Nicht-Leser

July 26th, 2009 § 0 comments

Wenn Sie diese Zeilen lesen, darf man Sie beglückwünschen. Sie gehören offensichtlich nicht zum eingefleischten Lager der Nicht-Leser. Und das ist auch gut so.

Es soll aber tatsächlich erwachsene Menschen geben, die behaupten, mehr als eine halbe Seite zu lesen wäre uninteressant und ermüdend. Das klingt zunächst erst einmal komisch im Sinne von seltsam und ist zudem paradox. Noch im 15. Jahrhundert konnten 95 Prozent der Bevölkerung weder lesen noch schreiben. 550 Jahre weiter können fast alle lesen und schreiben, nur jetzt haben plötzlich viele gar keine Lust mehr dazu.

Das sind echte Luxus-Probleme. Was wäre aus den Menschen geworden, hätten sie nicht Kant, Shakespeare oder Platon lesen können? Gesellschaftlich würde man sich da wohl noch eher in der Nähe eines Lagerfeuers befinden und sich das locker um die Hüften geschwungene Fell kratzen. Zwischenmenschlich gesehen bedeutet Lesen zudem, sich nicht ständig seine eigenen, im Kreis wandernden Gedanken in einem ewig narzisstischen und sklavischen Zyklus machen zu müssen. Lesen bedeutet das „Ich“ auszuklammern. Es bedeutet auch über den Tellerrand zu blicken und festzustellen, dass sich dort mehr, als lediglich weiße Tischdecke befindet.

Es wird ja immer in konspirativen Literaten-Kreisen gesagt, der Autos sei tot (und in machen Fällen wünscht man sich das auch tatsächlich), aber von: „Der Leser tot“, habe ich persönlich noch nichts gehört. Man kommt doch nun schwerlich durchs Leben, ohne am Tag mindestens insgesamt eine halbe Seite gelesen zu haben. Wer also allen Ernstes behauptet, er könne nicht mehr als eine halbe Seite lesen, ist ein exzentrischer Egomane, Misanthrop oder aber ein sehr, sehr guter Lügner…

P.S.: Wegen zweien, der drei zuletzt genannten Kandidaten, ist der Artikel nicht länger als eine halbe Seite.

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