Ich habe meinen Glauben an die klassische Schulmedizin bereits in sehr jungen Jahren verloren. Als ich fünf Jahre alt war, vernahm ich folgende Worte aus dem Munde meines Kinderarztes: „Gleich wird es ein bisschen pieken. Dafür sitzt gleich an der Stelle auf deinem Finger ein schöner Marienkäfer.“ Kaum hatte er dies gesagt stach er auch schon recht grob zu und rief übertrieben freudig aus: „Schau mal! Da sitzt er ja schon!“
Ich schaute zu meiner Mutter, die gequält lächelte. Eigentlich wollte ich sie fragen, ob es despektierlich wäre einem erwachsenen Mann zu sagen, dass dies schlicht ein Blutstropfen war, der als natürliche Folge des gewaltsamen Stechens mit einer Nadel aus meinem Finger quoll. Jedoch war ich anscheinend schon in diesem Alter kein großer Freund von jeglicher Besserwisserei und fragte stattdessen: „Kann er fliegen?“
Über den Umgang mit Menschen, so steht für mich seit diesem Tag fest, weiß dieses Volk in weiß gar nichts. Meine erste richtige Blutabnahme war nach den Marienkäfer-Kuschel-Erlebnissen dementsprechend ein echter Schock. Und bei wem die Sprechstundengehilfin schon einmal gedankenverloren in der Armbeuge stochernd eine Vene gesucht hat, weiß wovon ich spreche.
Seit zehn Jahren gehe ich nun zu einer Heilpraktikerin. Da wird einem für sein Geld eine ganze Menge geboten. Nicht, dass ich an alles glauben würde, aber für gutes interaktives Entertainment sollte man den ein oder anderen Euro übrig haben. Es ist herrlich, wenn die ältere Dame versucht über deiner Hand mit einem Rosenquarz etwas auszupendeln und du zwischendrin einfach in die Stille des Raumes mit der höchsten Frequenz deiner Stimme fragst: „Zittern sie?“
Nach Augendiagnose, Schüssler Salzen, Globulis, Tinkturen von zweifelhaftem Inhalt, Neuraltherapie und Akupressur, kam ein echtes Highlight, bei dem ich mich hemmungslos amüsierte. Das Verfahren ist in irgendeiner Weise mit Reiki (auf das ich im Übrigen nichts kommen lasse) verwoben. Dabei geht es um unterbrochene Energieflüsse im Körper und deren Auswirkungen.
Meine Heilpraktikerin erklärte mir ihr Verfahren, als ich nichtsahnend auf der Behandlungsliege weilte in etwa so ähnlich, jedoch mit einer Ausnahme. Sie wolle die Energien, die sich an einer Stelle sammeln und quasi zu viel sind, mit ihren Händen aus meinem Körper leiten und die Energie ihrerseits in Form eines Rülpsers wieder abgeben. Während ich noch dachte, mich verhört zu haben, begann sie auch schon ihr wunderliches Treiben. Zuerst wollte ich Aufspringen, flüchten – bloß raus. Doch dann blieb ich liegen, sagte mir in Gedanken Gedichte auf, um nicht zu lachen und fragte, als sie fertig war: „Funktioniert das auch, wenn man durch eine andere Körperöffnung Luft entfahren lässt?“
Seither gehe ich wieder brav zu einer Allgemeinmedizinerin, die Akupunktur macht und mir ab und zu sagt, dass ich ein wehleidiger Hypochonder bin, der sich einfach mal zusammenreißen soll. Ist zwar nicht so unterhaltsam, hilft aber auch manchmal.