„Ich darf gar nicht daran denken, welch menschliches Gefüge zerstört wurde“. Traurig sieht Johann Wolfgang Goethe aus, als er diese Worte im Sessel seines Arbeitszimmers im Haus am Frauenplan in Weimar ausspricht. Draußen prasselt der Regen schon seit Stunden unaufhörlich gegen die kleinen, schmalen Scheiben.
Viel ist seit dem Tod des Freundes vor einem Jahr passiert und doch scheint es beinah so, als ob Zeit in diesem Fall gar keine Rolle für den berühmten Dichter von „Werthers Leiden“ spielt. „Wissen sie“, sagt er plötzlich in einem ganz seltsam sanften Tonfall, nachdem er eine Kiste voller Briefe – die gesamte zehnjährige Korrespondenz zwischen ihm und Schiller- unter seinem Eichenholz-Schreibpult umständlich hervorzieht, „in jeder Trennung liegt ein Keim von Wahnsinn. Man mag sich davor hüten ihn nachdenklich auszubrüten und zu pflegen.“ Er dreht sich um und wühlt ziellos in den Briefen.
Goethe, dem Zeitgenossen Hochnäsigkeit und Kühle nachsagen, redet ganz schnörkellos, ohne viel Pathos. Das liegt ihm ohnehin nicht mehr. Die Zeiten des „Sturm und Drang“ sind vorbei und die Überschwänglichkeit seines empfindelnden Werthers schaut ihn nun, nach all den Jahren und dem Wechsel als Geheimer Rat mit all der Verantwortung für verschiedenste Ämter, ganz fremd aus längst vergangenen Zeiten an. Beinah drohte die Bürde, auferlegt durch den unbedarften Herzog von Weimar Sachsen-Eisenach, den gebürtigen Frankfurter aus gutem Hause zu erdrücken. Die Geschäfte erlaubten selten sich der eigentlichen Berufung Goethes zu widmen. Der studierte Jurist hatte kaum noch nennenswerte literarische Erfolge zu Papier gebracht seit seiner Rückkehr aus Italien. Goethe war längst nicht mehr die große Nummer auf dem Autoren-Parkett.
Das änderte sich jedoch, als Friedrich Schiller von Jena nach Weimar zog. Zunächst beäugte man sich argwöhnisch und fühlte bei gemeinsamen Freunden vor, wie denn „der andere“ so sei. „Ich konnte ihn nicht ausstehen“, sagt Goethe und senkt den Blick, um einen dicken Stapel Briefe aus der Kiste zu holen. „Diese langen Haare, diese wässrigen Augen, die so aussahen, als würden sie stets träumerisch in den Himmel oder
sonst wo, abgekehrt von allem Irdischen, hinblicken“.
Dass Schiller ihn für selbstgefällig, eitel und arrogant gehalten hat, sagt Goethe nicht. Schiller hat hingegen einmal über den literarischen Freund gesagt, dass die eigentliche Zäsur im Verhältnis der beiden in einem ganz anderen Punkt liege. Er beschrieb in diesem Zusammenhang Goethe als den Menschen, der alles mit dem Auge betastet, es beobachtet und dann seine Schlüsse daraus zieht. Er hingegen betaste die Dinge auch, jedoch mit seinem inneren Auge, der Seele und dementsprechend gestalte sich seine Arbeit.
Über ein Jahrzehnt waren die beiden, dank glücklicher Vermittlungen Dritter, schließlich freundschaftlich verbunden und unterstützten sich auch in literarischer Hinsicht. In dem Briefwechsel der beiden finden sich unzählige Schreiben, die den „Wilhelm Meister“ zum Gegenstand haben. Ihr gemeinschaftliches, allerdings nicht von herausragendem Erfolg gekröntes, Zeitungs-Projekt „Die Horen“, gehörte mit Sicherheit für beide zu den eher erquickenden Belegen für eine perfekte Symbiose in puncto literarischer Zusammenarbeit.
Auch schaffte es Friedrich Schiller, Goethe für das Nationaltheater Weimar zu gewinnen und mit ihm gemeinsam maßgebende Dinge und Regeln bezüglich der Arbeit auf dem Theater festzulegen. Es ist also nicht verwunderlich, wenn Goethe in den ersten Tagen nach Schillers Tod im Bett liegt, nicht zur Beerdigung geht und seinem guten Freund Zelter gegenüber äußert, dass er mit dem Tod des Freundes „die Hälfte seines Lebens“ verloren habe.
Verarbeiten kann Goethe diesen tiefen Einschnitt nur mühsam. Besonders die darauf folgenden Umstände machen ihm zu schaffen. Da wühlt halb Weimar im Kassengewölbe, wo vor Schiller bereits 50 andere Menschen beigesetzt wurden, um doch noch Knochen von ihm zu finden und diese an angemessener Stelle erneut beizusetzen. Und am Ende verkündet der Bürgermeister Schwabe, er habe den Schädel Schillers gefunden. Goethe lässt sich diesen in sein Haus bringen. Nächte sitzt er vor dem Schädel, der auf ein blaues Samtkissen gebettet ist und betastet, beschaut ihn. Er findet keine Ruhe. „Ich war fasziniert von diesem seltsam, weißen Schädel und überlegte unentwegt: Ist das alles, was am Ende von ihm, dem großen Dichter, meinem Freund übrig geblieben ist“, sagt Goethe mit heiserer Stimme. „Ich war ein Hamlet in diesen Nächten, mit dem Schädel in meiner Hand“.
Der Mensch Goethe vermag den Verlust in seinem alltäglichen Leben zu überspielen. Der Dichter hingegen vermag es nicht. Die Essenz dieser Nächte findet man in dem Terzinen-Gedicht „Im ernsten Beinhaus war´s“ gebündelt. Hier schafft er ein, wie es scheint, Zeiten überdauerndes Denkmal.
Goethe ist mit dem Tod Schillers ein anderer geworden. Seine Sicht auf das Leben hat eine konkretere Richtung erhalten. Sein problematisches Verhältnis zum Tod mündet in relativ versöhnenden Ansichten. Doch Goethe ist mehr Pragmatist, statt Träumer oder Romantiker und eine platte Allgemeinaussage wie: „Das Leben geht nach dem Tod weiter“, würde ihm nicht über die faltigen Lippen kommen.
Es ist wieder die Natur, die er beobachtet und von der er Rückschlüsse auf sein eigenes Sein zieht: „Die Natur schafft beständig und zerstört wieder“, sagt er als er die Briefe mit einem Mal in die Kiste fallen lässt. „Das äußere, menschliche Gefüge mag zerstört worden sein. Das, was hingegen noch da ist und die Zeiten überdauert, sind die zu Papier gebrachten Gedanken und der einzigartige Verstand, der sich in ihnen widerspiegelt“.
Seine großen, verständigen Augen bekommen bei diesen Worten einen seltsamen Glanz. Abschließend, an diesem Vormittag, verrät Goethe noch, dass er an seinem „Faust“ hin und wieder arbeitet und auch „endlich den Kopf dafür frei“ habe. Dann geht er plötzlich die Bücherregale, gleich neben seinem Arbeitszimmer entlang und zieht zielstrebig einen abgegriffenen Einband heraus: „Kabale und Liebe“. „Das wird auch noch in 200 Jahren gelesen werden und jeder wird sich an den Dichter Friedrich Schiller erinnern, meinen sie nicht?“
Gedankenverloren senkt er den Blick und streicht über den Buchrücken, bevor er den Raum Richtung Garten verlässt.