... die is ja völlisch anjejackert, wa?

Die Bundesagentur für Arbeit oder Willkommen im falschen Orbit

abgelegt unter: Alltag um: 5:59 pm

Ich habe blaue Augen. Mich deswegen in die Kategorie: Blauäugig im Sinne von dumm zu stecken, halte ich für abwegig. Dennoch muss ich mir nun selber dieses unschmeichelhafte Zeugnis ausstellen. Ich war sehr blauäugig. Als ich meine Abschlussarbeit an der Uni geschrieben habe, dachte ich noch flüchtig: Solltest du dich nicht jetzt mal nach einem Job umgucken? Aber zwischen Petrarca, Schiller und Co. vergaß ich dieses Ansinnen. Schließlich, drei Monate nach meinem heroisch errungenen Abschluss, war es dann soweit: Ein Besuch beim Arbeitsamt, pardon, bei der Agentur für Arbeit stand an.

Am Haupteingang kommt man am Wachpersonal nur noch vorbei, wenn man einen Termin mit dem nötigen Schrieb hat. Nicht, weil der Verein so exklusiv ist und Frauke Ludowig drinnen auf einen wartet, sondern weil es in der Vergangenheit zu Zwischenfällen kam, in denen die Mitarbeiter fliegenden Fäusten nicht mehr auszuweichen vermochten. „Pöbel,” dachte ich noch flüchtig und ahnte nicht, das ich bald mit ähnlichen Aggressionen gegenüber der Belegschaft zu kämpfen haben würde.

Das erste Gespräch verlief schon einigermaßen verwirrend. Hier ein kleiner Ausschnitt:

  • Ich: „Hallo! Ich habe diesen Herbst meinen Master of Arts an der Uni Bochum gemacht und suche jetzt einen Job.”

  • Sie: „Wat hamm se gemacht?”

  • Ich: „Einen Abschluss, der sich MASTER OF ARTS nennt.”

  • Sie: „Kenn ich nich.”

  • Ich: „Master, ein Grad über dem Bachelor.”

  • Sie: „Ach so, ja, den BACHE-LOR kenn ich wohl. Und wo drin?”

  • Ich: „Germanistik und Komparatistik

  • Sie: „Watt?”

  • Ich: „Germ….”

  • Sie : „ Jajajaja, und watt is dat jetzt?”

  • Ich: „Geisteswissenschaften, Philologie.”

  • Sie: „Phil….wat? Ach, lassen se ma, ich guck hier in meiner Karte ma nach.”

Völlig mitleidig füllte die Frau dann am Computer ein Schreiben aus. Einen Beratungstermin könne sie mir schon morgen anbieten, aber da ich ja erst seit heute gemeldet bin geht das nicht. Also wäre erst wieder was in vier Wochen frei. Ich fragte nicht nach Sinn oder Unsinn der von ihr gerade vor sich hingebrabbelten Worte. Ich nahm einfach, das, was sie mir gab und ging. Da rief sie mir durch das Großraumbüro hinterher: „Ach ja, Hartz 4 können sie beantragen, aber Arbeitslosengeld 1 steht ihnen nicht zu, weil sie ja noch nie gearbeitet haben.” Ich bedankte mich artig (und schämte mich in mich hinein) und ahnte noch nicht, was diese Info für Folgen haben würde. Da ich ohnehin nicht irgendeine Beantragung von irgendetwas mir vorgenommen hatte und stattdessen von der Gunst meiner Eltern und meines Sparkontos lebte, konnte mir dieser Herr Hartz echt egal sein.

Mein Beratungsgespräch vier Wochen später brachte erstaunliches hervor. Ohne Beziehungen liefe heute gar nichts mehr, so mein Berater (nach einer Stunde kam er mir wie eine schwarze Unglücks-Krähe vor). Die meisten Jobs in Inseraten existieren gar nicht und sind nicht viel mehr als Werbemaßnahmen von Firmen oder eine formale Angelegenheit für den Betriebsrat. Der Rest geht unter der Hand weg. Ich dachte dann gleich, dass wenn nicht die qualifiziertesten sondern diejenigen mit den besten Beziehungen in der Wirtschaft arbeiten, wir nicht auf einen allzu großen Aufschwung hoffen dürfen. Viel neues außer diesen motivierenden Neuigkeiten und dem Rat Kontakte zu knüpfen hatte der Berater nicht parat. Als ich ging, war ich so schlau, wie zuvor und fragte mich, wofür die ganzen akademischen Berater, die hier um die 20 Büros hatten, überhaupt da waren. Nur, um mich zu verwalten?

Zwei Wochen später bekam ich einen Anruf auf eine Bewerbung von mir. Man wollte mich zu einem Vorstellungsgespräch einladen. Allerdings würde ich einen Vermittlungsschein für die Personalvermittlung benötigen. Ich rief beim Arbeitsamt an. Die Dame am Telefon muss einen sehr schlechten Tag gehabt haben und machte auch keinen Hehl daraus. Ohne „Guten Tag!” und „Was kann ich für sie tun?” maulte sie ihren Namen ins Telefon. Da ich ja immer freundlich bleibe, selbst, wenn ich mich bei den Deppen von der Telekom zum zehnten Mal wegen falscher Buchungen beschwere, blieb ich auch hier freundlich und brachte mein Anliegen demütig vor.

  • Sie: „Den Schein kriegen se nur, wenn sie AlG 1 beziehen und seit zwei Monaten hier gemeldet sind. Noch was?”

  • Ich: „Das ist aber jetzt doof, weil ich schon gern zu dem Vorstellungsgespräch wollte. Und außerdem heißt das mit anderen Worten ja, dass sie mich dann nie vermitteln können, weil ich ja nicht berechtigt bin AlG1 zu beantragen.”

  • Sie: „Jetzt passen se mal auf, JA? Das ist alles Gesetz und auch nicht diskussionswürdig. Und wenn ihnen das nich passt, können sie ja 2500 Euro aus eigener Tasche an die Personalvermittlung zahlen und zum Gespräch fahren.”

  • Ich: „Ich hab das doch gar nicht persönlich gemeint. Ich mein nur, dass das ne seltsame Regelung fernab von der Realität ist.”

  • Sie: „Ich diskutiere hier nich mit ihnen rum…”

  • Ich: „Ich hab´ ja auch noch gar nicht angefangen zu diskutieren.”

  • Sie: „Sie können sich ja beschweren.”

  • Ich: „Ja klar, das wird dann wie ein Brief ans Christkind behandelt und somit nicht beantwortet. Ist schon klar, vielen Dank!”

-Ohne Worte-

2 Comments »

  1. Monika

    Weißt Du in Zeiten wo per Gesetz der Rechtsstaat seine Bürger und Bürgerinnen bis ins Schlafzimmer überwacht. Sollte der Bürger vom Staate lernen.

    Es gibt minikleine Diktiergeräte zu billigsten Preisen. ;)

    Solche sollte man vor einem Anruf bei einem Amt–pardon einer Agentur ;)-unbedingt mal testend einschalten.

    Unabhängig davon, die INFo indem beratungsgespräch hat Dich nicht angelogen- es ist oft sogar noch schlimmer.

    Nimm Deine berufliche Zukunft alleine und selber in die Hand.

    lg

    Comment — January 16, 2008 @ 11:22 am

  2. Laura

    Vielen Dank für den Vorschlag und die ermutigenden Worte!-Ich würd´mich freuen, wenn jeder, der Ähnliches erlebt hat, seine Erfahrungen hier niederschreiben würde!

    Comment — January 18, 2008 @ 1:50 pm

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