

October 20th, 2008 § 0 comments § permalink

Schon Ende August verspürte ich Appetit auf  Spekulatius, Dominosteine, Zimtsterne, lauwarmen Glühwein  und Lebkuchen. Doch als ich so in Schlappen und  leichtem Kleidchen neben der just eingetroffenen Palette mit den Weihnachts-Devotionalien stand, blieb ich standhaft und kaufte lieber die Langnese Schatztruhe. Und jetzt, zwei geschlagene Monate später, können die Supermärktler irgendwem anderes den alten Scheiß andrehen.

Trotzdem habe ich mir vor ein paar Tagen eine Liste gemacht. Meine geheime, sagenhafte  Weihnachtsgeschenke-Liste. Denn alljährlich küre ich die Top-Drei aus verschiedenen Geschenke-Bereichen.  Dabei überlasse ich nichts dem Zufall. Wer sich dennoch unter dem Weihnachtsbaum beschwert, bekommt sofort näheren Bescheid. Wer also eine kleine Hilfestellung benötigt, darf sich gern hier bedienen…

Bereich: Literatur
1) Uli Hannemann: „Neulich in Neukölln. Notizen von der Talsohle des Lebens“ –Selbst wer nicht in Berlin lebt und Neukölln nur vom Hörensagen kennt, wird sich in dieses Buch verlieben. In 49 kurzweiligen Geschichten mit so klangvollen Namen, wie „Rufmord am Pissoir“, „Korrekt Betteln“, „Silvester oder: Der Untergang revisited“ und „Trinken und Jammern“ beschreibt Hannemann ironisch, zynisch und absurd das Leben in einem der wohl schönsten Vororte Berlins. Mit diesem witzigen Utopie-Realitätsmix erfährt man alles, was man über die schlimmsten Ecken in seiner eigenen Stadt schon immer vermutete.

2) Richard David Precht: „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ – Menschen die sich ständig selber romantische und verträumte Fragen über essentielle Dinge im Leben stellen, werden sich bei der Lektüre dieses Buches dumm vorkommen. Denn hier werden zwar solche Fragen beantwortet, wie: „Was ist Wahrheit“, „Brauchen wir andere Menschen“, Gibt es Gott“, „Was ist Liebe“ und „Ist Glück lernbar“. Allerdings geschieht das auf einer philosophisch naturwissenschaftlichen, logischen und völlig soliden Basis. Verträumten, kitschigen Firlefanz findet man hier nicht.  Dafür jedoch oft ein Augenzwinkern, Humor und nebenbei Vieles, das dem eigenen Wissen auf die Sprünge hilft. Wahrscheinlich war Philosophie noch  nie zuvor so interessant (weil verständlich) und gleichzeitig unterhaltsam.

3) Harald Martenstein: „Vom Leben gezeichnet. Tagebuch eines Endverbrauchers“ –Zugegeben: Das Buch erschien erstmals im Sommer 2006 und ist somit nicht gerade mehr aktuell. Jedoch hat es seither kein zweites Buch geschafft, mich derart zum Lachen zu bringen. Und außerdem sind Martensteins Ansichten über Hitler, Scientology, Ärzte, Doppelkorn, Skifahren, Schönheit und Orgasmusforschung ohnehin zeitlos. 59 Kurzgeschichten á 2 Seiten machen das Buch selbst für Lese-Muffel lesbar.

Bereich: Musik
1) Peter Fox: „ Stadtaffe“ – So genau kann man gar nicht beschreiben, was man da zu hören bekommt. Peter Fox macht dem ersten Lied auf dem Album alle Ehre: Alles neu. Klassische Instrumente, schlau geformte statt platte Texte und durchweg genial –weil völlig anders- arrangierte Melodien, die auch noch –bei Bedarf- tanzbar sind. Mehr geht nicht.

2) The Killers: „Sawdust“ – Gut, The Killers haben just vor Weihnachten (ein Schelm, wer da…) ein Album herausgebracht, auf dem so gut wie nur B-Seiten, bisher unveröffentlichte Lieder zu finden sind. Trotzdem: Wer ein Faible für Indie-Rock mit einem Schuss Elektronik und markante Stimmen, wie die des Sängers Brandon Flowers hat, wird die CD fortan nicht mehr aus dem CD-Spieler nehmen können.

