Im Zweifel für den Zweifel

August 24th, 2010 § 0 comments

Ein Literaturstudium macht viel. Es bereitet einen nur nicht recht aufs Leben, auf die Arbeitswelt vor. Auf das emotionale Leben hingegen schon. Wo fände man schließlich besseren Trost, als bei den von Berufswegen Empfindelnden, Nachdenkenden, sich Grämenden, Außenseitern? Literatur macht einen weich. Je länger man sich mit den großen Leidenden, den Opferlämmern in der Literatur beschäftigt, ihnen zum zigsten Mal ins Herz und Hirn blickt, desto mehr entfernt man sich vom Wesentlichen. Auch wenn sie im Studium predigen, man habe sie lediglich zu sezieren, färben sie am Ende doch auf einen ab. „Die Literaturgeschichte ist die große Morgue, wo jeder seine Toten aufsucht, die er liebt oder womit er verwandt ist“, hat Heine einmal gesagt. Auf meinem Literaten-Friedhof gewähre ich nur wenigen dauerhaft eine Gruft.

Aber das ist auch ganz gleich, schließlich langweilt man jeden außerhalb der Uni-Mauern mit seinem Gerede von Goethe und Co. Ich weiß es ganz genau: Bis zu diesem Punkt im Text, hat die Hälfte schon nach den ersten drei Sätzen das Handtuch geworfen. Diese Wissenschaft ist im echten Leben so nützlich und fortschrittlich wie Aderlass oder Volkstänze aus dem 18. Jahrhundert. Man muss sich offen auslachen und still belächeln lassen. Und auf der Arbeit sieht es ganz mau aus. Die ersten Monate kam ich mir wie ein Mammut vor, das bei der letzten Eiszeit vergessen wurde. „Mit Seide näht man keinen groben Sack“, haute sich Goethe einst raus. Und wie einen groben Sack behandeln lassen, muss man sich schon gar nicht.

Die Gedanken kreisen, verlangsamen sich nach Wochen oder vielleicht Monaten, um dann ganz klar und kühl vor einem zu stehen. Das ist der Vorteil eines geisteswissenschaftlichen Studiums: Man kriegt recht schnell Ordnung in das plötzlich durcheinander gewirbelte Oberstübchen. Doch dann, nach all der Theorie kommt die Praxis, das Handeln. Schon bei der Führerscheinprüfung hat das nicht gleich im ersten Versuch bei mir hingehauen. Und im Fußball kennt man das Problem ebenso: „Grau is alle Theorie. Entscheidend is auf‘ m Platz!“

Nach mehreren Anläufen habe ich die erste, große, praktische Prüfung im Leben nun doch endlich geschafft. Oder um es mit den Worten von Tocotronic zu sagen: „Im Zweifel für den Zweifel. Für die innere Zerknirschung, wenn man die Zähne zeigt“. -Ich habe gekündigt.

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