Kölle Alaaf! Erdogan erobert das Rheinland

February 11th, 2008 § 0 comments

“Ja is denn immer noch Karneval,” wird sich der ein oder andere fastende und nunmehr wieder nüchterne Karnevalist fragen, angesichts des gestrigen Spektakels in der Köln Arena. Tage zuvor war die gesamte Stadt für den sich auf Stimmenfang befindlichen Erdogan mit Plakaten in ausschließlich türkischer Sprache bestückt worden. Am gleichen Tag wurden Türken, die aus ganz Deutschland und anderen angrenzenden Ländern eigens angereist waren, vor der Halle gefragt, warum sie heute hier seien (die protestierenden Kurden vor der Halle übrigens nicht). Die Antworten variierten, waren im Keim aber übereinstimmend: Tayyip Erdogan schaffe es den hier lebenden Türken das Gefühl zu vermitteln, dass jemand für sie da sei, der ihnen hilft und sie unterstützt. Und das bräuchten alle in Deutschland lebenden Türken, die sich hier eben nicht willkommen und aufgehoben fühlen.

Ich wusste genau, was diese Menschen bei diesen Worten meinten. Schon oft habe ich mich genauso gefühlt, wenn ich in der Dortmunder Nordstadt unterwegs war. Eine Deutsche unter vielen Türken. Unterwegs in einer Gegend, in der es türkische Vermieter, Friseure, Sportvereine, Brautgeschäfte, Bäckereien, Banken, Reisebüros, Supermärkte, Apotheken, Restaurants und vieles mehr gibt. Niemand braucht hier deutsch zu sprechen, weil es ohnehin fraglich wäre, ob ihn jemand verstehen würde. Und willkommen kann man sich hier beim besten Willen auch nicht wirklich fühlen.

Aber was heißt denn schon: Sich willkommen zu fühlen? Selbst bei meinen Eltern heißt es hin und wieder, wenn ich durch die Tür komme: “Was, du schon wieder?” Im Supermarkt um die Ecke grüßt man zwar freundlich, aber wehe ich suche zu penibel Obst und Gemüse aus, dann heißt es: „Grabbeln se da ma nich alles so an!” Beim Arzt sitze ich ohne Termin und als Nicht-Privatpatient Stunden rum, beim Einsteigen in Bus und Bahn werde ich häufig angerempelt oder man drängelt sich vor mich, mein Nachbar schikaniert mich, Freunde versetzen mich oft, am Flughafen werde ich immer besonders gründlich abgetastet, bei Polizeikontrollen muss ich immer meinen Verbandskasten zeigen und bei H&M rennt mir jedes Mal der Hausdedektiv durch den Laden hinterher. Nein, ich fühle mich hier nicht willkommen, beim besten Willen nicht und ich kenne ne´ Menge Menschen, denen es ähnlich geht.

Sich-Wohlfühlen ist nämlich immer eine individuelle Sache und kein Völker-Problem. Dass manch türkische Menschen, wie Necla Kelek ja sehr anschaulich in ihren vielen Büchern immer wieder betont, ein Problem mit Individualität, einer eigenen Meinung und einem autarken Leben, losgelöst von Familie haben, ist dem ganzen Thema wenig zuträglich. Und deswegen geht mir dieses ewige Genöle und Fingerzeigen und Anprangern der meisten Türken hier in Deutschland gewaltig auf den Zeiger. Die sitzen in ihren Klein-Anatolien-Vororten und erklären uns, was sie an uns nicht mögen und was wir unbedingt ändern müssen, damit sie sich hier wohlfühlen. Und dann kommt Herr Erdogan und verkündet, dass Assimilation ein Verbrechen sei und die eigene Kultur über allem stehe.

Wenn das nicht im Grunde so abgeschmackt und traurig wäre, könnte man beinah schon wieder über diese ganze verlogene Blender-Veranstaltung in Köln und das türkische Oberhaupt und seine verquere Logik lachen. Aber es wird einem im Halse stecken bleiben.

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