Der Ernst des Lebens…

August 22nd, 2010 § 0 comments

In der heutigen Zeit scheint es unmöglich für einen Sechsjährigen ein ganz normales, fröhliches und unbescholtenes Geschenk zur Einschulung zu finden. Mal abgesehen von diesem ganzen Lego-Star-Trek-Gedöns. Bücher kann man schon gar nicht kaufen. Und das nicht nur, weil der Junge ja noch gar nicht lesen kann. Entweder glotzt einem von jedem zweiten Cover dieser debile Hase Felix entgegen oder aber so klangvolle Titel wie: „Der Ernst des Lebens. Ab heute gehe ich zur Schule“, verhageln einem die Laune.

Warum bitteschön muss ich einem Sechsjährigen jetzt schon sagen, dass die nächsten zwölf Jahre davon geprägt sein werden, dass er von der liederlichen Gunst ungepflegter, schlecht gelaunter und nur mittelmäßig intelligenter wie motivierter, erwachsener Menschen abhängig sein wird. Warum muss ich dem kleinen Kerl stecken, dass es ab jetzt heißt: Fressen oder gefressen werden. Warum muss ich ihm durch die Blume sagen, dass das der Anfang vom Ende sein wird. Genauso gut könnte ich ihm die sieben Bände „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Proust überreichen und fragen: „NA, freut sich der Bub?“

Und überhaupt: Schlimm genug, dass die Blumen- und Geschenke-Industrie jeden stink normalen Tag plötzlich zu einem ganz besonderen ernennt, nur um dann Regale voll bepackt mit Nippes und Tand ins Schaufenster zu schieben. Völlig überteuert. Versteht sich. Und viele völlig Beknackte mit schlechtem Gewissen und nur mäßig funktionierenden Synapsen greifen zu. Nepper, Schlepper, Bauernfänger.

Und zur Einschulung mittlerweile der gleiche Dummsinns. Als ich eingeschult wurde, gab es eine grüne Schultüte mit einer selbstgebastelten Ente darauf, die ein Kopftuch trug. Keine Ahnung, ob meine Mutter da politisch korrekt sein wollte oder einfach Stoff übrig war. In der Schultüte befanden sich ein paar Buntstifte, ein Wasserfarbmal-Kasten von Pelikan und ein bisschen Süßes. Das war’s. Heute würde bei so einer Schultüte wahrscheinlich sofort das Jugendamt auf der Matte stehen.

Da kann man sich nicht lumpen lassen. Also gab’s ein Forschungs-Labor mit dem der junge Mann künftig seine Mutter in den Wahnsinn treiben oder den Wohnblock in die Luft sprengen kann. Und weil ich so eine schreckliche Spießerin und Klugscheißerin bin, gab’s natürlich auch eine Karte mit einem Gedicht, das nicht nur die nächsten 12 Jahre Gültigkeit hat:

Einen brauchst du
Einen brauchst du auf dieser Welt,
der mit dir weint und lacht,
einen, der unbeirrt zu dir hält,
der deine Probleme zu seinen macht.

Einen, der deine Träume kennt,
dir deine Schwächen vergibt,
einen, der dich beim Namen nennt,
und froh ist, dass es dich gibt.

Einen, der dich in die Arme nimmt,
wenn eine Hoffnung zerbricht,
einen, der deine Saiten stimmt,
einen brauchst du als Licht.

Emmy Grund

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