3) A Fine Frenzy: „One Cell in the Sea“ – Das ist vermutlich ein reines „Mädchen“-Album, das die Pianistin Alison Sudol als Erstling heraus gebracht hat. Schöne, melancholische, tiefgründige (so tiefgründig, wie es in der Musik eben geht) Texte, gepaart mit eingängigen klassischen, jazzigen und leicht rockigen Melodien, machen dieses Album absolut empfehlenswert.

Bereich: DVD
1) „Damages. Im Netz der Macht. 1.Staffel“ – Auf Kabel 1 lief die erste Staffel in Deutschland relativ unbeachtet und das völlig zu unrecht! Glenn Close und Ted Danson (jaja der freundliche Mann von „Cheers“) laufen zur bösartigen und intriganten Höchstleistung auf. „Damages“ ist eine Serie, die absolut klug, spannend, überraschend  arrangiert ist und definitiv den Zuschauer dazu bringt, sich noch nach Ende der letzten Folge Gedanken über das eben Gesehene zu machen. –Ich grüble jetzt noch nach Monaten!

2) „No Country for old Men“  – Tommy Lee Jones mochte ich nie sonderlich. Das hat sich seit diesem  Film geändert. Diese Mischung aus  Thriller, Western und leichtem Horror, die dann am Ende mit Melancholie abgerundet wird, überzeugt in jeder Szene und in jedem kleinen Dialog. An dem Film stimmt alles.

3) „Jenseits von Afrika“ – Ein Evergreen! So alt, dass es fast schon wieder neu sein könnte!!! Dem Drehbuchautor, der aus der wenig romantischen Romanvorlage von Karen Blixen “Afrika. Dunkel lockende Welt” diesen Film gezaubert hat, gehören heute noch die Füße geküsst! Ein Geschenk, das die Damen (Mütter, Tanten, Cousinen, Omas, Freundinnen) garantiert immer erfreut…

FORTSETZUNG FOLGT

Preis oder Nicht-Preis…

October 17th, 2008 § 0 comments § permalink

Wer guckt denn schon den deutschen Fernsehpreis? Außer den geladenen Gästen, die sich vor und während der Veranstaltung schon mit gratis Alkohol und Koks versorgt haben, wären da wohl nur noch die, die auf dem Sendeplatz –wie immer- Florian Silbereisen erwarten. Und beim Anblick von Thomas Gottschalk arglos denken: „Mei, der Flori is aber groß geworden!“

 Marcel Reich-Ranicki hat diesem nichtigen Selbst-Huldigungs-Event im Grunde einen riesen Gefallen getan, indem er einen Preis ablehnte, der ohnehin keinerlei Relevanz hat. Ohne diesen Eklat, hätte niemand Notiz von dem Treffen der anonymen Fernsehmacher  genommen.  Und die ganze Folgediskussion, mit der die öffentlich rechtlichen Fernsehanstalten ganz nebenbei ihr Freitagsloch im TV-Niemandsland füllen, wäre auch nicht auf dem Schirm gewesen.

Die Diskussion zwischen Gottschalk und Reich-Ranicki hat im Grunde nichts Elementares zu Tage gefördert und man hatte ohnehin die ganze Zeit den Eindruck, dass der blond gelockte Moderator zum Monologisieren, Nicht-zu-Wort-kommen-lassen und Phrasendreschen abgestellt wurde. Wenn Reich-Ranicki jedoch einmal zu Wort kam, sagte er zumindest an einer Stelle etwas, das ganz und gar wahr ist. Als es noch kein Fernsehen gab, hatte das Theater eine ähnliche Stellung inne, wie heute das bewegte Bild. Und Schiller hat in seinem Essay bekräftigt, dass das Theater die Aufgabe hat zu unterhalten.  Und der größte Unterhaltungsdichter war und ist Shakespeare.

