Marcel Reich-Ranicki hat es mit einem Buch geschafft, mein Germanistik-Studium an manchen Stellen freundlicher zu machen. Wenn man über Thomas Bernhards „An der Baumgrenze“ sitzt uns sich fragt, ob man nicht besser Japanologie studiert hätte, freut man sich über Ranickis Buch „Lauter Verrisse“. Hier wagt sich jemand kritisch an die heran, die sonst nur hochgejubelt werden und Kritik lediglich vom Hörensagen kennen.
Denn mit populärer Literatur verhält es sich zuweilen, wie mit dem allseits gelobten und unheimlich angesagten Italiener der Stadt. Einer geht hin und sagt: „Phantastisch!“ Der Nächste hat keine Ahnung von italienischer Küche und sagt einfach aus Verdacht: „Ja, ganz toll!“ Der Darauffolgende denkt sich, dass er nicht derjenige sein will, der sich als Nichtkenner und Spaghetti-Banause outet, also heißt es auch hier: „Mmmmhhhh, lecker!“ – Auf diese Weise können mittelmäßige Pizza-Büdchen jahrelang ihre gesamte Familie in Kalabrien finanzieren.
Also muss ich an dieser Stelle ein wenig den Reich-Ranicki geben, wenn ich mich nun noch einmal dem Roman von Charlotte Roche zuwende und mein damaliges Urteil revidiere. Ich habe den Roman gelesen und fand ihn ok. Der Plot steht auf wackeligen, dürren Beinchen, die Sprache entspricht dem Niveau eines Deutsch-Grundkurses in der 11. Klasse und inhaltlich ist man ab und zu geneigt anzunehmen, dass der ein oder andere Softporno für das Geschreibsel Pate gestanden hat. Frau Roche rühmt sich ja auch sehr eifrig überall zu betonen, dass sie stolz darauf ist, dass manch einer bei der Lektüre arg sexuell erregt war. -
Dass allseits bekundet wird, dass diese offenherzige Art mit Sex und den körperlichen Sperrgebieten umzugehen, so ganz und gar neu sei, finde ich sehr drollig. Wenn ich das Buch „120 Tage von Sodom“ von Marquis de Sade lese, das vor mehr als 220 Jahren geschrieben wurde, halte ich Frau Roche für prüde und phantasielos.
Wenn selbsternannte Feministinnen wie sie dieser Tage für „mehr Sex, mehr Schweinereien, keine Tabus“ eintreten, bleibt zunächst die verblüffende Feststellung, dass sich der Feminismus des 21. Jahrhunderts anscheinend keinen dringlicheren Themen mehr zuzuwenden hat. Da fällt es schwer ein Kichern zu unterdrücken.
Roches Sex-postive Feminsim ist weit ab von Ikonen der Bewegung wie Simone de Beauvoir oder hierzulande Alice Schwarzer anzusiedeln. Diese Art von neuem Feminismus mit einem Schuss Porno lässt allerdings nur noch vereinzelt die Schamesröte ins Gesicht treiben. Im Zeitalter von Youporn und Konsorten bleibt für ein Buch, in dem Muschi das Lieblingswort ist und sich die Protagonistin mit Schamhaarrasur, Sperma- und Scheidenflüssigkeit-Essen, gepaart mit sexuellen Spielereien beschäftigt, nicht mehr als ein Achselzucken beim jungen Publikum übrig. Jedoch bewirkt dieser Stil mit Sexualität und Selbstbestimmung umzugehen, dass eine Bewegung, die im Grunde mittlerweile als antiquiert, unnötig und verbohrt eingestuft wurde, zu neuem Leben in der Gesellschaft erwacht. -Reanimation eines Totgeglaubten quasi. Der weibliche Frankenstein ist wieder unterwegs.
Schon allein deswegen hätte ich mir gewünscht, dass Charlotte Roche uns mit diesem unsäglichen Thema lieber verschont hätte. Jetzt reden alle wieder von Frauenpower und stolpern schwungvoll über ihre eigenen Füße.
Reich – Ranicki hat in einer Kritik mit dem klangvollen Namen „Leichen im Ausverkauf“ einleitend Voltaire mit „so nachlässig können sie schreiben, wenn sie berühmt geworden sind; jetzt müssen sie sich noch Mühe geben“ zitiert. -Vielleicht nimmt Roche ja den entgegengesetzten Weg und gibt sich beim nächsten Versuch endlich Mühe und rechtfertigt so ihre exorbitanten Verkaufszahlen.
Ich denke dieses Buch als Bilderbuch… es wäre noch besser gelaufen!!!
Guckt man sich Frau Roche in den Talk Shows an.. so sitzt sie da selber mit
einem Achselzucken und kann sich den Erfolg selbst nicht erklären den wirklich
viel zu sagen hat sie nicht über das Buch.Ausser das es jetzt auf zig anderen Sprachen
herauskommt…gähn…Stückchen Blumenkohl Laura?;)
blumenkohl mit würstchen?
-herrje…ist das wieder ein niveau hier…-da fühl ich mich richtig heimisch;O)
Wir können ekliger! – Die Antwort auf „Feuchtgebiete“
Trockenzonen – Wenn Männer aufhören sich zu waschen
von Charles Roch
Erscheint am 1. Februar 2009 bei Carlsen