March 29, 2009

Große Pause

Ich habe an dieser Stelle mehr, als es vermutlich schicklich ist, auf meine traumatische Schulzeit verwiesen. Überflüssig zu erwähnen, dass mein Psychologe noch heute den einen oder anderen Taler an mir verdient.

Ich stelle allerdings immer mehr rückblickend fest, dass der Mikrokosmos Schule sehr schön auf den Makrokosmos Leben vorbereitet hat. Dafür bin ich der Institution Schule selbstredend außerordentlich dankbar –auch im Namen meiner Eltern-.

An dieser Stelle sollte jeder einmal das Beton-Mangelhaft in Mathematik oder den penetranten Schweißgeruch von Carlos außer Acht lassen. Was bleibt dann noch? Richtig! Die große Pause. Von der fünften Klasse an kann man es kaum erwarten endlich da zu stehen, wo die ganzen Oberstüfler stehen. Man lässt sich fünf volle Jahre tyrannisieren, die Bommelmütze vom Kopf ziehen und  Beinchen stellen, bis man auf den geschätzten 40 Quadratmetern vor der Eingangstür stehen und selber kleinen Kindern die Mützen vom Kopf ziehen darf. Die Genugtuung und Freude hierüber hält freilich nur kurz an. Also wendet man sich den wirklich wichtigen Dingen zu: Dem Reden. Übereinander.

In einem –wie man selber findet- höchst elitären Grüppchen findet man sich hierfür zusammen, kräuselt die Augenbraue abschätzig, knabbert unauffällig am Corny-Riegel, weist mit dem Käsebrot in die Richtung des neusten Gesprächsgegenstandes und wechselt, wie durch ein stilles Kommando, das Thema, wenn der Betreffende vorbei huscht. Man entscheidet in nur wenigen Sekunden darüber, wer zur Persona non grata wird, bespricht die neusten Gerüchte und reichert diese gegebenenfalls selber an. Das Leben im Mikrokosmos ist herrlich überschaubar, die Strukturen simpel. Lästern ist ein wesentlicher Bestandteil des sozialen Lebens und Überlebens auf dem Schulhof.

Nach der Schule ändert sich an diesem Umstand nicht viel. Konspirative und redefreudige Grüppchen finden sich an jeder Ecke. Erwachsene Menschen stehen irgendwo zusammen und reden. Generell ist jeder „doof“, der nicht im Kreis des Vertrauens steht. Und auf dem Dorf ist dieser Umstand noch um ein Vielfaches gesteigert. Denn hier spielen noch mehr als ohnehin Neid, Missgunst, übelste Verleumdungen, soziale Dünkel und dergleichen mit.

So miterlebt an diesem Wochenende: Da stehen acht Männer zusammen und kommentieren jeden, der die Szenerie betritt und eventuell mehr sein oder haben könnte als man selbst mit: „Ach das Arschloch schon wieder“, oder „Den W…… kann ich auch nicht mehr sehen“. Jeder Säufer oder  Schläger bekommt an diesem Tag mehr Respekt entgegen gebracht. –Die Welt kann so schön einfach sein, wenn man ewig über den Schulhof nicht hinauskommt.

 Wie es auf einer Postkarte, die man mir neulich erst schrieb so schön hieß: „Leute, geht in euch! Und bleibt dort!“ Besser ist das.

4 Comments

  1. Bjoern says:

    Schön gesehen. Da tauchen gleich tausend Bilder aus großen Pausen auf. Die Zigarette vor der Klausur. Das Gedränge unter dem Regendach. Und unvergessen das Mädchen im Arm eines anderen (erst an diesem Blick verstand ich, daß sie vorher mit mir geflirtet hatte – ich elender Spätentwickler).

  2. Laura says:

    ach-spätentwickler hin oder her- meist konnte man doch froh sein, dass der vielversprechende kelch am ende doch an einem vorüber gegangen ist und man sich doch nicht mit dem coolsten kiffer (der dann irgendwann in der jva saß) eingelassen hat. spätestens heute denke ich mir hin und wieder beim anblick von diversen schmacht-objekten von einst: PUH, gott sei dank!

  3. Bjoern says:

    Bin im Nachhinein auch froh. Und heute sehr glücklich mit der Liebsten, die da nebenan schläft. Aber über die Frauen, die in der Schulzeit an mir vorüberzogen, denke ich heute besser als damals.
    Gruß

  4. LÄÄÄÄSterschwester says:

    Ach ja…wenn alle Menschen auf der Welt eine Minute mal
    nicht lästern würden wäre es verdammt still;)

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