Eines fiel mir gleich auf, als ich Harald Martensteins neues Buch „Gefühlte Nähe. Roman in 23 Paarungen“ in den Händen hielt und den Klappentext musterte: Der Harald präsentiert sich dort recht wild, mit Schenkelbürste, zerzausten, langen Haaren, einer gewinnbringenden Rundglas-Hornbrille und in extrem lässiger Pose. Auch der Blick ist vielsagend. Das letzte Bild, das ich von ihm gesehen habe, erinnerte an einen biederen, soliden Gymnasial-Lehrer (Geschichte und Politik). Dieses Bild jedoch hat eher was von einem RTL-Programmchef, der trotz seines fortschreitenden Alters den ganzen jungen Hyänen zeigen will: Hey, ich hab’s noch drauf und mach Euch alle fertig.
Leider setzte sich der erste zweifelhafte Eindruck im Inneren des Buches fort. An einer Frau, die N. genannt wird, sollen exemplarisch alle Gattungen von Mann in jedweden Begattungs- und Angattungssequenzen sowie –formen vorgeführt werden. Der Leser durchläuft N.s erste sexuelle Erfahrungen mit dem Lehrer bis hin zum Urlaubsmitbringsel einer alten Frau um die 60. Der Leser erhält Einblicke in die Irrungen, Wirrungen des Lebens einer Frau sowie ihrer Männer, Geliebten, Verehrer, was-auch-immer. N. ist eine Gummipuppe, an der sich literarisch abgearbeitet wird.
Bis zum 14. Kapitel könnte man sich tatsächlich ärgern, dass man mit 19,90 Euro das Lotterleben dieses –zu Recht- hochgejubelten und mit Preisen dekorierten Kolumnisten und Redakteurs durch den Kauf dieses Buches mitfinanziert. Denn bis dahin findet sich nicht viel mehr als ein bisschen Alt-Herren Phantasie und Mario Barth-Psychologie für Intellektuelle. Man wird den Eindruck nicht los, dass Romane nicht so sehr Martensteins Ding sind. Sie liegen ihm nicht. In seinen Kolumnen funktioniert der schnelle Wechsel, das scheinbare Abkommen vom Weg, um am Ende alles wieder rund zu machen und zusammen zu fügen. Bei „Gefühlte Nähe“ entgleitet Martenstein das Konstrukt jedoch gerade am Anfang. Und man ist geneigt, die Behauptung aufzustellen: Ein knackiger 50 Meter Spurt ist eher sein Metier, als ein Halb-Marathon. Das ist auch nicht schlimm. Schließlich sind Marathon-Läufer Idioten.
Ab Kapitel 14 jedoch bekommt man Spaß an dem kleinen Werk. Als der Autor schildert, wie sich Orlich, der mit Claudia verheiratet ist, von ihr wegen N. trennt und auszieht. „Als sie durch das Haus gingen, geschah etwas, das Orlich beinahe körperlich spürte. Claudias und Orlichs Haus, dieser Organismus, der in ihrem Rhythmus atmete, der sich an ihre Bedürfnisse und auch an ihre Mängel gewöhnt hatte […], ein Geschöpf, das lebte, weil es geboren wurde, und alterte und Antwort gab, wenn sie fragten, dieses Wesen, das sie geschaffen hatten nach ihrem Ebenbild und das nach ihrem Tod fast jede sie betreffende Frage hätte beantworten können, dieses Haus verwandelte sich wie ein Mensch, der aus einem Traum erwacht und die Augen aufschlägt. Die Gegenstände schütteln die Jahre ab“. In diesem Kapitel sitzt jedes Wort. Jeder Gedanke. Jedes Bild. Und das Gefühl. Wäre das ganze Buch in dieser Art geschrieben, es wäre zum Niederknien.
Alle folgenden Kapitel sind in der gewohnten Martensteinschen-Manier geschrieben. Der Mann hat was von Fontane. Die Lebensweisheit, das Augenzwinkern, das Bissige, die Ironie und das genaue, beobachtende Auge. Jeder Satz scheint durchkomponiert zu sein. Zumindest sprachlich. In gedanklicher Hinsicht, bleibt das Buch leider Einiges schuldig und man legt es zur Seite, ohne sich weiter Gedanken darüber zu machen. Und das ist zwar nicht unbedingt das Schlechteste, was einem Buch passieren kann, aber eben auch nicht das Beste. „Das Leben nimmt man nicht als Linie wahr, die von Punkt A nach Punkt B führt, womöglich mit einer Pointe am Schluss“, heißt es in Kapitel 22 bezeichnender Weise aus dem Mund eines Buch-Schreibers. Und dennoch wirkt das Ende gerade so, nämlich aufgesetzt und kalt konstruiert nach dem Motto: Da muss jetzt noch was Tiefschürfendes hin.
Die Komposition hätte ohne Frage besser sein können, weniger wacklig. Aber im Vergleich zu dem ganzen anderen Mist, der sich derzeit in den Bestseller-Listen tummelt ist das Gold. Katzengold.
Gut gelesen! Ich war irgendwann so gelangweilt, dass ich nicht einen solchen Text hätte schreiben können. Martenstein ist ein Konstrukteur, kein Sprachkünstler. Das funktioniert bei den Kolumnen, die ja auch immer gleich gebaut sind, bei dem, was ein Roman sein soll, und doch nur ein Band mit Erzählungen geworden ist, nicht. “N ist eine Gummipuppe”. N ist tatsächlich die größte konstruktive Schwäche des Buches. Ein Buch über die Liebe, die immer nur einen Teil lebendig sein lässt, ist ein Buch über Projektionen, nicht über Nähe, nicht über Gefühl. Für N fehlte Martenstein die Kraft, vielleicht auch für ein Buch über Gefühl und Nähe und eben Liebe. Der Maßstab ist nicht die Bestsellerliste, der Maßstab sind die Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die es wirklich können. Da gibt es einige.
Martina