Ein Tag wie jeder andere

July 10th, 2011 § 0 comments

Ich will nicht wie ein weinerliches, quengelndes Kind klingen. Und doch: Irgendwie geht mir das mit dem anstehenden Geburtstag ziemlich an die Nieren. Fast täglich erkundigen sich Freunde und weit entfernte Bekannte, ob ich diesen runden Geburtstag gedenke zu zelebrieren. Ja, sie drängeln sich im Grunde feist auf. Ich rede mich raus und behaupte, dass ich den 31sten groß feiern werde. Was ich natürlich nicht vorhabe. Von der eigenen Geburtstagsparty hat man schließlich selbst am allerwenigsten.

Also fahre ich weg und mache Urlaub bei Wolfgang. Bum. Zack. Aus. Ich lass mir von der buckeligen Verwandtschaft doch nicht den guten Kaffee wegsaufen, Kuchen wegschnetzeln, deprimierend-pseudo-lustige Geburtstagskarten schenken und die frisch bezogene Wohnung verwüsten. Bei Wolfgang tue ich den ganzen Tag dann so, als ob gar nichts Besonderes los ist. Wolfgang übrigens auch. Dass ich in seinem Garten abhänge, in seinem Haus rumlaufe und seine Sommerresidenz temporär in Beschlag nehme, stört ihn nicht. Wolfgang ist ein guter Kerl. Die gibt es ja selten genug.

Ich bin in einem Formtief. So, wie die Fußballer-Frauen. Letzte Woche während der Klassenfahrt war ich sogar zu abwesend um die Kinder zur Raison zu rufen. Die Klopperei im Schulbus noch vor der eigentlichen Abfahrt? –Ich rümpfte noch nicht einmal die Nase. Kind aus dem Landschulheim verschwunden? -Ich zuckte mit den Achseln und rief gleichgültig die Polizei. Ein Ball, der direkt in meinem Gesicht landete? –Ich sammelte ihn gedankenverloren ein und ging. Die Kinder fragten und verlangten hingegen nach einem ordentlichen Anschiss. Als ich den verweigerte, verkloppten sie den Ballwerfer. Als nachts zwei Mädchen in meinem Zimmer standen und vor Heimweh weinten, weinte ich mit und verteilte wie in der Betty-Ford Klinik Heimweh-Pillen. Ich selber aß die halbe Packung auf.

Am Strand beim Muscheln sammeln, trat ich zuerst in eine Qualle und verknackste mir dann beim angeekelten weghüpfen den Fuß. Das wäre mir früher alles nicht passiert. Ich bin dünnhäutig geworden. Ein Jammerlappen. Ich habe sogar Angst davor, dass mich ein Regentropfen hinterrücks erschlagen könnte.

Es ist lächerlich, ich weiß. Schließlich sind die meisten Menschen in meinem direkten Umfeld, vielvielvielevielviel älter als ich es bin. Darum geht es auch nicht. Es ist vielmehr wohl so, dass ich jetzt denke: So, das war’s jetzt mit dem Albern-sein, mit dem Arsch in die Überwachungskamera halten, den unangemessenen Kicherschleifen, dem Tollpatschen, dem in-den-Fettnäpfchen-der-Welt baden, dem unvernünftig- und idealistisch-sein, … dem hemmungslosen Träumen. Mit 30 muss ich meine Steuererklärung selbst machen, ernsthafte Gespräche mit meiner Bank-Beraterin führen, Arbeitsunfähigkeitsversicherungen abschließen, knallige Farben und Muster meiden, meine Taschen- und Schuhsammlung verstecken, Faltencremes kaufen und den Müll trennen. Tja…Rechte und Pflichten. Das Zeitalter der Pflichten bricht nun an. Und das, wo ich doch eigentlich eher mehr der Mensch für die B-Note, also die Kür, bin. Alles prima machen, wenn es ohnehin nicht darauf ankommt. Das ist mein Ding. Druck ist was für den Toilettenspülkasten. Aber nicht für mich.

„Das Leben ist eine Kunst, in der es leider zu viele Dilettanten gibt“. Ich hoffe, die 30 ist wirklich nur eine Zahl und kein Fallbeil, das mich über Nacht zur Dilettantin macht.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

What's this?

You are currently reading Ein Tag wie jeder andere at anjejackert.de.

meta