Gestern Nacht in der ARD traute ich meinen müden Augen und Ohren kaum. Nicht wegen diesem seltsamen Mann, der Bücher vorstellt, als wäre er Vorsitzender des laaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaangweiligsten Buchclubs der Welt, sondern wegen Martin Walsers neuem Buch “Ein Liebender Mann” (könnte dem Titel nach auch von Rosamunde Pilcher stammen).
Natürlich sollte man das, worüber man spricht genau kennen, bevor man es zum Nasebohren findet. Aber in diesem Fall kann man, denke ich, getrost eine Ausnahme machen. Zum ersten frage ich mich: Hält Martin Walser zehn kleine Trolle und Klabautermänner bei sich gefangen, die ihm seine Bücher schreiben müssen? Anders kann ich mir das rasante Tempo des 80-jährigen in dem er Bücher schreibt und veröffentlicht nicht erklären.
Wenn man sich dann allerdings dieses Thema beguckt, welches er für seinen neusten Streich ausgewählt hat, wird die kurze Zeit des Schreibens und Schaffens erklärbar. Man könnte meinen Herr Walser ist das männliche Pendant zu Sigrid Damm (wer sich einen großen Gefallen tun möchte liest bitte nicht Goethes letzte Reise).
Seltsam jedoch, dass man (u.a. der Spiegel) sich letztes Jahr noch über die Fülle der unnützen Bücher über Weimar, Goethe und die üblichen Verdächtigen echauffiert hat, die ja allesamt von wenig qualifizierten Frauen geschrieben seien.
Anders natürlich das Buch Martin Walsers, das er mit großem Tamtam sogar in Weimar vorstellen durfte. Wieder einmal geht es um Goethes Lieben. Um seine letzte Liebe Ulrike Levetzow. Sie 17 Jahre, er 74 Jahre. Er macht ihr einen Heiratsantrag, sie lehnt ab. Die Marienbader Elegie und weitere kleinere Gedichte und Verse sind das Ergebnis des Versuchs Goethes gegen das Alter und das Lebensende ein Mittel, nämlich das der temporären Verjüngung, zu finden. Walser schließt in diesem Buch die Kluft, die zwischen Fakt und Phantasie herrscht. Und immer wenn Autoren anfangen Fakten mit Fiktion zu mischen, kann es kitschig, albern und hanebüchen werden und man fragt sich: Muss das sein? (Dann lieber wie Christa Wolf in Kein Ort. Nirgends. -)
Hat Goethe es verdient, dass man ihm so etwas an den faltigen Hals dichtet: “Aber da zwischen den weich und nachgiebig werden wollenden Lenden, sein Geschlechtsteil, das ein Leben lang den Ehrgeiz hatte, das Ganze zu sein. [...] Er sollte nur noch wünschen und tun, was dieses Teil wollte.” Warum meint ein alter Mann, er könne sich prima in Goethe hineinversetzen, seine Gedanken denken, seine Ideen, seine Sprache nachformulieren? Soll Herr Walser doch ein Buch über seine eigene Altersgeilheit schreiben!
Würde Goethe heute noch leben, wäre er wohl in der gleichen Star-Kategorie wie Britney Spears. Am Frauenplan hätte er keine ruhige Minute mehr. Selbst im Garten am Stern würden die Fotografen in den Bäumen hängen und in Marienbad säße hinter jedem Busch ein VIP-Reporter. Frauke Ludowig würde gern mal sein Haus sehen, Kerner ihn zu seiner neusten Liebschaft befragen und Frau Radisch würde seine Bücher mit: Früher war er besser, abtun.
Gut für Goethe, dass er schon lange tot ist. Nicht nur wegen Frauke, sondern auch wegen Walser und Co, die am liebsten jede Pofalte von dem Dichter ausleuchten wollen, um am Ende so einen mittelmäßigen Schmarrn zu schreiben.
Schriftsteller werden im Alter nicht nur geiler, sondern eben auch begehrter. Und dann kommt vermutlich bei manchem noch der Effekt dazu, dass er endlich über das schreiben kann, was ihn schon immer beschäftigt hat. Ich denk mir mal so ein paar Jährchen vor dem eigenen Tod fürchtet man die Kritiker wohl etwas weniger. Der olle Goethe hätte das schon verkraftet, glaub ich jetzt mal.
Klar hätte er das.Mich stört ja auch eher, dass man anscheinend keine Forschungsthemen mehr zum Goethe parat hat und stattdessen Silvia-Roman-mäßig irgendwelche Legenden weiter webt, und sich nebenbei noch selber drin verewigt…
Hähä: http://www.textlog.de/tucholsky-goethe-jahr-1932.html
Liebe Laura, glauben Sie nicht, dass Sie sich über ein ungelesenes Buch zu sehr echauffieren? Oder Herrn Walser zu ernst nehmen? Übrigens können Sie “Der liebende Mann” im Internet lesen – die FAZ stellt nach und nach den ganzen Text rein:
http://readingroom.faz.net/walser/texte.php
Schöne Grüße!
Hans Pfitzinger
ein bisschen echauffieren (nach stichprobenartiger Leseweise)wird wohl noch erlaubt sein…-
Aber sicher, wäre ja noch schöner. Und, Sie wissen es ja, aber bei mir steht’s falsch: Das Buch heißt “Ein liebender Mann”. Und noch was: Finden Sie Geilheit grundsätzlich nicht erlaubt oder nur Altersgeilheit? Klingt immer so abfällig, der Begriff.
Das wird Sie interessieren:
http://schmoll-et-copains.typepad.com/schmolletcopains/2008/03/zu-goethe-hinab.html?cid=106211700#comment-106211700
es geht doch gar nicht um altersgeilheit, oder jugendgeilheit oder irgend eine andere form des zeitvertreibs, der in diese richtung geht. mit walser und seiner profilierungsneurose habe ich generell ein problem, mit schlechter (kitsch-)literatur über goethe auch, mit dem fakt, dass alle bei so einem mist auch noch kollektiv “ooohhhh” und “ahhhhh” rufen (wie in der ard oder bei der veröffentlichung in weimar) auch und es regt mich auf, dass der riege der alterssturen autoren immer derart viel aufmerksamkeit geschenkt wird-für was? für nichts!-das wollte ich nur mal sagen und auf diese -teilweise ungeschickte- weise kund tun…:O)
Liebe Laura, hast ja sooo recht, geht mir auch aufn Wecker – aber wie du siehst, es renkt sich schon alles von selbst ein, keine alte Sau spricht zwei Monate später noch von Walsers Goethe-Roman. Läuft schon fast wie im Zeitschriftengeschäft. Schau doch mal auf meiner Website vorbei – der tazblog macht mir viel Freude, inzwischen hab ich sie auch beim Presserat verpetzt.
Schöne Tage!
hans-pfitzinger.de
Was ist passiert?
Wem hat denn dieses Buch etwas (an-)getan?