In Goethes Altersaufsatz „Shakespeare und kein Ende“, beschreibt Goethe das Werk des Dichters als „großer belebter Jahrmarkt.“ Goethe erkannte in dem englischen Dichter jemanden, der die Menschen beobachtet und so ihre Lage, ihr ganzes Leben in jeder Szene so real gestaltete, dass jeder sich selbst, oder zumindest ein Stück von sich, in seinen Werken wiederfinden konnte.

Nun könnte man zu dem Schluss kommen: Der Zuschauer von heute sieht aus, lebt und webt so wie, zum Beispiel, Cindy aus Marzahn. Und für einen gewissen Prozentsatz der deutschen Zuschauerschaft mag das auch zutreffen.
Allerdings hat Goethe, als Generalintendant des Weimarer Hoftheaters (1791-1817),  auch noch etwas anderes interessantes in diesem Zusammenhang gesagt: „Ich gehe sehr piano zu Wercke, vielleicht kommt doch fürs Publikum und für mich etwas heraus. Wenigstens wird mirs Pflicht diesen Theil näher zu studiren, alle Jahre ein Paar spielbare Stücke zu schreiben. Das übrige mag sich finden.“ Goethe wählte bei den Stücken, die in Weimar gegeben wurden eine Mischung aus Zerstreuung und durchaus anspruchsvoller Kunst. Denn er war sich darüber bewusst, dass das Publikum nicht sonderlich an Bildungs- und Belehrungsabsichten interessiert war.
 
Übertragen auf die Fernsehlandschaft heißt das im Grunde nur, dass vor allem gute Drehbuchautoren und Konzepte fehlen und nicht, dass das Publikum dumm ist und deswegen jeden Sonntag mit Rosamunde Pilcher zugedröhnt werden möchte. -Wer keinen Alkohol kennt, sieht und zu fassen bekommt, wird schließlich auch kein Alkoholiker. Zwischen Atze Schröder und einem Themenabend bei Arte fände man genug Spielraum für Schönes, das niveauvoll unterhält. In diesem Sinne: „All´ s well, that ends well.“

Zwangssexualisierung

October 3rd, 2008 § 2 comments § permalink

Im 16. Jahrhundert war das so: War man jung – so um die zwölf- weiblich und hatte Eltern, wurde man zu einer Ehe mit einem ältlichen Herren gezwungen. Dann musste das Mädchen von zu Hause weg, bekam ein, wenn es Glück hatte  und bei guter Gesundheit war,  zwei Kinder und verblutete dann elendig im Wochenbett. Älter als Mitte 20 wurde zu dieser Zeit kaum jemand. Und für die Frage nach Liebe und Zuneigung war schlichtweg keine Zeit.

Heute ist das so: Wenn man mit zwölf noch nicht den ersten Tripper oder Genitalherpes hatte und an jedem Wochenende wechselnde Sexualpartner, ist man frigide oder  gestört. Aber das macht ja nichts. Denn Gott sei Dank gibt es für diese Fälle nun endlich wieder Oswalt Kolle, den sympathischen 90-jährigen Greis, der alle untenrum locker macht. In den 70ern heiß diskutiert, heute milde belächelt. Denn was will man der heutigen Jugend schon noch groß beibringen?

Musste man früher zum Klavierunterricht oder zum Vereinssport –hatte also echte Hobbies- so verlustieren sich jetzt die lieben Kleinen mit Dildos, Gruppensex, Pornos aus dem Internet und Studieren am lebenden Objekt. Und irgendwie bleibt ihnen ja auch nicht viel mehr übrig. Die Vorbilder auf Viva, MTV und Co. machen vor, was erstrebenswert ist. Neben einem gestylten Äußeren ist das vor allem sexuelle Attraktivität und natürlich Sex selbst.

Überall in den Medien wird man nicht müde zu erzählen, dass die Kinder heutzutage viel frühreifer und geistig so unglaublich weit wären (was im normalen Alltagsleben schwer bestätigt werden kann). Aus kleinen Jungs und Mädchen werden ständig und überall kleine Erwachsene gemacht. Zur Untermauerung dieser These meldete sich neulich ein Frauenarzt, der behauptet, dass durch die Einnahme der Pille seit den 60ern so viele Hormone ins Trinkwasser gelangt sind, sodass die Mädchen heut alle viel früher körperlich entwickelt seien. -Wenn das stimmt, so müssten der männlichen Bevölkerung flächendeckend Brüste wachsen und sie fangen vielleicht auch bald an zu menstruieren.

