August 19th, 2008 § § permalink
Ich bin kein Kuschel-Duzer, der einfach mal wildfremde Menschen anduzt, um für eine lockere Atmosphäre zu sorgen. Ich bleibe gerne und lange beim Sie und verdiene mir mein Du. Ich bin froh, dass die deutsche Sprache so etwas hergibt. Ich empfinde Siezen nicht als antiquiert und überflüssig. Das macht mich in meiner Generation eindeutig zum Exoten.
In die Spanplatten-Schmiede eines schwedischen Möbelherstellers setze ich deswegen auch nur ungern mein zartes Füßchen. Überall nur penetrantes DUDUDU. Und wenn man einen emsigen Verkäufer im Gespräch einfach mal fragt: „Kennen wir uns?“ kommt gleich ein Rattenschwanz von Erklärungen, warum es sozial, firmenphilosophisch und so weiter unheimlich wichtig und richtig ist, sich zu duzen. Ach ja, und im Übrigen haben die Schweden das Duzen im Grunde erfunden und salonfähig gemacht. Jaja…
Dass Siezen etwas mit Respekt zu tun hat und einen dementsprechenden Abstand, eine natürliche Hemmschwelle (die verhindert etwas unhöfliches zu sagen) zwischen zwei sprechenden Menschen herstellt, empfinden manche als unsozial. Denn wir sind ja alle gleich und niemand darf sich über den anderen stellen. Die Menschen, die so etwas sagen, sind meistens auch diejenigen, die sich in der Schlange der IKEA-Kantine mit Sören und Tomke an der Hand an allen anderen Wartenden vorbeidrängeln. -Weil sie gleicher als gleich sind.
Im Arbeitsleben kann die Duz-Pflicht für Mitarbeiter allerdings unangenehm sein. Manchmal möchte man zu Jürgen einfach nicht mehr Du sagen. Mein früherer Abteilungs-Chef hatte sich anlässlich der Weihnachtslichterketten-Affäre (in der es um eine weihnachtliche Schmückung meines tristen Arbeitsplatzes ging) direkt, ohne Vorgespräch bei der Personalchefin über mich bitterlich beschwert. Sie verwies ihn an mich. Seine unglaublich schlecht vorgetragene Bitte, doch das Schmückzeug freundlicherweise abzunehmen, fiel auf vorbereiteten Boden (merke: Sei immer gut mit den Personalern und sei dir ihrer Loyalität gewiss!). Meine kurze Antwort, mit einem Lächeln vorgetragen, enthielt viele verschiedene, teils verschlüsselte und auch nonverbale Nachrichten für ihn: „Kein Problem. Ich nehme sie sofort ab, Sie Arsch.“
June 23rd, 2008 § § permalink
Die deutsche Sprache kämpft gegen ihren Verfall. Aha. Soso. –Im Grunde kann das die geneigte Leserschaft nicht sonderlich schockieren und viel Neues hat diese Aussage auch nicht zu bieten. In Zeiten, in denen sich Jugendliche freundschaftlich mit „Na du Pisser!“ anreden und Mädchen „Anitas“ oder ganz schnörkellos „Fotze“ genannt werden, kann diese Feststellung nicht als neuste Eilmeldung bewertet werden.
