Ein Schloss geht auf Reisen…

July 25th, 2010 § 2 comments

Man ist ja ein echter Seppel. Diese verflixte Grundfreundlichkeit, die ich jedem Heckenpenner entgegen bringe, muss ich einfach mal ablegen. Jedes Einzelschicksal (und psychisch Kranke) fühlen sich davon sehr betört und magisch angezogen. Ich bin quasi die einzige Lichtquelle in der afrikanischen Nacht. Was habe ich mir damit nicht alles schon für Probleme heran gezüchtet, weil ich lieber patent lächle, als klar und deutlich zu sagen: „Schleich dich!“ Auf diese Weise musste ich schon viel erdulden. Man glaubt gar nicht, wie viele Sorgenkinder draußen frei rumlaufen…

Ich will es kurz machen: Ein Herr, der schon weit über seinem Zenit ist, eine Festivität, ein bisschen Alkohol, viel unbedeutende Plauderei und ein geliehenes Fahrrad. Das sind die Zutaten. Der ältere Herr lieh mir am Ende dieses Abends, an dem ich keinerlei Avancen machte und seine Grabbeleien stoisch ignorierte, sein Fahrrad. Er zwang es mir auf. Natürlich mit Hintergedanken. Aber ich junges Ding, durchschaute dies freilich nicht. Hieraus ergab sich nämlich die unendliche Geschichte, die erst vor kurzem, nach geschlagenen acht Monaten ihr Ende fand.

Ich brachte ihm das Fahrrad am darauf folgenden Tag wieder, klingelte nicht bei ihm, ging nicht über Los, sicherte das Rad jedoch mit meinem Fahrradschloss. Die Schlüssel vergaß ich bei diesem Master-Plan. Da ich ihm nicht allzu zügig wieder begegnen wollte, übergab ich diese einem Freund, der einen Freund dieses Menschen kannte. Klingt kompliziert? Ist es auch!

Irgendwie kam der Sugar-Daddy dann an meine Mobiltelefonnummer. Ab da klingelte es Tag und Nacht, SMSen trudelten ein und der Inhalt war immer Folgender: Wann sehen wir uns das nächste Mal? Ich entschuldigte mich, und bat ihn das Schloss samt Schlüssel einfach Retour zu schicken. Das ging Monate so. Dann schließlich lief er mir über den Weg. Der beherzte Sprung in die Rabatten, nützte nichts. Und dann ging es los: Er sei zu alt für solche Spielchen, ich solle gefälligst an mein Telefon gehen, wenn er anruft, Pipapo. – Das abstruse an der Sache war: Ich hatte tatsächlich nachher ein schlechtes Gewissen. Ich bin so schrecklich leicht zu manipulieren.

Der Terror erreichte eine neue Stufe. Neben Telefonanrufen im Stundentakt, bekam ich jetzt auch noch Besuch von ihm auf der Arbeit. Ich war zunächst peinlich berührt, bis es dann irgendwann in blanken Hass umschlug. Ich habe es noch im Guten versucht und gesagt, dass er mir das Fahrradschloss doch einfach mitbringen, vor die Tür legen oder einfach behalten soll. Geschenkt! Kannste behalten! Und jetzt geh und lass mich in Ruhe!

Aber nein! Eine zweite Szene zum absoluten Fremdschämen setzte dieser unsäglichen Geschichte die Krone auf. Dieses Mal vor Publikum. Zunächst im Kuschelmodus, pirschte sich das Alt-Herren-Gedeck heran, säuselte mir dann irgendwelche huldigenden Sachen ins Ohr. Und dann kam der Satz der Sätze: „Wir müssen uns nochmal treffen wegen dem Fahrrad-Schloss“. Da sah ich rot: „Ach, müssen wir das? Weißt du was? Du kannst dir das verfickte Schloss durch die Eichel ziehen, abschließen und den Schlüssel wegwerfen! Ist DAS deutlich genug?“

Ich gebe zu, ich war ein wenig über mich selbst erschrocken. Aber seither habe ich nichts mehr von ihm gehört oder gesehen. Und das zeigt doch nur, dass man manchmal –trotz aller Freundlichkeit, die in einem steckt- eben deutlich werden muss…

P.S.: Das Fahrradschloss lag dieser Tage in meinem Fahrradkorb. -Geht doch!

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