Mich deucht…

June 23rd, 2008 § 3 comments

Die deutsche Sprache kämpft gegen ihren Verfall. Aha. Soso. –Im Grunde kann das die geneigte Leserschaft nicht sonderlich schockieren und viel Neues hat diese Aussage auch nicht zu bieten. In Zeiten, in denen sich Jugendliche freundschaftlich mit „Na du Pisser!“ anreden und Mädchen „Anitas“ oder ganz schnörkellos „Fotze“ genannt werden, kann diese Feststellung nicht als neuste Eilmeldung bewertet werden.

Und doch wird der Verfall in einem Beispiel ganz besonders schön deutlich: In Liebesbekundungen. Was hatten die vergangenen Jahrhunderte für wunderschöne Liebesbriefe zu bieten! Wenn man da an Remarque und die Dietrich denkt, kann einem das noch die Tränen in die Augen treiben. Die Menschen machten sich Gedanken um möglichst schöne Worte zu finden, für das, was sie dachten und fühlten. Und doch, waren sie nie zufrieden: „Da habe ich dir viele Worte machen müssen, und hätte dir gerne so viel gesagt. Das Rechte kann ich aber nicht ausdrücken, es bleibt tief in meinem Herzen begraben.“  (Diotima an Hölderlin)

Und selbst, wenn es mal ein wenig schroffer zuging, hörte sich das Ganze noch vornehm und liebenswürdig an, wie bei Grillparzer etwa: „Du abscheuliches Ding! Ich glaube gar, ich bin in dich verliebt! Seit gestern, da ich nämlich deinen kritzeligen Brief erhielt, hab ich ihn schon dreimal gelesen.“

Auch handfester Ärger endete im 19. Jahrhundert noch mit einer charmanten Huldigungsbezeugung: „Oh, du Ungeheuer, Genie, Bösewicht, Lügner, Verleumder, Räuber, Schriftsteller, Komödiant-ach, du Teufel- ich bin außer mir, ich sterbe, ich bin schon tot…Deine Koketterie lockt mich von den Toten zurück, ich kehre noch einmal ins Leben, um mich von neuem in dich zu verlieben.“ (Sophie an Clemens Brentano)

Aber auch neben den Briefen, vermochte man es, im Medium Kunst der Angebeteten seine Aufwartung zu machen: „Mir ist es, denk´ ich nur an dich, als in den Mond zu sehn; Ein stiller Friede kommt auf mich. Weiß nicht, wie mir geschehn.“ (Goethe)

Und heute? Selbstredend findet man in der Literatur auch dieser Tage noch viel Schönes. Aber im Medium Musik, welches die Massen für sich einnimmt kann man leider viel zu oft Folgendes hören: „Her ass is a spaceship, I want to ride. She´s sexy.“ Oder „Baby, you float my boat!“ Und was deutsche Rapper zu sagen haben, wage ich gar nicht an dieser Stelle zu erwähnen. Angesichts mancher Zeilen fragt man sich aber zu recht, warum damals so viele Texte der Ärzte verboten wurden. Das, was die damals besungen haben erscheint einem rückblickend fast wie Liedgut aus der Mundorgel.

  

§ 3 Responses to Mich deucht…"

  • Judith says:

    Seit Sidos Rosetten-Romanze schockt mich in die Richtung NIX mehr.
    Wahrscheinlich entspricht die Achtung, die manche anderen entgegenbringen genau jener, die sie für sich selbst empfinden.

    In diesem Sinne “lass mich Dein Sklave sein”- oder so…

  • Laura says:

    watt? rosetten-romanze? was war denn da los? ging´s da um rosetten-meerschweinchen? seit ich nicht mehr mit den jungs von agro-berlin rumhänge ist mein leben irgendwie leer…

  • Hannes says:

    So lange jugendliche sich mit Na ,du Pisser gegrüßen ist doch alles in Ordnung,so lange sie nicht
    Whats up ,Dude ? begrüßen

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