Schon als Kind konnte ich es nicht leiden, wenn auf Leuten kollektiv rumgehackt wird. Wenn alle Kinder in der Klasse Gabi doof fanden, fand ich sie erst recht dufte. Wenn der Klassenclown Jan einen von zig Tadeln kassierte, kommentierte ich das laut in Richtung der Lehrerein mit: Dusselige Kuh.
Ich habe ein Herz für Minderheiten, für Einzelkämpfer und halte es gern mit Voltaire: “Ich mag verdammen was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.” Natürlich sind Volldeppen von diesem Schutz und meiner Sympathie ausgeschlossen.
Charlotte Roche und ihr erstes Buch Feuchtgebiete gehören definitiv zu den schützenswerten Dingen dieser Tage. Im Grunde kann ich gar nicht verstehen, warum allseits die Nase gerümpft und laut im Chor: Pfui! gerufen wird. Freilich werde ich das Buch auch nicht in meine Top fünf der liebsten und besten Bücher aufnehmen, aber es wird auch nicht in der Negativ-Top-Fünf landen.
Selbstverständlich habe ich mich darüber gewundert, dass Roche nicht als erstes in Buchform über ihren früheren Arbeitgeber und die dort herrschenden Gepflogenheiten oder über die Musikindustrie erzählt hat. Nun hat sie sich aber dafür entschieden einen – zugegeben – wackeligen und platten Plot mit einer Protagonistin zu wählen, die sprachlich gesehen eine nervige Katastrophe ist. Ich wusste nicht, dass man das Wort Muschi in so zahlreichen Variationen wie: Muschihygiene, Muschiwaschen, Muschiflora, Muschigeschmack, Muschigeruch, Muschiregel, Muschihygieneselbstexperiment, Muschischleim, Muschifalten, Muschilamellen, Muschijucken, u.s.w. auf nur ein paar Seiten verwenden kann.
Auch habe ich mich nie sonderlich dafür interessiert, ob jemandem bei einer Intim-Rasur oder bei dem Herausziehen eines Haares im Intimbereich einer abgeht. Mich interessiert ferner nicht, ob und wie sich jemand gerne durch Analverkehr befriedigen lässt oder ob jemand gerne Popel, Krusten, Eiterpickel, getrocknetes Sperma, Scheidenflüssigkeit oder abgestorbene Hautschuppen isst. Es ist mir völlig egal. Und der Umstand, dass das jemand erzählt, überrascht mich auch nicht sonderlich. Der Endverbraucher von heute ist Kummer gewöhnt …
Was für einen belanglosen Mist muss man sich tagtäglich im Fernsehen oder in der Zeitung durchlesen. Da fragt auch keiner, ob es mich interessiert, dass Paul Kuhn wieder Klavier spielen kann. Ich lese es aber trotzdem und sage: Glückwunsch, Paulchen!
Interessen sind nun einmal unterschiedlich. Ich kann es schließlich auch nicht verstehen, wie sich allen Ernstes ein Buch über Monate in den Bestsellerlisten ganz oben halten kann, das nicht viel mehr als ein mittelmäßig geschriebenes Tagebuch über eine öde Wanderung ist.
Und doch muss man auch mal festhalten, dass Charlotte Roche mit ihrer Hauptfigur der Helen Memel ein kleiner Glücksgriff gelungen ist. Sie lässt dieses junge Mädchen lauter schockierende und abstoßende Dinge sagen und trotzdem treiben diese den Leser nicht von dieser Figur weg. Geschickt werden Sequenzen eingestreut, in denen man erahnen kann, dass die liebsten Hobbys dieses großen Teenagers nicht nur ficken, saufen und popeln sind. Helen züchtet Avocadobäume. Dieses Hobby sieht sie als Kinderersatz. Erst vor kurzem hat sie sich sterilisieren lassen, um den familiären Kreislauf der Nervenschwäche, Gestörtheit und des Unglücklichseins zu durchbrechen: “Ich kann nämlich nur noch Avocadobäume kriegen. Bei jedem neuen Baum muss man fünfundzwanzig Jahre warten, bis er selbst wieder Früchte trägt. Ungefähr so lange muss man als Mutter auch warten, bis man Großmutter wird.”
Es sind genau diese Stellen, die wie Brandraketen im ganzen Text immer wieder aufleuchten und dem Leser vermitteln, dass er da nicht von einer Nymphomanin und ihren Geschichten unterhalten wird. Helen Memel ist im Grunde und hinter diesen ganzen ausgiebigen und widerlichen Beschreibungen ein kleines, verunsichertes, enttäuschtes, armes Scheidungskind-Würstchen, bis zu den Haarspitzen voll mit Komplexen, Traumata und Zwängen.
Und, wie um hinter diese Einsicht ein Ausrufezeichen zu setzen, sagt Helen über sich: “Ich wurde von meiner Mama zu einer sehr guten Lügnerin ausgebildet. Sodass ich mir alle Lügen sogar selber glaube.” Was kann man diesem Mädchen überhaupt glauben?
Diese Frage bleibt, auch nachdem man das Buch ausgelesen hat. In erster Linie denkt man an die Helen Memel, die mit ihrem Leben, ihren Eltern und ihrer Vergangenheit nicht klarkommt und nicht an die Helen, die in den Puff geht.
In Goethes Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten heißt es an einer Stelle: “Geben sie uns zum Anfang eine Geschichte von wenig Personen und Gegebenheiten [...] in der die Menschen erscheinen, wie man sie gern mag, nicht vollkommen, aber gut, nicht außerordentlich, aber interessant und liebenswürdig. Ihre Geschichte sei unterhaltend [...] und hinterlasse uns einen stillen Reiz weiter nachzudenken.” – Mission erfüllt, Frau Roche!
haha, ich lese das buch gerade. normalerweise pflege ich beim lesen zu essen, diesmal mache ich eine ausnahme. machts aber nichts! unterm strich bin ich fasziniert über roches schonungslosen angang der thematik, die ich bislang nie für eine gehalten hätte. am ende kackt die ente und ich werde sagen können: nö, mir ist nichts menschliches mehr fremd! ob ich das buch allerdings meiner oma leihe? eher nicht.
naja, wenn es eine sehr experimentierfreudige oma ist….;O))))-aber du hast schon recht: mit knabbereien während des lesens ist wirklich nicht. zuerst hab ich noch geschmunzelt und gedacht: alles abschreckung, vielleicht wird aus der geschichte noch ein schöner schwan…-zum ende hin (also nach der puff-episode) kommt aber kaum noch was richtig widerliches.-
ach du kacke…das wird gen ende NOCH besser? ich werde schon jetzt nie mehr blumenkohl unbefangen verzehren können! oder hüttenkäse…; )
wenn ich im april zu der lesung von feuchtgebiete gehe, sag ich der charlotte das!so gehts ja nicht! wo kommen wir denn da hin, wenn die noch so´n buch schreibt! dann isst ja bald vor ekel gar keiner mehr was!!
…ich hab jetzt schon Angst wenn Frau Roche nach der Lesung die Frage stellt:”Noch Fragen?”
Heute schon gelacht?
http://www.bild.de/BILD/news/standards/post-von-wagner/2008/04/18/post-von-wagner-18-04,geo=4303470.html
kann bitte mal einer dem döskopp sagen, dass es echt keine sau interessiert, was er so in die bildzeitung onaniert….