Ich für meinen Teil bin jedenfalls froh, dass meine Eltern mich mit zwölf mit Barbie haben spielen lassen und nicht sagten: „So, Laura. Du bist jetzt schon zwölf. Du darfst mit dem Fahrrad nicht mehr auf dem Gehweg fahren. Du kannst nun selbstständig lesen und schreiben, bist gerade aus der Grundschule heraus. Du hast dir gestern dein erstes Schamhaar mit der Pinzette ausgerupft und deine Micky-Maus Schlüpfer gegen gestreiften Feinripp von Schiesser ausgetauscht. Bald  kannst du sogar einen ganz kleinen BH tragen. Deine Kleidung kaufst du noch in der Kinderabteilung und in Freizeitparks brauchst du, weil du unter 1,20 m groß bist, keinen Eintritt zahlen. –Hier hast du ein Kondom, geh´ und such´ dir nun endlich wen zum Vögeln!“

Mut hat es heute schwer

September 24th, 2008 § 0 comments § permalink

Seit die Generation Depression Einzug hält, wissen wir:  Schwermut geht immer und ist irgendwie auch ein bisschen schick geworden. Anmut, so sagte meine Sportlehrerin damals, ist das höchste Gut der Frau. Bedenklich, aber nun gut. Jede zweitklassige Modezeitschrift pflichtet ihr da wohl bei.

Was dagegen immer weiter auf ein Abstellgleis gelangt ist Mut –ohne A – und Suffix- .  Wer mutig und loyal ist, hat es nur hinter vorgehaltener Hand leicht und erntet vielleicht auch ein wenig Bewunderung. Mutige Menschen vermutet man meist nicht in dem Berufsbild der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Denn da muss man immer brav das sagen, was der Sache dienlich ist –ganz gleich, ob wahr oder nicht. Man muss hübsche, unverfängliche Worte finden, um manchmal riesen Sauereien in kleine Ferkeleien zu verwandeln. Und immer schön Lächeln dabei und die Pressemappen nicht vergessen!

Meine morgendliche Zeitungslektüre schaffte es heute, mich zu amüsieren und gleichermaßen zu erfreuen. Da ging es um die Essener Philharmonie und den gefeuerten Intendanten Michael Kaufmann, dem man Misswirtschaft vorwirft. Ich muss gestehen, dass ich mich weder mit der Philharmonie Essen, noch mit Herrn Kaufmann je beschäftigt habe. Diese Philharmonie-Wut in Nordrheinwestfalen geht mir ohnehin gegen den Strich. Bald wird wohl jeder Vorort, oder jeder Straßenzug mit mehr als zehn Häusern seine eigene Philharmonie bekommen. Aber das ist ein anderes Thema, von dem ich vermutlich auch keine Ahnung habe.

Was viel mehr meine ganze Aufmerksamkeit in Beschlag nahm, war das Verhalten der Sprecherin der Philharmonie. Bevor irgendjemand irgendwen fristlos und vor aller Öffentlichkeit feuern konnte, griff sie in einem Schreiben an die Zeitungsredaktionen dem Rausschmiss des Intendanten vor und ergriff Partei für ihn. Sie erklärte die Zukunft der Philharmonie für „gefährdet und völlig offen.“ Ebenso verwies sie auf eine  „öffentliche Kampagne“, die man gegen den Intendanten inszeniert und die scheinbaren Beweise, die man sich zu Recht gelegt hatte. – Überflüssig zu erwähnen, dass Anke Meis daraufhin von der Theater und Philharmonie GmbH beurlaubt wurde.

Wie gesagt, ich habe keinerlei Ahnung, was in der Philharmonie für Grabenkämpfe ausgefochten werden und was nun stimmt oder eben nicht. Im Grunde interessiert mich das auch nicht. Dennoch zeigt dieses Beispiel eines.  Anscheinend gibt es sie noch: Menschen, die aus Idealismus, Loyalität oder einem gesunden Unrechtsempfinden heraus mutig sind. Frau Meis wird wohl gewusst haben, welch hohe Wellen dieses Schreiben schlagen wird und sie wird auch gewusst haben, dass der Aufsichtsrat darüber „not amused“ sein wird. Trotzdem hat sie sich dazu entschlossen und den imaginären Stinkefinger ausgepackt (die dummen Gesichter der Silber-Pudel-Aufsichtsrat-Fraktion hätte ich gern dazu gesehen). Chapeau!