Und doch wird der Verfall in einem Beispiel ganz besonders schön deutlich: In Liebesbekundungen. Was hatten die vergangenen Jahrhunderte für wunderschöne Liebesbriefe zu bieten! Wenn man da an Remarque und die Dietrich denkt, kann einem das noch die Tränen in die Augen treiben. Die Menschen machten sich Gedanken um möglichst schöne Worte zu finden, für das, was sie dachten und fühlten. Und doch, waren sie nie zufrieden: „Da habe ich dir viele Worte machen müssen, und hätte dir gerne so viel gesagt. Das Rechte kann ich aber nicht ausdrücken, es bleibt tief in meinem Herzen begraben.“ (Diotima an Hölderlin)
Und selbst, wenn es mal ein wenig schroffer zuging, hörte sich das Ganze noch vornehm und liebenswürdig an, wie bei Grillparzer etwa: „Du abscheuliches Ding! Ich glaube gar, ich bin in dich verliebt! Seit gestern, da ich nämlich deinen kritzeligen Brief erhielt, hab ich ihn schon dreimal gelesen.“
Auch handfester Ärger endete im 19. Jahrhundert noch mit einer charmanten Huldigungsbezeugung: „Oh, du Ungeheuer, Genie, Bösewicht, Lügner, Verleumder, Räuber, Schriftsteller, Komödiant-ach, du Teufel- ich bin außer mir, ich sterbe, ich bin schon tot…Deine Koketterie lockt mich von den Toten zurück, ich kehre noch einmal ins Leben, um mich von neuem in dich zu verlieben.“ (Sophie an Clemens Brentano)
Aber auch neben den Briefen, vermochte man es, im Medium Kunst der Angebeteten seine Aufwartung zu machen: „Mir ist es, denk´ ich nur an dich, als in den Mond zu sehn; Ein stiller Friede kommt auf mich. Weiß nicht, wie mir geschehn.“ (Goethe)
Und heute? Selbstredend findet man in der Literatur auch dieser Tage noch viel Schönes. Aber im Medium Musik, welches die Massen für sich einnimmt kann man leider viel zu oft Folgendes hören: „Her ass is a spaceship, I want to ride. She´s sexy.“ Oder „Baby, you float my boat!“ Und was deutsche Rapper zu sagen haben, wage ich gar nicht an dieser Stelle zu erwähnen. Angesichts mancher Zeilen fragt man sich aber zu recht, warum damals so viele Texte der Ärzte verboten wurden. Das, was die damals besungen haben erscheint einem rückblickend fast wie Liedgut aus der Mundorgel.
June 19th, 2008 § § permalink
In der Linguistik gibt es eine sprachliche Erscheinung, die mir besonders viel Freude während meines Germanistik-Studiums bereitet hat: Der Abtönungspartikel. Im Grunde nichts aufregendes. Und doch zeigt diese Sammelbezeichnung, für all die unnützen Füllwörter, die die deutsche Sprache so zu bieten hat vor allem eins: Füllwörter sind unheimlich beliebt.
Worte, die zu nichts nütze sind, kommen immer mehr schwer in Mode. Obwohl das System Sprache ohne sie vermutlich besser dran wäre, werden diese meist kleinen Wörter von nahezu jedem in den Wortschatz liebevoll integriert. Faszinierend ist in diesem Zusammenhang vor allem die Feststellung, dass bei vielen Menschen der Hauptwortschatz scheinbar nur noch aus solchen Worten besteht. Getrost kann man in diesem Zusammenhang also auch von Abtötungspartikeln sprechen. Denn Sprache geht anders.
Selbstredend, wird der studierte Germanist nun laut aufschreien und behaupten, dass gerade in der deutschen gesprochenen Sprache diese Modalpartikel unheimlich wichtig sind. All diese jas, halts, dochs, vielleichts, mals, gells, ehs und ebens gelten als winzige Möglichkeiten Modalitäten näher zu bezeichnen. Doch da muss ich halt jetzt mal vielleicht eben sagen, dass das ja gar nicht stimmt, gell?- Sind solche Sätze nicht unerträglich? Warum sollen sie in der Konversation vis- à -vis so unverzichtbar sein wo hingegen es in der geschrieben Sprache für dieses grammatikalische Malheur heißt: Wir müssen leider draußen bleiben!
Ist es nicht eher so, dass diese Worte prima dazu da sind, um Zeit fürs Lügen zu gewinnen? Ungefähr so: „Hast du was mit der Trulla?“ „Wie ich ja schon sagte…es ist doch ganz anders…halt so, wie ich dir eh schon gesagt habe…vielleicht hörst du mir endlich mal zu!“-Das ist das hässliche Gesicht dieser grammatikalischen Abart.