Meine Mutter hat es damals gewiss nur gut gemeint, als sie mir vor dem Schlafengehen Goethes Gedicht „Erlkönig” vorlas. Mit Sicherheit hat sie nicht geahnt, dass mich dieser finstere König einen Teil meiner Kindheit unangenehm verfolgen würde. Furchtbar gegruselt habe ich mich, als das Licht gelöscht wurde und unter meiner Bettdecke versteckt. In meiner Phantasie sah ich den Erlkönig mit glühenden Augen neben seiner mindestens so unheimlich ausschauenden Mutter stehen und mit dem knochigen Zeigefinger locken. Wochenlang verbrachte ich nachts mit der Taschenlampe bewaffnet im Bett. Ich war jederzeit bereit die finsteren Wesen, die es scheinbar auf kleine Kinder abgesehen hatten, mit einem Lichtstrahl in die Flucht zu schlagen.
Dabei stellte sich mir die Frage, warum solche Kreaturen immer Kindern auflauerten. Die Liste der Betroffenen, die ich seither gewissenhaft führte war lang: Hänsel und Gretel, Rotkäppchen, der Knabe im Moor, Schneewittchen und viele mehr. Durch die eben Genannten wurde mir schnell klar, wo man sich als Kind auf gar keinen Fall aufhalten sollte, um verärgerten und psychisch stark angeschlagenen Damen und Herren nicht zu begegnen. Das Kind im „Erlkönig” allerdings gab mir Rätsel auf. Es war weder im Moor, noch im Wald umhergegangen. Meine Mutter erklärte, zu meiner allergrößten Überraschung und Bestürzung, dass das Kind wohl eine Grippe bekommen hat, weil es seine Mütze und den Schal nicht umtun wollte, obwohl die Mutter es ihm ausdrücklich gesagt hatte (aus der heutigen Sicht würde ich das fürsorgliche Diktatur mit Einschüchterungseffekt nennen, was meine Mutter da zum besten gegeben hat). – Zwei Wochen später bekam ich die Windpocken, obwohl ich mir fest vorgenommen hatte nie mehr bis zum Erwachsenenalter krank zu werden. Ich lag im Bett und harrte der Dinge und hoffte inständig der Erlkönig würde nur grippige Kinder holen. Meine Genesung ging aufgrund des Schlafmangels nur sehr schleppend voran. Mitten in der Nacht sprach ich mit verstellter dunkler Stimme in die Dunkelheit hinein, um dem Erlkönig zu signalisieren: Hier liegt kein krankes Kind, sondern nur ein kranker Erwachsener, also: Schleich dich!
Meine älteste Schwester, die das Zimmer neben mir hatte hörte mich eines nachts. Mit einiger Verzögerung, während welcher ich in einen kurzen leichten Schlaf gefallen war, kam sie in mein Zimmer. Was sie da sah, kann ich nur aus ihrer Sicht wiedergeben, denn erinnern kann ich mich natürlich an nichts (das ist bei Kuriositäten ja immer so). Ich saß aufrecht im Bett, hatte die Augen offen und knipste immer wieder das neben dem Bett stehende Licht an und wieder aus. Als meine Schwester mich ansprach, antwortete ich mit verstellter Stimme: „Ich bin kein Kind. Ich bin kein Kind. Ich bin kein Kind. Ich bin kein Kind. Ich bin kein Kind…..”- Von der Nacht an durfte ich bei meinen Eltern in der Besucherritze schlafen und meine Schwester nannte mich liebevoll: Das Mädchen aus dem Exorzisten.
[...] das so ist, ich kam in den dann folgenden 20 Jahren nicht dazu, dieses Blog zu beginnen, musste Traumata verarbeiten, bin viel umgezogen und gereist, Behörden-Willkür nahm mir die Zeit usw. usw. [...]