 

Der Feminismus ist tot…es lebe der Feminismus!

July 8th, 2008 § 0 comments § permalink

Im aktuellen Spiegel fand ich einen Beitrag, der mich sehr amüsierte. Es geht um die angeblich wieder erwachte Frauenbewegung mit all den tollen, starken und autarken Frauen des kulturellen und öffentlichen Lebens, die uns Normalo-Hinsiech-Frauen wieder ganz nach vorne bringen sollen.

Die üblichen Verdächtigen dieser Tage, wie Charlotte Roche oder Juli Zeh, werden brav genannt und ihre Anschauungen hoch gelobt. Sie seien die „Wegbereiterinnen eines neuen, anderen Feminismus.“ Frauen, die als Regisseurinnen oder Schriftstellerinnen arbeiten, werden als Leitfiguren benannt. Ihr neues Selbstbewusstsein, das sie in Ausstellungen mit so klangvoll wie engstirnigen Titeln wie „Ladies Only!“ oder „Female Trouble“ feiern, wird als großer Gewinn für die Frauenbewegung gefeiert. Gleichberechtigung klingt irgendwie anders. Alten Fregatten aus noch älteren Zeiten, die sich (selbstbestimmt) gegen Kinder entschieden hatten, wird der Garaus gemacht. Alice Schwarzer und Simone de Beauvoir sind ausrangierte Modelle.

Heldinnen sind dagegen heute Romanfiguren wie Helen Memel. Ganz recht, die Protagonistin aus den „Feuchtgebieten“ ist mir nichts dir nichts zur Heldin avanciert. Warum kann ich mir beim besten Willen nicht erklären. Ob sie eine Heldin der Körperöffnungen, des kleinsten Wortschatzes, der mangelndsten Hygiene, der Neurosen sein soll bleibt hierbei ungeklärt. Emanzipiert kann man ihr Verhalten am Ende des Romans jedoch wohl kaum nennen. Schließlich tauscht sie die Abhängigkeit des verkorksten Elternhauses gegen die Abhängigkeit eines Krankenpflegers, auf dessen Tasche sie fortan liegen wird. Chapeau!

Viel  bemerkenswerter ist jedoch, dass hier eine komplette Sparte zum Vorbild für emanzipierte Lebenswege erklärt wird. Dabei wird allerdings ein netter kleiner Umstand völlig außer Acht gelassen. Aller hier erwähnten Damen prollen auf sehr hohem Niveau. Die eine kann sich mit ihrem Ehemann, der ebenfalls Regisseur ist, in der Kindererziehung in regelmäßigen Abständen abwechseln. Künstlerinnen, wie Judith Holofernes zum Beispiel, haben mittlerweile Vollzeit-Kindermädchen entdeckt, wenn es auf Tour geht. Künstlerinnen sind demnach der alleinerziehenden Mutter, die einen ganz normalen Job als Kassiererin hat, gegenüber klar im Vorteil. Mit vollem Portemonnaie, einem flexiblen Zeitkonto lassen  sich die besten Sprüche klopfen.

Die kulturelle Elite lebt und denkt vornehmlich in einem Modell, wenn es um Emanzipation geht: Erfolg, Anerkennung für die Künstlerin und eine intakte Familie, in der es kein emotionales Oberhaupt gibt. Es scheint, als dürften sich dieser Tage nur Frauen mit Emanzipation beschäftigen und sich als emanzipiert bezeichnen, die mindestens ein Kind haben, beruflich sehr erfolgreich sind und folglich scheinbar doppelbelastet. Außerdem darf man auf gar keinen Fall an die alten Damen der Frauenbewegung erinnern und ihre theoretischen Denkansätze auf irgendeine Art lobend erwähnen (und klar: Kunst von Männern auch nicht).

