August 27, 2008

Hoch soll er leben! Goethes 259. Geburtstag – (wenn er es geschafft hätte…)

Wer persönlich ein Ständchen vortragen oder die Kaffeetafel herrichten möchte, muss sich wohl oder übel in die Weimarer Fürstengruft begeben. Überhaupt ist zu vermuten, dass sich dieser Tage wieder einmal mehr Menschenmengen in Birkenstocks durch die beschaulichen und pittoresken Gassen von Weimar schieben werden, als sonst. Wo sie ihre Wege hinführen werden ist leicht zu erraten: Goethehaus, Goethes Gartenhäuschen, Fürstengruft, Wittumspalais, Schloss Tiefurt, Schloss Belvedere, die Seifengasse, das Haus der Frau von Stein, die wieder hergestellte Herzogin Anna Amalia Bibliothek und überall da hin, wo Goethe mal kurz „Hallo“ rein gerufen hat.

Manch einer mag dieses Treiben als Reliquien-Kult oder Pseudo-kulturell-interessierte-Touristen-Abfress-Mentalität betiteln. Sicher geht es hier, wie bei jedem anständigen Touristen um Konsum und die Frage: „Wie schaffe ich es, alle Sehenswürdigkeiten (schon das Wort ist anmaßend!) in möglichst kurzer Zeit – mit Foto – zu besichtigen?“ Dass Goethe wohl nie persönlich um’s Eck kommen wird, haben einige zumindest theoretisch verinnerlicht. Das ist beruhigend. In der Praxis jedoch wird zu manchen Anlässen ein Schauspieler als Goethe verkleidet. Dieser tritt aus dem Haupteingang am Frauenplan und grüßt freundlich in Beatrix-Manier in die Menge – Ohnmachtsopfer waren bislang noch nicht zu beklagen. Das ist die eine Seite: Disneyland für Goethe-Fans. Irgendwie zum Kotzen. Aber zumindest bleibt durch dieses nicht abflachende Interesse am Dichter die Bausubstanz in einem pfleglichen Zustand (was zu DDR Zeiten ja eher nicht der Fall war).

Was sonst, ist vom Dichter übrig geblieben? Da Goethe für die damaligen Verhältnisse ein recht hohes Alter erreicht hat und schon zu Lebzeiten genaue Anweisungen im Bezug auf seinen Nachlass, samt Werken, Papieren, Tagebüchern, Korrespondenzen und Sammlungen getroffen hat, ist der Nachwelt ein nahezu lückenloses Lebenswerk erhalten geblieben.

Die einen werden eine gewisse Zeit mit diesem Werk in der Schule gequält, die anderen beschäftigen sich freiwillig damit. Wer die Literatur der Gegenwart bewerten und verstehen möchte, muss ihre Ursprünge und Weiterentwicklungen in groben Zügen kennen und in Zusammenhang setzen können. Klingt seltsam und hoch gestapelt, ist aber so. Kann ja auch keiner mit den Binomischen Formeln anfangen, ohne vorher wenigstens addieren, subtrahieren, multiplizieren und dividieren gelernt zu haben. Literatur ist bei allen schönen Worten und verlustieren nämlich auch eine Wissenschaft. Und wer keinerlei Ahnung davon hat, sollte sich bedeckt halten.

Nach diesem kleinen Echauffierer nun aber wieder zu der vorherigen Frage: Was bleibt, wenn jemand, der „Epoche gemacht hat“ stirbt? Die Nihilisten werden müde über diese Frage lächeln und andere werden sagen: „War alles schon mal da und jede Lücke wird irgendwann geschlossen. Und überhaupt: Was sollen wir heute noch mit dem Goethe?“

Die wissenschaftliche Antwort hierauf erspare ich mir und Teilen meiner geneigten Leserschaft. Dass Themen, wie Eifersucht, Machtgier, Konspiration, Liebe, Charakterbildung (u.s.w.) rein gar nichts mit Zeit zu tun haben, muss wohl auch nicht sonderlich erwähnt werden. Die Menschen beschäftigen schließlich im Kern immer die gleichen Dinge. Lediglich die Geschichten drum herum, die Worte und der daraus gezogene Schluss variieren von Jahrhundert zu Jahrhundert.

Die schlussendliche  Antwort auf die Frage verweist schließlich auf Leibniz, Shaftesbury und nicht zuletzt auch auf Goethe: Tod ist nicht Ende, sondern Verwandlung und Übergang in einem geistigen Sinne: „Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen – unvermögend aus ihr herauszutreten, und unvermögend tiefer in sie hinein zu kommen. […] Sie schafft ewig neue Gestalten; was da ist war noch nie, was war kommt nicht wieder – alles ist neu, und doch immer das Alte. […] Sie scheint alles auf Individualität angelegt zu haben, und macht sich nichts aus den Individuen. Sie baut immer und zerstört immer, und ihre Werkstätte ist unzugänglich. […] Jedes ihrer Werke hat ein eigenes Wesen, jede ihrer Erscheinungen den isoliertesten Begriff, und doch macht alles Eins aus. […] Es ist ein ewiges Leben, Werden und Bewegen in ihr, und doch rückt sie nicht weiter. […] Leben ist ihre schönste Erfindung, und der Tod ist ihr Kunstgriff viel Leben zu haben. […] Sie hat keine Sprache noch Rede, aber sie schafft Zungen und Herzen durch die sie fühlt und spricht. […]“

Wer glaubt, Kunst sei sterblich, der geht am besten in den Zoo und füttert die Affen oder macht Sightseeing in Weimar.

Goethe Geburtstag

1 Comment

  1. Chat Atkins says:

    Gut gebrüllt, Löwin!

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