Konfrontation, Eskalation, Polizeistation

July 3rd, 2010 § 2 comments

Seit dem hässlichen Vorfall am Dortmunder Flughafen, wo mich zwei freundliche Männer vom Bundesgrenzschutz in die Mitte nahmen, habe ich an mir gearbeitet. Ehrlich. Keine unnötigen Provokationen, keine Rechthaberei, keine ironischen Wortneuschöpfungen und nur noch wenig abschätziges Anlupfen der Augenbraue in kritischen Momenten.

Kleine, nicht weiter nennenswerte Rückfälle sind seither geschehen. Das mag aber auch daran liegen, dass ich mittlerweile in einem Landstrich lebe, in dem eine gewisse Spracharmut und eine späte Form der Barbarei vorherrschen. Intellektuell geht hier nicht viel, außer vielleicht Glücksrad.

Ich nehme die Menschen so, wie sie sind – schließlich gibt es in dieser Gegend auch keine anderen. Sie leben alle vom Tourismus. Im Winter sitzen sie in den Kneipen, trinken und lachen über die Touris, die ihnen ihren billigen Leuchtturm -Ramsch aus Fernost abkaufen oder in ihren Hotel-Betten liegen, die noch aus der Zeit stammen, als man Früchte aus der Dose für den Inbegriff der kulinarischen Kultiviertheit und des gesellschaftlichen Fortschritts hielt. Die Leute machen sich hier nichts aus Fremden. Sie bleiben lieber unter sich und hauen sich bei Bedarf freundschaftlich im Suff die schadhaften Zähne aus. Alles ein bisschen rau, ein bisschen asozial, ein bisschen geistig und moralisch degeneriert aber im Groben schon okay. Man sollte sie eben nicht reizen.

Ein Fahrrad und ein zugestelltes Schaufenster können als Hauptprotagonisten schon ausreichen, um bei den Eingeborenen einen formschönen Abflipper zu provozieren. Eine diffus beleuchtete Fußgängerzone mitten in der Nacht in einem kleinen Touristen-Dorf. Alle Urlaubs-Rentner, die eventuell Interesse an denen im Schaufenster feilgebotenen Nippes-Waren haben könnten, schlummern schon längst. Ruhe liegt ausnahmslos über der Szenerie.

Lediglich eine Kleinst- Ansammlung von Menschen hat sich zu einem gewaltfreien Gesprächskreis in einem der Abfress-Buden-Etablissements der Stadt eingefunden. Plötzlich zieht ein Windhauch über die leere Straße, abgestorbene Busch-Gerippe fegen mit dem scharfen Nord-Ost über die Einkaufsstraßen-Steppe. In einiger Entfernung kreischt jäh  ein Austernfischer in das Dunkel der endlosen Nacht.

Da erscheint sie wie aus dem Nichts. Die Besitzerin des Ladens von Gegenüber und entdeckt eine Reihe Fahrräder, die man infamer Weise vor dem selbigen abgestellt hat. Ein Skandal. Also ehrlich jetzt. In guter, alter grobmotorischer Eingeborenen-Tradition fährt sie resolut den Arm aus und haut alle Zweiräder um. Alle Neune. Respekt.

Dann geht alles ganz schnell: Ihr Oller kommt raus, macht Palaver, droht, flucht und fuchtelt mit den Wurst-Fingern herum. Einige Besitzer der Räder erheben sich aus der Runde zu einem kleinen, hitzigen, verbalen Schlagabtausch. Die Räder werden weggeräumt. Alle, bis auf eins. Denn hier meinte die Besitzerin in alte Amazonen-Manier zurückfallen zu müssen, und bestand darauf die Götter heraus zu fordern: „Nein, das bleibt stehen!“ Indem ich das schon sagte, hallte es unheilschwanger durch mein Kleinhirn: Oha, das gibt Ärger.

Und der ließ nicht lang auf sich warten: Anderen Gedanken nachhängend, saß ich da und hielt den Hinweis eines freundlichen Mannes, dass sich der Eingeborene an meinem Vorderreifen zu schaffen mache, für einen Geck. Und selbst wenn der alte Mann mir nun in letzter Konsequenz die Luft aus den Reifen lässt: Einerlei! Doch der renitente Rentner gab sich freilich mit so einem Kleinjungen-Scherz nicht zufrieden, wie sich im Nachhinein herausstellte. Er stieg direkt in die Kreisklasse der Klein-Kriminalität auf, indem er einen sechs Zentimeter langen Nagel quer durch den Reifen jagte. Berauscht von seinem Tagewerk schaute er sich alles hinter der Schildbürger-Spitzen-Gardine stehend an.

Ich versteh dieses Ursache-/Wirkung-Prinzip einfach nicht. Darin war ich schon immer schlecht. Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann einen Sturm entfachen? Das war und ist mir zu hoch. Naja, aber manchmal ist ein anständiger Sturm besser als ein laues Lüftchen. Und so beschwer ich mich auch gar nicht, dass dieser schöne Abend mit den kompetenten Freunden und Helfern in Blau auf der Wache endete. Endstation Strafanzeige. Die 30 Euro für den Reifen krieg ich zwar nicht wieder, aber man muss sich auch nicht jeden Auswuchs geistiger Inkontinenz gefallen lassen…

§ 2 Responses to Konfrontation, Eskalation, Polizeistation"

  • Alice says:

    Sind halt Inselaffen – weeßte wat? Wenn dat nicht die Olle ist die mich, damals als 12 Jährige, um meine 20 Mark (daaaaaamaaaaaals) beraubt hatte, als ich mir auf jener Insel eine Sonnebrille kaufen wollte und noch auf das Rückgeld wartete, während sie mir unbedingt die Brille putzen wollte, um dann zu behaupten, ich hätte noch gar nicht bezahlt. Meine Eltern fuchsteufelswild, ich rotzundwasserheulend, und diese Durch-Inzest-produzierten-A****gei*** um 20 Mark reicher.

    Wie kann man Touris schlecht behandeln wie sie einem doch dat Geld für Ramsch und Nippes schon fast hinterherwerfen?

    Manchmal ist Rache süßer als Creme Brulee – wat meenste?;)

  • Laura says:

    Alice, ich hatte ja keine Ahnung! bin doch ohnehin grad so in festtagsstimmung. zeig mir die nasen und ich werde dich fürchterlich rächen! und meine begrüßungsworte werden sein: “schweig stille, weib!” (die vielsagende handbewegung werde ich natürlich auch mit einbauen….)

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