Am Ende des Berichts gelingt dieses Vorhaben, eine Art Abneigung gegenüber der alten Zeit zu symbolisieren, allerdings nicht. Am Schluss kommt man sinngemäß auf das, was Simone de Beauvoir in ihrem (heute auch noch) maßgebenden Werk „Das andere Geschlecht“ sagte: „ Erst wenn es jedem Menschen möglich sein wird, seinen Stolz jenseits des Geschlechtsunterschieds im schwierigen Glanz seiner freien Existenz anzusiedeln, erst dann wird die Frau ihre Geschichte, ihre Probleme, ihre Zweifel und ihre Hoffnungen mit denen der Menschheit gleichsetzen können.“

 

Qualität, Journalisten und das Internet

July 4th, 2008 § 2 comments § permalink

Ich habe im Vorbeigehen eine Frage gelesen: „Gefährdet das Internet den Qualitäts-Journalismus?“ Das ist eine Frage, die eigentlich nur Journalisten stellen können, die mit zittriger Hand Woche für Woche gegen ihre Schreibblockaden kämpfen müssen und dabei heimlich ins Internet gucken, wenn die Arbeitskollegen in der Mittagspause sind. Und nachdem sie das getan haben, fallen ihnen vor lauter Schreck dann solche Fragen ein.

Was heißt denn hier eigentlich Qualitäts-Journalismus? Gibt es den überhaupt oder ist er, wie das an der Schule unterrichtete Oxford English, nur ein Mythos, eine Utopie? Und wenn es ihn gibt, woran kann man ihn zweifelsfrei erkennen? Und warum hat der Journalist mit dem Prädikat: Qualitativ besonders wertvoll, dann ausgerechnet Angst vor dem Internet? Müsste er ja eigentlich nicht.

Als Qualitäts-Journalismus kann sich wohl jeder Bericht bezeichnen, der durch solides, handwerkliches Wissen entstanden ist und sich der Absolution des Presserats sicher sein kann. Diese Art von Journalismus muss in der Lage sein Leitbilder zu formulieren, dabei aber auch gleichzeitig unabhängig von irgendwelchen Einflüssen, Gremien, etc. sein. Der Qualitäts-Journalist muss sich auch mal Kritik von innen und außen gefallen lassen und über die Fähigkeit verfügen, diese gewinnbringend in seiner Folgearbeit umzusetzen. Zwischen all diesen Dingen darf natürlich die gewissenhafte und penible Recherchearbeit nicht zu kurz kommen. So leistet jeder noch so kleine Qualitäts-Journalist einen gewichtigen Beitrag zu unserem kulturellen, demokratischen und bildungstechnischen  Miteinander. Ein Qualitäts-Journalist ist also eine Mischung aus Gott, der alles sieht, weiß und nur das Gute und Wahre will, Robin Hood und der guten Fee aus irgendeinem Märchen. Mit anderen Worten, liebe Kinder: Den Weihnachtsmann und den Qualitäts-Journalisten, so wie sich diese Sparte selber gern definiert, gibt es nicht. Tut mir leid. Nennt mich Pandora.

Sehr wohl gibt es aber Menschen, die einen ganz anderen Beruf erlernt haben, ein ganz anderes Leben führen , als der sogenannte Qualitäts-Journalist und sich trotzdem erdreisten ihre Meinungen, Gedanken, Gehörtes in einen Text zu bannen und ihn ungehörigerweise dank des infamen technischen Fortschritts ins Netz zu stellen, sodass alle ihn lesen können. Und das Schlimmste daran ist, dass solche Texte sogar gelesen und für gut befunden werden. Da grämt sich der Journalist, der doch eine so gute Ausbildung genossen hat und dachte nur ihm wäre der goldene, heilige Griffel verliehen worden. Penis-Neid und Streit im und um das geschriebenen Wort, das ist das 21. Jahrhundert. Vielleicht ist das ja die sogenannte „Preßfrechheit“, von der Goethe schon einst sprach. Wenn dem nicht so ist, muss man sich, angesichts so viel eigen Affenliebe, Misstrauen, Selbstzweifeln und unbegründeter Kritik wundern und mit den Achseln zucken. Mehr nicht.

   

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