Verhasst und trotzdem noch nicht abgeschafft: Die Bundesjugendspiele an der Schule. Schon als Schülerin habe ich etwaige Ehren- und Siegerurkunden zwar langzähnig von unserer sehr maskulinen Sportlehrerin in Empfang genommen, sie aber augenrollend, die Haare hin und her werfend, unter lauten Schnaufgeräuschen zerfetzt und schließlich aufgegessen. Das nannte man damals noch nicht verhaltensauffällig, sondern einfach pubertär.
Leichtathletik ist nun wirklich etwas für Liebhaber. Springen, Werfen, Laufen…das ist was für Menschen, denen auch Günter Jauch am Sonntag kein Graus ist. Oder die sich statt Gedanken lieber Abendbrot machen.
Sei’s drum: Als Lehrerin hege ich nun auch diffizile Gefühle gegenüber diesem ausgedehnten Vormittag auf dem Sportplatz. Während ich dachte, dass meine Aufgabe eher mehr im administrativen Bereich –sprich Stoppuhren tragen oder Kinder verarzten- läge, wurde ich zum Ballwerfen kommandiert. Ich blieb mir treu und schluffte über den Ascheplatz mit Kleid, Leggins, leichten Lederschühchen und Strickjacke.
Den verblüfften Kollegen erklärte ich, während ich meine Sonnenbrille aus der winzigen Handtasche kramte, dass sich keinerlei Sportsachen in meinem Besitz befänden. Das war zwar ein bisschen gelogen, denn immerhin nenne ich ein paar Samt-Adidas-Schuhe mein Eigen, aber ich wollte die Story schön stringent aufbauen. Ich unterfütterte selbige noch mit einem knackigen Zitat von Roger Willemsen: „Ich bin froh, dass Sport meinen Körper noch nicht vollständig entstellt hat“, und postierte mich also beim Weitwurf. Den Kindern erzählte ich furchtbare Geschichten von meinem beständigen Versagen bei den Bundesjugendspielen, um ihnen diesen unsäglichen Druck zu nehmen, den der Oberfeldwebel im Körper eines handelsüblichen Sportlehrers mit klitzekleinem Ego schon längst überproportional hoch aufgebaut hatte.
Die freiwilligen Helfer in Gestalt der Senioren, die unter der Woche auf dem Sportplatz trainieren, nahm ich zunächst gar nicht wahr. Bis einer, dickbäuchig, in fragwürdigem Outfit, auf mich zusteuerte und mich fragte, wer ich eigentlich sei. Als ich mich als Lehrerin zu erkennen gab, rief er aus: „Was heutzutage alles schon unterrichten darf!“- Ich nahm die Sonnenbrille ab. „Naja, Sportlehrerin sind sie ja wohl offensichtlich nicht“, setzte er noch eins drauf und musterte mich von oben bis unten, während seine Silberpudel-Kumpels, die sich mittlerweile auch angepirscht hatten, brummend kicherten. Hier war keine Zeit mehr für Freundlichkeiten. Wo die Diplomatie schon längst über die Klinge gesprungen ist, braucht die Höflichkeit auch nicht mehr zu bleiben. Von wegen: Bieten sie ihren Sitzplatz demjenigen an, der ihn nötiger hat…
In Gedanken aß ich wieder sämtliche Ehrenurkunden auf und dachte an den hochroten Kopf meiner Sportlehrerin, als ich eine Ski-Verletzung glaubhaft vortäuschte, nur um in der Pause von ihr auf dem Schulhof herum hüpfend, erwischt zu werden. Ich bekam nie mehr eine Zwei.
An all das dachte ich, als ich den fett wie feisten Rentner fragte: „Und ihr Sport scheint wohl auch eher mehr im Vereinsheim statt zu finden oder haben sie einfach nur ne‘ kaukasische Kleinfamilie verschluckt?“ Ich setzte mir die Sonnenbrille wieder auf und ging in Richtung Erfrischungsstand. Ich glaube das nennt man einen coolen Abgang. Zumindest habe ich Szenenapplaus von den 9.Klässlern bekommen.