Ich bin jetzt 30 und habe mir aus gegebenem Anlass mal Folgendes überlegt, beziehungsweise hat es sich in letzter Zeit quasi aufgedrängelt und jetzt muss es eben mal gesagt werden: Wenn die Generation meiner Eltern mal nicht mehr ist, werden wir ziemlich desolat unterwegs sein. Menschlich. Gesellschaftlich. Und überhaupt…
Im Grunde laufen dann nur noch großspurige Möchtegern-Elitäre ohne Bodenhaftung rum, die ihr Ego künstlich aufplüstern, keine Manieren, Prinzipien und keine eigene Meinung haben, die Empathie, Mitgefühl und Nächstenliebe für eine schwere psychische Erkrankung halten, an maßloser Selbstüberschätzung leiden, gefährliches Halbwissen für Vollwissen nehmen und auch nicht davor zurück schrecken es anzuwenden, den Spruch „Man lernt nie aus“, für eine aberwitzige Mär halten und die den Besitz eines Kulturbeutels schon als hohes Zeichen ihrer ausgezeichneten Bildung nehmen.
Ganz zu schweigen von dem ausgesprochen fragwürdigen Anspruchsdenken. Heute muss kein 14-jähriger mehr Zeitungen austragen, um sein Taschengeld aufzubessern. Warum auch? Die neusten Turnschuhe für 200 Euro oder das neuste Handy gehören zur Standard-Ausstattung. Auch ein Student muss nicht mehr kellnern, um sein Studium und das WG-Leben zu finanzieren. Das machen selbstredend andere.
Kulturelles Wissen ist unter diesen Menschen zum Nischen-Wissen verkommen und somit so modern und gebräuchlich im alltäglichen Leben wie etwa Aderlass. Es zählt nur noch das, was nach außen sichtbar ist. Also rennt alle Welt ins Fitness-Studio, rüscht sich auch sonst äußerlich mit Klamotten immerzu auf, lebt auf Pump für ein repräsentables Auto und eine den neusten Einrichtungsmaßstäben genügende Wohnung.
Alles Zwischenmenschliche muss weichgespült und angenehm reduziert werden, denn mit schwierigen Situationen oder gar tiefer gehenden Dingen, kann und will man sich nicht beschäftigen. Freunde haben der Norm entsprechend zu funktionieren, ansonsten streicht man sie einfach aus der Freundesliste bei Facebook. Ist ja kein Ding. Ohnehin ist ja heute jeder, der einem mal kurz einen feuchten Händedruck verpasst hat, grundsätzlich ein guter Bekannter. Gemeinsamkeiten oder andere solch profanen Dinge, sind nicht mehr zwingend notwendig.
Wie heißt es doch so schön passend hierzu? Ach ja….: Some people need a High Five. In the face. With a chair.
Oder um es mit Nicolas Born zu sagen:
»Oft für kompakt gehalten / für eine runde Sache / die geläufig zu leben versteht – / doch einsam frühstücke ich / nach Träumen / in denen nichts geschieht. / Ich mein Ärgernis / mit Haarausfall und wunden Füßen / einssechsundachtzig und Beamtensohn / bin mir unabkömmlich / unveräußerlich kenne ich / meinen Wert eine Spur zu genau / und mach Liebe wie Gedichte nebenbei. / Mein Gesicht verkommen / vorteilhaft im Schummerlicht / und bei ernsten Gesprächen. / Ich Zigarettenraucher halb schon Asche / Kaffeetrinker mit den älteren Damen / die mir halfen / wegen meiner sympathischen Fresse und / die Rücksichtslosigkeit mit der / ich höflich bin.«
Hallo Laura,
habe mir erlaubt einen Link auf Google+ zu diesem Artikel zu setzen.
Schönes Gedicht übrigens!
Liebe Grüße, Gerrit